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23.03.2017 - ZEITGESCHICHTE

"Der politische Egoismus einer sich als Schicksalsgemeinschaft verstehenden sozialen Gruppe"

Glanz und Elend des nationalen Prinzips - 60 Jahre nach den "Römischen Verträgen"

1861, nach der Gründung des Königreichs Italien, soll der italienische Schriftsteller Massimo d‘Azeglio, der einige Jahre lang Ministerpräsident von Sardinien-Piemont gewesen war, gesagt haben: „Wir haben Italien geschaffen, nun müssen wir Italiener schaffen.“ Der italienische Nationalstaat, da machte sich d‘Azeglio keine Illusionen, war das Werk einer dünnen Elitenschicht. Eine italienische Nation, im Sinne eines gemeinsamen „Nationalbewusstseins“ breiter Bevölkerungsschichten, entstand erst sekundär, nach dem Nationalstaat. Ähnlich war es in Deutschland. Nach der Reichsgründung 1871, schreibt der Zeithistoriker Peter Alter, der frühere Direktor des Deutschen Historischen Instituts in London, in seinem neuen Buch zum Thema „Nationalismus“, machte das Wort die Runde, die „innere Reichsgründung“ stehe nun erst an. > mehr

19.03.2017 - KULTURGESCHICHTE

Für die Wahrheit Zeugnis ablegen

Das Phänomen Zeugenschaft in Jurisprudenz und Religion, Bildender Kunst und Geschichtskultur

In der Juristenausbildung ist es ein ebenso schlichtes wie beliebtes Experiment: Die Nachwuchskandidaten sollen sich ans Fenster stellen und auf die Straße blicken. Nachher dürfen sie „bezeugen“, was sie gesehen haben. Heraus kommen dabei völlig verschiedene Schilderungen dessen, was sich dort zugetragen hat. Wie mag das erst sein, wenn wir einen Vorgang bloß zufällig und beiläufig mitbekommen haben? „Als Zeuge ist der Mensch eine ‚Fehlkonstruktion‘“, zitiert der Bielefelder Strafrechtswissenschaftler Stephan Barton ein Lehrbuch zur „Tatsachenfeststellung vor Gericht“. Barton selbst drückt es etwas weniger lapidar aus: Der Richter darf sich bei Zeugenaussagen auf gar nichts verlassen - außer auf die beiden Grundsätze „Lüge ist nicht ausgeschlossen“ und „Irren ist menschlich“. Seit einigen Jahren arbeitet bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft ein Projekt „Zeugenschaft“; eine Auswahl der Beiträge ist jetzt als Sammelband erschienen. > mehr

14.03.2017 - THEOLOGIEGESCHICHTE

Vom Menschen Jesus zur zweiten Person der göttlichen Trinität

Der Religionshistoriker Geza Vermes über die Entwicklung des christlichen Dogmas

Moses, erzählt eine Legende im Babylonischen Talmud, hörte bei seiner Ankunft im Himmel Gott die Weisheit des Rabbi Akiba preisen, der erst lange nach seiner eigenen Zeit geboren wurde. Neugierig geworden, bat er um die Erlaubnis, einer Vorlesung dieses Rabbi beizuwohnen. Tatsächlich erhielt er die Gelegenheit, verstand von dem Ganzen jedoch kein Wort – bis Akiba auf die Frage eines seiner Schüler erklärte, genau das sei doch der Inhalt der Lehre, die Moses einst von Gott am Berg Sinai empfangen hatte. Der 2013 verstorbene ungarisch-britische Religionswissenschaftler Geza Vermes, der die Legende in seinem letzten Buch wiedergibt, lenkt die Perspektive auf die Entwicklung der christlichen Glaubenslehre: Wäre der historische Jesus, würde er die christlichen Glaubensbekenntnisse hören, wie sie heute gebetet werden, ähnlich verblüfft wie dieser Moses? > mehr

10.03.2017 - GESCHICHTE

Ein dunkler Schatten lässt sich nicht vertreiben

Die "Österreich-Idee" - vom Heiligen Römischen Reich zur modernen Nation

„An des Kaisers Seite waltet, Ihm verwandt durch Stamm und Sinn, Reich an Reiz, der nie veraltet, Uns’re holde Kaiserin.“ Fans der „Sissi“-Filme mit Romy Schneider ahnen es vermutlich schon: Wer da besungen wurde, war Elisabeth, Kaiserin von Österreich. 1854, zur bevorstehenden Vermählung von Kaiser Franz Joseph I. mit der bayerischen Prinzessin, hatte der Schriftsteller Johann Gabriel Seidl eine neue Fassung der österreichischen „Volkshymne“ gedichtet. Seit Joseph Haydn 1797 sein „Gott erhalte Franz, den Kaiser, Unsern guten Kaiser Franz!“ komponiert hatte, wurde der Text immer wieder den wechselnden Personen und Namen im Kaiserhaus angepasst. Das alte Österreich war ein Staat, der sich in der Hauptsache über die Bindung der Untertanen an das Herrscherhaus definierte. > mehr

