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30.04.2015 - ETHNOLOGIE

"Die Hexen zu dem Brocken ziehn ..."

Die Walpurgisnacht im Harz - zwischen Hexenglauben und Fremdenverkehr

von Josef Tutsch

 
 

Radweg R1 durch den Harz
Bild: Wikipedia


„Viele Steine, müde Beine“, soll ein Student der Universität Göttingen Anfang der 1820er Jahre bei einer Besteigungen des Brockens ins Gästebuch des Hotels eingetragen haben, „Aussicht keine, Heinrich Heine.“ Zum Glück für die Fremdenverkehrswirtschaft im Harz konnte dem Dichter diese Mäkelei über den Nebel, der an mindestens 300 Tagen im Jahr den Berg einhüllt, niemals nachgewiesen werden. Vier Jahrzehnte zuvor hatte Goethe den Brocken bestiegen, er hatte sich vor allem für einen naturwissenschaftlichen Aspekt der „Aussicht“ interessiert: „Wenn der Schatten des Beobachters auf eine Nebel- oder Wolken-Schicht fällt, wird der Schatten nicht durch eine feste Fläche abgebildet, sondern durch jeden Wassertropfen des Dunstes einzeln.“ „Durch Luftbewegungen bewegt sich der Schatten, selbst wenn der Beobachter still steht. Dieses scheinbar eigene Wesen kann zudem schweben, ohne sichtbaren Kontakt zum Boden zu haben.“

Der Hexentanz auf dem Brocken – ein meteorologisches Phänomen? Seine naturwissenschaftliche Neugier hat Goethe nicht davon abgehalten, in „Faust I“ einen solchen Hexentanz auf die Bühne zu bringen. Als er 1808 sein Drama veröffentlichte, lag es noch gar nicht so lange zurück, dass „Hexen“ in einem förmlichen Prozess verurteilt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden waren; die letzte Hexenhinrichtung in Deutschland fand 1756 statt. Und für das nördliche Deutschland galt der Brocken im Harz als der Hexen- und Gespensterberg schlechthin. 1668 erschien von dem Schriftsteller Johannes Praetorius ein „Ausführlicher Geographischer Bericht von den hohen trefflich alt- und berühmten Blockes-Berge: ingleichen von der Hexenfahrt und Zauber-Sabbath, so auff solchen Berge die Unholden aus gantz Teutschland Jährlich den 1. Maij in Sanct-Walpurgis Nachte anstellen sollen“. Andere Regionen hatten ihre eigenen „Blocksberge“, auf denen man Hexenversammlungen mutmaßte, samt Ritt auf dem Besen und Teufelspakt und Hexentanz. In Italien stand der Paterno di Bologna in diesem Ruf, in Frankreich der Puy de Dôme bei Clermont-Ferrand, in Süddeutschland der Kandel bei Freiburg.

Goethes Walpurgisnacht, von
August v. Kreling, 1877
Bild: Ökumenisches Heiligenlexikon

Doch warum sollte dieser „Hexensabbat“ gerade in der Nacht vom 31. April auf den 1. Mai stattfinden? Die englische Prinzessin Walburga oder Walpurgis, die im 8. Jahrhundert als Äbtissin des fränkischen Klosters Heidenheim amtierte und am 1. Mai 870 heiliggesprochen wurde, kam zu der zweifelhaften Ehre, dem Hexentreiben ihren Namen leihen zu müssen, wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kind. Gut hundert Jahre nach Praetorius stellte „Adelungs Wörterbuch“, die große Enzyklopädie der deutschen Aufklärung, einen direkten Zusammenhang mit der germanischen Vorzeit her: „Da sich das Jahr bey den Deutschen so wohl, als den übrigen Europäischen Völkern, in den ältesten Zeiten mit dem ersten May anfing, so ist der in Ansehung der Walpurgis-Nacht bey dem großen Haufen noch herrschende Aberglaube vermuthlich ein Überrest davon, und der bey dem Jahreswechsel ehedem üblichem Gebräuche.“

Nur dass für dieses „vermutlich“ leider niemals ein Beleg beigebracht werden konnte. 1897 legte der polnische Schriftsteller Stanisław Przybyszewski eine umfangreiche Studie über „Entstehung und Kult des Hexensabbats, des Satanismus und der Schwarzen Messe“ vor. Seine Thesen werden bis heute im Internet immer und immer wiederholt: Der Hexentanz sei „eine fratzenhaft verzerrte Synthese aller orgiastischen Kulte des Altertums“, „der Orgiasmus der entfesselten Instinkte, eine allmächtige Revolte des unterjochten Fleisches, ein finsterer Hallelujaschrei des ans Kreuz genagelten Heidentums“.

