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30.04.2008 - ETHNOLOGIE

"Die Hexen zu dem Brocken ziehn ..."

Walpurgisnacht und Vatertag, zwischen Harz und Hellas

von Josef Tutsch

 
 

Europaradweg R1 durch den Harz

Eine Laune des Kalenders: In diesem Jahr fällt Christi Himmelfahrt auf den 1. Mai. Vatertag beginnt also, wenn die Walpurgisnacht zu Ende geht, die Herren der Schöpfung dürfen die Sau rauslassen, wenn die Damen gerade vom Hexenritt zurückgekehrt sind. Oder von dem, was anstelle eines Ritts auf dem Besen sonst praktiziert wird.

Beim Vatertag unterliegt der historische Ursprung keinem Zweifel. Ende des 19. Jahrhunderts wurde es in mitteleuropäischen Großstädten wie zum Beispiel Berlin Brauch, dass an einem sonnigen Frühlingstag die Männer gemeinsam – ohne Frauen – zu irgendeiner Kneipe in die Vorstadt hinauszogen. Sinn war die Einübung der Jüngeren in die Sitten oder Unsitten von "Männlichkeit", also gemeinsames Trinken und Rauchen und natürlich das Reden über die Weiblichkeit. Oft blieb es nicht beim Reden, der Tag mündete in einem Bordellbesuch. Als Termin bot sich Christi Himmelfahrt an, nachdem dieses Fest zum arbeitsfreien Tag geworden war.

Spielfilm von 1957

Auf die Idee, inhaltliche Bezüge zum christlichen Dogma zu suchen, wird niemand verfallen sein, anders als in Italien und Spanien, wo Vatertag am 19. März, dem Fest des heiligen Joseph, gefeiert wird. Es handelt sich dort um ein Familienfest. Vater, Mutter und Kinder spielen sozusagen die heilige Familie von Nazareth nach. Aber zurück nach Mitteleuropa. Auch an den 1. Mai hat sich allerlei Frühlingsbrauchtum angeknüpft, aber ganz sicher nicht, weil an diesem Tag das Fest der heiligen Walpurgis oder Walburga gefeiert wurde, einer englischen Prinzessin aus dem 8. Jahrhundert, die in Heidenheim auf der Schwäbischen Alb Äbtissin war. Es ist viel banaler: Der Wechsel vom April zum Mai läutet die – hoffentlich – schöne Jahreszeit ein.

Sicherlich haben diesen Anlass schon die alten Kelten und Germanen gefeiert. Seit Ende des 18. Jahrhunderts die graue Vorzeit der Länder im mittleren und nördlichen Europa Mode geworden ist, haben sich denn auch Dutzende von Volkskundlern abgemüht, für Maibaum und Walpurgisnacht vorchristliche Ursprünge dingfest zu machen. Bereits 1799 fand diese Hypothese Eingang in die große Literatur. "Die Flamme lodre durch den Rauch! Begeht den alten heil’gen Brauch", rufen die Druiden in Goethes Ballade "Die erste Walpurgisnacht".

Goethes Walpurgisnacht, von
August v. Kreling, 1877

Die Heidenpriester, so glaubten damals viele Altertumsforscher, hätten sich, "nachdem man das Christentum dem Volke aufgedrungen, mit ihren treuen Anhängern auf die unzugänglichen Gebirge des Harzes im Frühlingsanfang begeben", und dort grauslich vermummt. "Diese dumpfen Pfaffenchristen, lasst uns keck sie überlisten! Mit dem Teufel, den sie fabeln, wollen wir sie selbst erschrecken." Mit der Musik von Felix Mendelssohn-Bartholdy ist die Ballade bis heute im Konzertsaal lebendig geblieben. Am Ende suchen die christlichen Wächter unter furchterregendem Streichertremolo das Weite.

Dass dieses Spektakel gerade im Harz, genauer: auf dem Brocken oder Blocksberg, stattfinden soll, ist erst im 16. Jahrhundert aufgekommen. Damals hatte sich der Gedanke an altes heidnisches Brauchtum längst mit einer Theorie vermischt, die aus den Inquisitionsprozessen entwickelte worden war: der Hexerei. 1668 erschien die klassische Darstellung von dem Schriftsteller Johann Praetorius: "Blockes-Berges Verrichtung oder ausführlicher geographischer Bericht von den hohen trefflich alt- und berühmten Blockes-Berge: ingleichen von der Hexenfahrt und Zauber-Sabbathe, so auff solchen Berge die Unholden aus gantz Teutschland jährlich den 1. Maij in Sanct-Walpurgis-Nachte anstellen sollen".

Hexen im Harz zur Walpurgisnacht
Bild: Harz-Elend


Unnötig zu sagen, dass die Zeremonie auf dem Hexentanzplatz am Brocken heute zur Touristenattraktion geworden ist. Auch andernorts, zum Beispiel an den Externsteinen im Teutoburger Wald, versammeln sich am 30. April Tausende neuheidnischer Sinnsucher, um alte keltische oder germanische Riten wiederzubeleben. Unter Amateur-Ethnologen beliebt ist bis heute die Ableitung von einem keltischen Frühlingsfest mit dem Namen "Beltane". Es gibt jedoch nicht den kleinsten Beleg, dass solch vorchristliches Brauchtum die Jahrhunderte überlebt hätte.

