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30.05.2008 - ALTERTUMSWISSENSCHAFT

Wie eine Rose anzuschauen

Die Hetären im griechischen und römischen Altertum

von Josef Tutsch

 
 

Aphrodite von Knidos, nach
Praxiteles (um 350 v. Chr.).
Modell soll die Hetäre
Phryne gestanden haben
Bild: Sammlung Ludovisi

Kann man sich so etwas vorstellen? Die Statue einer Frau, die ihr Geld mit der Liebe verdient hat, vor dem Buckingham Palace in London, gleich neben Queen Victoria? Oder auf dem Vorplatz von Notre-Dame in Paris? Soweit ist die sexuelle Revolution bislang noch nicht gegangen. Im alten Griechenland war es aber problemlos möglich. Als der Reiseschriftsteller Pausanias im 2. Jahrhundert nach Christus Delphi besuchte, fand er unmittelbar vor dem großen Apollontempel, zwischen den Standbildern von zwei makedonischen Königen, eine vergoldete Frauenstatue. "Phryne, Tochter des Epikles, die Thespierin", war als Inschrift zu lesen.

Phryne selbst hatte diese Statue ein halbes Jahrtausend zuvor aufstellen lassen. Es handelte sich, wie Pausanias in seinem "Baedeker" vermerkte, um ein Werk des berühmten Künstlers Praxiteles. Phryne war von Beruf Hetäre – ein Lebensentwurf, für den unserer Sprache der rechte Begriff fehlt; sie hatte Geld, viel Geld, gegen Liebesdienste getauscht, galt bei ihren Zeitgenossen aber keineswegs als gewöhnliche Prostituierte.  Wolfgang Schuller, Althistoriker an der Universität Konstanz, hat das Hetärenwesen der griechischen und römischen Welt unter die Lupe genommen.

Jean Léon Gérome: Phryne vor den
Richtern (1861, Ausschnitt)

Das Thema gibt ein Beispiel, dass Wissenschaftsgeschichte nicht nur durch die Entdeckung neuer Fakten bestimmt wird, sondern auch durch die wechselnden Einstellungen der Forscher selbst. Einige Autoren, berichtet Schuller, ließen sich durch ein paar glanzvolle Beispiele, von denen die antike Literatur erzählt, dazu verführen, in den Hetären ein Idealbild der Schönheit und Klugheit zu sehen. "Sie erhielten eine ungleich feinere Erziehung als Mädchen, die in Familien erzogen wurden", schrieb 1794 der Romantiker Friedrich Schlegel in der "Leipziger Monatsschrift für Damen", sie "wurden in schönen Künsten unterrichtet und genossen den Umgang der klügsten und angesehensten Männer. Da sie vor der öffentlichen Meinung von aller Schande frei waren, so war ihre Sittlichkeit nicht notwendig verderbt.

"Die meisten Wissenschaftler dagegen handelten das Thema bloß als Nebenaspekt der Prostitution ab. Vor dem Hintergrund der modernen, bürgerlichen Ehe war eben nur eins wichtig: dass Liebe gegen Geld oder Geschenke getauscht wurde. Immerhin, gestand ein Realienbuch aus dem Jahr 1882 über griechische Lebensverhältnisse halb widerwillig ein, sei es einzelnen Hetären gelungen, "sich auch in Bildung und Teilnahme an den Kulturbewegungen der Zeit der männlichen Gesellschaft zu nähern". Selbst die viel gelesene "Sittengeschichte" von Hans Licht aus den 1920er Jahren ging kaum darüber hinaus: "Von den Bordellmädchen unterschieden sie sich zumal durch ihre gesellschaftliche Achtung und ihre Bildung."

Junges Paar, Vase des Schuwalow-
Malers, um 430 v. Chr
Bild: Berlin, Antikensammlung

"Gesellschaftliche Achtung" ist das Stichwort; freilich muss es sich um eine andere Achtung gehandelt haben als jene gegenüber den Ehefrauen. Etwa um 500 vor Christus bildete sich in der adligen griechischen Gesellschaft ein neues Rollen- und Berufsbild für Frauen heraus, die "hetaira", übersetzt "Gefährtin". "Hetairoi" nannten sich die Angehörigen  der Adelsschicht, um einander ihrer Gleichheit und zugleich ihres Abstands vom nichtadligen, gemeinen Volk zu versichern. Vielleicht darf man vergleichend die Bezeichnungen "Herren" und "Damen" daneben halten, wie sie im Deutschen etwa im 17. Jahrhundert gebräuchlich waren; die abschätzige Nebenbedeutung, die "Dame" inzwischen angenommen hat, fehlte der "hetaira" jedoch.