06.03.2017 - KUNSTGESCHICHTE

"Reiten zwischen Tod und Teufel"

Albrecht Dürer und die deutsche Ideologien-Geschichte

In einer zerklüfteten Landschaft bewegt sich, die Lanze geschultert und das Schwert um die Hüfte gegürtet, ein Reiter. Er begegnet gerade dem Tod, der ihm vielleicht den Weg abschneiden will. Hinter dem Reiter steht eine Teufelsgestalt; der Betrachter gewinnt den Eindruck, dass sie den Reiter gleich an sich reißen könnte. Auf dem Berg in der Ferne ist eine Stadt oder ein Schloss zu erkennen. In der Ecke links unten liegt auf einem Baumstumpf ein Totenschädel, davor lehnt ein Schild mit dem Datum „1513“ und dem Monogramm des Künstlers: „AD“. Es wird kaum ein anderes Werk der Kunstgeschichte geben, das über die Jahrhunderte derart unterschiedliche und gegensätzliche Interpretationen herausgefordert hat wie Albrecht Dürers Kupferstich „Ritter, Tod und Teufel“. > mehr

23.02.2017 - BRAUCHTUM

"Spuren alten Heidentums"?

Wie der Karneval immer wieder auf vorchristliche Ursprünge hin befragt wurde

Jedes Jahr am 17. Dezember stand das alte Rom Kopf. Die Herren verkleideten sich als Sklaven, die Sklaven als Herren. Niemand tat noch etwas Ernsthaftes, der ganze Tag wurde mit Würfelspiel und Trinkgelage verbracht. Und wenn der Alkohol genügend Wirkung gezeigt hatte, waren die vornehmen Herrschaften auch bereit, vor ihrem Gesinde nackt zu singen oder sich, mit Ruß bestrichen, in einen kalten Brunnen tauchen zu lassen. So jedenfalls schilderte im 3. Jahrhundert n. Chr. der Schriftsteller Lukian die „Saturnalien“. Die Ähnlichkeiten mit dem, was heutzutage in vielen Regionen jedes Jahr vor Aschermittwoch abläuft, sind nicht zu übersehen. Kein Wunder, dass der eine oder andere humanistische Gelehrte im 16. Jahrhundert auf die Idee verfiel, in diesen „heidnischen“ Gebräuchen müsse der Ursprung des Karnevals liegen. > mehr

20.02.2017 - ZEITGESCHICHTE

Kein Mitleid mit der Mikrobe

Ein französische Zeithistoriker rekonstruiert "Logik" und "Ethik" des Nationalsozialismus

Als der SS-Gruppenführer Otto Ohlendorf 1946 im Nürnberg Kriegsverbrecherprozess seine Zeugenaussage machte, verbreitete sich unter den Angeklagten und ihren Verteidigern allgemeines Entsetzen. Ohlendorf versuchte gar nicht erst, irgendetwas an den Verbrechen des Nationalsozialismus zu bestreiten, im Gegenteil, er bot dem Gericht eine Menge Details des staatlich organisierten Massenmordes – wohl wissend, dass er damit auch die Grundlage für sein eigenes Verfahren lieferte. Im sogenannten „Einsatzgruppen-Prozess“ 1947/48, wo Ohlendorf selbst Angeklagter war, ließ er seinen Verteidiger darauf plädieren, die Erschießung Unschuldiger in Russland und der Ukraine sei eine Art Putativnotwehr gewesen, eine staatliche Selbstverteidigung gegen den Bolschewismus und „die Juden“. Die innere „Logik“ des Nationalsozialismus, die Einstellung, die dem Handeln seiner Repräsentanten zugrundelag, gehört bis heute zu den eher vernachlässigten Fragestellungen der Zeitgeschichte. > mehr

14.02.2017 - MUSIK

"Ein entschiedener Schlager"

Vor 150 Jahren wurde der Strauss-Walzer "An der schönen blauen Donau" uraufgeführt

