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22.05.2008 - KOMMUNIKATION

"Für die Bekehrung der Juden"

Eklat auf dem Katholikentag in Osnabrück - der Dialog mit dem Judentum ist gefährdet

von Josef Tutsch

 
 

"Synagoge" als Verkörperung
des Judentums im Bamberger
Dom, um 1235
Bild: hochmittelalter.de

Was ist geschehen? Papst Benedikt XVI. hat einige Worte in der Karfreitagsliturgie geändert. Eine der vielen Fürbitten, die dem Verlesen der Passionsgeschichte folgen, darf nunmehr, neben der Version, die Papst Paul VI. 1970 nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil festgelegt hat, auch in folgendem Wortlaut gesprochen werden: "Lasst uns auch beten für die Juden, auf dass Gott, unser Herr, ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus als den Retter aller Menschen erkennen." Seitdem hagelt es Proteste, führende Vertreter des Judentums sehen dem Dialog mit der katholischen Kirche die Basis entzogen und haben ihre Teilnahme am Katholikentag in Osnabrück abgesagt, auch manche Katholiken bekunden ihr Unbehagen.

Die Aufregung ist nur verständlich, wenn man die Version daneben hält, die bis 1959 gebetet wurde: "Lasset uns auch beten für die treulosen Juden: Gott, unser Herr, möge den Schleier von ihren Herzen wegnehmen, auf dass auch sie unseren Herrn Jesus Christus erkennen." "Für die treulosen Juden", im lateinischen Original "pro perfidis Judaeis" – das meinte zunächst einmal "ungläubig"; in christlicher Sicht hatte das auserwählte Volk der Juden  nicht erkannt - dieses  Motiv zieht sich durch alle Schriften des Neuen Testaments hindurch –, dass in Jesus der ihm verheißene Messias gekommen war.

Nicht erkennen können oder nicht erkennen wollen, beides wurde Jahrhunderte lang nicht auseinandergehalten. Bereits im vorchristlichen Latein hieß "fides" nicht nur Glauben, sondern auch Glaubwürdigkeit, Vertrauen, Treue, Kredit. In der christlichen Sicht auf das Judentum verschwamm "ungläubig" als Feststellung einer religiösen Differenz mit abwertenden Urteilen wie verstockt, verräterisch, heuchlerisch, bösartig, mit dem Fremdwort: "perfide".

Triumphierende "Ecclesia" im
Straßburger Münster, um 1230
Bild: zum.de
Nachvollziehbar, dass Papst Johannes XXIII. dieses Wort 1959 gestrichen hat. Damals erst scheint im Vatikan bewusst geworden zu sein, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Wendung des Christentums gegen seine Ursprünge im Judentum einerseits und dem modernen, rassistisch begründeten Antisemitismus, bis hin zum Holocaust, andererseits, vermittelt nicht zuletzt über solche kollektiven Urteile wie "perfide".

Mit der großen Liturgiereform nach dem 2. Vatikanum wurde 1970 ein revidierter Text eingeführt: "Lasst uns auch beten für die Juden, zu denen Gott, unser Herr, zuerst gesprochen hat: Er bewahre sie in der Treue zu seinem Bund und in der Liebe zu seinem Namen, damit sie das Ziel erreichen, zu dem sein Ratschluss sie führen will." "Er bewahre sie in der Treue ..." Diese Formulierung ging hart an eine Grenze, nämlich an die Grenze eines Konflikts mit den eigenen Grundlagen im Neuen Testament. "Kreuzige, kreuzige ihn!", lassen die Evangelien "die Juden" rufen und: "Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!"

Systematisch hatte sich das Konzil in einer Erklärung "über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen" zu dieser Frage geäußert, man merkt dem Text an, dass die Verfasser mit sich gerungen haben. "Ein großer Teil der Juden hat das Evangelium nicht angenommen, ja nicht wenige haben sich seiner Ausbreitung widersetzt. Nichtsdestoweniger sind die Juden immer noch von Gott geliebt um der Väter willen."

Juden mit Spitzhut,
13. Jahrhundert
Die reformierte Karfreitagsliturgie von 1970 formulierte diese katholische Perspektive auf die Zukunft des auserwählten Volkes mit großer Vorsicht auch im zweiten Satz der Fürbitten: "Allmächtiger, ewiger Gott, du hast Abraham und seinen Kindern deine Verheißung gegeben. Erhöre das Gebet deiner Kirche für das Volk, das du als erstes zu deinem Eigentum erwählt hast: Gib, dass es zur Fülle der Erlösung gelangt. Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn. Amen."

Was jetzt Papst Benedikt vorgelegt hat, unterscheidet sich hiervon auf den ersten Blick gar nicht so sehr: "Allmächtiger ewiger Gott, der du willst, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen, gewähre gnädig, dass beim Eintritt der Fülle der Völker in deine Kirche ganz Israel gerettet wird." Bei näherem Zusehen wird jedoch die Voraussetzung deutlicher, das Israel noch nicht zu dieser "Erkenntnis der Wahrheit" gelangt sei.  Noch deutlicher wird das Konfliktpotential in der Überschrift, die der Papst – darf man sagen: in professoraler Naivität? – aus dem alten Messbuch übernommen hat: "Für die Bekehrung der Juden".

