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25.06.2008 - DEUTSCHE LITERATUR

Gleichgewichtsausgleich im überlasteten Kahn

Über Thomas Manns Äußerungen zur Politik

von Josef Tutsch

 
 

Thomas Mann in einem amerikani-
schen Rundfunkstudio, um 1940

"Ich bekenne mich tief überzeugt, dass das deutsche Volk die politische Demokratie niemals wird lieben können, aus dem einfachen Grunde, weil es die Politik selbst nicht lieben kann, und dass der viel verschrieene Obrigkeitsstaat die dem deutschen Volke angemessene, zukömmliche und von ihm im Grunde gewollte Staatsform ist und bleibt." So Thomas Mann im Ersten Weltkrieg, 1918. Vier Jahre später endete der Romancier eine Rede mit dem Ausruf "Es lebe die Republik!"

Das Publikum war irritiert. "Mann über Bord", kalauerte eine jungkonservative Zeitschrift. Leser, die von den Schriften des Romanciers zur Politik nicht nur diese Rede "Von deutscher Republik" und die späteren Kampfschriften gegen das Dritte Reich zur Kenntnis nehmen, sondern sich gelegentlich auch in die "Betrachtungen eines Unpolitischen" aus dem Ersten Weltkrieg verirren, sind bis heute irritiert. Hat sich da jemand um 180 Grad gedreht? Der Autor selbst wollte es nicht so sehen: "Ich weiß von keiner Sinnesänderung", beteuerte er wenige Wochen nach der Rede, "ich habe vielleicht meine Gedanken geändert – nicht meinen Sinn." "Dieser republikanische Zuspruch setzt die Linie der ‚Betrachtungen’ genau und ohne Bruch ins Heutige fort, und seine Gesinnung ist unverwechselbar, unverleugnet die jenes Buches deutscher Menschlichkeit."

Heinrich und Thomas Mann,
um 1908



Der Historiker und Germanist Philipp Gut, inzwischen Redakteur der Zürcher Weltwoche, hat Thomas Manns Haltung zur Politik über fast ein halbes Jahrhundert hinweg in seiner Dissertationsschrift an der Universität Zürich einer gründlichen Analyse unterzogen. Ob es nun die journalistische Praxis des jungen Forschers war oder das Lob des Doktorvaters Peter von Matt ("Das politische Profil eines der wichtigsten Autoren des 20. Jahrhunderts darf damit als abschließend gezeichnet gelten") oder auch bloß das Drängen des Verlags – jedenfalls wurde die Veröffentlichung der Arbeit von einem publizistischen Getöse begleitet, wie es bei solchen geisteswissenschaftlichen Forschungen höchst selten ist. Man hätte glauben können, da würde uns ein ganz neues Thomas-Mann-Bild serviert.

Ach nein, neu oder irgendwie überraschend ist das, was uns Philipp Gut da bietet, keineswegs, jedenfalls nicht für eifrige Thomas-Mann-Leser. Am schwächsten sind jene Passagen, wo der Autor die Entwicklung des Autors  zusammenzufassen versucht, zum Beispiel zur Rede von 1922: "Manns ‚Bedürfnis nach Gleichgewicht’, das schon die ‚Betrachtungen’ namhaft machten, bleibt erhalten, aber relativ zum Gegner ändert sich seine Position und damit die Betonung der Inhalte von Orientierungsbegriffen wie Humanität oder Kultur." Das geht nicht viel über eine Paraphrase von Thomas Manns Selbstdeutungen hinaus, sein immer und immer wieder betontes Verhaltensideal, jeweils "auf die andere Seite des einseitig überlasteten Kahns zu treten". Gut: "Dieses Bild des Ausgleichs war seine Leitmetapher in politischen Fragen."

Thomas Mann, um 1910

Aber es wäre ungerecht, Guts Studie von jenen überdrehten Erwartungen her zu werten, die durch die Pressetexte geweckt werden mussten. Wenngleich der Romancier Thomas Mann zu den am besten erforschten Autoren der gesamten deutschen Literatur gehört, gibt seine politische Entwicklung nach wie vor Fragen auf. Dazu hat zweifellos auch der Kulturbruch in den 1960er Jahren beigetragen. Unter dem Einfluss neomarxistischer Positionen wurden Schriftstellern eindeutige Stellungnahmen abverlangt. Da ließ sich der eine oder andere Satz aus Thomas Manns späten Briefen und Essays trefflich auswerten, zum Beispiel ein freundlich-distanzierter Schlenker über die "Idee" des Kommunismus; aber vom Gesamtwerk her lag doch das Urteil nahe: Die Wendung dieses Ironikers zu Fortschritt und Demokratie war ein "zu spät und zu wenig".

