Berlin, den 09.09.2010 Link Home Link Ticker Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
forschung
politik
innovation
kultur
campus
kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
forschung

02.06.2008 - AGRARFORSCHUNG

Süßer Abschied vom kratzigen Rauch

Suche nach Alternativen für Tabakbauern

Florian Klebs/kso

 
 

Nichtraucherschutz: Abschied
von Tabak und blauen Dunst

Es sind vor allem Familienbetriebe, die einen Subventions-Stopp für Tabak spüren werden. Bislang sicherte der Tabakanbau deutschlandweit die Existenz von 359 Kleinbetrieben mit 32.272 Hektar Anbaufläche und 37 Millionen Euro Umsatz. Die Hälfte des Tabakanbaues konzentriert sich auf Baden-Württemberg, vor allem in der Rheinebene. Europaweit sind es rund 70.000 Betriebe, die vom subventionierten Tabakanbau leben. Im Jahr 2006/2007 betrug die Tabakproduktion der EU-27 ca. 295.000 Tonnen Tabak.

Nachdem die EU bereits 2003 die Rahmenkonvention der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur Tabakkontrolle, die seit 2005  internationales Gesetz ist, unterschieben hatte, will sie ab 2013 endgültig ihre Tabaksubventionen einstellen, ein flankierender Beitrag um Nichtraucher zu schützen und den Tabakkonsum einzuschränken. Um die hochspezialisierten Kleinbetriebe zu retten, erarbeiten europäische Wissenschaftler Einkommensalternativen. Den betroffenen Tabakfarmen empfehlen sie unter anderem den Einstieg in Biolandbau oder Aquakultur und Gemüseanbau durch Hydrokultur- oder den Anbau von Stevia, einer neuartigen Süßpflanze, deren Marktzulassung in naher Zukunft anstehen könnte.

Tabakernte im bäuerlichen Kleinbetrieb
Bilder: Tabakmuseum Lorsch

Rauchen tötet jährlich 650.000 Menschen in der EU - davon 80.000 Passivraucher. Das EU-Parlament unterstützt deshalb ein rauchfreies Europa, gleichzeitig wird der Tabakanbau noch immer mit einer Milliarde Euro aus dem Agrarhaushalt gefördert. Im Jahr 2004 verabschiedete daher der Europäische Rat die Tabakreform, deren Hauptinhalt die schrittweise Absenkung der Stützungszahlungen für die Tabakanbauer zur Folge hat. Im Jahr 2006 wurde die Zahlungen teilweise von der Tabak- produktion entkoppelt (1. Phase der Reform 2006 bis 2009). Ab dem Jahr 2010 (2. Phase 2010-2013) sollen dann nur noch solche Beihilfen bezahlt werden, die von der Tabakproduktion vollständig entkoppelt sind. Ab dem Jahr 2011 bis 2013 werden dann jährlich 484 Millionen € in den Programmen zur ländlichen Entwicklung bereit gestellt.

Tabakbauern gelten als etwas Besonderes im landwirtschaftlichen Bereich, nicht nur weil sie den Grundstoff für den blauen Dunst produzieren. Entgegen der allgemeinen Tendenz in der Landwirtschaft finden sich hier nach wie vor kleine bäueliche Betriebe, zunehmend eine Erscheinung mit Seltenheitswert im agarischen Europa. Teilweise haben die Betriebe wie in Nord-Griechenland eine 400 jährige Tradition im Tabakanbau. Seit 1972 erzielte die Tabakpflanze - dank Brüsseler Subventionen - einen hohen Marktwertanteil. Dadurch konnten auch die kleinen Familienbetriebe überleben, und gleichzeitig war Tabak in der EU weltweit am billigsten. Profiteur war die europäische Zigarettenindustrie.

Immer noch viel Handarbeit...
Um den betroffenen Landwirten eine Hilfe zu geben, beteiligt sich Dr. Udo Kienle vom Institut der Agrartechnik der Universität Hohenheim zusammen mit anderen europäischen Wissenschaftlern am EU-Forschungsprojekt "Diversification for Tobacco Growing Regions in the Southern European Union" (DIVTOB). Darin erarbeiten die Experten Produktalternativen für Betroffene, um ihnen Chancen auf ein Leben ohne die Tabakpflanze zu ermöglichen. In einem ersten Schritt wurden zunächst 30.000 südeuropäische Tabakbetriebe nach eigenen Perspektiven befragt. Die weiteren Schritte waren die Bewertung der Aussagen und in Frage kommende Maßnahmen, sowie eine Sektoranalyse.

