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19.04.2008 - ARCHÄOLOGIE

Katholischer Schatten auf protestantischem Boden

Auswirkungen der Reformation auf die materielle Kultur

von Josef Tutsch

 
 

Martin Luther, von Lucas
Cranach d. J., 1546
Es war, neben der barbusigen Zigeunerin und dem röhrenden Hirschen, eines der beliebtesten Motive in bürgerlichen Wohnstuben und Schlafzimmern des 19. Jahrhundert, das Bild des guten Hirten, der ein Schaf auf den Schultern trägt: als sichtbares Zeichen einer christlich-frommen Familie. Kein Wunder, dass Generationen von Kunsthistorikern mit großer Selbstverständlichkeit davon ausgingen, dass Sarkophage mit einem solchen Hirtenbild von einer christlichen Familie bestellt sein müssten. Inzwischen ist solche Eindeutigkeit längst dahin. Das Schäfermotiv verkörperte in Darstellungen der Jahreszeiten das Frühjahr, im Totenkult bezeichnete es die religiös unbestimmte Vorstellung von einem paradiesischen Jenseits – welchem Glauben die Bestatteten und ihre Familien anhingen, geht aus den Bildern nicht ohne weiteres hervor. Statt Christus konnte auch Dionysos gemeint sein.

Nicht ohne weiteres – dieses "Weitere" wären schriftliche Quellen, die aber für die Sozialgeschichte des frühen Christentums kaum vorliegen. Mit der Reformationszeit verhält es sich nahezu umgekehrt. Nicht dass materielle Zeugnisse aus der Frühgeschichte des Protestantismus zu wenig vorhanden wären; aber in der Forschung ist die materielle Kultur, die damals – vielleicht – durch die Reformation mitgeprägt wurde, bis heute wenig beachtet wurde. Dabei gehört das 16. Jahrhundert ansonsten zu den am besten erforschten Geschichtsepochen überhaupt. Aber für Kunsthistoriker steht die italienische Renaissance im Vordergrund. Die Reformation hingegen – darauf macht Barbara Scholkmann, Professorin für Archäologie an der Universität Tübingen aufmerksam – war bereits in ihrem Selbstverständnis eng mit Schriftlichkeit verknüpft und wurde von der späteren Historiographie erst recht als geistiger Wandlungsprozess verstanden. "Eine Erforschung auf der Basis der materiellen Überlieferung trat weitgehend in den Hintergrund."Eine Aufsatzsammlung, in der die Beiträge einer Tagung an der Universität Erlangen vor drei Jahren wiedergegeben sind, versucht dieses Defizit aufzuarbeiten. Das Ergebnis vorweg: In der materiellen Kultur vollzogen sich die Veränderungen vielerorts langsamer, war die Kontinuität stärker, als die Grobheit der schriftlichen Polemik erwarten lässt.

Lucas Cranach d.Ä., Das Ge-
setz des Alten Testaments,
um 1529

Der Archäologe Jörn Staecker von der Universität Visby hat diesen langsamen Wandel am Inventar der Kirchen auf Gotland nachvollzogen. Zum Beispiel Taufbecken, auf denen Maria als Gottesmutter dargestellt war, wurden problemlos weiterbenutzt; eine Gefahr, dass sie zum Wiederaufflammen des Marienkults hätten beitragen könne, sah man nicht. "Das Inventar wurde nach Möglichkeit nicht abgeschafft, sondern nur umfunktioniert". Ginge man bloß von diesen materiellen Befunden aus, wäre der Schluss unausweichlich, dass der Konfessionswechsel im – damals dänischen, heute schwedischen – Gotland sich bis weit ins 17. Jahrhundert hingezogen haben müsste. Staecker sieht diesen "langsamen Wandel" sowohl materiell (Gotland erlebte damals einen ökonomischen Niedergang) als auch symbolisch begründet: Der dänische Protestantismus, von altgläubigen Gebieten weit entfernt, hatte keinen Grund, sich durch sichtbare Zeichen von der Papstkirche abzusetzen.

