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10.06.2008 - RELIGIONSGESCHICHTE

Die Religion der Familienwerte

Nordamerika von der "Mayflower" bis zur Krise der Christlichen Rechten

von Josef Tutsch

 
 

Aufschrift einer Ein-Dollar-Note

Obama gegen Clinton, Clinton gegen Obama: Über diesem Monate langen Duell bei den amerikanischen Demokraten ist kaum aufgefallen, in welche Bredouille der Siegeszug McCains bei den Republikanern eine der wichtigsten Wählergruppen in den USA gestürzt hat. In den letzten Jahren hatte sich die "Christliche Rechte" in der Hoffnung, direkten politischen Einfluss zu gewinnen, eng mit der Republikanischen Partei verbandelt; aber abgesehen von ein paar spektakulären Prayer Luncheons war bereits Präsident Bush eine Enttäuschung. Der neue Kandidat McCain hält auf Abstand zu radikal-evangelikalen Predigern.

Und eine Rückwendung hin zu den Demokraten wäre ebenso wenig erfolgversprechend. Bei aller programmatischen Unschärfe macht Obama jedenfalls nicht den Eindruck, er würde sich für die Vorstellungen der Christlichen Rechten engagieren. Als die Vorwahlkämpfe begannen, hatte Michael Hochgeschwender, Kulturhistoriker an der Ludwig-Maximilians-Universität München, seine neue Studie über "amerikanische Religion" längst abgeschlossen. Am Ende steht dennoch eine vorsichtige Prognose: Die "Pfingstbewegung", jenes enthusiastische Christentum, das heute sicherlich den lebendigsten Zweig amerikanischer Religiosität ausmacht, könnte sich aus der "eisernen Umklammerung" des Fundamentalismus und der religiösen Rechten – damit auch der Umklammerung des Neokonservatismus in der republikanischen Partei – lösen.

Aus der Pfingstlerbewegung
 

Eine Rückkehr an die Basis sozusagen, auf die Ebene der einzelnen Gemeinden, in den vorpolitischen Raum. Den meisten europäischen Beobachtern wird das Phänomen der "Pfingstler", die sich in direktem Kontakt zum Heiligen Geist sehen, allerdings kaum weniger fremd sein als der Fundamentalismus, der mit seinem Wörtlichnehmen des Bibeltextes und mit seiner aggressiven Wendung gegen die Evolutionslehre hierzulande soviel Kopfschütteln hervorruft; der als die politischen Aktivitäten der Christlichen Rechten, die sich unter Bush großenteils bereitwillig für den "Kreuzzug" im Irak einspannen ließ. Ekstatische Musik, prophetisches Reden und Wunderheilungen sollen bei den Gottesdiensten der Pfingstler gar nicht selten sein.

Auch in Amerika selbst, vermerkt der Kulturhistoriker, hat das "Inszenatorische" solcher Erweckungsgottesdienste immer wieder Verdacht ausgelöst, nicht nur bei säkular denkenden Intellektuellen, sondern auch bei konkurrierenden Kirchen, die mehr auf festgelegte Rituale als auf spontane Frömmigkeitsausbrüche setzen. Dennoch traut der Forscher am ehesten dieser Erweckungsbewegung zu, für die religiöse Szene Amerikas einen Anschluss an die Moderne zu finden. Im Vordergrund der "amerikanischen Religion", betont Hochgeschwender, stehe seit jeher nicht der rechte "Glauben", eine "Orthodoxie", sondern vielmehr die rechte Lebensführung, sozusagen "Orthopraxie" – vor allem die Erhaltung traditioneller Familienwerte. Die "neofundamentalistische Welle", so die Analyse. sei zur Zeit eher im Abflauen, nicht zuletzt aufgrund der Einsicht, dass ihre Anhängerschaft von den Eliten der Republikanischen Partei als Stimmvieh benutzt wurden.

Hochgeschwender rekonstruiert die vergangenen zwei oder zweieinhalb Jahrhunderte als eine ganze Folge solcher "awakenings"; er zählt vier "evangelikale", die sich auf die Irrtumsfreiheit des Bibeltextes beriefen, und zwei "pentekostale", von einem sozusagen urkirchlichen Enthusiasmus bewegte. Dazwischen habe es allerdings immer wieder Phasen der Institutionalisierung, sozusagen der Veralltäglichung, sogar Säkularisierung gegeben. Zum Beispiel die methodistischen und baptistischen Kirchen, die aus solchen Erweckungen hervorgingen, seien heute längst "mainstream". Aber eben immer wieder Erweckungsbewegungen – das macht den Unterschied zu Westeuropa aus, wo sich seit der Aufklärung eine relativ stetige Entzauberung der Welt vollzogen hat.

