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04.06.2008 - ÖKOLOGIE

Homo sapiens - "das geht von allein weg"

Umweltverhalten in Geschichte und Gegenwart - zum Tag der Umwelt am 5. Juni

von Josef Tutsch

 
 

Gedenkstätte für "Bruno", 2006
Bild: Initiative zur Abschaffung
der Jagd

1728 wurde in Preußen die Wildnis abgeschafft. Sollte sich der Leser jetzt verwundert fragen, wie man Wildnis eigentlich "abschafft" – es hat schon seine Richtigkeit.  König Friedrich Wilhelm I. setzte nicht etwa eine Heerschar von Soldaten in Gang, um die "Große Wildnis", wie die riesigen Wälder Ostpreußens seit dem Mittelalter genannt wurden, abzuholzen. Er ließ ganz einfach durch königliches Dekret die Verwendung des Begriffs "Wildnis" verbieten, "weil Seine Majestät keine Wildnis in Ihren Landen erkenneten".

Der Soldatenkönig muss seinen Befehlen viel Wirksamkeit zugetraut haben ... Aber in dieser Sprachregulierung kündigte sich bereits an, was Friedrich Wilhelms Sohn und Nachfolger Friedrich II. zwei Jahrzehnte später im Oderbruch ganz real als "Melioration" durchsetzte. Der Flusslauf wurde um fast 30 Kilometer verkürzt. Fruchtbares Ackerland wurde gewonnen; der Staat Preußen brauchte eine ökonomische Grundlage, um seine Bevölkerung – und damit auch die Zahl seiner Soldaten – zu vermehren. Über die Bedenken der Fischer, sie könnten in wirtschaftliche Not geraten und als Steuerzahler ausfallen, ging der König hinweg. "Natur-" oder "Umweltschutz" hat als Argument damals niemand aufgebracht, die Zeitgenossen hätten sich vermutlich gefragt, wozu man eigentlich eine Wildnis schützen solle.

Denkmal für den "Alten Fritz",
Letschin (Oderbruch)
Bild: Radtouren Christoph

Eine interdisziplinäre Forschergruppe, die von den Frühhistorikern der Universität Tübingen initiiert wurde, hat nach dem "Umweltverhalten in Geschichte und Gegenwart" gefragt. Dass es da Fragen gibt, wird über dem Erschrecken durch die "Grenzen des Wachstums", das seit Anfang der 1970er Jahre unser Bewusstsein beherrscht, leicht verdrängt. Wir haben die Welt nicht von unseren Vätern geerbt, sondern nur von unseren Kindern geliehen, lautet ein beliebter Spruch der Umweltbewegung. Aber welche Welt eigentlich es sein soll, die wir möglichst wohl bewahrt zurückgeben sollen, wird kaum reflektiert – im Grunde dieselbe Naivität wie bei jenen Fortschrittsbegeisterten, die sich über den Möglichkeiten der Technik nicht fragen, wie die schöne neue Welt aussehen soll und warum gerade so.

Der Göttinger Anthropologe Bernd Herrmann macht das Problem am Beispiel der Melioration im Oderbruch oder auch in den Rheinauen deutlich: "Alle jammern über den Rückgang des Lachses, keiner beklagt den Rückgang der Mückenschwärme." Der Grund ist ganz einfach: In unserem Verständnis sind Mücken höchst lästig, sie fallen unter die Kategorie "Schädlinge". Im 18. Jahrhundert, berichtet Herrmann, fielen darunter aber auch Biber, Hamster und Maulwurf sowie eine Menge Vogel-, Reptilien- und Amphibienarten. Hermann zitiert einen Theologen, der die Bekämpfung der Sperlinge gegen "Difficultäten-Macher und windige Critici" mit dem biblischen Argument verteidigte, wir seien "als Herren über die Creaturen gesetzet und als Haußhalter in der Natur bestellt, dass wir dasjenige, was uns schädlich, abschaffen, vertilgen und ausrotten, und hingegen das, was uns nützet, anschaffen und vermehren sollen".