Man muss sich vergegenwärtigen, welche anderen Lebensmöglichkeiten Frauen damals überhaupt hatten: entweder als Ehefrau, Haushälterin und Mutter oder als Priesterin in einem Tempel. Die typische Hetäre "ist sehr schön, sie hat erheblichen Charme, sie ist reich, keineswegs ordinär, sondern paradoxerweise eher sittsam. Gewiss hat sie mehrere Liebhaber, aber sie hat sich diese auch selbst aus Zuneigung ausgesucht, sie lässt sich nicht vom Meistbietenden kaufen, sondern empfängt Geschenke, sie kümmert sich um ihre Liebhaber und macht ihnen das Leben angenehm." So fasst Schuller das Bild zusammen, das der Schriftsteller Xenophon im 4. Jahrhundert in seinen "Erinnerungen an Sokrates" gemalt hat. Xenophon stellte seinen Lehrer im Gespräch mit berühmten Philosophen und Künstlern wie mit einfachen Menschen dar, die einzige Frau unter den Gesprächspartnern war ausgerechnet eine Hetäre. Das Publikum damals muss einen solchen Frauentypus für glaubwürdig gehalten haben.

Jean Léon Gérome: Phryne vor den Richtern
Bild: Hamburger Kunsthalle

Wie man sich ein Hetärenleben vorzustellen hat, illustriert schon der erste historisch belegte Fall, die schöne Rhodopis beim Geschichtsschreiber Herodot. Rhodopis bedeutet "wie eine Rose anzuschauen" – offenbar ein nom de guerre, "Rose" wurde auch das weibliche Geschlechtsteil genannt. Das Mädchen war eine Sklavin, der Besitzer vermietete ihre Liebesdienste. Offenbar mit großem Erfolg, ein junger Adliger verliebte sich derart heftig in sie, dass er sie kaufte und dann freiließ, wohl in der Erwartung, sie würde auf Dauer bei ihm bleiben. Aber Rhodopis machte sich selbständig, nahm sich andere Liebhaber und wurde sehr, sehr reich. Herodot berichtet, sie habe dem Tempel in Delphi ein kostbares Weihegeschenk gestiftet. Tatsächlich, Archäologen haben dort eine Marmorbasis gefunden, auf der zu lesen ist, "Rhod..." (der Name ist unvollständig) habe diese Statue aufgestellt. Phryne war nicht die einzige Hetäre, die sich an diesem zentralen Ort der griechischen Welt verewigte.

Leider hält sich Schuller als Spezialist für das klassische Altertum mit kulturvergleichenden Analysen zurück; im Kontrast zu Befunden aus der modernen Soziologie könnte der Typus "Hetäre" deutlicher werden. Eine Schwierigkeit liegt aber auch darin, dass den antiken Historikern oft weder in der Wortwahl noch in der Darstellung der Fakten zu trauen ist. Eine der berühmtesten Frauen, die als "Hetären" bezeichnet wurden, Aspasia, war offensichtlich keine; sie war mit dem athenischen Staatsmann Perikles verheiratet, nur eben als Ausländerin nicht in vollgültiger Ehe. Fast tausend Jahre später verbrachte die spätere Kaiserin Theodora ihre Jugend angeblich als Straßenmädchen. Schuller vermutet eher, dass sie in gehobenen Kreisen bei Symposien als Unterhalterin auftrat, "eine sehr vorzeigbare Dame", "eine Hetäre von besonders hoher Qualität".

