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30.09.2020 - ALTE GESCHICHTE

Keines Mannes Sklaven sind sie, keinem Menschen untertan

Vor 2.500 Jahren fand die Seeschlacht von Salamis statt

Königinmutter Atossa ist beunruhigt. Im Traum hat sie gesehen, wie ihr Sohn Xerxes, der sich gerade auf einem Kriegszug gegen Griechenland befindet, vom Streitwagen stürzt. Sie befragt ihren Hofstaat nach diesem kleinen Volk am Rande des Perserreiches, das sich dem Herrschaftsanspruch des Großkönigs so hartnäckig widersetzt. Vor allem nach der Stadt Athen, die offenbar das Zentrum des Widerstands bildet: „Wer ist ihr Gebieter und beherrschet Volk und Heer?“ In der Antwort formulierte der Dichter Aischylos, der acht Jahre nach der Schlacht von Salamis sein Tragödie „Die Perser“ auf die Bühne brachte, voller Stolz das, was er als die Einzigartigkeit der Griechen und insbesondere der Athener in der damaligen Welt ansah: „Keines Mannes Sklaven sind sie, keinem Menschen untertan.“ Atossa fragt ungläubig nach, ob so etwas überhaupt möglich sei: „Wie vermögen dann sie Fremden, die sich als Feinde nah‘n, zu widersteh‘n?“ > mehr

25.09.2020 - GESCHICHTE

Von wegen nur undurchdringliche Waelder

Eine archaeologische Bestandsaufnahme zum alten Germanien

In den Wäldern Germaniens, östlich des Rheins, berichtete Caesar im Buch über den „Gallischen Krieg“ seinen Lesern in der Hauptstadt Rom, würden viele Tiere leben, „die man sonst nirgendwo antrifft“. Darunter die Elche, von denen Caesar behauptete, ihre Beine hätten keine Knöchel und keine Gelenke. Und dann „ein großes Tier, das mit einem Hirsch viel Ähnlichkeit hat. Mitten auf seiner Stirn hat es zwischen den Ohren nur ein einziges Horn“, „an dessen Ende breiten sich handförmig Verzweigungen aus“. Offenbar hatte Caesar, entgegen seinen Bekundungen, von der Tierwelt Germaniens keine nähere Kenntnis. Aber wenn seine Ausführungen über Elche und Einhörner, fragt der Wiener Historiker Reinhard Wolters, derart von Phantasie geprägt sind – kann sich der moderne Leser dann auf seine sonstigen Angaben über die Länder und Völker rechts des Rheins verlassen? Der Mangel an Kenntnissen ist nicht einmal der einzige Punkt, der zur Glaubwürdigkeit der antiken Quellen über das alte Germanien Fragen aufwirft. > mehr

22.09.2020 - RELIGION

Ich konnte fuehlen, wie der Geist in mich eindrang

Der Ethnologe Hans Peter Duerr ueber den Ursprung der Religion

„Ich hatte große Angst“, zitiert der Heidelberger Ethnologe Hans Peter Duerr in seinem neuen Buch „Über den Ursprung der Religion“ aus dem Bericht einer Amerikanerin, die eines Nachts am Fußende ihres Betts undeutlich ein Etwas stehen sah. „Ich konnte mich nicht bewegen, es war, wie wenn ich keine Arme und Beine hätte. Und dann gab ich den Kampf auf, denn mir blieb die Luft weg.“ Den Fortgang der Geschichte, der an dieser Stelle ausgespart ist, kann man sich aus einer Schilderung des Dominikanermönchs Thomas von Cantimpré zusammenreimen, der im 13. Jahrhundert als Naturforscher arbeitete. Aus Furcht vor Dämonen bat eine Ordensfrau einen Mönch, die Nacht bei ihr in der Zelle zu verbringen. Tatsächlich erschien das teuflische Wesen und machte sich über die Schwester her, während der Bruder ihn mit aller Kraft abzuhalten versuchte. Doch der Dämon war stärker, er vergewaltigte die Nonne in Gegenwart des Mönchs. Eben in solchen Erlebnissen und Vorstellungen vermutet Duerr, wie er bereits im Untertitel andeutet, den „Ursprung der Religion“ > mehr