Der Braunshweiger Löwe (12. Jh.),
das natürliche Vorbild wird der
Künstler niemals zu Gesicht be-
kommen haben - Bild: NeunStädte

Wenn wir nur die Tragweite unserer Eingriffe immer so genau abschätzen könnten ... Zum Beispiel die  Sumpfschildkröte. Sie wurde nicht absichtsvoll bekämpft, bloß ihr Lebensraum wurde immer mehr beschränkt. Dass die Wildschweine heute in vielen Regionen Mitteleuropas eine Plage geworden sind, hat erst recht niemand beabsichtigt. Dennoch ist dieser Umstand von Menschen gemacht, stellt Jordi Serangeli, Frühhistoriker in Tübingen, fest: Der wichtigste natürliche Feind des Wildschweins, der Wolf, wurde weitgehend ausgerottet. Fortschrittsskeptiker glauben gern, dass erst die europäische Neuzeit dergleichen zerstörerische Wirkungen hervorgebracht hätte. Serangeli ist zu einem anderen Schluss gekommen. Wenn die Löwen in Süd- und Südosteuroa im Laufe der Antike ausgestorben sind, dann hat das zwar viel mit Klimawandlungen zu tun, die offenen Steppen wurden von dichten Wäldern verdrängt.

Aber der Mensch hat – "vielleicht schon seit der frühen Jungsteinzeit", glaubt Serangeli – das Seinige dazu getan. Löwen wurden gejagt, einerseits als Gefahr für die Viehwirtschaft, andererseits zur Steigerung des Prestiges. Der "Faktor Mensch", unterstellt der Forscher, muss es auch gewesen sein, der verhinderte, dass sich nach dem Ende der Eiszeit Elefanten, Flusspferde und Wasserbüffel in Europa wieder ansiedelten. Im einzelnen sind diese Vorgänge allerdings bislang noch wenig erforscht, auch nicht für entlegene Weltgegenden, wo die Vorgeschichte scheinbar viel näher liegt. "Ob die vorkoloniale Großtierwelt Australiens durch Jagd dezimiert wurde, ist nach wie vor umstritten", berichtet Thomas Widlok, Anthropologe an der Radboud Universiteit Nijmegen, "unumstritten ist jedoch, dass die Nutzung von Feuer durch die Aborigines die Verteilung der Arten maßgeblich beeinflusst hat."

Auch ein Umweltzerstörer?
Zeichnung eines Menschen-
affen von Edward Tysen,
1699

Ist das Vermögen, ein ökologisches System derart zu beeinträchtigen, dass es keine gleich bleibenden Leistungen mehr erbringt, ist dieses Vermögen eine Eigenart bloß des Menschen? Oder sind auch Tiere in der Lage, ihre Umwelt zu zerstören? "Es gibt bislang keine Hinweise darauf, dass Primaten Nahrungsressourcen in nicht-nachhaltiger Weise nutzen würden", meint Eckkhard W. Heymann, Verhaltensökologe und Soziobiologe an der Universität Göttingen, zurückhaltend, muss aber einräumen, dass manche Kollegen das anders sehen. Erst vor wenigen Monaten ergab eine Studie in Uganda, dass die Jagd von Schimpansen auf Stummelaffen in dem betreffenden Gebiet binnen 20 Jahren zum Aussterben der Beutetiere führen könnte.

Ob Umweltzerstörung nur unsere Gattung Mensch "auszeichnet", muss also vorderhand offen bleiben. Eindeutig ist, dass der schonungslose Umgang mit der Umwelt sich im Lauf der uns überschaubaren Geschichte gesteigert hat, und zwar nicht erst durch die technischen Revolutionen der Neuzeit. Dem Westen hat der biblische Auftrag an den Menschen, sich die Welt untertan zu machen, die Richtung vorgegeben. Der Frühhistoriker Thomas Meier von der Universität Kiel zitiert eine Abhandlung aus dem 12. Jahrhundert, worin der Zisterziensermönch Bernardus Silvestris in hymnischen Worten beschreibt, wie der "Wald", der Urwald, die Wildnis urbar gemacht, zu menschenfreundlicher und gottgefälliger Natur verwandelt wurde.

Bär des hl. Korbinian,
im Wappen von Pabst
Benedikt XVI.

Wahrscheinlich waren die Zisterzienser des hohen Mittelalters von der protestantischen Arbeitsethik, wie sie mehr als ein halbes Jahrtausend später hinter den Meliorationsprojekten der preußischen Könige standen, gar nicht so weit entfernt. Meier weist darauf hin, dass mittelalterliche Altargemälde das Paradies nicht als Wildnis zeigen, sondern als einen kultivierten Garten. Als der Freisinger Bischof Korbinian nach Rom zog, so erzählt die Legende, wurde in den Alpen sein Pferd von einem wilden Bären gerissen. Der Heilige,
erbost ob dieses Verlustes, disziplinierte den Bären und zwang ihn, anstelle des Pferdes sein Gepäck in die Ewige Stadt zu tragen. "Keine Spur von Naturverehrung", resümiert Meier,
"es geht um die Nutzbarmachung der Wildnis."