1957 hat der Kinderbuchautor Otfried Preußler das Thema ins Humoristische gewendet: Eine kleine Hexe hat den sehnlichen Wunsch, am Flug auf den Blocksberg teilnehmen zu dürfen. Voraussetzung ist jedoch, dass sie zunächst eine "gute" Hexe wird. Nachdem sie sich ein Jahr lang mit vielen guten Taten abgemüht hat, erfährt sie, dass eine gute Hexe nach Auffassung des Hexenrates gerade böse sein muss. Daraus zieht sie eine unerwartete Konsequenz: Sie hext den großen Hexen das Hexen ab.

 
Goethes Walpurgisnacht, von
Johann Heinrich Ramberg, 1829
 
Mehr etwas für große Kinder ist das Zwischenspiel "Walpurgisnacht", das Goethe seiner Gretchentragödie in "Faust I" eingefügt hat – unmittelbar bevor die Nachricht kommt, dass Margarethe ihr Kind umgebracht hat und im Kerker auf die Hinrichtung wartet. Mephistopheles führt Faust auf den Blocksberg, um ihn abzulenken: "Die Hexen zu dem Brocken ziehn ... So geht es über Stein und Stock, es farzt die Hexe, es stinkt der Bock." Die Philologen haben im Text eine große Zahl zeitkritischer Anspielungen ausgemacht; in den Kommentaren findet sich aber auch manches Beispiel professoraler Hilflosigkeit gegenüber Goethes Obszönitäten. Ein Kommentator zu Mephistos Anerbieten "Fasse wacker meinen Zipfel, hier ist so ein Mittelgipfel": "Mittelgipfel: für Mittelgebirge"?

Einige allzu gewagte Verse hat Goethe vor Drucklegung wieder getilgt.  Kleine Kostprobe. Satan zu den "Böcken" gewandt: "Euch gibt es zwei Dinge so herrlich und groß, das glänzende Gold und der weibliche Schoß. Das eine verschaffet, das andre verschlingt, drum glücklich, wer beide zusammen erringt." Und zu den "Ziegen": "Für euch sind zwei Dinge von köstlichem Glanz, das leuchtende Gold und der glänzende Schwanz. Drum wisst euch ihr Weiber am Gold zu ergötzen und mehr als das Gold noch die Schwänze zu schätzen." Darauf ein Mädchen: "Ach nein! Der Herr dort spricht so gar kurios, von Gold und Schwanz, von Gold und Schoß, und alles freut sich, wie es scheint! Doch das verstehn wohl nur die Großen?"

 
Hexe küsst Satan den Hintern, Illu-
stration zu Guaccio, Compendium
Maleficarum, Mailand 1626

Zum Höhepunkt der Szene folgen alle, ganz wie die kirchlichen Theoretiker der Hexerei es sich vorstellten, der Anweisung des Zeremonienmeisters: "Beliebt, dem Herrn (nämlich Satan) den hintern Teil zu küssen." Derart drastisch geht es beim Karnevalsfest im "Zauberberg" nicht zu. Aber Thomas Mann zitiert und paraphrasiert seitenweise Goethes Vorlage aus dem "Faust", zum Vergnügen des wissenden Lesers, ohne den Dichter und sein Werk beim Namen zu nennen. Für eine Nacht verwandelt sich das Schweizer Sanatorium in das "Harzgebirg. Gegend von Schierke und Elend", wie der Literat Settembrini Goethes Ortsangabe rezitiert, indes erfahren muss, dass sein naturwissenschaftlich-technisch gebildeter Gesprächspartner damit nichts anzufangen weiß.

Goethe hat noch eine weitere "Walpurgisnacht" gedichtet, für den Zweiten Teil des "Faust". Auf der Suche nach Helena, dem mythischen Urbild der Schönheit, finden sich Faust und Mephisto auf klassischem Boden, in Griechenland, wieder. Der mittelalterliche Teufel fühlt sich in dieser Umgebung zunächst nicht recht heimisch: "Die nordischen Hexen wusst ich wohl zu meistern, mir wird’s nicht just mit diesen fremden Geistern." Aber alles eine Frage der Gewöhnung: "Hier dacht ich lauter Unbekannte und finde leider Nahverwandte; es ist ein altes Buch zu blättern: vom Harz bis Hellas immer Vettern!"

Hexenmaske vom Harz
 
Man darf es getrost so ausdrücken: Mephisto möchte in dieser "Klassischen Walpurgisnacht", in die Goethe soviel an antiker Mythologie und zeitgenössischer Naturwissenschaft eingebracht hat, die typischen Vatertagsvergnügungen absolvieren, greift immer und immer wieder "nach holden Maskenzügen". Aber seine amourösen Versuche gehen gründlich daneben, der Teufel wird immer wieder genarrt: "Die schönste hab ich mir erlesen – o weh mir! Welch ein dürrer Besen!" "Wo man sie anfasst, morsch in allen Gliedern. Man weiß, man siehts, man kann es greifen." Und dann das resignierende Fazit des armen Teufels: "Und dennoch tanzt man, wenn die Luder pfeifen!"


Mehr im Internet:
Ein Blick auf altes Brauchtum am Tag der Arbeit, scienzz 27.04.2007 
Walpurgisnacht - Wikipedia
Vor 200 Jahren erschien Goethes "Faust I", scienzz 10.04.2008




Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

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