... aber viel Aufschluss über das frühe Christentum - das Judasevangelium aus der ägyptischen Wüste
von Josef Tutsch
Der "Judaskuss", von Giotto di
Bondone, Arenakapelle in Padua,
um 1303
Im April 2006 verkündete die National Geographic Society in einer weltweit ausgestrahlten Fernsehdokumentation, das 1978 in Mittelägypten entdeckte "Evangelium des Judas" sei nun endlich rekonstruiert und ins Englische übertragen worden. Trotz aller Bemühungen der Forscher um Sachlichkeit war die internationale Öffentlichkeit elektrisiert: Ein Evangelium, abgefasst von Judas Iskariot? Dieser Judas, so wissen alle Leser der Evangelien, "ging zu den Hohenpriestern, um ihn – Jesus – an sie zu verraten. Als sie das hörten, waren sie froh und versprachen, ihm Geld zu geben. Und er suchte eine günstige Gelegenheit, ihn zu verraten." Jetzt also liegt, aus der Feder der Religionswissenschaftlerin Elaine Pagels (Princeton University) und der Kirchenhistorikerin Karen L. King (Harvard Divinity School), der Text dieses Evangeliums mit ausführlichem Kommentar und historischer Einleitung in deutscher Sprache vor.
Auf dergleichen hat das Publikum also gewartet. Es ist dennoch zu befürchten, dass manche Leser das Buch nach ein paar Seiten enttäuscht beiseite legen. Denn Pagels und King kommen nicht umhin, Enthusiasten von vornherein zu desillusionieren. Der Text wurde um 150 nach Christus geschrieben, damals muss "Judas", wenn er wirklich gelebt haben sollte, längst tot gewesen sein. Und, noch schlimmer, "wir erhalten keine historisch zuverlässigen Auskünfte über Judas oder Jesus, die wir nicht schon aus anderen frühchristlichen Texten kennen". Aber – und diese Frage ist bei näherem Zusehen mindestens ebenso aufregend wie die nach dem historischen Jesus – "das Judasevangelium vermittelt einen Einblick in die innerchristlichen Auseinandersetzungen des 2. Jahrhunderts über Sinn und Bedeutung von Judas’ Verrat und Jesu Lehre".
Verrat des Judas, unbekann- ter Künstler, 12. Jh. Bild: Florenz, Uffizien
Dass es ein solches Evangelium wirklich gegeben hat, war Historikern seit langem bekannt. Um 180 polemisierte der Kirchenvater Irenaeus von Lyon gegen eine Gruppe von Christen, die sich auf dieses "Evangelium des Judas" beriefen; diesen Häretikern zufolge, so Irenaeus, sei Judas der einzige unter den Jüngern gewesen, der "die Wahrheit erkannt" habe. Der Text selbst galt als verschollen, bis 1978 in der Nähe der Stadt al-Minya ein Papyruscodex aus dem 4. Jahrhundert gefunden wurde, geschrieben in Koptisch, also der Kirchensprache der ägyptischen Christen.
Die Bedeutung dieses Funds scheint zunächst niemand erkannt zu haben. Als der Codex 2001 in New York wieder auftauchte, war er stark beschädigt. Der Religionshistoriker Gregor Wurst von der Universität Augsburg konnte immerhin etwa 90 Prozent rekonstruieren und gemeinsam mit dem Koptologen Rodolphe Kasser von der Universität Genf eine kritische Edition samt englischer Übersetzung erstellen. Was jetzt in der Publikation von Pagels und King als Text des Evangeliums zu lesen vorliegt, ist allerdings keine direkte Übersetzung aus dem Koptischen, sondern vielmehr aus der englischen Übertragung, die wiederum von zwei Wissenschaftlern der Berliner Humboldt-Universität mit dem Original verglichen wurde – Umwege, an die man sich wohl gewöhnen muss, seit Deutsch seine Bedeutung als Sprache der Wissenschaft mehr und mehr einbüßt.
Judas und die Hohenpriester, von Rem- brandt, 1629 - Bild: Privatsammlung
Aber zum Inhalt dieses Evangeliums. Es handelt sich sozusagen um ein Protokoll, ein Dutzend Druckseiten lang, von Gesprächen, die Jesus in den Tagen vor seinem Tod mit den Jüngern und dann insbesondere mit einem von ihnen, mit Judas, geführt habe. Während die übrigen Jünger den Meister immer und immer wieder missverstehen, erweist sich Judas am Ende als fähig, Jesu Lehre aufzunehmen. Ausgerechnet die Schlusspassagen, in denen Judas sich anschickt, daraus die Konsequenzen zu ziehen, sind leider stark beschädigt; aber das Evangelium endet mit einer Szene, wie man sie ähnlich auch aus den kanonischen Evangelien kennt: "Die Hohenpriester traten an Judas heran. Sie sagten zu ihm: Du bist doch der Jünger Jesu. Judas aber antwortete ihnen gemäß ihrem Willen. Daraufhin erhielt Judas ein paar Kupfermünzen. Er lieferte ihn an sie aus."