Wegen der schwierigen Situation für die Tabakbetriebe hat sich das EU-Parlament am 19. Mai 2008 erneut mit der Tabakreform befasst. Ursprünglich sollten die Zahlungen schon ab 2010 schrittweise abgebaut werden. "Das hätte praktisch alle Betriebe direkt in den Ruin getrieben. Deshalb fordert der EU Agrarausschuss eine Verlängerung bis 2012. "Die vergleichsweise lange Frist bis 2012 deckt sich mit unseren Empfehlungen", erklärt Kienle. "Klar ist jedoch eines: Wer Tabak anbaut, muss sich jetzt definitiv schon nach anderen Einnahmequellen umsehen."

...bis zum verkausbereiten Produkt für die
Zigarettenindustrie - Bilder: Tabakhof.de
 
"Problematisch ist, dass viele Betriebe nur wenig Anbaufläche besitzen. Der Tabakpflanzer muss auf Produkte umsteigen, die einen ähnlich hohen Marktwert wie Tabak bringen", erläutert Kienle die Schwierigkeit. Eine innovative Alternative könnte der Anbau der Süßpflanze Stevia sein. "Stevia besitzt große Süßkraft, ist gut geeignet für Diabetiker und eine natürliche Alternative zum künstlichen Süßstoff". Ihr einziges Manko: auf dem europäischen Markt ist Stevia bislang noch nicht zugelassen - was sich jedoch in Zukunft ändern könnte. In Japan und den USA gebe es bereits gute Erfahrungen mit Stevia und auch in der EU steht die Zulassung auf der Agenda.

Weitere Alternativen sieht Kienle unter anderem im Bioanbau von Gemüse, allerdings mit dem Nachteil einer langjährigen Umstellungszeit. Flächenunabhängige Produktionszweige wie Aquakultur und Gewächshäuser bieten weitere Möglichkeiten für den Bauern. Dem stehen aber hohe Investitionskosten bis zu ca. 400.000 Euro pro Betrieb im Wege. Auch hier hätte die Umstellung auf den Stevia-Anbau große Vorteile, weil es die kostengünstigste Maßnahme darstellt und vom Einzelbetrieb praktisch keine Zusatzinvestitionen erfordert. Bei Forschungs-Projekten in Griechenland, Italien und Spanien, die zum Teil vom EU-Tabakfonds bezahlt wurden, waren gute Erträge erzielt worden.

Zigarren made in Germany
 
Weit größere Probleme als für Deutschland erwartet Kienle in anderen EU-Ländern: "Von dem Subventionsstopp sind insbesondere die südlichen Länder Europas betroffen. Sie sind abhängiger vom Tabakanbau als Landwirte in Deutschland und haben geringere finanzielle Mittel für eine Umstellung auf andere Produkte zur Verfügung. Für manche Regionen in Südeuropa ist die Abkehr vom Tabakanbau ohne wirtschaftliche Alternative ein sehr großes soziales Problem."


Mehr im Internet:
Agrartechnik der Universität Hohenheim
Diversification for Tobacco Growing Regions in the Southern European Union
Mehr Krebs in Europa, scienzz 07.02.2007
Vorwürfe gegen die Tabakindustrie, scienzz 17.03.2005
Tabakanbaugebiete in Deutschland


 

 

 

 

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


ticker


termine


impressum


über uns
kurz gemeldet

Die EU-Kommission erwägt, den Mitgliedsstaaten freie Hand für Verbot oder Zulassung des Anbaus genetisch manipulierter Pflanzen zu geben. Dies teilte die Agrarkommissarin Mariann Fischer Boel in Brüssel mit.

Amerikanische Ärzte glauben, ei- nem Impfstoff gegen AIDS näher gekommen zu sein. Sie modifizierten ein menschliches Protein, das in abgewandelter Form auch bei Nachtaffen vorkommt und die Ausbreitung des HI-Virus bremst, derart, dass es die gleiche hemmende Wirkung entwickelt.