17.09.2020 - KUNST

Die einen nennen es Decadence, die anderen Symbolismus

Alte Nationalgalerie Berlin zeigt belgische Kunst um 1900

„Passé – futur“ wählte der belgische Maler Fernand Khnopff zur Inschrift über dem Eingang, als er sich zwischen 1899 und 1901 in Brüssel eine Villa mit Atelier erbaute. „Passé – futur“: Die Gegenwart kam nur als flüchtiger Moment in Betracht, zwischen einem „Nicht mehr“ und einem „Noch nicht“, zwischen wehmütiger Erinnerung an die Vergangenheit und Bangen vor einer ungewissen Zukunft. Der Soziologe Edward Spencer hatte der Epoche die ihr gemäße Philosophie mit dem Slogan „survival of the fittest“ geboten. Doch viele Intellektuelle der Epoche wandten sich von solcher Zukunftsgewissheit bereits wieder ab. Die Alte Nationalgalerie in Berlin zeigt jetzt eine opulente Ausstellung mit Kunst des Fin de siècle, gruppiert um jene Künstler, die im Rückblick als „belgischer Symbolismus“ zusammengefasst werden wie Félicien Rops, James Ensor, George Minne, Jean Delville oder Léon Spilliaert und eben Fernand Khnopff. Der Großteil der Bilder kommt aus belgischen Museen. Die Berliner Nationalgalerie selbst konnte eine Reihe von Werken europäischer Zeitgenossen beisteuern. > mehr

11.09.2020 - MUSIK

Als die Musik sich vom Gottesdienst emanzipierte und selbst "heilig" wurde

Jan Assmann ueber Beethovens Missa solemnis

Als Ludwig van Beethoven, berichtet der Heidelberger Ägyptologe und Kulturwissenschaftler Jan Assmann in seinem neuen Buch, sich im Frühjahr 1819 entschloss, eine Komposition der Messe in Angriff zu nehmen, befasste er sich zunächst mit dem Text. Mit Hilfe eines Wörterbuchs erstellte er sich eine eigene Übersetzung. Dabei waren die Worte Beethoven doch seit Jugendtagen vertraut. Als Organist am kurfürstlichen Hof in Bonn hatte er die Messfeier hunderte Male an der Orgel begleitet. Er kannte die Kompositionen von Bach, Mozart, Haydn und Cherubini, hatte selbst zwölf Jahre zuvor bereits einmal eine Messe für den Fürsten Esterházy vertont. Aber die alte Vertrautheit genügte Beethoven nun nicht. Vor allem mit Teilen des „Credo“, meint Assmann, scheint der Komponist sich schwer getan zu haben. Er verstand den Wortlaut, fand zu einigen Aussagen jedoch kein persönliches Verhältnis. Im Vorfeld von Beethovens 250. Geburtstag hat Assmann eine neue Deutung von Beethovens „Missa solemnis“ vorgelegt, die der Komponist selbst einmal für sein „größtes Werk“ erklärte. > mehr

03.09.2020 - POLITISCHE KULTUR

Geaechtete Angebote der Sinn- und Heilssuche

Verschwoerungserzaehlungen - zwischen Ideologiekritik und Wissenssoziologie

Hand auf‘s Herz: Beinhaltet der Gründungsmythos der Schweiz eine „Verschwörungstheorie“? Von außen betrachtet, meint der Basler Kulturwissenschaftler Sebastian Dümling in dem neu erschienen Sammelband über „Verschwörungserzählungen“, war die Versammlung auf dem Rütli wohl in der Tat ein „illegitimes Verschwörerkollektiv“. Die Beteiligten selbst sahen in ihr eine „legitime Schwurgemeinde“, die sich gegen eine illegitime Herrschaft auflehnte. Statt von Verschwörungstheorien spricht der Sammelband, den die Germanistin Brigitte Frizzoni von der Universität Zürich jetzt aus den Vorträgen bei einer Tagung der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde vor zwei Jahren zusammengestellt hat, lieber von „Verschwörungserzählungen“. Der ungewohnte Ausdruck versucht, das abwertende „Framing“, das solche Theorien von vornherein nur als Aufgabe für die Ideologiekritik gelten lässt, nach Möglichkeit zu reduzieren. Die Frage nach dem Recht oder Unrecht von Verschwörungen, nach der Wahrheit oder Unwahrheit in Verschwörungstheorien, die oft ja auch von der Position des Betrachters abhängt, tritt in dieser „wissenssoziologischen“ Perspektive zunächst einmal in den Hintergrund. > mehr