"Mayflower" auf Briefmarke von 1920

Wie der Unterschied zu erklären ist, das gehört schon eher in den Bereich spekulativer Geschichtsdeutung. "Amerika, du hast es besser", dichtete einst Goethe, "dich stört nicht im Innern zu lebendiger Zeit unnützes Erinnern und vergeblicher Streit". Goethe mag hellsichtig etwas Richtiges getroffen haben. Hochgeschwender spricht von einer "Tradition der Traditionslosigkeit", die ein scheinbar unmittelbares, in Wirklichkeit bloß unreflektiertes Verhältnis zum Beispiel zur biblischen Offenbarung ermöglicht. Theoretisch-dogmatisch versuchte das etwa die presbyterianische Generalsynode zu formulieren, die mit ihren berühmten fünf verbindlichen Glaubenswahrheiten 1910 den Fundamentalismus begründete. Dem historischen Blick ist offenkundig, dass diese Erklärung keineswegs direkt aus dem Bibeltext hervorging, sondern naiv die Glaubensbekenntnisse des 4. Jahrhunderts wiederholte.

Gegenwärtige Verhältnisse im Gedächtnis, erlebt der Leser bei manchen Episoden dieser amerikanischen Religionsgeschichte ein Déjà-vu. In der amerikanischen Revolution, die in den 1770er Jahren zur Unabhängigkeit führte, interagierten "Aufklärungsliberalismus mitsamt Deismus und Freimaurertum, Tugendrepublikanismus und Erweckungsbewegung miteinander, wobei dann im eigentlich revolutionären Geschehen den Deisten die Führungsrolle zufiel, während die Evangelikalen primär das Fußvolk der Revolution darstellten". In der republikanischen Partei, zwischen der neokonservativen Führungselite und der religiösen Rechten an der Basis, ging es in den letzten Jahren offenbar nicht viel anders zu.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen den religiösen Impulsen der Landnahme im 17. und 18. Jahrhundert und der amerikanischen Weltpolitik von heute? Hochgeschwender vermeidet es, eingängige Kontinuitäten zu konstruieren. Die religiöse Rechte der Gegenwart habe nicht einmal ein ausgefeiltes außenpolitisches Konzept, man könne bloß sagen, dass die Ziele der Regierung Bush mit ihren eigenen Vorstellungen von einem christlichen Amerika nun einmal nicht im Widerspruch stünden. Gerade den puritanischen Pilgervätern, die 1620 mit der "Mayflower" den Ursprungsmythos der Usa begründeten, berichtet der Forscher, war der Gedanke an Weltmission denkbar fern. Einer Aufnahme in den Kreis der Auserwählten hatte ein intensives Bibelstudium vorauszugehen.

Der "Mayflower Compact", Gemälde im
Repräsentantenhaus Washington
 

Auf dem Hintergrund des aktuellen Themas Schöpfung contra Evolution dürfen die Passagen über die Rezeption des Darwinismus besonderes Interesse beanspruchen. Der Kulturhistoriker hat Belege gefunden, dass Vertreter des amerikanischen Protestantismus die sozialdarwinistischen Folgerungen aus der Evolutionslehre sogar begrüßten: Sie bot einen Weg, "die rassische Distinktion, wie sie faktisch in den USA existierte, zu legitimieren und naturwissenschaftlich zu begründen". Darin setzten sich theologische Argumentationen fort, mit denen in den Südstaaten die Sklaverei gerechtfertigt worden war: Entsprechend den Vorgaben im Alten Testament sei die Sklaverei eine Institution göttlichen Rechts, die Schwarzen wären mithin als bewegliches Eigentum den Tieren gleichgestellt, in der Konsequenz müsse man ihnen auch die Taufe vorenthalten.

Andererseits gab es auch Beispiele, dass evangelikale Plantagenbesitzer gegen die geltenden Gesetze ihren Sklaven die Kunst des Lesens – des Bibellesens – beibringen wollten. Der "black church", die sich langsam herausbildete, schreibt Hochgeschwender die entscheidende Rolle zu, dass das Verhältnis zwischen Schwarzen und Weißen in den USA niemals zu solchen Gewaltorgien eskaliert ist wie in der Karibik, wo in einem Fall Hunderte von Sklavenhaltern getötet wurden. Wie die puritanischen Theologen fanden auch ihre schwarzen Kollegen Anknüpfungspunkte im Alten Testament: im Auszug aus Ägypten ins gelobte Land Kanaan und in der Befreiung aus der babylonischen Gefangenschaft.