Thomas Manns Ironie "äußerte sich auf der Ebene der Persönlichkeit als Bekenntnisscheu, die sich in Überlegenheit zu retten versucht", schreibt Gut und ergänzt, dass sich hinter der "überkorrekten bürgerlichen Lebensform" der Künstler versteckte, "der auch sexuell zum Verbotenen neigte". Aber von der Persönlichkeitsanalyse einmal abgesehen – wahrscheinlich hat der Ironiker Thomas Mann mit seinen Kommentaren zur Politik auch nicht öfter daneben getroffen als prominente Literatenkollegen, die sich entschieden festlegten. Zum Beispiel Gottfried Benn mit seinen Schwärmereien von einem neuen Staat, dem sich das Individuelle opfern müsse. Oder Bertolt Brecht mit seinen Lob- und Preisgedichten auf die kommunistische Partei.

Friedrich Nietzsche



Das Gegenbild, das Thomas Mann selbst im Sinn hatte, war der Bruder Heinrich, der sich an französischen Vorbildern wie Emile Zola orientierte, der "Zivilisationsliterat", wie Thomas ihn in den "Betrachtungen" hasserfüllt zeichnete. Thomas Mann setzte seine Idee von "Kultur" dagegen – deutsche Kultur gegen westliche Zivilisation, um genau zu sein; das erklärt seine Stellungnahme für das wilhelminische Kaiserreich, die uns heute so befremdlich vorkommt. Der Autor orientierte sich an Gedanken Friedrich Nietzsches: "Zivilisation will etwas anderes, als Kultur will, vielleicht etwas Umgekehrtes ..." Es war eigentlich mehr ein Lebensgefühl. Die Kultur, fasst Gut zusammen, "verströmte eine Aura des Schöpferischen und der geheimnisvollen Tiefe, die dämonisch oder göttlich sein konnte, jedenfalls aber metaphysisch war", während die Zivilisation "durch ihre rationale Klarheit ernüchterte und letztlich langweilte".

"Zivilisation" war in der deutschen Publizistik um die Jahrhundertwende Inbegriff all dessen, was an der Moderne unbefriedigend erschien. Nietzsche hatte "vielleicht" geschrieben, als er von der begrifflichen Unterscheidung auf einen sachlichen Gegensatz schloss. Als Thomas Mann in den Jahren um 1909 an einem großangelegten Essay zur Literaturtheorie arbeitete, baute er seine ganze Argumentation auf diesem Gegensatz auf. Die Passagen über diese Notizensammlung bilden für die breite Öffentlichkeit zweifellos den aufschlussreichsten Teil von Philipps Guts Studie. Dem Publikum ist das Projekt aus dem "Tod in Venedig" vertraut, wo es heißt, dass Gustav von Aschenbach eine "leidenschaftliche Abhandlung über ‚Geist und Kunst’" geschrieben habe.

Heinrich-Mann-Medaille, DDR, 1971

Merkwürdig, dass Gut die Gelegenheit nicht genutzt hat, aus diesem Konvolut ausführlicher zu zitieren. Aber der zentrale Gedanke wird deutlich: Niemand werde leugnen, dass "etwa Mexico zur Zeit seiner Entdeckung Kultur besaß, aber niemand wird behaupten, dass es damals zivilisiert war". "Kultur kann Orakel, Magie, Päderastie, Vitzliputzli, Menschenopfer, orgiastische Kultformen, Veitstanz, Inquisition, Autodafes, Hexenprozesse, Blüte des Giftmords und den buntesten Greuel umfassen. Zivilisation aber ist Vernunft, Aufklärung, Sänftigung, Sittigung, Skepsis, Auflösung – Geist." Kultur rückte damit nicht bloß in Gegensatz zur Zivilisation, sondern auch in Nähe zur Barbarei.

Es wäre lohnend, Thomas Manns Selbstzitate oder Selbstparaphrasen aus diesem Entwurf im "Zauberberg" oder noch im späten "Doktor Faustus" zu verfolgen. Im Ersten Weltkrieg jedenfalls erprobte er Friedrich Nietzsches Gedanken, ob die ermattete europäische Kultur nicht einen "zeitweiligen Rückfall in die Barbarei" nötig habe. Wenn er drei Jahrzehnte später Nietzsches Idee als Phantasie eines "Unerfahrenen" kritisierte, dann lag darin auch Selbstkritik. Der Thomas Mann, der gegen eine Rebarbarisierung der deutschen Kultur anschrieb, so Gut, "wusste, wovon er sprach. Er erkannte die Gefahr, weil sie ihm aus seiner eigenen Ideenwelt vertraut war."

Heinrich und Thomas Mann, 1931



Aber Thomas Mann wusste eben auch, nochmals mit Guts Worten: "Wer den dunklen Grund der menschlichen Kultur verleugnet oder verdrängt, wird von ihm wieder eingeholt und verfehlt die Humanität ebenfalls." Vielleicht ist es nicht zuletzt diese Spannweite, die Thomas Manns Größe ausmacht. Hans Castorp, die Hauptfigur im "Zauberberg", bringt es auf den Punkt, wenn er an den humanistischen Literaten Settembrini denkt und an dessen Streitgespräche mit dem Reaktionär Naphta: "Du bist zwar ein Windbeutel und Drehorgelmann, aber du meinst es gut, meinst es besser und bist mir lieber als der scharfe kleine Jesuit und Terrorist, der spanische Folter- und Prügelknecht mit seiner Blitzbrille, obgleich er fast immer recht hat, wenn ihr euch zankt."