27.08.2020 GESCHICHTE

Wie wenn jemand mit brennendem Schwefelholz ueber einen Gashahn faehrt

Vor 150 Jahren triumphierte Preussen im Deutsch-Franzoesischen Krieg

Im Mai 1871 erschien im „Blackwood‘s Edinbourgh Magazin“ eine Kurzgeschichte, in der um so etwas wie eine „Invasion aus dem All“ ging. In naher Zukunft, schilderte der Autor, würde vielleicht eine Armee in dunkelblauen Uniformen, mit Pickelhauben auf dem Kopf, in Südengland landen und das britische Heer in einer einzigen Schlacht völlig aufreiben. In der Folge würde das Empire zerschlagen, Großbritannien würde zum Vasallenstaat des Feindes, den der Autor zwar nicht mit Namen nannte, aber Deutsch sprechen ließ. Die Geschichte erregte in der britischen Öffentlichkeit ein derartiges Aufsehen, dass Premierminister William Gladstone sich veranlasst sah, im Unterhaus zu versichern, ein solches Szenario könne nie und nimmer Realität werden. So ähnlich hatte man in Frankreich vor dem Krieg von 1870/71 allerdings auch gedacht. Als Napoleon III. sich und sein Kaiserreich auf der Pariser Weltausstellung im Sommer 1867 präsentierte, da „schien in Europa keine wesentliche politische Veränderung gegen den Willen Frankreichs möglich“, schreibt der Militärhistoriker Klaus-Jürgen Bremm in seiner neu erschienen Geschichte des Deutsch-Französischen Krieges. > mehr

22.08.2020 - PHILOSOPHIE

Dass die Vernunft die Welt beherrscht

Vor 250 Jahren wurde Georg Wilhelm Friedrich Hegel geboren

„Ich sah manchmal, wie er sich ängstlich umschaute“, erzählte Heinrich Heine später von seiner Studienzeit in Berlin bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel, „aus Furcht, man verstünde ihn.“ „Als ich einst unmutig war über das Wort ‚Alles, was ist, ist vernünftig‘, lächelte er sonderbar und bemerkte: ‚Es könnte auch heißen: Alles was vernünftig ist, muss auch sein.‘ Er sah sich hastig um [...]“ Hegel – ein „Konservativer“, ein Befürworter des Bestehenden? Oder ein Revolutionär, freilich nur in Gedanken, nicht einmal in offenen Worten? Die Frage ist 250 Jahre nach dem Geburtstag des Philosophen am 27. August 1770 so offen wie eh und je. Ebenso wie die andere Frage, ob Hegels Philosophie, in der soviel von „Freiheit“ die Rede ist, neben der Freiheit des „Weltgeistes“ auch die Freiheit der Individuen meinte, zumindest dann, wenn er vom Staat und von der „bürgerlichen Gesellschaft“ sprach. Immer wieder wurde Hegel politisch „reklamiert“, schreibt der Münchner Philosoph Günter Zöller in seinem Büchlein, das pünktlich zum Geburtstag erschienen ist, zunächst von „konservativer Seite“ als „philosophischer Verteidiger der bestehenden staatlichen und religiösen Ordnung“, dann auch von der sich als „fortschrittlich verstehenden Seite, deren politischen Spektrum vom national-demokratischen Frühliberalismus bis zum internationalistischen Frühsozialismus reichte“. > mehr