„Wiener, seid froh“, sangen die Bassisten des Wiener Männer-Gesangvereins am Abend des 15. Februar 1867 im Saal des Dianabades in der Leopoldstadt. Die Reaktion der Tenöre gab sicherlich treffend wieder, was viele Musikfreunde in der kaiserlichen Residenzstadt an der Donau angesichts dieser Aufforderung empfanden: „Oho, wieso?“ Ja, wieso eigentlich? Im Jahr zuvor hatte das Kaisertum Österreich einen beispiellosen politischen Absturz erlebt. Nach der militärischen Niederlage im „Deutschen Krieg“ gegen Preußen musste die Habsburgermonarchie die Schmach akzeptieren, dass sie in der deutschen Politik fortan keine Rolle mehr spielte. Ein halbes Jahrhundert nach dem Wiener Kongress war Metternichs politisches Konzept, Österreich die Kontrolle sowohl über Deutschland als auch über Italien zu sichern, endgültig gescheitert. Doch am 15. Februar 1867, vor 150 Jahren, erklang zum ersten Mal der Walzer „An der schönen blauen Donau“ von Johann Strauss (Sohn). > mehr

03.02.2017 - KRIEGSSPIELE

Wenn das Kinderzimmer zum Schlachtfeld wird

Aus der Kulturgeschichte der Kriegsspiele

Was sollten sich brave Kinder „zur Belohnung für Fleiß und gute Sitten“ wünschen? Für den Lehrer Zehetbauer in Karl Kraus‘ Drama „Die letzten Tage der Menschheit“ war das keine Frage. Er empfahl das Spiel „Russentod oder Wir spielen Weltkrieg“. Eine böse Erfindung? Keineswegs 1914 war in Wien tatsächlich der Band „Wir spielen Weltkrieg! Ein zeitgemäßes Bilderbuch für unsere Kleinen“ von Ernst Kutzer und Armin Brunner herausgekommen. „Mir ein Gewehr!“, sagt eines der drei Kinder, die als „Helden“ dargestellt sind. „Und dir ein Schwert zur Hand! Klein Schwesterchen – du lass die Fahne fliegen! Caro ist Kriegshund. Auf ins Feindesland! Wir spielen Weltkrieg! Und – wir werden siegen!“ > mehr

30.01.2017 - KULTURGESCHICHTE

Der "gefühlte" Winter

Erinnerungen und Erwartungen rund um eine Jahreszeit

„Wann wird‘s mal wieder richtig Sommer“, sang einst Rudi Carrell. Blickt man auf die Klimaentwicklung der letzten Jahrzehnte, kommt man zu dem Schluss, dass die Frage, wann es mal wieder „richtig“ Winter wird, doch viel näher liegen müsste. Doch selbst, wenn man von der Diskussion um den Klimawandel absieht - jedes Jahr Mitte Dezember geht die Frage groß durch die Presse: Gibt es eine „weiße Weihnacht“, wenigstens dieses Jahr? Auch in Zeiten, als von Erderwärmung noch niemand sprach, war eine weiße Weihnacht eher die Ausnahme als die Regel, vermerkt der Sachbuchautor Bernd Brunner in seinem neuen Buch „Als die Winter noch Winter waren“. Wirklich kalt ist es im Dezember in Mitteleuropa meistens noch gar nicht, das steht in aller Regel erst im Januar an. > mehr

25.01.2017 - DEUTSCHE LITERATUR

"Sitz still, mein Sohn - du musst deine Lektion lernen!"

Alter und Weisheit in der deutschen Literatur seit dem 19. Jahrhundert

2013 war von den Einwohnern der Bundesrepublik Deutschland etwa ein Fünftel über 65 Jahre alt; 2060, schätzte vor zwei Jahren das Statistische Bundesamt, wird es ein Drittel sein. Nun weiß niemand, ob und inwieweit sich diese Zahl durch Zuwanderung vielleicht noch verändert. Aber die kulturellen Folgen dieser Entwicklung sind längst unübersehbar. Noch nie zuvor, stellt die Germanistin Marie Gunreben von der Universität Bamberg in ihrem Buch „Das Alter und die Weisheit“ fest, „haben Altern und Alter für das Selbstverständnis und die Selbstwahrnehmung einer Gesellschaft – das gilt für die deutsche ebenso wie für die anderen westlich-kapitalistischen Nationen – eine so große Rolle gespielt wie zu Beginn des 21. Jahrhunderts.“ Gunreben hat den Wandel der Bilder von Alter und Weisheit in der deutschen Literatur seit Mitte des 19. Jahrhunderts untersucht. > mehr

