Die Entstehung des Christusporträts am römischen und byzantinischen Kaiserhof
von Josef Tutsch
Kuppelmosaik in der Klosterkirche von
Dafni bei Athen, 11. Jahrhundert
Als Kinder einer Epoche, die von Fotografie, Film und Fernsehen geprägt ist, müssen wir es uns immer wieder klarmachen: Von keiner historischen Figur vor Entstehung der "realistischen" Porträtmalerei im späten Mittelalter wissen wir, wie sie "wirklich" ausgesehen hat. Zum Beispiel die "Porträts" römischer Kaiser sind nicht quasi-fotografisch, sondern zeigen die Herrscher, wie sie von ihren Untertanen gesehen werden wollten.
Da ist es paradox, dass wir ausgerechnet von einer Person, die zu Lebzeiten sicherlich niemals porträtiert worden ist, eine recht festumrissene Vorstellung haben. Jesus hatte ein ernstes Gesicht, er trug Bart und langes Haar – so ist es auf Tausenden frommer Bilder zu sehen. Ausnahmen bestätigen die Regel; Michelangelo hätte seinen Christus in der Sixtinischen Kapelle gar nicht nackt zu malen brauchen, um bei vielen seiner Zeitgenossen Aufruhr zu erregen, schon das bartlose Gesicht hätte genügt. Seit russische Ikonen auf den westlichen Kunstmarkt gekommen sind und Touristen die Mosaiken in den Kuppeln griechischer Kirchen gesehen haben, hat sich das Stereotyp noch verstärkt.
Ikone vom Sinai, 5. Jh.? (Katharinenkloster)
Wie aber kam es eigentlich zu diesem "Christusporträt"? Oder, um die irreführende Assoziation mit den dokumentarischen Maßstäben heutiger Alltagsfotografie zu vermeiden, zu dem typischen, quasi-porträthaften Christusbild? Martin Büchsel, Kunsthistoriker an der Universität Frankfurt am Main, ist dieser Frage mit kriminalistischem Scharfsinn nachgegangen. Eine erste entscheidende Weichenstellung hat Büchsel am Hof des römischen Kaisers Theodosius im späten 4. Jahrhundert ausgemacht. Hauptbeweisstück ist ein Reliquienkästchen aus der Kirche San Nazaro in Mailand, entstanden nach 388. Darauf ist der thronende Christus – ein jugendlicher, bartloser Christus, wohlgemerkt – den gleichzeitigen Porträtköpfen von Mitgliedern der regierenden Dynastie angeglichen.
Die Absicht hinter diesen Darstellungen ist eindeutig. Büchsel: Die Kaiserherrschaft wurde "als von der Herrschaft und Lehre Christi durchdrungen proklamiert", auch wenn natürlich nicht mehr zu klären ist, welche Verbreitung dergleichen Kunstwerke hatten. 390 erklärte Theodosius das Christentum zur Staatsreligion. Dass sich eine christliche Ikonographie erst in den Jahrzehnten zwischen Konstantin und Theodosius ausgebildet hat, zeigt ein Blick auf das Christusbild der Kunst in den ersten drei Jahrhunderten. Da steht der bärtige Weise nach dem Vorbild kynischer Philosophen in aller Selbstverständlichkeit neben einem jugendlich-bartlosen Wundertäter und einem langhaarigen Charismatiker.
Christusporträt auf Münze von Kaiser Iustiniianos II. (gest. 711)
Noch um 400 hielt der Kirchenlehrer Augustinus die verschiedenen Darstellungen für ein natürliches Resultat der Vorstellungskraft, ein jeder imaginiere sich bei der Lektüre der Evangelien eine jeweils andere Gestalt des Erlösers. Durchgesetzt hat sich ein uniformes Christusbild, so Büchsel, erst gut dreihundert Jahre nach Theodosius, unter Kaiser Iustinianos II. Anfang des 8. Jahrhunderts. Wie die Münzen bezeugen, war es nunmehr ein bärtiger Christus, dem der Kaiser seine Herrschaft anvertrauen wollte.