Damit führt das Judasevangelium eine Linie fort, die bereits in den kanonischen Texten angelegt ist: Jesus sieht seinen Tod voraus, bei Johannes fordert er Judas sogar ausdrücklich auf: "Was du tust, tu schnell!" "Du wirst verflucht werden von den übrigen Geschlechtern", sagt der Jesus des Judasevangeliums dem "Verräter" voraus, "aber du wirst über sie herrschen, du wirst zu dem heiligen Geschlecht aufsteigen." Ob die Geschichte von dem Jünger, der Jesus verriet, überhaupt historisch ist oder, wie so vieles andere in der Passionsgeschichte, aus Versen im Alten Testament entwickelt wurde (zum Beispiel Psalm 41: "Selbst mein Freund, auf den ich vertraute, der mein Brot aß, hat die Ferse gegen mich erhoben"), können natürlich auch Pagels und King nicht klären.
JUdas, von Leonardo da Vinci (Studie für das "Abendmahl" in Mailand), um 1495 Bild: Royal Collection
In zweitausend Jahren Christentumsgeschichte sind hierzu die wildesten Spekulationen über Judas’ Motive gepflegt worden. Beliebt ist die Deutung, Judas habe gewusst, dass nur durch seinen Verrat die Erlösung der Menschheit zu bewerkstelligen sei. Offenbar haben auch jene frühchristlichen Kreise, in denen das Judasevangelium entstand, in diese Richtung gedacht – immer vorausgesetzt, dass Kassers Übersetzung, auf der auch die Arbeit von Pagels und King basiert, überhaupt zutreffend ist. April D. de Conick von der Illinois Wesleyan University hat genau das letztes Jahr bestritten: Judas werde in diesem Evangelium als böser Dämon dargestellt.
De Conincks Polemik kam wohl zu spät, als dass Pagels und King sie noch hätten berücksichtigen können. Die Frage muss vorderhand jenen überlassen bleiben, die des Koptischen mächtig sind. Jedenfalls demonstriert der Text aus der ägyptischen Wüste, dass das harmonische Bild, das die Apostelgeschichte vom frühen Christentum zeichnet ("ein Herz und eine Seele") pure Fiktion ist. "Die Zwölf", also die Apostel, auf die sich die kirchliche Mehrheit berufen hat, werden als Götzendiener bezeichnet: "Einige opfern ihre eigenen Kinder, wieder andere ihre Frauen, einige schlafen mit Männern, andere sind an Metzeleien beteiligt, wieder andere haben eine Vielzahl von Sünden und Ungerechtigkeiten begangen." "Sie steinigten mich, sie verfolgten mich hart", so sieht es Judas in einer Vision.
Abendmahl, von Emil Nolde, 1909 Bild: Kopenhagen, Kuknstmuseum
Pagels und King zufolge haben sich diese Differenzen auf das zentrale Mysterium des christlichen Glaubens bezogen. Der Verfasser des Judasevangeliums wäre nicht damit einverstanden gewesen, dass der Tod Jesu, wie es sich bereits in den Paulusbriefen und in den kanonischen Evangelien durchzusetzen begann, als ein von Gott befohlenes Opfer aufgefasst wurde. In den gescholtenen Jüngern würden sich die Bischöfe spiegeln, die ihre Gemeinden zum Martyrium anhalten wollten – eine These, die bei dem fragmentarischen Charakter des Textes aber doch etwas spekulativ wirkt. Erst recht wirkt die Aussage weit hergeholt, dieses Evangelium sei "ein Aufruf an die Religion, Gewalt, die den Menschen angetan wird, nicht als gottgewollt zu betrachten". Von Gewalt an sich und überhaupt ist im Text nirgendwo die Rede, es geht um die Gewalt, die andere ausüben.