Gelageszene, vom Brygos-Maler, um
480 v. Chr. - Bild: British Museum London

Ein Passus aus einer Gerichtsrede des 4. Jahrhunderts vor Christus hat in seiner Nüchternheit spätere Leser immer wieder erschreckt: "Wir haben die Hetären für die Lust, die Nebenfrauen zur Pflege des Körpers, die Ehefrauen aber dazu, um uns legitime Kinder zu gebären und den Haushalt verlässlich in Ordnung zu halten." Schuller wehrt die Vorstellung ab, in der Ehe hätte es so etwas wie Zuneigung über die "ehelichen Pflichten" hinaus gar nicht geben können; aber im Grundsatz lässt dieser Text keinen Zweifel: Die Ehe, in der Regel eine von den Familien arrangierte Ehe, war über eine geordnete Haushaltsführung und legitimen Nachwuchs vor allem das Mittel, um eine politische Pflicht zu absolvieren, nämlich die Zukunft der "Polis" zu sichern. Ein geeigneter Ort für den Mann, erotisches Vergnügen zu suchen, war sie nicht. Und erotische Bedürfnisse von Frauen waren damals kein Thema.

Wenn wir einmal versuchen, diese antiken Verhältnisse mit modernen Begriffen wiederzugeben: Die alten Griechen lebten in der Regel monogam, aber – mit einem Wort, das erst vor wenigen Jahren aufgekommen ist, als Soziologen versuchten die sexuelle Revolution auf den Begriff zu bringen  - "polyamourös". Und beide Sphären waren, anders als es unser modernes oder vielmehr romantisches Bild von der Ehe seit zwei Jahrhunderten nahe legt, getrennt, wenigstens im Prinzip. Sicherlich wurde dieses Nebeneinander je nach gesellschaftlicher Stellung und materiellen Möglichkeiten ganz unterschiedlich gelebt. So gab es Fälle, wo Hetären von einzelnen Männern auf Dauer in einer Zweitehe gehalten oder ausgehalten wurden, und andere, wo die Frauen sich gegen Geld oder Geschenke wechselnde Liebhaber nahmen – mit fließendem Übergang zu öffentlichen Dirnen, die gegen festen Preis jeden beliebigen Kunden bedienten oder vielmehr, sofern sie Sklavinnen waren, bedienen mussten.

Hans Holbein d. J., Hetäre Lais
von Korinth, 1526
Bild: Kunstsammlung Basel

Wie sind die Trinkgelage auf Vasen aus dem 6. und 5. vorchristlichen Jahrhundert zu interpretieren, auf denen Männer mit jungen Frauen im Geschlechtsakt abgebildet werden? Aus dem Umstand, dass die Mädchen manchmal mit Namen genannt sind und in einigen Fällen die Teilnehmer einander tief in die Augen blicken, schließt Schuller, dass es sich nicht um gewöhnliche Prostituierte gehandelt haben kann. Mitte des 5. Jahrhunderts kamen diese Gelageszenen aus der Mode. Schuller unterstellt, dass sich damals nicht nur die Darstellungen, sondern auch die Sitten selbst geändert haben – anscheinend wurde es nunmehr als degoutant empfunden, mit einer Hetäre vor den Augen anderer Trinker sexuell zu verkehren.

Wie auch immer, ein paar Jahrhunderte später taucht das Rollenbild einer Frau, die ihren Lebensunterhalt mit wechselnden, frei eingegangenen Liebschaften verdiente, auch bei den Römern auf. Der Historiker Livius berichtet, anscheinend etwas verwundert, von einer "edlen Dirne, einer Freigelassenen, die für dieses Gewerbe eigentlich zu schade war, an das sie sich als junge Sklavin gewöhnt hatte", "sie brachte sich auch, nachdem sie freigelassen worden war, auf dieselbe Art durch". Im Briefwechsel des Politikers Cicero hat Schuller sogar ein Beispiel für eine sozusagen moderne Doppelmoral gefunden: Cicero fühlte sich etwas peinlich ertappt, als er bei einem Symposion mit einer berühmten Hetäre zusammentraf. "Ich ahnte weiß Gott nicht, dass sie dabei sein würde!", beteuerte er. Dieser Anflug von Scheinheiligkeit ist natürlich auf dem Hintergrund der strengen Sitten zu sehen, die man damals gern der guten alten Zeit nachsagte – jener Zeit, die noch nicht mit der Kultur, also auch nicht mit den verderbten Sitten der Griechen in Berührung gekommen war. Dass das ganze Altertum hindurch in den wohlhabenden Schichten Sklavinnen dem Hausherrn sexuell zur Verfügung standen, wird man nicht als Widerspruch empfunden haben.