Vorbild muss eine Porträtformel gewesen sein, wie sie aus einer Ikone vom Sinai, wahrscheinlich aus dem 5. Jahrhundert, überliefert ist. Bei allen Unterschieden in Haar- und Barttracht wiederholte sich der Vorgang aus der Epoche des Kaisers Theodosius: Der Typus "Sinaiikone" konnte zu einem der erfolgreichsten Bildtypen der gesamten Kunstgeschichte werden, weil sich im Antlitz mit Bart und langem Haar das Christusporträt und das ideale Kaiserporträt der Zeit aneinander angleichen konnten. In der historischen Wirklichkeit, betont Büchsel, hat kein byzantinischer Kaiser schulterlanges Haar getragen.
Mandylion von Nowgorod, 12. Jh. (Moskau, Tretjakow-Galerie)
Büchsels Rekonstruktion der byzantinischen Kunstgeschichte wirft auch Licht auf die Entstehung des Bilderstreites unter Kaiser Leon III., der 726 eine Christusikone vor dem Palast in Konstantinopel entfernen ließ. Wahrscheinlich, so Büchsel, wollte sich Leon – anders als es die spätere, durchweg bilderfreundliche Geschichtsschreibung dargestellt hat – gar nicht grundsätzlich gegen religiöse Bilder wenden. Vielmehr dürfte es so gewesen sein, dass Kaiser Iustinianos II. den Krieg gegen die Araber unter den Schutz eines wundertätigen Christusbildes, des sogenannten Acheiropoieton von Kamuliana, gestellt hatte. Durch die Niederlage war diese Form der Christusverehrung desavouiert. Schon bei der Belagerung der Hauptstadt 717 trug Kaiser Leon statt dessen ein Kreuz auf den Schultern, der Patriarch hielt ein Marienbild.
Wie das Bild von Kamuliana ausgesehen hat, muss freilich offen bleiben, auch bei dem anderen, unendlich oft kopierten wundertätigen Christusbild, dem sogenannten Mandylion von Edessa, ist die Frage letztlich nicht zu klären. Um 900 behauptete eine anonyme Schrift, die unter dem Titel "Epistula synodica" bekannt ist, solche "nicht von Hand geschaffenen" Bilder (= "Acheiropoieta") seien älter als die Evangelien, Christus selbst habe sie durch Abdruck seines Angesichts in Tüchern hervorgerufen. Büchsel vermutet, dass auf diesen Tuchbildern bloß etwas Schemenhaftes zu sehen war, wie man es heute noch vom Turiner Grabtuch kennt.
Hans Memling, Veronika mit dem Schweißtuch, um 1470 (Washington, National Gall.)
Nach dem Ende des Bilderstreits im 9. Jahrhundert muss im Bewusstsein der Bilderverehrer beides zusammengeflossen sein: die Legende von den ungeschaffenen Christusbildern und der Typus der Sinaiikone, auf dem tatsächlich ein Bild, so etwas wie ein Christusporträt, zu sehen war. Unter Kaiser Michael III. (842-867) war die Entwicklung abgeschlossen: Die Münzen zeigen den Christus der Sinaiikone. Im westlichen Europa hat ein für die Künstler verbindliches Christusporträt erst Jahrhunderte später langsam Gestalt angenommen. "Nirgendwo kann man im Frühmittelalter Anzeichen dafür finden, dass man sich an der Vielgestaltigkeit des Christusbildes gestört hätte", berichtet Büchsel. Ein Grund: Es gab "kein kaiserliches Christusbild, das zum Regeltypus hätte werden können".
Für die weitere Entwicklung spielte wiederum die Legende von den ungeschaffenen Bildern eine Rolle. Die heilige Veronika, die Jesus, wie er unter der Last des Kreuzes zusammenbrach, ihr Schweißtuch gereicht haben soll, wurde zu einer beliebten Figur in der Frömmigkeit des späten Mittelalters. Gemälde zeigen, wie sie das Tuch mit dem Antlitz Christi vor sich ausbreitet. Es ist das Antlitz von der Sinaiikone. Dabei ist es im Großen und Ganzen bis heute geblieben, und zwar über den kirchlichen Raum hinaus. Auch die Bibelfilme aus Hollywood präsentieren ihrem Publikum einen Jesus mit Vollbart und langem Haar.
"Jesus FIlm Project", 1978
Neu auf dem Büchermarkt: Martin Büchsel: Die Entstehung des Christusporträts. Bildarchäologie statt Bildhynose, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2007, 65,- €
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