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09.05.2008 - IDEENGESCHICHTE
"Es soll geschehen in den letzten Tagen ..."
Eine Geschichte des Heiligen Geistes - vom "Atem des Herrn" bis zur politischen Utopie
von Josef Tutsch
 | | Joachim von Fiore (ca. 1135-1202)
| | | "Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen; es grünten und blühten Feld und Wald ...", beginnt Goethes Epos von "Reineke Fuchs". Was für ein Glück, dass dieses liebliche Fest in der schönen Jahreszeit liegt, sonst könnte es mit Weihnachten und Ostern kaum mithalten. Bereits der Vorgang, den das Neue Testament schildert, die Erfüllung durch den heiligen Geist, wirkt verglichen mit Geburt und Tod und Auferstehung des Erlösers sehr abstrakt, obwohl sich der Verfasser der Apostelgeschichte, um 95 nach Christus, doch nach Kräften bemüht hat, ein dramatisches Bild zu malen: "Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen zerteilt, wie von Feuer ..."
So gestalteten sich im historischen Rückblick zwei Generationen später die Anfänge der christlichen Mission. Man kann auch sagen: der Anfang dessen, was sich damals als "Kirche" abzuzeichnen begann. Noch weiter gefasst: In der Pfingsterzählung, mit den Dogmen vom Heiligen Geist und von der göttlichen Dreifaltigkeit, die Theologen später daraus entwickelten, liegen die Ursprünge von zwei Jahrtausenden abendländischer Geistesgeschichte, bis hin zu Hegels Dialektik und Marx’ Utopie der klassenlosen Gesellschaft.
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Russische Ikone, 15. Jh. Bild: Tretjakow-Gal., Moskau
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Die Anregung wird eine Stelle in der hebräischen Bibel gegeben haben, beim Propheten Joel: "Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch ..." Der "Atem des Herrn" ist im Alten Testament eine gebräuchliche Umschreibung für die Gegenwart Gottes in der Welt, im Grunde also für Gott selbst. Zum Beispiel gleich im ersten Vers der Schöpfungsgeschichte: "Der Geist Gottes schwebte über dem Wasser." In demselben Sinn wird die Formel auch in den Evangelien gebraucht. "Der heilige Geist wird dich überschatten", sagt der Engel Gabriel im Lukasevangelium zu Maria, "und die Kraft des Höchsten wird über dich kommen." Maria war "schwanger von dem heiligen Geist", heißt es im Matthäusevangelium.
Die Versuchung liegt nahe, solche Stellen im Sinne des späteren christlichen Dogmas von der göttlichen Dreifaltigkeit – Gott Vater, Gott Sohn und Gott Heiliger Geist – zu interpretieren. Doch das ist unhistorisch gedacht. Zwar findet sich der Ausdruck "heiliger Geist" an fast einhundert Stellen im Neuen Testament, aber von den Glaubensbekenntnissen, wie sie im 4. Jahrhundert formuliert wurden, konnten die Autoren noch nichts wissen. Was die Evangelien und die Apostelgeschichte und die Briefe vorgegeben hatten, musste mühsam in ein System gebracht werden. Sehr eindeutig von der Trinität scheint eine Stelle im 1. Johannesbrief zu sprechen: "Drei sind es, die dies Zeugnis im Himmel verlautbaren: der Vater, der Sohn und der Geist." Inzwischen ist jedoch allgemein anerkannt, dass dieser Satz erst im 4. Jahrhundert in die lateinischen Bibelübersetzungen eingefügt wurde.
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Rabbula-Evangeliar, 6. Jh. Bild: Florenz, Bibl. Med. Laur.
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Daneben standen im Zentrum der theologischen Diskussion die Pfingsterzählung der Apostelgeschichte und die Verheißung im Johannesevangelium "ich will den Vater bitten, und er soll euch einen anderen Tröster geben, dass er bei euch bleibe ewiglich, den Geist der Wahrheit". Schließlich der Missionsbefehl des auferstandenen Christus im Matthäusevangelium, der bis heute Rätsel aufgibt, geschrieben um 80 nach Christus: "Gehet hin und lehret alle Völker und taufet sie im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes." Darin wird der "heilige Geist" zwar nicht als Person aufgefasst, aber doch mit zwei Personen parallel gesetzt. Eine Textvariante bietet statt dessen die Lesart "in meinem Namen". Das hat zu Spekulationen Anlass gegeben, der Satz sei womöglich erst später im Sinne des Dogmas von der Trinität geändert worden.