16.08.2020 - THEOLOGIE

Von der Auslegung zur Wissenschaft

Geschichte der juedischen Bibelexegese seit dem Mittelalter

„Lasset uns Menschen machen“, sagt Gott in der biblischen Schöpfungsgeschichte. Der Plural hat den Exegeten viel Denkarbeit aufgegeben. Ragt hier eine ältere, polytheistische Vorstellung in den Monotheismus hinein? Oder handelt es sich um einen „pluralis majestatis“, einen Ausdruck göttlicher Hoheit? Oder um einen „pluralis deliberationis“, also eine Überlegung und Selbstaufforderung? Für die ältere christliche Theologie, für die es selbstverständlich war, die jüdische Bibel im Sinne der christlichen Glaubensbekenntnisse auszulegen, schien alles klar: Diese Stelle deutete auf die göttliche Dreifaltigkeit hin. In den Streitgesprächen, die im Mittelalter zwischen christlichen und jüdischen Theologen gelegentlich abgehalten wurden, spielte sie eine zentrale Rolle: Wenn die Inhalte des christlichen Glaubens in der hebräischen Bibel, also im „Alten Testament“, erwähnt wurden, dann durfte es als erwiesen gelten, dass die Kirche zu Recht den Anspruch erhob, das „wahre“ Israel zu sein. > mehr

11.08.2020 - KULTURGESCHICHTE

Weit von des Poebels Luesten ...

Einsamkeit - zwischen Vereinsamung und gelehrter Musse, Seelenruhe und Selbstzerstoerung

Im Januar 2018 erweiterte die britische Premierministerin Theresa May das Ressort ihrer Sportministerin Tracey Crouch um die Zuständigkeit für „lonelinesse“. Oder eigentlich: gegen „loneliness“, gegen „Vereinsamung“. In ihrer Begründung sprach May von einer „traurigen Realität des modernen Lebens“ und von einer „Herausforderung“ für die Gesellschaft: Millionen Menschen hätten „niemanden, mit dem sie reden oder ihre Gedanke und Erfahrungen teilen“ könnten. In der deutschen Presse wurde „loneliness“ gelegentlich auch mit „Einsamkeit“ übersetzt. Dieser Ausdruck, erläutert die Amerikanistin Ina Bergmann von der Universität Würzburg, deckt jedoch ähnlich wie das englische „solitude“ einen viel größeren Bereich ab: Damit kann auch ein Dasein ohne unerwünschte Störungen gemeint sein – keine defizitäre Lebensform, sondern vielmehr ein Sehnsuchtsziel. Gemeinsam mit der Germanistin Dorothea Klein hat Bergmann einen Sammelband zu diesen verschiedenen und gegensätzlichen Aspekten des Themas „Einsamkeit“ in der Literatur-, Kunst und Religionsgeschichte herausgebracht. > mehr

06.08.2020 - KULTURTHEORIE

Dreadlocks, Indianerkostueme und die Maedchen von Avignon

Das Verbrechen der kulturellen Aneignung

Der Vorhang ist zurückgezogen, fünf nackte oder halbnackte junge Frauen präsentieren sich dem Betrachter. Offenkundig eine Bordellszene: Der Kunde, den man sich vor dem Bild zu denken hat, ist gerade eingetreten und will nun seine Wahl treffen. Nicht in Avignon, wie der heute gebräuchliche Titel, „Les Demoiselles d‘Avignon“, suggeriert, sondern in der Carrer d‘Avinyó in Barcelona, wo Picasso damals, in den Jahren 1906 und 1907, lebte. Bei den Zeitgenossen erregte das Bild, das heute als Beginn der modernen Malerei gilt, einen Schock: Der Raum ist in keiner Weise perspektivisch gestaltet, es fehlt auch jede klare Lichtführung, die Komposition besteht aus Kuben, die unvermittelt nebeneinander gesetzt sind. Was die Betrachter ebenso verstörte: Die Mädchen sind zwar hellhäutig und tragen langes schwarzes Haar. Doch die Gesichter der drei auf der linken Seite hat Picasso „archaisiert“: Sie sind altiberischen Skulpturen nachgebildet. Und die Gesichter der beiden rechts sind „exotisiert“: Sie ähneln afrikanischen Masken, wie der Maler sie während seiner Arbeit an dem Bild bei einem Besuch im Ethnographischen Museum des Pariser Palais du Trocadéro zu sehen bekam. > mehr