Kaiserin Theodora mit Hofstaat, um 540
Bild: Ravenna, San Vitale

Bis heute nicht recht geklärt ist die Frage, was es mit den vielen Mädchen auf sich hat, die in der Liebeslyrik der späten Republik und der frühen Kaiserzeit, von Catull über Horaz bis Ovid, besungen werden. In einer Elegie des Properz befürchtet der Dichter, seine Geliebte Cynthia habe noch mehr Liebhaber als die berühmten griechischen Hetären Lais, Thais und Phryne. Haben wir das so zu verstehen, dass es sich bei Cynthia in der Tat um eine Hetäre handelt oder will der Autor in seiner Eifersucht diesen Gedanken gerade abwehren?

Noch komplexer wird es, wenn Ovid den Verdacht, er singe das Lob des Ehebruchs, spielerisch entrüstet von sich weist. Sein Publikum könnte genau das Gegenteil verstanden haben – dass Damen der Gesellschaft Lebensgewohnheiten übernahmen, wie man sie eigentlich bloß Hetären nachsehen konnte. Für die römische Kaiserzeit, lange vor dem Sieg des Christentums, konstatiert Schuller einen verblüffenden Wandel. Die Figur der Hetäre, soweit sie nicht überhaupt aus der Literatur verschwand, wurde entweder pornographisch abgehandelt oder im Rückgriff auf die Vergangenheit idealisiert. "Man war sittsamer – und heuchlerischer geworden."

Leonardo da Vinci: Maria Magda-
lena um 1515

Das Christentum brachte noch eine dritte Gattung, die Heiligengeschichten von Frauen, die zunächst ein unheiliges, lasterhaftes Leben geführt hatten, dann aber bekehrt worden waren, Urbild: die große Sünderin im Neuen Testament. Zum Beispiel die Legende von der Bekehrung der heiligen Pelagia. "Seid ihr nicht bezaubert von ihrer Schönheit?" fragt darin ein "hochheiliger Bischof" seine Brüder, als eine Chortänzerin in Antiochia an einer Versammlung von Bischöfen vorbeireitet. "Man konnte sich an ihrem Geschmeide und an ihrer Schönheit nicht satt sehen", "sie erfüllte die Luft mit Duft von Moschus und Parfüm." Und dann donnert der Bischof los: "Gott wird diese Frau ergreifen und vor sein schreckliches und furchtbares Gericht ziehen."

Ein Donner, der zwar nicht die Prostitution, wohl aber die Hetäre als ehrenwerte soziale Figur für Jahrhunderte hinweg  gefegt hat. Vergleichbares scheint es erst wieder am päpstlichen Hof der Renaissance und dann im Versailles des Sonnenkönigs gegeben zu haben. Vergleichsfälle, auf die sich Schuller als Spezialist für das klassische Altertum nicht weiter einlassen wollte. Den vielleicht ähnlichsten sozialen Typus hat Schuller weitab von Europa gefunden, in Japan: die Geisha. Ein Beruf mit regelrechter Ausbildung, in Musizieren, Singen und Tanzen sowie im Teeritual und in der Fähigkeit, eine elegante und geistreiche Unterhaltung zu führen. Der Einsatz erfolgt vorwiegend  bei gemeinsamen Essen, aber nur von Männern, Ehefrauen sind ausgeschlossen. Erotik dagegen eingeschlossen: Eine Geisha kann Beziehungen zu verschiedenen Männern unterhalten, in allen Spielarten, vom dauerhaften Verhältnis als Nebenfrau bis hin zu gehobenen Prostitution.


Neu auf dem Büchermarkt:
Wolfgang Schuller: Die Welt der Hetären. Berühmte Frauen zwischen Legende und Wirklichkeit,
Klett-Cotta, Stuttgart 2008, ISBN 978-608-96001-3, 24,50 €



Mehr im Internet:
Geschlechtergrenzen in der Antike, scienzz 19.06.2007
Hetäre - Wikipedia





Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

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