Das Gegenbild haben die Archäologen in den konfessionellen Mischgebieten Süddeutschlands und der Schweiz gefunden. Johanna Thali, Mediävistin an der Universität Fribourg, führt einen kuriosen Fall konfessioneller Landschaftsgestaltung an, der eher den Schildbürgerstreichen zu entstammen scheint. 1597 wollte ein reformierter Pfarrer im bernischen Aargau seine Berner Obrigkeit bewegen, wegen eines Wegkreuzes Klage gegen das benachbarte Luzern zu erheben. Das große hölzerne Kreuz stand zwar auf Luzerner, also katholischem Boden, aber bei Sonnen- oder Mondschein, so die Klage, reiche sein Schatten bis auf Berner, mithin reformierten Grund. Aus Zürich ist überliefert, wie die Behörden die Kirchen ausräumen und die Bilder zerstören ließen, in Bern wurde 1533/34 sogar der private Besitz von Skulpturen und gemalten religiösen Bildern verboten und das Verbot mit Hausdurchsuchungen durchgesetzt. Aus dem norddeutschen Lüneburg dagegen, berichtet der Stadtarchäologe Edgar Ring, ist belegt, dass noch um 1580, ein halbes Jahrhundert nach Einführung der Reformation, in den Haushalten Marienbilder vorhanden waren. Ein Inventar verzeichnet eine Annaselbdritt, also eine Maria mit Mutter Anna und Jesuskind, und setzt hinzu, man habe diese geschnitzte Arbeit nicht schätzen können, da dergleichen auf dem Kunstmarkt nicht mehr gebräuchlich sei.

Martin Luther (rechts) mit Lucas
Cranach und Johannes dem Täu-
fer, Kreuzigung von Cranach d.Ä.

Die unterschiedliche Schärfe der konfessionellen Abgrenzung wird wohl auch durch die verschiedenen Varianten der Reformation – Luther, Zwingli, Calvin – bedingt sein. Es sind freilich Gegenbeispiele bekannt; so wurden im lutherischen Lüneburg Spottmedaillen mit den Doppelköpfen Papst-Teufel und Kardinal-Narr geprägt. Besonders beliebt scheinen solche Darstellungen auf Ofenkacheln gewesen zu sein. Man darf sich vorstellen, dass der wärmende Ofen Zentrum des häuslichen Lebens war, wo im Familienkreis auch die Bibel gelesen wurde. An den Begriffen "Reformationsofen" und "Reformationskachel" hält die neuere Forschung aber Zweifel für angebracht. Mancher dieser angeblichen "Reformationsöfen" sei bloß ein "reformationszeitlicher" Ofen, betont die Münsteraner Archäologin Julia Hallenkamp-Lumpe. Eine theologische Aussage müsse im Einzelfall nachgewiesen werden, etwa wenn Tod oder Teufel im Mönchsgewand dargestellt seien.

Eindeutig wird es, wenn auf den Kacheln die Reformatoren dargestellt sind, wie es Claudia Hoffmann vom Kulturhistorischen Museum Stralsund für Martin Luther und Jan Hus gefunden hat. Eine Parallele zu den Heiligenfiguren im katholischen Milieu? Auf diesen Gedanken sind Luthers katholische Kritiker bereits wenige Jahre nach dem Wittenberger Thesenanschlag gekommen. Natürlich finden sich dann auch katholische Parallelen zur protestantischen Bilderstürmerei. 1547 hinterließ ein spanischer Soldat auf einem Gemälde von Lucas Cranach in Wittenberg, worauf Luther als Prediger abgebildet ist, seine Dolchspuren.