02.08.2020 - GESCHICHTE

Als das Judentum sein Zentrum verlor

Vor 1.950 Jahren wurde im Juedischen Krieg der Jerusalemer Tempel zerstoert

Die Bevölkerung in der belagerten Stadt hungerte. Die Festung Antonia hatten die Römer bereits eingenommen, von dort aus war mit Schusswaffen auch der benachbarte Tempel zu kontrollieren. Nach allem menschlichen Ermessen war die Einnahme Jerusalems nur noch eine Frage von wenigen Wochen. Aber Titus wollte seine Soldaten nicht in Straßenkämpfen aufopfern. Als er am 6. August des Jahres 70 n. Chr. die Nachricht erhielt, im Tempel hätten die Priester das tägliche Opfer nicht mehr abhalten können, entschloss er sich nochmals zu einem Versuch, die Belagerten zur Aufgabe zu bewegen. Die Gelegenheit schien günstig. Im Gefolge des Feldherrn gab es Juden, die sich mit der römischen Herrschaft abgefunden hatten. Titus wird also gewusst haben, welche Bedeutung der Tempeldienst für die Juden hatte. Ihrer Überlieferung zufolge wurde er seit über 1.130 Jahren, seit den Tagen des Königs Salomo, ohne Unterbrechung abgehalten. Wenn er nun erstmals zum Erliegen gekommen war, musste das die Bevölkerung der Stadt aufs tiefste demoralisieren. > mehr

27.07.2020 - THEATER

Der Ruf des Todes und die tiefe Freude am Theater

100 Jahre Salzburger Festspiele

Als er an einem Winterabend mitten im Ersten Weltkrieg, erinnerte sich später der Musikkritiker Paul Stefan, über den tief verschneiten Salzburger Domplatz ging, begegnete er dort dem Theaterregisseur Max Reinhardt. „Was meinen Sie, lieber Doktor“, sagte Reinhardt, „gerade hier, wo wir jetzt gehen, möchte ich einmal den ‚Jedermann‘ geben.“ Den „Jedermann“ – 1911 hatte Reinhardt die Neubearbeitung des mittelalterlichen Mysterienspiels von Hugo von Hofmannsthal in Berlin erstmals auf die Bühne gebracht. Doch mit der Wirkung des Stücks auf einer „normalen“ Bühne war Reinhardt nicht zufrieden. Der Salzburger Domplatz ließ ihn träumen: der Eingang der Kirche mit den riesigen Heiligenfiguren als Kulisse, der Ruf des Todes von der Festung Hohensalzburg herab, übertragen durch ein Mikrophon, das Dröhnen der Kirchenglocken zum Schluss des Spiels … Anderthalb Jahre nach Ende des Weltkriegs konnte Reinhardt seinen Traum endlich verwirklichen. Alles erschien „wie ein Selbstverständliches“, begeisterte sich der Regisseur noch zwei Jahrzehnte nach der Aufführung aus dem amerikanischen Exil. Selbst die Geistlichen und Ordensleuten, die von den Fenstern des Petersstifts aus zuschauten, wirkten für das Publikum unten auf dem Platz wie ein Bestandteil des Spiels. > mehr

22.07.2020 - SPORT

Coubertins Traeume von einer neuen Aristokratie des Leibes

... und die Olympischen Spiele der Neuzeit

Rund um den Titel „olympische spiele“, modisch mit kleinen Anfangsbuchstaben geschrieben, stehen auf dem Einband allerlei Schlagwörter, die in diesen Zusammenhang gehören, von „pierre de coubertin“ über „tv-einnahmen“ bis zu „ethik des sports“. Auch Begriffe zur Historie wie „berlin 1936“ und „münchen 1972“. Und dann, ganz aktuell, „tokio 2020“. Am 24. Juli dieses Jahres hätte es wieder soweit sein sollen, mit den 32. Olympischen Spielen der Neuzeit. Doch dann kam Corona. Pünktlich zum ursprünglich vorgesehenen Ereignis hat der Sportsoziologie Gunter Gebauer von der Freien Universität Berlin jetzt einen knappen Abriss zur Geschichte dieser Mega-Events vorgelegt. Es ist über weite Strecken ein sehr persönliches Buch geworden, ein Wechselspiel zwischen Begeisterung für den Sport und Frustration durch politische oder ökonomische Vereinnahmung. 1965, während er sich selbst als Leistungssportler im Weitsprung betätigte, erinnert sich Gebauer, sagte ihm ein „freundlicher Herr“ nach einigen guten Wettkampfergebnissen eine große Zukunft voraus. „Ich wusste nicht, was er mit mir vorhatte, war aber darauf gespannt.“ > mehr

