Nichtraucherschutz: Abschied
von Tabak und blauen Dunst
Es sind vor allem Familienbetriebe, die einen Subventions-Stopp für Tabak spüren werden. Bislang sicherte der Tabakanbau deutschlandweit die Existenz von 359 Kleinbetrieben mit 32.272 Hektar Anbaufläche und 37 Millionen Euro Umsatz. Die Hälfte des Tabakanbaues konzentriert sich auf Baden-Württemberg, vor allem in der Rheinebene. Europaweit sind es rund 70.000 Betriebe, die vom subventionierten Tabakanbau leben. Im Jahr 2006/2007 betrug die Tabakproduktion der EU-27 ca. 295.000 Tonnen Tabak.
Nachdem die EU bereits 2003 die Rahmenkonvention der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur Tabakkontrolle, die seit 2005 internationales Gesetz ist, unterschieben hatte, will sie ab 2013 endgültig ihre Tabaksubventionen einstellen, ein flankierender Beitrag um Nichtraucher zu schützen und den Tabakkonsum einzuschränken. Um die hochspezialisierten Kleinbetriebe zu retten, erarbeiten europäische Wissenschaftler Einkommensalternativen. Den betroffenen Tabakfarmen empfehlen sie unter anderem den Einstieg in Biolandbau oder Aquakultur und Gemüseanbau durch Hydrokultur- oder den Anbau von Stevia, einer neuartigen Süßpflanze, deren Marktzulassung in naher Zukunft anstehen könnte.
Tabakernte im bäuerlichen Kleinbetrieb Bilder: Tabakmuseum Lorsch
Rauchen tötet jährlich 650.000 Menschen in der EU - davon 80.000 Passivraucher. Das EU-Parlament unterstützt deshalb ein rauchfreies Europa, gleichzeitig wird der Tabakanbau noch immer mit einer Milliarde Euro aus dem Agrarhaushalt gefördert. Im Jahr 2004 verabschiedete daher der Europäische Rat die Tabakreform, deren Hauptinhalt die schrittweise Absenkung der Stützungszahlungen für die Tabakanbauer zur Folge hat. Im Jahr 2006 wurde die Zahlungen teilweise von der Tabak- produktion entkoppelt (1. Phase der Reform 2006 bis 2009). Ab dem Jahr 2010 (2. Phase 2010-2013) sollen dann nur noch solche Beihilfen bezahlt werden, die von der Tabakproduktion vollständig entkoppelt sind. Ab dem Jahr 2011 bis 2013 werden dann jährlich 484 Millionen € in den Programmen zur ländlichen Entwicklung bereit gestellt.
Tabakbauern gelten als etwas Besonderes im landwirtschaftlichen Bereich, nicht nur weil sie den Grundstoff für den blauen Dunst produzieren. Entgegen der allgemeinen Tendenz in der Landwirtschaft finden sich hier nach wie vor kleine bäueliche Betriebe, zunehmend eine Erscheinung mit Seltenheitswert im agarischen Europa. Teilweise haben die Betriebe wie in Nord-Griechenland eine 400 jährige Tradition im Tabakanbau. Seit 1972 erzielte die Tabakpflanze - dank Brüsseler Subventionen - einen hohen Marktwertanteil. Dadurch konnten auch die kleinen Familienbetriebe überleben, und gleichzeitig war Tabak in der EU weltweit am billigsten. Profiteur war die europäische Zigarettenindustrie.
Immer noch viel Handarbeit...
Um den betroffenen Landwirten eine Hilfe zu geben, beteiligt sich Dr. Udo Kienle vom Institut der Agrartechnik der Universität Hohenheim zusammen mit anderen europäischen Wissenschaftlern am EU-Forschungsprojekt "Diversification for Tobacco Growing Regions in the Southern European Union" (DIVTOB). Darin erarbeiten die Experten Produktalternativen für Betroffene, um ihnen Chancen auf ein Leben ohne die Tabakpflanze zu ermöglichen. In einem ersten Schritt wurden zunächst 30.000 südeuropäische Tabakbetriebe nach eigenen Perspektiven befragt. Die weiteren Schritte waren die Bewertung der Aussagen und in Frage kommende Maßnahmen, sowie eine Sektoranalyse.
Wegen der schwierigen Situation für die Tabakbetriebe hat sich das EU-Parlament am 19. Mai 2008 erneut mit der Tabakreform befasst. Ursprünglich sollten die Zahlungen schon ab 2010 schrittweise abgebaut werden. "Das hätte praktisch alle Betriebe direkt in den Ruin getrieben. Deshalb fordert der EU Agrarausschuss eine Verlängerung bis 2012. "Die vergleichsweise lange Frist bis 2012 deckt sich mit unseren Empfehlungen", erklärt Kienle. "Klar ist jedoch eines: Wer Tabak anbaut, muss sich jetzt definitiv schon nach anderen Einnahmequellen umsehen."
...bis zum verkausbereiten Produkt für die Zigarettenindustrie - Bilder: Tabakhof.de
"Problematisch ist, dass viele Betriebe nur wenig Anbaufläche besitzen. Der Tabakpflanzer muss auf Produkte umsteigen, die einen ähnlich hohen Marktwert wie Tabak bringen", erläutert Kienle die Schwierigkeit. Eine innovative Alternative könnte der Anbau der Süßpflanze Stevia sein. "Stevia besitzt große Süßkraft, ist gut geeignet für Diabetiker und eine natürliche Alternative zum künstlichen Süßstoff". Ihr einziges Manko: auf dem europäischen Markt ist Stevia bislang noch nicht zugelassen - was sich jedoch in Zukunft ändern könnte. In Japan und den USA gebe es bereits gute Erfahrungen mit Stevia und auch in der EU steht die Zulassung auf der Agenda.
Weitere Alternativen sieht Kienle unter anderem im Bioanbau von Gemüse, allerdings mit dem Nachteil einer langjährigen Umstellungszeit. Flächenunabhängige Produktionszweige wie Aquakultur und Gewächshäuser bieten weitere Möglichkeiten für den Bauern. Dem stehen aber hohe Investitionskosten bis zu ca. 400.000 Euro pro Betrieb im Wege. Auch hier hätte die Umstellung auf den Stevia-Anbau große Vorteile, weil es die kostengünstigste Maßnahme darstellt und vom Einzelbetrieb praktisch keine Zusatzinvestitionen erfordert. Bei Forschungs-Projekten in Griechenland, Italien und Spanien, die zum Teil vom EU-Tabakfonds bezahlt wurden, waren gute Erträge erzielt worden.
Zigarren made in Germany
Weit größere Probleme als für Deutschland erwartet Kienle in anderen EU-Ländern: "Von dem Subventionsstopp sind insbesondere die südlichen Länder Europas betroffen. Sie sind abhängiger vom Tabakanbau als Landwirte in Deutschland und haben geringere finanzielle Mittel für eine Umstellung auf andere Produkte zur Verfügung. Für manche Regionen in Südeuropa ist die Abkehr vom Tabakanbau ohne wirtschaftliche Alternative ein sehr großes soziales Problem."
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