Aber die "trinitarische Formel" ist in den Handschriften gut bezeugt. Vielleicht findet sich im 2. Korintherbrief des Paulus, etwa ein Vierteljahrhundert älter, ein Fingerzeig zum Verständnis. "Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen": Bei dieser Dreiheit ist offenbar nicht an drei göttliche Personen gedacht, das dritte Glied bezeichnet das Leben der Gemeinde. Man kann sich vorstellen, dass dieses irdisch und sozial greifbare Moment mit zunehmendem Abstand zu Jesu Verkündigung in den Vordergrund treten musste. Zwei Generationen nach dem Tod des Erlösers hatten die christlichen Prediger immer stärker mit dem Problem zu kämpfen, dass die Verwandlung der Welt, die Jesu Zeitgenossen als unmittelbar bevorstehend angenommen hatten, ausgeblieben war.
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Giotto di Bondone, um 1300 Bild: National Gallery, London
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"Es gebührt euch nicht zu wissen Zeit oder Stunde, welche der Vater seiner Macht vorbehalten hat", ließ die Apostelgeschichte den zum Himmel auffahrenden Christus sagen. Das junge Christentum hatte sich in der Welt einzurichten, auf unabsehbare Zeit – mit dem "Tröster" des Johannesevangeliums oder dem "Geist" der Apostelgeschichte als Ausgleich für die an sich erwartete Wiederkehr Christi. "Jesus verkündete das Reich Gottes, gekommen ist die Kirche", hat der französische Theologe Alfred Loisy die Entwicklung prägnant zusammengefasst. Genau diese Entwicklung wird in der Apostelgeschichte in die Erzählung vom Pfingstereignis gebracht: "Sie (die Apostel) wurden alle erfüllt von dem heiligen Geist ..." An die dreitausend Seelen, heißt es weiter, wurden an diesem Tag getauft, "und es geschahen viele Wunder und Zeichen durch die Apostel".
Das Bild, mit dem sich diese Erfüllung durch den Geist wiedergeben ließ, verdanken zwei Jahrtausende christlicher Kunst den Berichten in den Evangelien von der Taufe im Jordan. Jesus, heißt es dort, sah "den Himmel sich auftun und den Geist wie eine Taube auf sich herabschweben". So kommt in Pfingstbildern eine Taube auf die Apostel herab, in Darstellungen der Dreifaltigkeit schwebt eine Taube als dritte Person über Vater und Sohn, in vielen Kirchen wurde früher zum Pfingstfest in den Raum herab gelassen. Dennoch ist der Heilige Geist im Unterschied zum Schöpfer-Vater und zum Erlöser-Sohn dem religiösen Bewusstsein immer abstrakt geblieben; seine Personalität wurde mehr gedacht als lebendig vorgestellt.
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Tizian, um 1546 Bild: S. Maria d. Salute, Ven. |
Dennoch – und wohl gerade wegen der Dürftigkeit der Vorgaben im Bibeltext – waren der Heilige Geist und die innertrinitarischen Beziehungen für Theologen ein beliebtes Streitthema. Die Frage, ob der Geist vom Vater ausgeht, wie das Glaubensbekenntnis von Nicaea und Konstantinopel es formuliert hat, oder von Vater und Sohn gleichermaßen, wie ein späterer lateinischer Zusatz ("filioque") wissen wollte, trug wesentlich zum Schisma zwischen der römischen und der griechischen Kirche bei.
Und mancher Dichter ließ sich begeistern. Der Kirchengesang "Veni creator spiritus", "Komm, Schöpfer Geist", aus dem 9. Jahrhundert sei ein "Appell ans Genie", schrieb Goethe, "deswegen er auch geist- und kraftreiche Menschen gewaltig anspricht". Und auch mancher Philosoph wurde inspiriert. "Der Heilige Geist ist über die Jünger ausgegossen; von da an sind sie als Gemeinde und freudig in die Welt ausgegangen, um sie zur allgemeinen Gemeinde zu erheben und das Reich Gottes auszubreiten", lehrte Hegel in seiner Religionsphilosophie – Pfingsten als Chiffre für die Vollendung der Weltgeschichte, "die Realisierung des Geistigen zur allgemeinen Wirklichkeit".
