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21.05.2008 - KULTURWISSENSCHAFT

Im Schatten der Aufklärung

Die Erfolgsgeschichte des Okkulten - von Gutenberg bis zum World Wide Web

von Josef Tutsch

 
 

Wenn das Unsichtbare sichtbar
gemacht wird ...

Im Juli 1978 saßen in einer Dorfkneipe in der englischen Grafschaft Wiltshire zwei kauzige Künstler beisammen. Der eine erzählte von seinem Aufenthalt in Australien Mitte der 1960er Jahre, damals hatten die Zeitung von einer fliegenden Untertasse im Norden der Provinz Queensland berichtet. Tatsächlich war in den Sümpfen eine kreisrunde Fläche zu sehen, Durchmesser dreißig Fuß, auf der das Gras im Uhrzeigersinn flach auf dem Boden lag – ein Landeplatz der Außerirdischen?

Wahrscheinlich wurde in jener Dorfkneipe reichlich viel Bier konsumiert. Vielleicht standen die beiden auch unter dem Eindruck von Kinoerlebnissen, im Jahr zuvor war der Film "Krieg der Sterne" herausgekommen. Jedenfalls beschlossen sie, auch England brauche seine "Kornkreise". In einer der folgenden Nächte legten sie in einem nahegelegenen Weizenfeld einen solchen "Landeplatz" an. Als sich die beiden Kauze dreizehn Jahre später zu ihrer Urheberschaft bekannten, war es längst zu spät. Die "crop circles", vor allem in Südengland, waren zu einer der erfolgreichsten Phantasmagorien des späten 20. Jahrhunderts avanciert. Allein in englischer Sprache finden die Suchmaschinen im Internet für dieses Stichwort heute fast 700.000 Seiten. Da hilft auch nichts, dass Skeptiker in aller Öffentlichkeit immer wieder mal demonstrieren, wie sich solche Kreise mit einfachen Hilfsmitteln, nämlich Stock und Schnur, hervorbringen lassen.

Der Magier Henri Robin mit einem
Gespenst, Werbephotographie von
1863 - Bild: G. Lévy

Offensichtlich ist der Glaube an Okkultes heutzutage, in unserer "aufgeklärten" Gesellschaft, so lebendig wie eh und je. Womöglich sogar lebendiger als in voraufgeklärten Zeiten? Sabine Doering-Manteuffel, Professorin für Europäische Ethnologie an der Universität Augsburg, spricht von einer "Erfolgsgeschichte des Okkulten im Schatten der Aufklärung", vorläufiger Höhepunkt: das World Wide Web. Es gibt da nichts, was es nicht gibt. Doering-Manteufell nennt eine Frau, die einen Schutzengel in Hundsgestalt hat, eine andere, die ihren Großvater über den Äckern kreisen sieht. Jemand sucht Expertenrat, wie er die UFOs in seinem Garten wieder loswird, jemand anders wirbt dafür, die Erde durch Energiebündelung aus der 4. in die 5. Dimension zu transformieren. Eine magische Kristallkugel wird für 149 Euro angeboten, Hexenkerzen (rot für Liebeszauber, schwarz für Schadenszauber) kosten nur 9,90 Euro, zuzüglich Versandkosten von 3 Euro.

Was hat sich mit dem Internet geändert gegenüber dem Bücher- und Zeitschriftenmarkt, wie wir ihn seit Gutenberg gewohnt sind? Die Augsburger Forscherin führt drei Tendenzen an. Da ist erstens die prinzipielle Gleichheit aller Nutzer, wie sie ganz offiziell von der Internetenzyklopädie Wikipedia kultiviert wird, mit dem Ideal einer herrschaftsfreien community. "Frei" heißt allerdings, wie Doering-Manteuffel anmerkt, "oft genug Laie oder Enthusiast". Dass der Zugang zu dieser neuen Form von Öffentlichkeit nicht durch politische Macht oder sozialen Status oder akademische Abschlüsse beschränkt wird, lässt sich als Fortschritt verbuchen – aber das Nebenergebnis lautet, dass auch Rationalität nicht als Filter funktioniert.