"Die Mehrheit der schwarzen Gemeinden ist in theologischen Fragen ausgesprochen konservativ, verbindet dies aber mit einem gesellschaftlichen Engagement, das wiederum den weißen Rechtsevangelikalen fremd ist", resümiert Hochgeschwender die besondere Situation der "schwarzen" Religiosität von heute. Konkretes über den aktuellen Wahlkampf wird man von solchen Passagen freilich nicht erwarten dürfen; Obama wurde eigenen Angaben zufolge säkular erzogen. Was aus europäischer Perspektive aber ganz verwirrend ist: Hochgeschwender berichtet, dass es in den USA gang und gäbe sei, mit dem sozialen Aufstieg auch die Kirche zu wechseln, also auch von einer "schwarzen" in eine "weiße" Gemeinde. Mehr als ein Viertel der Amerikaner wechselt im Lauf ihres Lebens mindestens einmal die "Denomination".

Das neue Amerika?
 

In Amerika wirkt das europäische System des Staatskirchentums eben nicht fort, meint Hochgeschwender, Vielleicht muss man es umfassender sehen: Bei allem Einfluss der Religion auf das öffentliche Leben haben die einzelnen religiösen Organisationen offenbar eine relativ geringe Bindungskraft. Mit religiösen Ideen könnte es ähnlich stehen. Seit Jahren sind in den USA Endzeiterwartungen im Schwange. Zu einer Bestseller-Folge unter dem Titel "Left behind" gibt es längst Spielfilm, Fernsehserie, Brett- und Computerspiel, Leserforen im Internet und zusätzlich allerlei Gimmicks. Alles sehr mediengerecht, aber es "deutet nichts daraufhin, dass man den Einbruch des endzeitlichen Ereignisses wirklich erwartet".

Bei den Puritanern des 17. Jahrhunderts wird das noch anders gewesen sein. Aber Hochgeschwender hat bereits in den theokratischen Ideen der Puritaner einen Ansatz gefunden, der viel Flexibilität ermöglichte und dann auch den Weg zu religiöser Toleranz und politischer Mitbestimmung ebnete. Die Kolonie beruhte nicht, wie die politische Philosophie der europäischen Aufklärung es nahe legte, auf der Fiktion eines naturrechtlichen Vertrags, sondern auf einem Bund zwischen Gott und seinem heiligen Volk. Dieser Bund konnte "unter Umständen flexibel an andere Vorstellungen angepasst werden", bis hin zu dem breiten Bündnis, das 1776 die Unabhängigkeitserklärung trug. Es müssen verschlungene Pfade gewesen sein, auch mit dem einen oder anderen Paradox: In Neuengland war aus der puritanischen Absonderung von der Mutterkirche "eine gesellschaftlich führende Leitreligion geworden, die aber immer noch an der Fiktion festhielt, randständig zu sein".

Medienreligiosität heute 

Vergleichbare Flexibilität, berichtet Hochgeschwender, verlangen sich auch Aktivisten der fundamentalistischen oder evangelikalen Bewegung im amerikanischen Protestantismus heutzutage ab, wenn sie etwa ein Bündnis mit konservativen Katholiken suchen. "Orthopraxie" also statt Orthodoxie – oder, wenn man es vom Feindbild her betrachten will: "Bill Clinton stand gemäß den Überzeugungen der conservatives und der religiösen Rechen paradigmatisch für die Folgen des verhassten liberalen Systems, das nur zu noch höheren Scheidungsraten, einem allgemeinen Verfall der Sittlichkeit, einer Sexualisierung der Jugend durch Sexualkundeunterricht und zur Akzeptanz von Homosexualität geführt habe."

Schwer zu sagen, wo in solchen Fragen die gelebte Sittlichkeit aufhört und die pure Ideologie anfängt. Gerade in den letzten Jahren wurden immer wieder hochangesehene Prediger hehrer Familienwerte bei unerlaubten Sexualvergnügungen ertappt. Wenn man statt der Klatschpresse lieber die nüchterne Statistik anführen möchte: "Evangelikale und fundamentalistische Christen haben eine mindestens ebenso hohe Scheidungsrate wie säkulare Amerikaner; die Scheidungsrate der konservativen Baptisten ist sogar die höchste unter sämtlichen religiösen Gruppierungen des Landes."


Neu auf dem Büchermarkt
Michael Hochgeschwender:
Amerikanische Religion.
Evangelikalismus, Pfingstler-
tum und Fundamentalismus,
Verlag der Weltreligionen
im Insel Verlag,
Frankfurt am Main und
Leipzig 2007,
ISBN 978-3-458-71005-9,
19,80 €



Mehr im Internet:
Christlicher Fundamentalismus hierzulande, scienzz 22.06.2004
Freund-Feind-Denken in der amerik. Politik, scienzz 20.10.2004
Die Christliche Rechte in den USA, scienzz 21.11.2006
Der Kreationismus oder Ein Tag ist ein Tag ist ein Tag, scienzz 09.08.2007





Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

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