Ein Satz, bei dem man allzu gern wüsste, was Heinrich dazu gemeint hat, das Urbild des humanistischen Zivilisationsliteraten, des "Windbeutels", wenn man so will. 1922 hatten sich die beiden Brüder versöhnt, aber in der Sache blieb der Unterschied. 1925 schrieb Thomas Mann in einem Brief, die souveräne Ironie liege ihm näher als die Rolle eines Richters und Künders, "der das Eine vergöttlicht und das Andere zum Pfuhl verdammt". Zu dieser Ironie gehörte eben auch, dass Thomas Mann, wenn es konkret wurde, erstaunlich flexibel sein konnte.  1915 hatte er in einem Essay über Friedrich den Großen in respektvoller Bewunderung für den König geschrieben, in Frankreich habe man ihn "nicht anders als ‚Barbar’ und ‚Ungeheuer des Nordens’’’ genannt. Ende der 1930er Jahre ließ er seinen Goethe in "Lotte in Weimar" gegen "die Barbaren des Nordens und Ostens" wettern – die Russen und die Preußen. Das Deutschland, das "mitzählte für die Kultur", habe Napoleon im Rheinbund vereinigt.

Johann Wolfgang von Goethe

"Kultur" und "Zivilisation", die Gegensätze aus wilhelminischer Zeit, hatten sich vor der Bedrohung durch den Nationalsozialismus versöhnt. Es sind leise Töne, in denen Thomas Mann gelegentlich dennoch seine Vorbehalte durchklingen ließ. Hübsches Beispiel: Von dem Plappermäulchen Adele Schopenhauer sagt der Erzähler von "Lotte in Weimar", dass ihre "Civilisation kein Stocken des Gesprächs duldete". Goethes Sohn August wählt im Gespräch mit dem Vater den Gegenbegriff, den von Thomas Mann am Ende doch höher geschätzten Begriff: "Es ist die Zucht der Kultur, die du den Menschen auferlegst." Das ist, über drei Jahrzehnte hinweg, beinahe ein Selbstzitat: In "Geist und Kunst" wurde, wie Gut hierzu anführt, die "Kultur des sprachlichen Ausdrucks" als Grundlage von Kultur überhaupt gefeiert.

Anmerkung am Rande: Mit der schriftlichen Wiedergabe der Sprachkultur scheint es heute selbst bei einem so renommierten Verlag wie Fischer nicht zum besten bestellt. Philipp Gut zitiert Aristoteles’ Aussage vom Menschen als einem "zoon politikon", einem "politischen Tier", und bringt diesen Ausdruck, leichtsinnig genug, im griechischen Original. Autor oder Lektor, wer auch immer, haben das Kunststück zustande gebracht, in diesen 13 Buchstaben drei Fehler unterzubringen ... Aber das nur am Rande. "Das politische Profil eines der wichtigsten Autoren des 20. Jahrhunderts darf als abschließend gezeichnet gelten" – so Peter von Matts Urteil über die Arbeit seines Schülers.

Thomas-Mann-Briefmarke, Bundesrepu-
blik Deutschland, 1978

 

Abschließend? Mit Antworten auf die Frage, was durch alle Änderungen der "Gedanken" hindurch der unverwechselbare "Sinn" in Thomas Manns Haltung zur Politik geblieben sei, bleibt Gut doch in den Selbstdeutungen des Autors gefangen – kaum verwunderlich bei dem Wortreichtum dieser Selbstdeutungen, in denen Widersprüche nicht selten sind. "Menschlich denken und betrachten heißt unpolitisch denken und betrachten", zitiert Gut einen zentralen Satz aus den "Betrachtungen" von 1918 – in offenkundigem Konflikt mit der Absicht, die Politik des deutschen Kaiserreichs doch gerade zu unterstützen. Dass Bruder Heinrich diese Distanz ganz und gar unmoralisch gefunden haben muss, steht außer Zweifel. Aber Gut trifft wohl das Richtige: Es mag gerade diese Haltung gewesen sein, die es Thomas ein Vierteljahrhundert später ermöglichte, sich im Exil – in prekärer Gemeinsamkeit mit dem Bruder – als Repräsentant der deutschen Kultur zu verstehen.


Neu auf dem Büchermarkt:
Philipp Gut: Thomas Manns Idee einer deutschen Kultur,
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2008,
ISBN 978-3-10-027821-0, 22,90 €


Mehr im Internet:
Goethe steigt vom Sockel, scienzz 02.06.2004
Thomas Mann- Wikipedia
 





Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

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