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17.05.2008 - IDEENGESCHICHTE

Ungeduldiges Warten auf den großen Wandel

Zwischen Albert Schweitzer und Carl Schmitt - eschatologisches Denken im 20. Jahrhundert

von Josef Tutsch

 
 

Der Engel der letzten Posaune,
Bamberger Apokalypse, um 1000

Es gibt Fälle, in denen wissenschaftliche Entdeckungen, weit über die Fachgrenzen hinaus, das Weltbild ganzer Generationen erschüttert haben, etwa jene Entdeckungen, die mit den Namen Nikolaus Kopernikus, Charles Darwin, Sigmund Freund und Albert Einstein verknüpft sind. Es gibt andere Fälle, wo eine solche Erschütterung ausgeblieben ist. Zum Beispiel 1892, als der Göttinger Theologe Johannes Weiß  mit der These vor die Fachwelt trat, dass Jesus mit seiner Verkündigung keineswegs auf eine immer und überall gleich geltende Ethik hinauswollte, sondern ein aktuell bevorstehendes Ereignis im Sinn hatte, eben den Anbruch des Gottesreiches, ein Ende oder eine Verwandlung der Welt durch göttliches Eingreifen.

"Eschatologie" heißt diese Erwartung in der Fachsprache, übersetzt: Lehre von den letzten Dingen - letzte Dinge, wohlgemerkt, die, anders als wir es aus der modernen Populärkultur unter dem Stichwort "Apokalypse" kennen, positiv gewertet werden, als Erlösung. Ins Laienhafte übersetzt besagte Weiß’ These nicht mehr und nicht weniger, als dass zwei Jahrtausende christlich-abendländischer Glaubens- und Moralgeschichte auf einer historisch irrigen Grundlage aufgebaut waren – irgendwann in den ersten zwei oder drei Generationen des Christentums war die Erwartung des unmittelbar bevorstehenden Gottesreiches, da sie sich nicht erfüllen wollte, verdrängt worden, Man sollte vermuten, dass kirchliche Predigt und religiöses Alltagsbewusstsein von dieser Korrektur des gängigen Geschichtsbildes nachhaltig verunsichert worden wären. Aber dergleichen ist nicht geschehen, auch nicht, als wenige Jahre später Albert Schweitzer Weiß’ Angriff gegen die herrschende Theologie wiederholte und noch eins drauf setzte: Jesus habe sich offenkundig geirrt, der historische Jesus sei mithin eine uns ganz und gar fremde Gestalt.

Albert Schweitzer, 1875-1965
Bild: ASS Albershausen

Das Erdbeben, das Schweitzer selbst vermutlich erwartet hatte, ist ausgeblieben. Resonanz fand Weiß’ und Schweitzers Entdeckung dennoch, nicht nur in der akademischen Theologie, sondern auch in benachbarten Disziplinen bis hinein in die politische Theorie – Theorie in einer Epoche der großen politischen Katastrophen. Bernd Elmar Koziel, katholischer Theologe an den Universitäten Innsbruck und Bamberg, hat jetzt in seiner Habilitationsschrift einige dieser Wirkungen aufgearbeitet. "Apokalyptische Eschatologie als Zentrum der Botschaft Jesu und der frühen Christen" ist die Studie überschrieben, mit einem Fragezeichen dahinter. Ein reichlich irreführender Titel – es geht nicht um Exegese des Neuen Testaments (schon gar nicht um die Frage nach der Triftigkeit von Weiß’ und Schweitzers These), sondern um Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts. Und damit handelt es sich auch nur partiell um eine theologische, mindestens ebenso sehr um eine kulturphilosophische Arbeit.

Aber natürlich wurde das Thema zunächst innerhalb der Theologie als Herausforderung wahrgenommen. Schweitzer selbst hat sich nach seinen großen Arbeiten zum Neuen Testament bekanntlich einer Ethik der "Ehrfurcht vor dem Leben" zugewandt, die nicht biblisch begründet war und erst recht mit Eschatologie nichts zu tun hatte. Mit dieser uneschatologischen Konsequenz konnte und wollte sich die Mehrzahl seiner Theologenkollegen nicht zufrieden geben. Den prominentesten Versuch einer alternativen Lösung legte in den 1940er und 1950er Jahren Rudolf Bultmann vor.

Weltgericht, aus dem Stun-
denbuch der Brüder von
Limburg, um 1415

"Es bedarf keines Wortes, dass sich Jesus in der Erwartung des nahen Weltendes getäuscht hat" – ein Irrtum, der sich in der Erwartung der nachösterlichen Gemeinde auf eine nah bevorstehende Wiederkunft Christi wiederholte. Einen Ausweg sah Bultmann in einer "existentialen" Interpretation, angelehnt an Martin Heideggers Existenzphilosophie. Eben das sei "der eschatologische Sinn des historischen Geschehens, dass es als Heilsgeschehen nicht das in der Erinnerung reproduzierte Geschehen der Jahre 1 bis 30 ist, sondern dass das, was in den Jahren 1 bis 30 geschah, als Gottes Handeln kein Ende hat (also nicht geschehen ist), vielmehr allem historischen Geschehen eine Ende setzt und als das Ende alles historischen Geschehens jeweils präsent ist im verkündigenden Wort."