19.01.2017 - DEUTSCHE LITERATUR

Wenn Regierung auf göttliche Eingebungen wartet

Vor 150 Jahren wurde der Schrifsteller Ludwig Thoma geboren

„Er war Jurist und auch sonst von mäßigem Verstand.“ Nein, es war nicht, wie oft zu lesen ist, der Journalist Kurt Tucholsky, der diesen etwas unfreundlichen Spruch prägte, es war der Schriftsteller Ludwig Thoma, selbst ausgebildeter Jurist und einige Jahre als Rechtsanwalt tätig. 1916 brachte er eine kleine Erzählung vom königlichen Landgerichtsrat Alois Eschenberger heraus. Mit unverhohlener Schadenfreude wird darin geschildert, wie dieser „gute Jurist“ sich durch seinen allzu gründlichen Formalismus selbst hereinlegt. Glücklich scheint Thoma mit seinem Rechtsanwaltsberuf in der Tat nicht geworden zu sein. Die Juristerei lief wohl auch einem Grundzug seines Charakters, seiner Aufmüpfigkeit, zuwider. Es wäre sicherlich verfehlt, wollte man das populärste seiner Werke, die „Lausbubengeschichten“ von 1905, als getreuen autobiographischen Bericht lesen. Aber ein wenig von einem Lausbuben war doch in ihm. > mehr

15.01.2017 - KULTURGESCHICHTE

"Flower Power" - die Sprache der Blumen

Zwischen Vampirismus und Revolutions- oder Friedenssymbol

„Grimmig in fürchterlicher Stille auf der öden Heide thront der grausame Upas, der Hydrabaum des Todes“, dichtete 1791 Erasmus Darwin, der Großvater des Begründers der Evolutionslehre, in einem umfangreichen Poem über das Leben der Pflanzen. „Sehet! Aus einer einzigen Wurzel wachsen im von ihm vergifteten Boden tausend pflanzliche Schlangen […] Tausend Zungen, durchdrungen von schrecklichem Gift, schießen rasch vibrierend hervor, ergreifen den stolzen Adler, der sich über die Heide erhebt, oder stürzen sich auf den Löwen, der unter der Krone pirscht, oder verstreuen menschliche Skelette über die geweißte Steppe.“ Man möchte glauben, da wäre die Phantasie mit dem Dichter durchgegangen. Aber Erasmus Darwin, der eigentlich Arzt und Botaniker war, durfte annehmen, dass es einen solchen pflanzlichen Vampir wirklich gab. > mehr

10.01.2017 - SOZIALGESCHICHTE

Unterwäsche, Ungeziefer, Kriege und Krankheiten

Aspekte einer Sozialgeschichte des Alltags in der Neuzeit

In einer Stadt im Piemont, erzählt Giacomo Casanova in seinen Memoiren, habe er einmal das Theater besucht. Vor der Vorstellung sei er mit einem der Schauspieler ins Gespräch gekommen und habe geschwärmt, vielleicht werde er gleich Gelegenheit haben, von dessen berühmter Kollegin die Unterhose zu sehen. „Das wäre schwierig“, antwortete der Schauspieler, „sie trägt keine.“ Die Unterhose, stellt der bayerische Autor Manfred Vasold, der vor allem über medizinhistorische Fragen arbeitet, in seinem neuen Buch zur „Sozialgeschichte des Alltags in der Neuzeit“ fest, „war vor Beginn des 19. Jahrhunderts ein ziemlich ungewöhnliches Kleidungsstück“. > mehr

06.01.2017 - KUNSTGESCHICHTE

Die Wies und 99 weitere

100 schönste Kirchen in Oberbayern

Der Teufel, „wie jeder andere Preuße“, mache in Bayern gern Urlaub, hat der Münchner Autor Thomas Kernert einmal geschrieben. Und was macht der Teufel dort im Urlaub? Er besichtigt Kirchen, darf man vermuten, zumindest manchmal – dem Zauber der bayerischen Spätbarock- und Rokokokunst wird auch er nicht widerstehen können. Falls sein Urlaub gerade dem südlichsten der sieben bayerischen Regierungsbezirke gilt - vielleicht ist ihm bei der Auswahl seiner Ziele ja der Band behiflich, den den Münchner Kunsthistoriker Wilfried Rogasch jetzt herausgebracht hat: „Die 100 schönsten Kirchen in Oberbayern“. Wie sich versteht, ist die „Wallfahrtskirche zum gegeißelten Heiland auf der Wies“ unter den Drei-Sterne-Sehenswürdigkeiten, das einzige Bauwerk in Oberbayern, das zum Weltkulturerbe der UNESCO zählt. > mehr

02.01.2017 - PHILOSOPHIE

"Klarheit über das, was voll und schwer ist"