Klarer sind die Aussagen Jesu über die himmlische und irdische Welt. Der vermeintliche "Gott", den die übrigen Jünger anbeten, so wird Judas belehrt, sei nur ein niedriger Engel, der in die Irre führe, Jesus sei also auch nicht der Sohn dieses "Gottes". Der menschliche Geist könne unsterblich werden und die schlechte Schöpfung dieses Engels überwinden, wenn er "Erkenntnis" erlange – in jenem Sinne offenbar, wie auch Judas in diesem Gespräch mit Jesus die Wahrheit erkennt. Das entspricht Lehren, wie sie damals in der antiken Welt geläufig waren, vor Entdeckung solcher Papyri aus der ägyptischen Wüste freilich nur aus der Polemik der Kirchenväter bekannt sein konnten. Spätere Historiker haben sie unter der Überschrift "Gnosis" zusammengefasst.
Verrat des Judas, von Giotto di Bon- done, Arenakapelle in Padua, um 1303
In den Kanon des Neuen Testaments, wie ihn die Kirchen noch heute zugrund legen, wurde dieses Judasevangelium wie so viele andere "gnostisch" geprägte Schriften aus dem frühen Christentum nicht aufgenommen. Die beiden Forscherinnen scheinen sich dennoch gesorgt zu haben, dieses neue "Evangelium" könnte auf Leser im einen oder anderen Punkt einen befremdlichen Eindruck machen; es schlage bisweilen "einen homophoben Ton an", heißt es an einer Stelle der Publikation, "offensichtlich ohne sich darüber Gedanken zu machen, wie kränkend eine derartige, beiläufig hingeworfene Polemik sein kann, die den gängigen Klischees entsprach".
Beiläufig hingeworfen? Wahrscheinlicher ist doch, dass der Verfasser diese Klischees nun einmal geteilt hat. Der Abscheu gegen gleichgeschlechtliche Liebe gehörte zur Abgrenzungsstrategie von Juden und Christen gegen ihre heidnische Umwelt und wurde dann auch gegen innere Abweichler gewendet. Für Enthusiasten, die von diesem Text eine Neuschreibung der Kirchengeschichte erwarten, halten Pagels und King aber noch eine weitere Enttäuschung bereit. Die Figur des Judas wird positiv gewertet – aber es bleibt dabei, dass den jüdischen Hohenpriestern und Schriftgelehrten die ganze Schuld an Jesu Tod angelastet wird. Die römische Besatzungsbehörde, die historisch zweifellos das entscheidende Wort hatte, tritt im Judasevangelium noch stärker zurück als in den kanonischen Evangelien.
Selbstmord des Judas, Codex der Uni- versität Heidelberg, um 1450
Falls jemand sich bemüßigt fühlt, trotz alledem mit diesem "Judasevangelium" über den historischen Hergang bei Jesu Tod zu spekulieren: Wenigstens auf eine Frage, die bei Matthäus, Markus, Lukas und Johannes offen bleibt, gibt das apokryphe Evangelium aus dem 2. Jahrhundert eine Antwort, nämlich auf die Frage, welches Geheimnis es eigentlich gewesen sein soll, das Judas "verraten" hat. Danach wäre es eine günstige Gelegenheit gewesen, Jesus ohne große öffentliche Aufmerksamkeit verhaften zu können: "Einige der Schriftgelehrten lauerten darauf, ihn während des Gebets zu ergreifen, sie fürchteten nämlich das Volk, weil er bei ihnen allen als Prophet galt."
Neu auf dem Büchermarkt: Elaine Pagels, Karen L. King: Das Evangelium des Verräters. Judas und der Kampf um das wahre Christentum, Verlag C. H. Beck, München 2008, ISBN 978-3-406-57095-7, 19,90 €
First Solar und Vestas enttäuschen mit Q1-Zahlen. Die RENIXX-Schwergewichte First Solar und Vestas haben die Geschäftszahlen für das erste Quartal 2011 vorgelegt und dabei die Erwartungen der Anleger nicht erfüllen können. Beide Aktien geben im frühen Handel nach und ziehen den RENIXX unter die Marke von 520 Punkten.
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03.08.2009 - MATHEMATIK Mit am Start bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Berlin
"Mathematik zählt, weil...du damit fast alles erklären kannst, vielleicht sogar deine gute Note in Sport", meint Mathematik-Professor Matthias Ludwig, Autor des Buches "Mathematik und Sport" und Mathemacher des Monats August der Deutschen Mathematiker Vereinigung. > mehr
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17.07.2009 - ANTHROPOLOGIE
EVIDENCE how do we know what we know?
"Evidence" ist eine Web- Ausstellung des Museums Exploratorium in San Francisco. Anhand einer Fallstudie wird erklärt, wie Wissenschaft funktioniert. Hierbei steht die Arbeit des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie zur Erforschung der menschlichen Ursprünge im Mittelpunkt. > mehr