Dass dieses heideggerisierende Pathos Bultmanns uns ein halbes Jahrhundert später schon wieder sehr fremd geworden ist, bedarf keiner Erläuterung. Historisch wichtig scheint eine Kritik, die Koziel von dem Bultmann-Schüler Ernst Käsemann aus den 1960er Jahren anführt: Indem die Eschatologie existential in eine geschichtslose "Stetserwartung" umgedeutet wurde, blendete Bultmanns moderne Interpretation gerade das aus, was in der Perspektive Jesu und seiner Jünger das Entscheidende gewesen sein muss, den einmaligen, einzigartigen Augenblick. Zurück zum 20. Jahrhundert. Bultmann hat sich während des Dritten Reichs bekanntlich der Bekennenden Kirche angeschlossen. Koziel scheut sich nicht, einen politisch ganz anders engagierten Denker daneben zu stellen, einen Lobredner des nationalsozialistischen Regimes, Carl Schmitt.

Rudolf Bultmann (1884-1976)
Bild: Universität Regensburg

In der öffentlichen Rezeption sind Schmitts Versuche zur Religionsphilosophie gegenüber seinen staatsrechtlichen Studien oft nicht recht ernst genommen worden. Schmitt selbst sah es wohl umgekehrt. Er wollte die Eschatologie ernst nehmen, ernster als er es bei vielen Theologen beobachten konnte. Daraus ergab sich freilich das Problem, wie die Welt dennoch weiterlaufen konnte, wie Politik als relativ eigenständige Größe möglich sein sollte. Die Lösung suchte er in einer schwer deutbaren Paulusstelle: "Nun wisst ihr, was im Wege steht ... Das Geheimnis der Gesetzlosigkeit ist schon am Werk, nur muss der im Wege Stehende noch weggeräumt werden."  Dieser Begriff des "Verzögerers" als einer "Kraft, die das Ende aufhält und den Bösen niederhält", sei für ihn die einzige Möglichkeit, "Geschichte zu verstehen und sinnvoll zu finden", so Schmitt.

Der "Böse" – das war der Antichrist; auf diesem Umweg brachte Schmitt alle späteren Endzeitvorstellungen des Christentums in die neutestamentliche Eschatologie hinein. Und der "Verzögerer" war in Schmitts Sicht die staatliche Autorität, in letzter Konsequenz: die Diktatur. Der Staatsrechtler muss sehr enttäuscht gewesen sein, für seine Bibelinterpretation – und für die daraus legitimierte politische Theorie – keinen Beifall zu finden. Schmitt über die zitierte Paulusstelle: "Die Theologen von heute wissen es nicht mehr und wollen es im Grunde auch nicht wissen."

Albrecht Dürer: Die vier apoka-
lyptischen Reiter, Holzschnitt,
1496

Repräsentativ für den theologischen Umgang mit dem Thema Eschatologie in der Mitte des 20. Jahrhunderts ist vielleicht eine Argumentation, wie man sie bei dem Neutestamentler Oscar Cullmann findet. In Koziels Zusammenfassung: "Es herrscht schon Endzeit und doch noch nicht, so sind die Mächte und Gewalten, der eigentliche Gegner Christi, schon unterworfen und müssen doch noch endgültig vernichtet werden." Ein Paradoxon, streng logisch nur schwer aufzulösen. "Hier zeigen sich wohl die Grenzen einer Systematisierung biblischer Aussagen", schreibt auch Koziel in einer Fußnote, es klingt ein wenig resignierend.

Die Schwierigkeiten werden nicht geringer, wenn die neutestamentliche Eschatologie, wie es in den 1960ern und 1970ern Mode war, für eine im Vergleich zu Schmitt gegenläufige, nämlich fortschrittliche "politische Theologie" genutzt werden soll. Aber hier bietet der historische Befund zweifellos eine unüberwindbare Grenze jeder Politisierung des Christentums, soweit es sich auf die Bibel berufen will: Von Jesus und seinen Zeitgenossen war als Herr des apokalyptisch-eschatologischen Geschehens Gott gedacht und nicht der Mensch. Während die Theologen nicht umhin konnten, das Thema Eschatologie positiv zu behandeln, öffneten sich für Philosophen auch andere Möglichkeiten. Koziel führt Karl Löwith an, durch dessen Schriften sich eine tiefe Skepsis gegenüber allem eschatologischen Denken hindurchzieht – in seinen modernen, säkularisierten Erscheinungsformen, die im Fall Carl Schmitt in die Nähe des Nationalsozialismus geraten waren, aber auch schon in seinem jüdisch-christlichen Ursprung.