Alchemistenwerkstatt, von Jan
van der Straet, 1570
Bild: Florenz, Palazzo Vecchio

Da ist zweitens die ungeheure Beschleunigung der Wissensproduktion. Die Druckschriften sind – oder waren – ein technisch langsames Medium, wer sich mit einem Beitrag einschalten wollte, musste Geduld haben. Solche Geduld ist dem Internet fremd. Informationen haben nicht etwa deshalb Bestand, weil sie sich als argumentativ begründet herausstellen, sondern weil sie von der community, sei es auch nur vorübergehend, als Mode, akzeptiert werden. Und drittens die Anonymität: "Die Verschlüsselung der Klarnamen löst Hemmungen, da sich niemand mehr direkt dem Vorwurf ausgesetzt sieht, unvernünftige Dinge zu verbreiten. Man kann alles sagen und findet für alles Verständnis" – für UFOs im Garten und fliegende Großväter, was auch immer. Und natürlich findet man auch Kunden für teure Kristallkugeln wie für preiswerte Hexenkerzen.

Ganz neu sind solche Trends, wie sie heute im Zeichen des Internets Konjunktur haben, freilich nicht. Bereits für die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts – die Zeit der "Aufklärung" par excellence –, berichtet Doering-Manteuffel, lässt sich feststellen, "dass Zauberbücher und populäre Ratgeber über Wahrsagerei und Geisterbeschwörung" einen rapiden Aufschwung nahmen. Eine Leipziger Publikation von 1737 interessierte sich zum Beispiel brennend für die Frage, wie manan die schwarz-weiße Krone vom Froschkönig herankommt. Bezeichnend, dass auch damals solche Schriften oft anonym herauskamen. "Es würde sehr überflüssig sein, diesen Schnickschnack zu widerlegen; denn das ist längstens geschehen", seufzte ein aufklärerischer Traktat aus dem späten 18. Jahrhundert – es könnte ein aktueller Kommentar über weite Teile des Internets sein.

Das spiritistische Medium
Eusapia Palladino, 1893
Bild: Baldi

Kurz nach 1800 brachte ein sächsischer Advokat eine satirische "Abschiedsrede" des Teufels "an die Hexenversammlung auf dem Blocksberge" heraus. Er wolle auf eine neue Profession umsatteln, kündigte der Teufel darin an, in Zukunft schreibe er in den Gazetten und Modejournalen, den Theaterstücken und Gelegenheitsdichtungen. Der Verfasser wollte nicht etwa zurück hinter die allgemeine Lesefähigkeit oder die Erfindung des Buchdrucks. Aber es war in der Tat ein "Abschied" – nämlich von einer aufklärerischen Illusion. Doering-Manteuffel: "Die lesende Gesellschaft nahm begierig allen Unsinn auf, den ihr der Buchmarkt zu bieten hatte."

Nur zwei Beispiele. 1726 brachte eine Dienstmagd bei London, unter Zeugenschaft eines Geburtshelfers und Wundarztes, siebzehn Kaninchen zur Welt. Schulmediziner entlarvten den Vorgang bald als Betrug; aber jahrelang waren die Zeitungen voll davon. Der Kupferstecher William Hogarth machte sich in einem seiner Blätter über die Sache lustig; aber es wird ausgerechnet diese Satire gewesen sein, die jener Mary Toft im 20. Jahrhundert zu neuer Berühmtheit verholfen hat. Oder die Kornkreise. Sie sind keineswegs eine Neuerung unserer Zeit. Ein englisches Flugblatt von 1678 zeigt einen mähenden Teufel, der ein Kornfeld kreisförmig niedergelegt hat. Sogar die Herkunft des Motivs lässt sich klären. In der moralischen Exempelliteratur damals wurde reichen Farmern, die keinen "gerechten" Arbeitslohn zahlen wollten, gern damit gedroht, der Teufel persönlich werde ihr Feld mähen.