Es ist sehr fraglich, ob sich dieser Konflikt überhaupt auflösen lässt. In der Euphorie des interreligiösen Dialogs, die dem Zweiten Vatikanum folgte, wurde oft übersehen, dass die katholische Kirche niemals von ihrem universalen Anspruch und von ihrer universalen Missionsaufgabe Abschied nehmen wollte. Und von ihrem Selbstverständnis her auch gar nicht Abschied nehmen konnte. "Die einzige wahre Religion, so glauben wir", heißt es in dem zitierten Dokument über das Verhältnis zu anderen Religionen, "ist verwirklicht in der katholischen, apostolischen Kirche, die von Jesus dem Herrn den Auftrag erhalten hat, sie unter allen Menschen zu verbreiten."

  
Matthias Grünewald, Kreuzigung
vom Isenheimer Altar, um 1510
Bild: Colmar, Unterlinden-Museum
Einerseits: Die Aufgabe der Kirche sei es, "das Kreuz Christi als Zeichen der universalen Liebe Gottes und als Quelle aller Gnaden zu verkünden". Andererseits: Die katholische Kirche lehne nichts von dem ab, was in anderen Religionen "wahr und heilig" sei. Ein Zugeständnis, das den Konzilsvätern gar nicht so schwer gefallen sein wird. In der katholischen Kirche wird seit jeher die Tradition einer "natürlichen Theologie", einer Gotteserkenntnis aus menschlicher Vernunft, gepflegt: "Von den ältesten Zeiten bis zu unseren Tagen findet sich bei den verschiedenen Völkern eine gewisse Wahrnehmung jener verborgenen Macht, die dem Lauf der Welt und den Ereignissen des menschlichen Lebens gegenwärtig ist."

Mit dem Judentum habe das Christentum darüber hinaus ein "geistliches Erbe" gemeinsam, will sagen: die Offenbarung des Alten Testaments. Die Auseinandersetzung mit dem Judentum ist sozusagen ein "Familienstreit", mit all jener Bösartigkeit, die gerade Streitigkeiten in der Familie eignet. Der zweite Satz in den Fürbitten "für die Bekehrung der Juden", wie er bis 1959 gebetet wurde: "Allmächtiger ewiger Gott, du schließest sogar die treulosen Juden von deiner Erbarmung nicht aus; erhöre unsere Gebete, die wir ob der Verblendung jenes Volkes vor dich bringen: Möchten sie das Licht deiner Wahrheit, welches Christus ist, erkennen und ihrer Finsternis entrissen werden. Durch ihn, unseren Herrn."

In den alten Ausgaben des Römischen Messbuchs ist vor diesem Passus als Regieanweisung zu lesen: "Hier unterlässt der Diakon die Aufforderung zur Kniebeugung, um nicht das Andenken an die Schmach zu erneuern, mit der die Juden um diese Stunde den Heiland durch Kniebeugungen verhöhnten." Eine sehr merkwürdige Auswertung, um nicht zu sagen Verfälschung des Neuen Testaments. Dem Bericht der Evangelien zufolge waren es nicht die Juden, sondern die römischen Soldaten, die vor Jesus das Knie beugten und ihm zum Spott huldigten.

2. Vatikanisches Konzil
Bild: P. Geymayer
Aber die Sicht bereits der Evangelisten ist eindeutig: Jesus musste sterben, weil das Volk Israel ihn nicht erkannt hatte. So folgen denn auch in der Karfreitagsliturgie seit dem Mittelalter auf die Fürbitten die Vorwürfe des gekreuzigten Gottes: "Mein Volk, was hab ich dir getan? Womit betrübt’ ich dich? Antworte mir! Weil ich dich aus dem Lande Ägypten geführt, hältst du das Kreuz bereit für deinen Heiland." Es wäre nicht weiter schwierig, im Neuen Testament Stellen zu finden, die sich weit schärfer gegen das Judentum wenden als jene Passage "für die Bekehrung der Juden" in den Fürbitten am Karfreitag.

Zum Beispiel das Gleichnis vom Gastmahl, mit dem das Lukasevangelium die Mission unter den Heiden begründet. "Ein Mann bereitete ein großes Gastmahl und lud viele dazu ein. Als die Stunde des Mahles nahte, sandte er seinen Knecht aus und ließ den Geladenen sagen, sie möchten kommen, es sei alles bereit. Da fingen alle an, sich zu entschuldigen ..." Die Folgerung, die der Herr in seinem neuen Befehl an den Knecht zieht: "Geh hinaus an die Wege und Zäune und nötige die Leute, hereinzukommen, damit mein Haus voll werde. Ich sage euch aber, keiner von den Männern, die geladen waren, wird von meinem Mahle kosten."

"Keiner von den Männern ..." Daneben wirkt selbst der Text der Fürbitten, wie er vor Johannes XXIII. gebetet wurde, entgegenkommend: "Du schließest sogar die treulosen Juden von deiner Erbarmung nicht aus." Freilich – Papst Benedikt XVI. hätte sich das zerschlagene Porzellan ersparen können, wenn er für die wieder zugelassene lateinische Messe ganz einfach den Text übernommen hätte, den sein Vorgänger Paul VI. 1970 über die Juden und das Judentum formulierte: "Er bewahre sie in der Treue zu seinem Bund", "gib, dass es zur Fülle der Erlösung gelangt".

Warum Benedikt XVI. nicht diesen diplomatischen Weg gewählt hat, bleibt sein Geheimnis. Vielleicht meinte er, Voraussetzung für einen ehrlichen Dialog sei, dass die Unterschiede und Gegensätze zunächst einmal offen ausgesprochen werden.


Mehr im Internet:
Oremus pro perfidis judaeis - Wikipedia
scienzz artikel Dialog der Relilgionen





Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

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