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El Greco, um 1610 Bild: Prado, Madrid
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Den Weg hatten die frühchristlichen Kirchenväter gewiesen, indem sie sich bemühten, den "Geist" als dritte Person der göttlichen Trinität philosophisch plausibel zu machen. Am einflussreichsten wurde die Abhandlung des Augustinus "Über die Dreifaltigkeit" aus dem Anfang des 5. Jahrhunderts. Da Gott den Menschen nach seinem Bilde geschaffen hatte, entdeckte Augustinus in der Seele ein Abbild der drei göttlichen Personen, etwa: Sein, Erkenntnis, Leben, oder: Sein, Wissen, Lieben, oder: Gedächtnis, Erkenntnis, Willen. "Und diese drei sind ein Leben, ein Geist, eine Wirklichkeit." Vierzehn Jahrhunderte später konnte Hegel daran anschließen: Seele, Bewusstsein, Geist, oder: Logik, Natur, Geist, oder: These, Antithese, Synthese.
Kurzum: Das Dogma vom Heiligen Geist und von der Trinität hat dem Abendland die Denkform der Dialektik geliefert. Die politische Brisanz darin zeigte sich, als Ende des 12. Jahrhunderts ein kalabresischer Zisterziensermönch namens Joachim von Fiore die drei göttlichen Personen in ein geschichtstheologisches Modell brachte. Joachims Logik war schlicht: Wenn das Alte Testament das Reich des Vaters war und das Neue Testament das des Sohnes – dann lag der Gedanke doch nahe, dass es in der Zukunft ein drittes Reich geben werde, das des Geistes, der Freiheit und des Friedens. Über Umwege und ohne Rücksicht auf Inhalte haben sich im 20. Jahrhundert die Nationalsozialisten bei dieser Formel vom "dritten Reich" bedient.
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Die drei Ringe der Trinität:Illustration aus einer mittelalterlichen Joachim- von-Fiore-Handschrift Bild: Bodleian Library Oxford
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Jedoch bereits wenige Jahre nach Joachims Tod zogen seine Schüler im neu gegründeten Franziskanerorden die revolutionären Konsequenzen und versuchten, dieses Reich zu verwirklichen. Wie einer breiten Öffentlichkeit durch Umberto Ecos Mittelalterroman "Der Name der Rose" bekannt ist, endete die Revolution der franziskanischen "Spiritualen" auf den Scheiterhaufen der Inquisition. Aber der Impetus dieses "dritten Testaments" lebte weiter, vom Wiedertäuferreich in Münster bis hin zu Karl Marx’ Utopie der klassenlosen Gesellschaft. Und immer wieder schlug die Predigt der Gewaltlosigkeit um in einen Aufruf zur letzten Gewalttat, die ein Ende aller Gewaltherrschaft heraufführen würde. So sprach der junge Friedrich Engels, mit unüberhörbarem Anklang an Joachim von Fiore und seine Schüler, vom "letzten heiligen Krieg, dem das Tausendjährige Reich der Freiheit folgen" werde.
Das "Tausendjährige Reich" ... noch eine Formel endzeitlicher Erwartung (die Theologen haben sie aus der Offenbarung des Johannes abgeleitet), die Eingang in die Propaganda des Nationalsozialismus fand. Ernst Bloch hat die Engelsstelle in seinem "Prinzip Hoffnung" angeführt; der Zusammenhang legt den Eindruck nahe, dass der große Philosoph für das Unheimliche in diesem Satz gar kein Ohr hatte. Statt an die Revolution dachte Bloch lieber an das erhoffte Friedensreich danach, wenn er sich auf die Pfingstpredigt des Apostels Petrus mit dem Zitat aus dem alttestamentlichen Propheten Joel bezog: "Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch."
Mehr im Internet: Pfingsten - Wikipedia Aus den ersten Jahrzehnten des Christentums, scienzz 12.05.2005
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Josef Tutsch Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur Mitglied von scienzz communcation |
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