Hexen im Harz zur Walpurgisnacht
Bild: Harz-Elend

Przybyszewski legte mit viel rhetorischem Aufwand eine Idee neu auf, die bereits 1753 der Braunschweiger Theologe Johann Peter Christian Decker vorgetragen hatte: Die Vorstellung von „Hexentanz und Zaubersabbath“ gehe auf die Zeit der Christianisierung zurück. „Ich behaupte, dass das Alter dieser Fabel in dem 8. und 9. Jahrhunderte nach Christi Geburt zu suchen sey, da Carl der Große die Deutschen auf eine gewaltsame Art zum christlichen Glauben zwang und bekehrete.“ 1799 fand Deckers Rekonstruktion Eingang in die große Literatur. In seiner Ballade „Die erste Walpurgisnacht" erzählte Goethe, wie die heidnischen Druidenpriester in den Anfangszeiten der Christianisierung sich mit ihren treuen Anhängern in das unzugängliche Harzgebirge zurückgezogen und dort zum Schrecken ihrer Mitmenschen die alten Bräuche weiter gepflegt hätten: „Diese dumpfen Pfaffenchristen, lasst uns keck sie überlisten! Mit dem Teufel, den sie fabeln, wollen wir sie selbst erschrecken." Durch Felix Mendelssohn-Bartholdys Musik ist die Ballade bis heute im Konzertsaal lebendig geblieben; am Ende suchen die christlichen Wächter unter furchterregendem Tremolo der Streicher das Weite.

Ob historisch mehr dahinter stand als der Brauch, den Beginn des ersten „richtigen“ Frühlingsmonats mit allerlei Schabernack zu feiern? Das Wort „Fabel“, das sowohl bei Decker als auch bei Goethe vorkommt, lässt erkennen: In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts sahen viele Intellektuelle den Glauben an Hexen bereits als „Aberglauben“, als Relikt einer zum Glück vergangenen Kulturepoche. Der Düsseldorfer Germanist Alexander Rost kam vor einigen Jahren in einer umfangreichen Arbeit über „Hexenversammlung und Walpurgisnacht in der deutschen Dichtung“ zu der These, schon Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen lasse in seinem „Simplicissimus“, 1668/69, gegenüber dem Hexenwahn seiner Zeit viel Skepsis durchscheinen. „Wie Simplicius zu den Hexen auff den Tantz gefahren“, ist ein Kapitel überschrieben. Ob man seiner Schilderung glauben soll, hat der Erzähler kunstvoll offengehalten.

Knapp hundert Jahre später veröffentlichte der Schriftsteller Johann Friedrich Löwen – er stammte aus Clausthal im Harz, nicht weit vom Brocken – ein komisches Epos „Die Walpurgis Nacht“: „Mein Lied besingt das Fest, wo die Walpurgis Nacht Den Beelzebub berühmt, den Blocksberg ewig macht ...“ Es war präzise im Jahr der letzten Hexenverbrennung in Deutschland, 1756. Doch für den Humoristen stellte der Hexenwahn eine versunkene Welt dar, die nur noch als literarisches Spiel in Betracht kam. „Der Aberglaube hat ein weites Reich“, dichtete Löwen, „Nicht nur vom Pöbel wird der Aberglaub‘ erhöht, Nein, von Gelehrten selbst, von jeder Facultät.“

Eine Szene in Löwens Gedicht könnte Goethe ein halbes Jahrhundert später die Inspiration zur bekanntesten aller Walpurgisnacht-Dichtungen gegeben haben: „Es saß dem Belzebub der Doctor Faust zur Linken, Er schenkte fleißig ein, und half ihm tapfer trinken.“ Mephisto, mit diesem Einfall fügte Goethe den Hexentanz in seine „Faust“-Dichtung ein, will Faust vom Schicksal des schwangeren Gretchen ablenken und entführt ihn ins Harzgebirge. „Die Hexen zu dem Brocken ziehn […] So geht es über Stein und Stock." Bei der folgenden  Hexenversammlung legte Goethe seiner Lust an Derbheiten keine Zügel an: "Es farzt die Hexe, es stinkt der Bock." Zum Höhepunkt der Festivität folgen alle, ganz wie die kirchlichen Theoretiker und die Ankläger in den Hexenprozessen sich den Bund der Hexen mit dem Teufel vorgestellt hatten, der Anweisung des Zeremonienmeisters: "Beliebt, dem Herrn [nämlich Satan] den hintern Teil zu küssen."

