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23.04.2008 - SOZIALWISSENSCHAFT
Globaler Druck auf die berufstätige Seele
Psychische Gesundheit am Arbeitsplatz wird immer wichtiger
Isabelle Bareither
 | | Depressionen wieder im Vormarsch
Bild: photocase.de
| | | Termine, Zeitdruck, Stress. Der Kopf ist voll, der Geldbeutel leer. Sorgen türmen sich auf schlaflosen Nächten, die Existenz ist unsicher, der Erfolgsdruck riesig. Ein bekanntes Bild für Millionen von Menschen in Deutschland. In Zeiten von Globalisierung, Rationalisierung und Flexibilisierung wächst die Zahl derer, die der Stress und die hohen Anforderungen am Arbeitsplatz psychisch krank machen. Während Depressionen, Angststörungen und Suchterkrankungen Anfang der Neunzigerjahre noch den siebten Rang unter den Krankheitsgruppen einnahmen und vorher nahezu bedeutungslos waren, bilden sie inzwischen die viert-wichtigste Gruppe – Trend steigend. Ein Hauptgrund dafür könnten die neuen Anforderungen in einer sich wandelnden Arbeitswelt sein.
„Aus körperlichen Belastungen am Arbeitsplatz sind psychische geworden“, sagt Johannes Siegrist, Direktor am Institut für medizinische Soziologie in Düsseldorf. Wettbewerbsdruck und unsichere Beschäftigungsverhältnisse verstärken wiederholt die seelische Anspannung von Berufstätigen. „Der chronische Stress geht regelrecht unter die Haut“, so Siegrist. Schlaflosigkeit, Leistungsabfall und Kopfschmerzen treten auf. „Kommt zu hoher Verausgabung bei der Arbeit dann auch noch fehlende Anerkennung hinzu, gerät der Mensch in eine sogenannte ‚Gratifikationskrise’“, erklärt Siegrist weiter. Der Wissenschaftler konnte in zahlreichen Studien zeigen, dass eine Gratifikations- oder Belohnungskrise, sowohl körperliche als auch psychische Erkrankungen zur Folge haben kann. Zum Beispiel sei das Risiko, an einer Depression zu erkranken, innerhalb von fünf bis sechs Jahren nach einer Belohnungskrise doppelt so hoch wie zuvor.
„Der Mensch möchte seiner Natur nach etwas zurückbekommen für seine Leistungen – das ist der Grundsatz der sozialen Reziprozität“, so der Professor. Kommt die Gegenleistung nicht, fehlt zum Beispiel die angemessene materielle oder soziale Anerkennung, können Erkrankungen, wie die Depression, die Folge sein. Auch ein überhöhter Anspruch an sich selbst, gepaart mit Unsicherheit, sei ein nicht zu unterschätzender Risikofaktor. Die sprichwörtlich „Getriebenen“ würden sich selbst in eine Belohnungskrise stürzen, da für Überengagement kaum Belohnungen vorgesehen sind.
Ein Kernpunkt bei der Entwicklung vieler psychischer und körperlicher Krankheiten sei das verletzte gesellschaftliche Tauschverhältnis, so Siegrist. Wer gut arbeitet, möchte dafür das ihm Zustehende zurückbekommen. In der heutigen Gesellschaft scheint genau das allerdings oft schwierig zu sein. Die Karrierechancen stehen im Allgemeinen eher schlecht, die Bezahlung lässt zu wünschen übrig, die Arbeitsplätze sind vielerorts unsicher und auch das soziale Klima ist in vielen Firmen angegriffen. Gleichzeitig leiden immer mehr Menschen an Depressionen, Angstzuständen oder psychosomatischen Erkrankungen, wie Rücken- oder Kopfschmerzen.
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Im Gegensatz zu den allgemein sinkenden Krankenständen, wachsen Fehlzeiten auf- grund psychischer Erkrankungen weiter an - Quelle: BKK Gesundheitsreport 2007
| Die wirtschaftlichen Kosten infolge psychischer Gesundheitsdefizite nehmen entsprechend zu. Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation zufolge beliefen sich diese im Jahr 2007 auf 70 bis 100 Milliarden Euro. Wie dem Gesundheitsbericht des Bundes zu entnehmen, entfielen im Jahr 2006 allein 22 Milliarden Euro auf Krankheitskosten aufgrund psychischer Erkrankungen. Durch folgende Produktionsausfälle entstanden im selben Jahr 3,8 Milliarden Euro Schaden, schätzt die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin.