Die Kaninchengeburt der Mary Toft,
Kupferstich von William Hogarth, 1726
Bild: OldBaily

Weit davon entfernt, dem Okkultismus den Garaus zu machen, hat der technische Fortschritt ihn oft noch gefördert. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, berichtet Doering-Manteuffel, waren Gespenster ein beliebtes Motiv der Photographie, das an sich Unsichtbare wurde sichtbar gemacht. Die westliche Wissenschaft, lehrte etwa Helena Petrowna Blavatsky, die Begründerin der Theosophie, habe durch ihren Materialismus den Kontakt zu verborgenen Kräften und unsichtbaren Mächten verloren; sie setzte die innere Einsicht gegen das geschulte Spezialistentum der akademischen Wissenschaft. Wenn die technischen Errungenschaften dieser Wissenschaft brauchbar schienen, waren sie als Hilfsmittel dennoch willkommen.

So sind denn auch Internet und Hexerei heute kein Widerspruch. Ob es vielleicht gerade die schwer fassbare Immaterialität der Datenübertragung ist, die Esoteriker und Okkultisten im Internet so etwas wie einen direkten "Jenseitsanschluss" suchen lässt? Versuchen wir mal ein Gedankenspiel: Ein von der modernen Zivilisation abgeschnittener Volksstamm, rationalistisch in der Denkweise, aber technisch wenig fortgeschritten, macht plötzlich mit Computer und Internet Bekanntschaft. Der Eindruck müsste zunächst einmal höchst "okkult" sein.

Der mähende Teufel, englische
Flugschrift von 1678

Offenbar ist die Unterscheidung zwischen Sinn und Unsinn, Okkultismus und Aufklärung gar nicht so selbstverständlich. Auch das aufklärerische Weltbild, darf man unterstellen, mit dem die Ethnologin Doering-Manteuffel das Phänomen des Okkultismus unter die Lupe nimmt, ist nicht natürlich vorgegeben, es ist individuell und historisch gewachsen. Individuell durch Sozialisation in ein technisch-naturwissenschaftlich geprägtes Alltagsbewusstsein, das sich nicht andauernd überprüfen lässt (mit Methoden der eigenen Spezialdisziplin ohnehin nicht), historisch durch komplexe Prozesse, in denen sich zum Beispiel die wissenschaftliche Chemie aus der Alchemie, die Astronomie aus der Astrologie differenziert hat.

Zurück zum Internet. Die Cyberworld sei "eine okkulte Parallelwelt", sie sei "in ihrer Ganzheit okkult", befürchtet Doering-Manteuffel. Ihre Begründung: In diesem wildwüchsigen Sammelsurium von unüberprüften und ungesicherten Informationen habe Irrationales und Okkultes einen Startvorteil, sei im Zweifelsfall schneller. Darin liegt, wie ein paar Proben über die Suchmaschinen zeigen, viel Wahrheit. Und dennoch ist es ein wenig schief. Denn den angemessenen Vergleich zu einigen hunderttausend Belegen für Kornkreise und UFOs, Hexen und Werwölfe kann natürlich nicht der beißende Spott eines Georg Christoph Lichtenberg über die Londoner Kaninchen abgeben (sie erblickten "das Licht der Welt im vollen Galopp", "wie auf Subskription", schrieb der Göttinger Physiker), sondern eher schon das populäre Schrifttum, wie Doering-Manteuffel selbst es analysiert hat.

Der ,mähende Teufel, Detail

Und noch passender zum Vergleich wäre sicherlich die mündliche Kommunikation. Der Unterschied unseres Internetzeitalters gegenüber früheren Epochen liegt eher darin, dass leicht Dahingesagtes mit ein paar Tastenklicks heutzutage in Bruchteilen einer Sekunde um die Welt gehen kann. Doering-Manteufells Feststellung, der Okkultismus sei der Schatten der Aufklärung, ist zu ergänzen: Er ist auch der Schatten einer egalitären Kultur.



Mehr im Internet:

Sabine Doering-Manteuffel: Das Okkulte. Eine Erfolgsgeschichte im Schatten der Aufklärung. Von Gutenberg bis zum World Wide Web,
Siedler Verlag, München 2008, ISBN 978-3-88680-888-5, 24,95 €



Mehr im Internet:

Okkultismus - Wikipedia   
scienzz artikel Magie





Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

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