17.07.2020 - GESCHICHTE

Noah betete, Hams Farbe moege sich veraendern

Sklaverei und Hautfarbenrassismus seit dem Mittelalter

Als der französische Jurist Alexis de Tocqueville und sein Begleiter Gustave de Beaumont 1831 in die USA reisten, war eine ihrer Fragen, wie sich die ehemaligen Sklaven in die amerikanische Gesellschaft einfügten, die der Theorie nach ja als eine Gesellschaft der Freien und Gleichen angelegt war. In Pennsylvania war die Sklaverei bereit 1779 abgeschafft worden, in New York wurde sie 1827 verboten. In Maryland bestand sie noch, hatte jedoch faktisch keine große Bedeutung mehr. Doch wie Tocqueville und Beaumont beobachteten, war die Tendenz, die Schwarzen für minderwertig zu erklären und sozial zu benachteiligen, so stark, dass sie die Institution der Sklaverei überdauern konnte. Zum Beispiel in Pennsylvania konnten die Schwarzen nicht einmal an den Wahlen teilnehmen, Begründung: Die öffentliche Meinung unter den Weißen sei dagegen. Als Tocqueville später sein großes Werk über die „Demokratie in Amerika“ schrieb, zog er ein sehr pessimistisches Fazit: „Die Ungleichheit setzt sich in dem Maß in den Sitten fort, als sie aus den Gesetzen verschwindet.“ > mehr

13.07.2020 - KIRCHENGESCHICHTE

Keine Ruecksicht auf die oeffentliche Meinung, wenn es um die Wahrheit geht

Vor 150 Jahren wurde das Dogma von der paepstlichen Unfehlbarkeit verkuendet

Der kroatische Bischof Joseph Georg Stroßmayer griff zu einem drastischen Vergleich: „Die römischen Kaiser wurden durch einen servilen Senat zum Gott erhoben. Heute macht sich jemand selbst zum Gott, und wir sollen es unterschreiben.“ Stroßmayers Rede auf dem Ersten Vatikanischen Konzil löste einen Sturm der Entrüstung aus. Von anderen Bischöfen, die für das Dogma von der päpstlichen Unfehlbarkeit, der „Infallibilität“, eintraten, wurde er als „Protestant“ beschimpft. Und natürlich wurde sein Gedanke von der anti-katholischen Publizistik der Zeit gern aufgegriffen. Radikale unter den Befürwortern des Dogmas wiederum versuchten, das Argument ins Positive zu wenden. Das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes – es ist das, was sich der Mitwelt und Nachwelt vom Ersten Vatikanischen Konzil 1870/71 eingeprägt hat. > mehr

09.07.2020 - RECHT

Globale Freizuegigkeit vs. kollektive Assoziationsfreiheit

Rechtliche und ethische Fragen rund um Migration und Asyl

Als Zar Alexander II. in den 1860er Jahren einen Anlauf zur Modernisierung seines Reiches nahm, war es eine seiner Maßnahmen, dass er einem Großteil der Juden, nämlich jenen mit gehobenem Einkommen oder höherer Bildung, das Recht auf Freizügigkeit gewährte. Diese vorsichtige Liberalisierung währte allerdings nicht lange. Nachdem Alexander 1881 einem Attentat zum Opfer gefallen war, hob sein Nachfolger viele der Reformen wieder auf, darunter auch die partielle Gleichberechtigung der Juden. In den folgenden Jahren, berichtet der Rechtswissenschaftler Paul Tiedemann von der Universität Gießen, entschlossen sich Zehntausende von Juden, aus dem Zarenreich in die USA auszuwandern. In der Regel über England, wo sich viele dann auch niederließen, etwa weil sie die Mittel für die Weiterreise nicht aufbringen konnten. Der „Aliens Act“, den das britische Parlament 1905 beschloss, gilt heute als Beginn der modernen Gesetzgebung zum Thema „Migration“ und „Asyl“. > mehr