Wenn es mit der Nutzbarmachung nicht lief, werden vermutlich auch die Menschen des Mittelalters, nicht anders als vor fast zwei Jahren der Freistaat Bayern, einem lästigen Bären den Garaus gemacht haben. Nur kannten sie eben nicht den Kult einer scheinbar unberührten Natur, wie er im späten 19. Jahrhundert als Reaktion auf eine in West- und Mitteleuropa weitgehend durchgesetzte Industrialisierung aufgekommen ist. Wann mag es zum ersten Mal einem Ökonomen als Problem aufgefallen sein, dass "Umwelt", also Luft und Wasser usw., zum Preis Null genutzt, im Ergebnis deshalb übernutzt werden?

Paradiesgarten, aus dem "Jüngsten
Gericht von Fra Angelico, um 1435
Bild: Berlin, Gemäldegalerie

Solange Appelle an einen rationalen Egoismus nicht funktionieren können, bleibt nur der Appell an das Gewissen. Thomas Potthast vom Tübinger Zentrum für Ethik in den Wissenschaften gibt einen Abriss der "Umweltethik". Die Idee hat bereits Albert Schweitzer in seiner Umformulierung von Kants kategorischem Imperativ ausgesprochen: "Achte jedes Lebewesen grundsätzlich als einen Selbstzweck und behandle es nach Möglichkeit als solchen."

Aber der jungen Disziplin Umweltethik fehlt vorläufig noch die stringente Begründung, wie Umwelt oder Natur oder Leben ethisch verpflichtend sein könnten – in Parallele zu dem, was Immanuel Kant für die "Menschheit" geleistet hat. Wenn umweltethische Fragen konkret, in der Praxis diskutiert werden, müsste sich – Potthast geht darauf nicht ein – noch ein zweites Problem stellen. Welches Leitbild von einer bewahrenswerten Umwelt soll zugrunde gelegt werden? Zum Beispiel beim Oderbruch mit seinen weiten fruchtbaren Ackerflächen: Ist es der – historisch gewordene, also keineswegs zwangsläufige – gegenwärtige Zustand?

Von wegen unberührte Natur: Wildschwei-
ne, Gemälde von Walter Heubach (1865-
1923)

"Überfordert umweltgerechtes Verhalten den Homo sapiens?", fragt der Politikwissenschaftler Sven Leunig von der Universität Jena. Umweltkrisen sind jedenfalls kein neues Phänomen und auch die Klagen darüber sind nicht neu. Bei dem römischen Naturhistoriker Plinius findet sich ein sehr modern klingender Satz: "Wir vergiften die Flüsse und die Grundbestandteile der Natur, wir verwandeln gerade das, was unsere Lebensgrundlage ist, in Nägel für unseren Sarg." Aber Warnzeichen werden immer wieder beiseite geschoben, erst recht dann, wenn die unmittelbar zu beobachtenden Folgen zunächst einmal nicht die Verursacher treffen – also zum Beispiel nicht die Industrieländer, sondern die Dritte Welt.

Leunig ist pessimistisch: Wahrscheinlich würde sich die Mehrzahl der Menschen nicht rechtzeitig zu einem umweltgerechten Verhalten entscheiden, sondern erst nach großen Katastrophen für das Ökosystem. Pessimismus ist freilich kein Gegensatz zu Humor, im Gegenteil. So lässt er auf seine Analyse denn auch einen Witz folgen, den sich der Rezensent ebenfalls nicht verkneifen kann. Treffen sich zwei Planeten im Weltall. "Du siehst aber schlecht aus. Was hast du denn?" "Ach, ich hab Homo sapiens ..." "Halb so schlimm – das geht von allein weg."


Neu auf dem Büchermarkt:
Umweltverhalten in Geschichte und Gegenwart. Vergleichende Ansätze,
herausgegeben von Thomas Knopf,
Attempto Verlag, Göttingen 2008, ISBN 978-3-89308-406-7, 58,- €



Mehr im Internet:
Umwelt - Wikipedia





Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

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