Carl Schmitt (1888-1985)
Bild: pll

"Die Griechen waren bescheidener", schrieb Löwith, "sie maßten sich nicht an, den letzten Sinn der Weltgeschichte zu ergründen." Demzufolge plädierte Löwith für einen Abbau der überzogenen Sinnerwartungen, die erst das Christentum heraufbeschworen habe. Und er scheute nicht vor der Konsequenz zurück, der Albert Schweitzer noch ausgewichen war: Schon wegen seiner eschatologischen Implikationen könne der christliche Glaube für die Gegenwart nichts austragen. Ähnlich hat sich auch Löwiths jüngerer Kollege Hans Blumenberg als nachchristlichen Denker verstanden, als einen Quasi-Polytheisten, der Schmitts eschatologisch aufgeladene im Kult der Entscheidung die Idee der Gewaltenteilung entgegensetzte.

Dass solche Verabschiedung der Eschatologie auch in der jüngsten Vergangenheit nicht als zwingend empfunden wird, zeigt Koziel am Beispiel des jüdischen Religionsphilosophen Jacob Taubes, der sich selbst gern als "Apokalyptiker" apostrophiert hat. Gerade vor dem Hintergrund jüdischer Katastrophenerfahrung im 20. Jahrhundert wollte Taubes am Gedanken einer transhistorischen Erlösung festhalten. Zugleich machte Taubes jedoch das Bild eschatologischer Heilsgemeinschaft als ein immer wiederkehrendes Movens abendländischen Geschichtshandelns aus: "Jede neue bedeutsame Version der messianischen Hoffnung hat neue Formen menschlicher Gemeinschaft geschaffen, die dem Gewebe sozialer Institutionen Dauer und Halt verleihen."

Michelangelo: Jüngstes Gericht
(Ausschnitt). Sixtinische Ka-
pelle in Rom, um 1540

Taubes’ Geschichtsanalyse hat im Ergebnis eine überraschende Ähnlichkeit mit Bultmanns existentialer Interpretation: Die Eschatologie wird ihrer Einmaligkeit entkleidet und ist auf Dauer gestellt, damit im Grunde auch enteschatologisiert. Wahrscheinlich ist eine solche Umdeutung nicht zu vermeiden, wenn man das biblische Motiv positiv aufnehmen und es nicht (wie Löwith) kritisieren oder auch bloß (wie Schweitzer) beiseite schieben will. Wie mögen die frühen Christen der ersten ein oder zwei Generationen damit zurecht gekommen sein, dass der verheißene Wandel sich nicht einstellen wollte? Anscheinend hat es eine große Krise des Glaubens damals ebenso wenig gegeben wie nach der Wiederentdeckung der Eschatologie um 1900.

Und ob sich mal jemand mit der Frage befasst hat, wie Pfarrer in der Sonntagspredigt und Religionslehrer im Schulunterricht mit Weiß’ und Schweitzers Entdeckung zurechtgekommen sind? Warum die große Erschütterung ausgeblieben ist, lässt sich leicht vermuten: Theologische Fragen konnten damals schon kein allgemeines Kulturinteresse mehr beanspruchen; die Spannung zwischen "noch nicht" und "doch schon" hatte sich längst auf das Feld des Politischen und Sozialen verschoben, in den Bereich menschlicher Autonomie. Aber der Stachel selbst ist geblieben – "I have no spiritual investment in the world as it is", hat Taubes ihn gelegentlich formuliert.

Karl Löwith (1897-1973)
Bild: Phenomenology Center



Und wenn man sich im Rahmen christlicher Theologie halten will, ist damit auch ein Konfliktpunkt mit dem Judentum geblieben, wenngleich Koziel beteuert, christliche Theologie dürfe "nicht auf Kosten Israels getrieben" werden. Das "Christusereignis" sei "nur in essentieller Anknüpfung an die Geschichte Israels" zu verstehen, betont Koziel immer wieder. Andererseits: Gerade diese "Anknüpfung" muss christlicherseits offenbar bedeuten, dass die alttestamentlichen Hoffnungen mit Christus bereits erfüllt seien. Die Hochschätzung des Dialogs mit dem Judentum führe inzwischen nicht selten zu einer "Infragestellung der Messianität Jesu", warnt Koziel. Soll sagen: zur Selbstaufhebung des Christentums.


Neu auf dem Büchermarkt:
Bernd Elmar Koziel: Apokalyptische Eschatologie als Zentrum der Botschaft Jesu und der frühen Christen? Ein Diskurs zwischen Exegese, Kulturphilosophie und Systematischer Theologie über die bleibende Bedeutung einer neuzeitlichen Denklinie,
Peter Lang, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-631-56735-7, 123,20 €


Mehr im Internet:
Eschatologie - Wikipedia
Was man über das Leben Jesu wissen kann, scienzz 20.03.2008
Endzeiterwartungen - bis zur amerikanischen Politik, scienzz 21.06.2007







Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

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