03.07.2020 - LITERATURGESCHICHTE

Satire ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht

Zu Theorie und Geschichte einer literarischen Form

Wissen Sie, was im wilhelminischen Kaiserreich ein „Sitzredakteur“ war? 1874 hatte das „Reichspressgesetz“ die Zensur aufgehoben. Um bei Gesetzesverstößen jemanden zur Verantwortung ziehen zu können, wurden alle Herausgeber „periodischer Druckschriften“ dazu verpflichtet, im Impressum einen „verantwortlichen Redakteur“ zu nennen. Eine gefährliche Stellung – weit über die Tatbestände wie Beleidigung oder Volksverhetzung hinaus, die auch heute der Pressefreiheit Schranken setzen, nahmen Behörden und Gerichte damals vor allem das Delikt der Majestätsbeleidigung oft als gegeben an. Das brachte die Redaktionen immer wieder in die Lage, dass sie eine Weile ohne ihre wichtigsten Autoren auskommen mussten. Bei einigen Zeitungen griff man deshalb zu dem Trick, irgendjemanden bloß dafür zu bezahlen, dass er die Strafe „absaß“. Die Mächtigen zu kritisieren, ist gefährlich. Dass diese Gefahr in den europäischen Staaten nach und nach zurückgedrängt wurde, gehört zu den zivilisatorischen Errungenschaften der Moderne. > mehr

29.06.2020 - LITERATURGESCHICHTE

Mit einer Hoffnung auf ein kommendes Wort im Herzen

Paul Celan und Martin Heidegger in Todtnauberg

Martin Heideggers Ehefrau Elfriede hatte das Grundstück beim Dorf Todtnauberg im Hochschwarzwald gekauft und mit einer Hütte bebauen lassen. Dort schrieb der Philosoph seit den 1920er Jahren viele seiner Bücher und empfing Besucher, von seinen Schülern wie dem Philosophen Hans-Georg Gadamer über den Physiker Werner Heisenberg bis zu „Spiegel“-Herausgeber Rudolf Augstein. Natürlich führte er auch ein Gästebuch. Mit dem Datum vom 25. Juli 1967 ist darin zu lesen: „Im Hüttenbuch, mit dem Blick auf den Brunnenstern, mit einer Hoffnung auf ein kommendes Wort im Herzen, Paul Celan.“ Worum es sich bei dem erhofften „Wort“ handelte, kann nicht zweifelhaft sein. Celan stammte aus einer deutschsprachigen jüdischen Familie in der Bukowina. Seine Eltern waren in einem nationalsozialistischen Konzentrationslager ums Leben gekommen. Er wollte verstehen, warum Heidegger sich 1933 als Rektor der Universität Freiburg für Hitler begeistert hatte – und wie er nun dazu stand. > mehr

24.06.2020 - GESCHICHTE

Nehmt davon, was ihr moegt

Vor 500 Jahren erfuhr die spanische Eroberung der Neuen Welt in der Noche trista ihren grossen Rueckschlag

„Das Metall lag in glänzenden Haufen zerstreut am Boden und reizte die Habgier der Soldaten. ‚Nehmt davon, was ihr mögt‘, sagte Cortés zu seinen Leuten. ‚Es ist besser, dass ihr es habt, als die mexikanischen Hunde.‘ ‚Aber gebt acht, dass ihr euch nicht überladet. Wer in der finsteren Nacht am leichtesten reist, der reist am sichersten.‘“ So in etwa, meinte der amerikanische Historiker William Prescott, als er 1843 seine Erzählung von der „Eroberung Mexikos“ vorlegte, müsste Hernán Cortés am Abend des 30. Juni 1520 zu seinen Soldaten gesprochen haben. Der Ausbruch aus der aztekischen Hauptstadt Tenochtitlán, den das spanische Heer in den folgenden Stunden unternahm, endete in einer Katastrophe. Von den mehr als 1.300 Mann entkamen nur 425. Ebenso fanden die meisten der 2.000 tlaxcaltekischen Krieger, die das Heer begleitet hatten, den Tod. Wer nicht in den Kämpfen fiel, wurde am folgenden Tag den aztekischen Göttern geopfert. > mehr



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