Beachtliche Zahlen, die das lange Zeit stigmatisierte Thema immer mehr in die gesellschaftliche Wahrnehmung rücken lassen. “Wir haben hier ein ganz neues Feld vor uns, wachsend und immer noch größtenteils unbekannt”, beschreibt Dr. Robert Rahn vom Landesamt für Arbeitsschutz in Berlin sein neuestes Problem. Die Arbeitsschutzämter in Deutschland würden sich der Angelegenheit zusehends annehmen, doch einfach sei das nicht. „Psychosoziale Belastungsfaktoren sind leider lange nicht so greifbar wie Asbest, doch auch sie gefährden die Gesundheit des Arbeitnehmers“, sagt Rahn.
„Ein zentrales Problem stellen heutzutage die Arbeitszeiten dar.“ Schichtarbeiten, Wochenend- und Bereitschaftsdienste würden zu hohen psychischen und sozialen Belastungen führen. Besonders schlimm sei es in der Hotellerie- und Gastronomiebranche, in Krankenhäusern oder bei Berufskraftfahrern. Außerdem seien die immer häufiger werdenden unsicheren oder prekären Beschäftigungsverhältnisse nicht gut für die Psyche der Menschen, betont der Referatsleiter. Praktikanten, temporäre Arbeitskräfte, 1-Euro-Jobber, sie alle stehen ohne Perspektive mitten auf dem stressigen Arbeitsmarkt, arbeiten viel, bekommen wenig dafür und blicken in eine unsichere Zukunft.
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Prekäre Beschäftigungsverhältnisse nicht gut für die Psyche - Bild: photocase.de
| Allerdings sei es wichtig, überhaupt eine Arbeit zu haben, so Michael Frese, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Giessen. Vorrangig sei dabei nicht die Tätigkeit selbst, sondern nur, dass sie als sinnvolle Aufgabe angenommen werde. Dabei gehe es einem frisch Arbeitslosen zunächst einmal sehr gut. „Natürlich ist da erst einmal der Schock, doch dann tritt bei vielen eine Art ‚Urlaubseffekt’ ein“, erläutert der Psychologe. „Sie genießen ihre neue Freiheit, verschönern vielleicht ihr Haus und machen sich voller Hoffnung an die Arbeitssuche.“ Wenn diese dann allerdings nicht innerhalb eines Jahres erfolgreich ist, würden die Probleme beginnen. „Die negativen Auswirkungen von Arbeitslosigkeit auf Psyche und Körper sind extrem hoch. Das belegen zahlreiche Langzeitstudien.“ Wieder können schwere Depressionen, sogar Suizidgedanken oder die Kompensation der Schwierigkeiten durch Suchtmittel die Folge sein.
Auch psychosomatische Beschwerden, die sich in körperlichen Symptomen wie Bluthochdruck oder Migräne äußern, treten gehäuft auf. Daher sei es wichtig, die Arbeitslosen mit allen Mitteln dazu zu bewegen, eine neue Aufgabe zu finden. „Zu seinem eigenen Schutz sollte die finanzielle Unterstützung eines Langzeitarbeitslosen stark gekürzt werden, wenn er sich nicht um einen Job bemüht, bzw. Jobs ablehnt“, sagt Frese. Strengt sich ein Jobsuchender dagegen wirklich an, sollte er auch auf längere Zeit hin genügend Geld erhalten, denn das sei ein enorm wichtiger Faktor zum seelischen Glück eines Menschen.
Geld – das ist auch für einen Arbeitenden von großer Bedeutung, glaubt der Medizinsoziologe Siegrist. Zusammen mit der Möglichkeit zu freier Entfaltung, Arbeitsplatzsicherheit, realistischen Karrierechancen und nicht zuletzt der Annerkennung durch Kollegen, Familie und Chef, könne ein Mensch in seinem Beruf dann auch wirklich glücklich werden.
Mehr im Internet: Ausgebrannte Studenten, scienzz 02.07.2007
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