"Die Hexen zu dem Brocken ziehn ... So geht es über Stein und Stock." Bei der Hexenversammlung, die Mephisto seinem Faust (und der Dichter uns, den Zuschauern oder Lesern) vorführt, hat Goethe seiner Lust an Derbheiten keine Zügel angelegt, vielleicht war es ja ein geheimer Protest gegen die Sitten am herzoglichen Hof in Weimar: "Es  farzt die Hexe, es stinkt der Bock." Mit gutem Grund: Zum Höhepunkt der Festivität folgen alle, ganz wie die kirchlichen Theoretiker und die Ankläger in den Hexenprozessen es sich vorstellten, der Anweisung des Zeremonienmeisters: "Beliebt, dem Herrn (nämlich Satan) den hintern Teil zu küssen."

Goethes Walpurgisnacht, von
Johann Heinrich Ramberg, 1829
bild: Wikipedia

Ein Leser, der sich für Goethes eindeutige Zweideutigkeiten empfänglich zeigte, war Thomas Mann. Im „Zauberberg“ ließ er seinen Intellektuellen Settembrini anlässlich einer Karnevalsfeier im Tuberkulosesanatorium ausgiebig aus „Faust I“ rezitieren. Freilich: Alles ist in dieser „Walpurgisnacht“ des Romans ins Wohlanständige zurückgefahren, den Rest muss sich der Leser hinzudenken. Als Settembrini das Erscheinen einer Dame, die sich als „Scheuerweib“ kostümiert hat, mit dem Goethe Vers „Die alte Baubo kommt allein“ kommentiert – eine Gestalt, die bereits in der griechischen Mythologie als Personifikation des Obszönen aufgefasst wurde – verschweigt der Erzähler sogar den passenden Reim: „Sie reitet auf einem Mutterschwein.“

Das Thema „Walpurgisnacht“ scheint Goethe niemals losgelassen zu haben. 1830 schrieb er für „Faust II“ eine „Klassische Walpurgisnacht“ - die Wortkopplung spiegelt Goethes Bemühungen, die eigene Gegenwart mit all ihrem Erbe aus dem Mittelalter in das südliche Licht einer als heiter verstandenen Antike zu transformieren,  wenigstens poetisch. Mephisto allerdings, der Teufel aus dem „nordischen“ Mittelalter, der in der Szene im Harzgebirge „seinen“ Faust doch scheinbar so fest im Griff hatte, fühlt sich in der ungewohnten Umgebung sichtlich unwohl: „Die nordischen Hexen wusst ich wohl zum meistern“, doch: „Mir wird‘s nicht just mit diesen fremden Geistern.“

Lässt die Phantasie von Hexentanz und Ritt auf dem Besen, mit all der grauenhaften Erinnerung an Hexenwahn und Hexenverfolgung, uns heute los? Die „Wicca“-Bewegung, die für sich beansprucht, die Tradition einer uralten „Religion der Hexen“ fortzuführen, wird weltweit auf einige hunderttausend Anhänger geschätzt. An manchen Orten, wie zum Beispiel an den Externsteinen im Teutoburger Wald, zeigt sich bei den Walpurgisnachtfeiern aber auch ein fließender Übergang zum Rechtsextremismus. Mehr mit Ökonomie hat es wohl zu tun, wenn im Harz allerlei Orte wie der „Hexentanzplatz“ oder die „Teufelskanzel“ touristisch vermarktet werden. Vor allem am Brocken finden sich zur Walpurgisnacht Jahr für Jahr an die hunderttausend Menschen zu einem großen Spektakel ein – die germanische oder keltische Vorzeit, so wie der eine oder andere sie sich heute vorstellt, scheint wiederbelebt. Für die meisten, Einheimische wie Touristen, ist es aber wohl doch vor allem ein großer Jokus, nicht anders als 1988 der Song der „Ersten Allgemeinen Verunsicherung“: „Vorsicht Männer! Alles auf die Knie! Die Hexen kommen - stark wie nie!“


Auf dem Büchermarkt:

Alexander Rost: Hexenversammlung und Walpurgisnacht in der deutschen Dichtung,  Peter Lang, Frankfurt am Main 2015, ISBN 978-3-631-65905-2, 642 S., 111,15 €


Mehr im Internet:
scienzz artikel Rund um den Mai  
Walpurgisnacht - Wikipedia





Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

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