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kultur

11.10.2004 - ARCHÄOLOGIE

Am Schnittpunkt der Kulturwege

10.000 Jahre Kunst und Kultur aus Jordanien

von Josef Tutsch

 
 

Den Zentren der Kulturentwicklung so nah und doch ein Land am Rande: Im Vergleich mit den ältesten Hochkulturen an Nil, Euphrat und Tigris kann Jordanien in unserem Geschichtsbewusstsein nur schwer mithalten. Vielleicht zu Unrecht. "In dieser Region haben die drei großen Buchreligionen Judentum, Christentum und Islam ihre Ursprünge", erinnert der Prospekt zur Ausstellung "Gesichter des Orients", die ab 8. Oktober zunächst in Berlin, später in Bonn zu sehen sein wird.

"10.000 Jahre Kunst und Kultur aus Jordanien": Wie man sieht, haben die Veranstalter, das Vorderasiatische Museum in Berlin und die Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn die Grenzen der "Region" etwas unbestimmt gelassen. Das mag durch die aktuellen politischen Konflikte bedingt sein, hat aber seinen guten Grund in der Geschichte. Jordanien war bis in die jüngste Vergangenheit großenteils von Nomaden besiedelt. Im Vordergrund werden die archäologischen Ergebnisse der letzten Jahrzehnte stehen. Wie es scheint, war das Land am Jordan vor 10.000 Jahren eine Avantgarde der Menschheitsgeschichte. Jericho am Westrand des Jordantals ist mit seinen 2.000 oder 3.000 Einwohner, die sich hauptsächlich von Ackerbau ernährten, die älteste bekannte "Stadt" der Welt.

Aus der Jungsteinzeit stammt auch eines der Glanzlichter der Ausstellung: runde Menschengesichter aus Kupfererz, vielleicht Statuetten eines Ahnekults. Bei allem, was das moderne haschemitische Königreich von diesen frühen Zeiten unterscheidet - die ökologischen Probleme, zum Beispiel die Wasserknappheit, sind geblieben. Und auch der Streit der Völker um den Landbesitz: Bibelkundige mag vor allem interessieren, was in Berlin und Bonn von jenen Königreichen zu sehen ist, die jahrhundertelang mit Israel um die Herrschaft am PetraJordan kämpften, Edom, Moab und Ammon.

Einen repräsentativen Höhepunkt der Ausstellung dürften die Stücke aus der Nabatäer-Hauptstadt Petra bilden, das von der UNESCO zum Weltkulturerbe erkläft worden ist: Zeugnisse eines großen künstlerischen Dialogs zwischen mediterranen und orientalischen Traditionen, prunkvolle Königsgräber im hellenistisch-römischen Stil neben "konservativen", assyrisch oder ägyptisch oder arabisch geprägten Grabformen. Die ökonomische Verfassung Nabatäas, das in den Jahren um Christi Geburt eine bedeutende Regionalmacht bildete, gibt bis heute Rätsel auf. Es muss ein "Karawanenstaat" gewesen sein, die führende Schicht bestand in der Hauptsache aus wandernden Händlern und Viehzüchtern.

Spuren des Neuen Testamentes? Pseudo-Authentisches, wie es gelegentlich als "Sensation" an die Öffentlichkeit gelangt ("Höhle Johannes des Täufers gefunden"), darf man von der Ausstellung nicht erwarten; vielleicht gelingt es, ein wenig von der Atmosphäre zu Quasr el-Mshattaerschnuppern, in der Jesus und die ersten Christen gelebt und gepredigt haben. Ganz sicher sollte das beim Hofleben der omayyadischen Kalifen möglich sein, die sich ein Jahrhundert nach Mohammed im Ostjordanland ihre Wüstenschlösser bauten. Da steht am Ausstellungsort Berlin ein wenig Wiedervereinigung an. Seit 1903 kann das Vorderasiatische Museum die Fassade von Qasr el-Mshatta zeigen - ein umfangreiches Mauerwerk, das ganz in Ornament aufgelöst ist, ohne jede Scheu vor Tier- und Menschendarstellungen.


Ausstellung "Gesichter des Orients. 10.000 Jahre Kunst und Kultur aus Jordanien", vom 8. Oktober 2004 bis 9. Januar 2005 im Alten Museum Berlin und vom 29. April bis 21. August 2005 in der Kunst- und Ausstellungshalle Bonn


Mehr im Internet:
Ausstellung

 




Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied der Agentur
scienzz communcation.

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