Ab sofort soll die Meteorologische Organisation der UNO (WMO), ein weltumspannendes Informationssystem über Klimadaten aufbauen. Dies beschloss die Weltklimakonferenz der WMO in Genf.

Die Spucke einer südamerikani- schen Zeckenart könnte die Krebsbe- kämpfung revolutionieren. Ärzte vom Butantan-Institut in Sao Paulo stellten fest, dass die Spucke Krebszellen abtötet.

Bei geschlossener Schneedecke fressen Kohlmeisen Zwergfledermäuse, die sich im Winterschlaf befinden. Diese flexible Anpassung an das Futterangebot haben Max-Planck-Ornithologen in einer Höhle in Ungarn beobachtet. Sobald anderes Futter verfügbar war, verloren die Meisen ihr Interesse an den Fledermäusen.

wissenswert

28.08.2009 - ÖKOLOGIE

Ökonomie für den Naturschutz

Wissenschaftler und das Bundesamt für Naturschutz fordern ökonomische Wertung ökologischer Leistungen. > mehr

scienzz dossiers aktuell     

Gesichter der Goethezeit > mehr

Ungleiche Geschwister - Philosophie und Religion > mehr

Klassische Denker der Politik und Soziologie
> mehr

Das Papsttum - Glanz und Elend einer zweitausend- jährigen Geschichte
> mehr

Charles Darwin und der Streit um die Evolutions- theorie > mehr

Bilder, Worte, Wirklich- keiten > mehr


Weitere Scienzz Dossiers
> mehr

kurz gemeldet

Neue Hinweise für eine Virus- Beteiligung bei Prostatakrebs glauben US-Forscher gefunden zu haben. Sie haben das Virus XMRV bei fast jedem dritten untersuchten Prostata-Krebspatienten gefunden. Sollte das Virus der Auslöser sein, könnte man eine Impfung entwickeln wie gegen Gebärmutterhalskrebs.

Im Dschungel von Papua-Neugui- nea entdeckten Wissenschaftler vom Smithsonian Nationalen Museum für Naturkunde in Washington ein Nagetier, das die Größe eines Dackels erreicht. Die Riesenratte misst gut 80 Zentimeter und wird anderthalb Kilogramm schwer.

Der Schwanz, den Geckos auf der Flucht vor Verfolgern abwerfen, kann noch bis zu einer halben Stunde lang tanzende Bewegungen vollführen und den Feind auf diese Weise ablenken, so Zoologen der Clemson University in South Carolina.

Auf Kuba wurden die fossilen Reste eines riesigen Krokodils gefunden, das vor 20 Millionen Jahren gelebt haben soll. Das zehn Meter lange Skelett wurde in der Provinz Sancti Spiritus entdeckt.

In einem erloschenen Vulkan auf  der Osterinsel entdeckten Forscher der Universität von Manchester einen Steinbruch. Aus dieser Quelle könnten auch die roten Hüte stammen, die viele der legendären Riesenfiguren tragen, vermuten die Wissenschaftler.

Der deutsche Bundestag hat alle im Zweiten Weltkrieg gegen "Kriegsverräter" ausgesprochenen Urteile mit den Stimmen aller Fraktionen aufgehoben. Die Anlässe für diese Urteile reichten von politischem Widerstand und der Hilfe für verfolgte Juden über kritische Äußerungen über Krieg und Nazis bis hin zu Schwarzmarktgeschäften.

scienzz-partner

... LEUTE in scienzz

03.08.2009 - MATHEMATIK
Mit am Start bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Berlin

 "Mathematik zählt, weil...du damit fast alles erklären kannst, vielleicht sogar deine gute Note in Sport", meint Mathematik-Professor Matthias Ludwig, Autor des Buches "Mathematik und Sport" und Mathemacher des Monats August der Deutschen Mathematiker Vereinigung. > mehr

wissenswert

17.07.2009 - ANTHROPOLOGIE

EVIDENCE
how do we know what we know?

"Evidence" ist eine Web- Ausstellung des Museums Exploratorium in San Francisco. Anhand einer Fallstudie wird erklärt, wie Wissenschaft funktioniert. Hierbei steht die Arbeit des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie zur Erforschung der menschlichen Ursprünge im Mittelpunkt. > mehr


 Anzeigen 

                       

Meine Bilder bei pixelio.de