Lucas Cranach d.Ä., Die Gna-
de des Neuen Testaments,
um 1529

Zumindest in Ansätzen, referiert Stefan Laube von der Berliner Humboldt-Universität, "hielt sich in der protestantischen Volksfrömmigkeit die magische Besetzung der mit dem Reformator in Verbindung gebrachten Gegenstände". So bestand der Glaube, mit Holzsplittern aus Luthers Bett Zahnweh heilen zu können – schade, dass sich für dergleichen ein halbes Jahrtausend danach keine materiellen Belege mehr auffinden lassen. Aber zweifellos bedurfte der Traditionsbruch, der mit der Reformation einherging, neuer Traditionen und zu deren Beglaubigung "authentischer" Objekte, wie Laube zusammenfasst. Sichtbarer, materieller Objekte – in gewisser Spannung zu Luthers Predigt, nicht die Augen, sondern die Ohren würden "uns leiten und führen dorthin, wo wir Christus finden und kennen lernen". Luther versuchte diese Spannung durch die Theorie zu lösen, die Bilder seien nicht "Bilder des Aberglaubens", sondern bloße "Merkbilder". Besonders heikel musste die Funktion der Bilder an den Grab- und Gedächtnismalen werden. Im Mittelalter, erläutert Doreen Zerbe, Universität Leipzig, sollten diese Male dafür Sorge tragen, "dass die Läuterungszeit der Seele im Fegefeuer so kurz wie möglich blieb". Diese Sorge um den Toten entfiel durch die neue Dogmatik und damit entfielen auch alle Darstellungen der Heiligen, deren Fürbitte nun nicht mehr benötigt wurde.

Schwerer zu deuten sind die Wandlungen, die es im protestantischen Milieu bei Bildern aus dem Leben Jesu gegeben hat. Die früher so beliebten Motive von Geißelung, Dornenkrönung und Kreuztragung ebenso wie das Bild, wie Christus durch das Zeigen seiner Wundmale bei Gott vorspricht, kommen auf protestantischen Grab- und Gedächtnismalen, so Zerbe, praktisch nicht vor. Übrig blieben Darstellung von Christus als Lehrer und als Wundertäter, sodann die Szene am Ölberg (die den Sterbenden zur Identifikation einladen konnte), die Kreuzigung und die Auferstehung. Zerbe: "Christus sollte nicht mehr als der leidende, sterbende Mensch, sondern als der göttliche Erlöser gezeigt werden."

Lucas Cranach d.Ä., Kreuzigung,
um 1554, Stadtkirche Weimar

Ein Befund, der beim vergleichenden Blick auf Luthers Schriften zunächst einmal verblüfft. Anscheinend trat in der materiellen Kultur der sozusagen optimistische Aspekt der reformatorischen Theologie, die Gnade, gegenüber dem durch und durch pessimistischen Bild vom sündigen Menschen deutlich in den Vordergrund. Das Ergebnis verblüfft auch beim Blick auf die Musikkultur der nachreformatorischen Zeit; denn zweifellos sind die ausgedehnten Passionsvertonungen, bis hin zu Johann Sebastian Bach, die künstlerisch herausragendste Frucht des frühen Protestantismus. Die Folgerung ist ernüchternd: Offenbar gehen die verschiedenen Ausdrucksformen oder Medien nicht immer im selben Takt – eine Warnung, die Erkenntnisse aus verschiedenen Disziplinen, von der Theologie über Literatur- und Musikwissenschaft bis zur Kunstgeschichte, vorschnell im Sinne einer umfassenden "Kulturwissenschaft" zu summieren.


Neu auf dem Büchermarkt:

Archäologie der Reformation. Studien zu den Auswirkungen des Konfessionswechsels auf die materielle Kultur,
herausgegeben von Carola Jäggi und Jörn Staecker,
Walter de Gruyter, Berlin New York 2007, ISBN 978-3-11-019513-2, 148,- €



Mehr im Internet:

Reformation - Wikipedia






Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation




 

 

 

 

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