Von Einparkproblemen bis zum Monopoly-Spiel - wenn der Alltag philosophisch wird

Was ist das eigentlich – eine „Krise“? Das altgriechische Verb „krinein“, belehren uns die Wörterbücher, wurde vor allem in juristischem Zusammenhang gebraucht, im Sinne von „urteilen“, einen Prozess entscheiden. Dahinter stand ursprünglich vielleicht eine sehr handfeste Vorstellung: „scheiden“ als „schneiden“, mit einer scharfen Klinge. Wir sagen ja heute noch, etwas stehe „auf des Messers Schneide“. „Krisengebiete“ hat der Verlag J. B. Metzler den ersten Band seines auf insgesamt vier Bände angelegten „Lexikons des philosophischen Alltags“ überschrieben. Fast 30 kurze Essays, von „Aggression“ bis „Zinsverbot“, von „Gerechter Krieg“ bis zu „Wachstum“. Als Herausgeber fungiert ein gewisser „Dr. B. Reiter“, freier Autor und „Spezialist für philosophische Aufklärung“, wie das Impressum erläutert. „In unserer Zeit mangelt es weniger an wissenschaftlichen Wahrheiten als vielmehr an einer philosophischen Auseinandersetzung mit dem an schwierigen Problemen und Fallstricken so reichen Alltag“, schreibt Reiter im Vorwort. > mehr

30.12.2016 - KALENDER

Wenn das Neue Jahr um die Erde herum wandert

Verwirrungen um die Datumsgrenze - von Magellan bis Dagobert Duck

Ob es 1873 eigentlich noch keine Kalender gab? Anders wäre kaum zu erklären, dass der Held von Jules Vernes‘ Roman „In 80 Tagen um die Welt“ während der gesamten Eisenbahnfahrt von San Francisco nach New York und dann auch auf der Reise mit dem Schiff nach Liverpool das „richtige“ Datum nicht mitbekommt. Erst in London, als er seine Wette bereits verloren gegeben hat, erfährt Phileas Fogg, dass er seine Reise um die Welt eben doch in den vorgesehenen 80 Tagen absolvieren konnte.Ein literarischer Taschenspielertrick. Indem der Held seine Uhr Tag für Tag kaum merklich dem Sonnenstand anpasst, lässt der Autor auch sein Publikum bis zum Schluss darüber im Unklaren, dass bei der Weltumrundung in Richtung Osten sozusagen ein Tag „eingespart“ wird. Verne konnte darauf setzen, dass bei den allermeisten seiner Leser der Groschen keinen Augenblick zu früh fallen würde. > mehr

27.12.2016 - PHILOSOPHIE

Unempfänglich für die Faszination der Utopien

Vor 2.400 Jahren wurde der Philosoph Aristoteles geboren

Cicero lobte den „goldenen Fluss der Rede“ in seinen Dialogen. Das ist aber auch schon alles, was wir von dem Schriftsteller Aristoteles wissen. Keine Zeile von dem, was er selbst veröffentlichte, ist erhalten geblieben. Bei dem, was wir heute lesen können, dürfte es sich in der Hauptsache um Manuskripte handeln, die er seinen Vorlesungen zugrunde legte. Als Schriftsteller steht der Philosoph Aristoteles, der vor 2.400 Jahren, 384 v. Chr. in Stageira auf der Halbinsel Chalkidiki geboren wurde, im Schatten seines Lehrers Platon. 384 v. Chr. - dann müsste der runde Geburtstag 2016 angefallen sein, möchte man meinen. Doch in unserer Zeitrechnung fehlt ein Jahr „Null“. Das Jubiläum steht also erst 2017 an – was manche nicht davon abgehalten hat, ein bisschen vorzeitig zu feiern. > mehr

23.12.2016 - RELIGIONSGESCHICHTE

Kaiser und König, Volkszählung und Stern am Himmel

Allerlei Versuche, das Geburtsjahr Jesu zu berechnen

Es ist einer der bekanntesten Sätze, die jemals geschrieben wurden, etwa durch Johann Sebastian Bachs „Weihnachtspassion“ klingt er auch jenen im Ohr, die christlichen Traditionen ansonsten entfremdet sind: „Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzet werde ...“ Mit der Nennung des Kaisers wollte der Verfasser des Lukasevangeliums die folgende Geschichte des Jesus von Nazaret fest in der Zeithistorie zu verankern. Sicherlich lag darin auch ein polemischer Unterton gegen die vielen Heroen der griechischen Mythologie, bei denen eine solche Zuordnung nicht möglich war. Der folgende Satz bekräftigt noch einmal, dass Jesu Geburt ein historisches, eben kein mythisches Ereignis war: Es „geschah zu der Zeit, als Quirinius Statthalter in Syrien war.“ > mehr

21.12.2016 - POLITISCHE KULTUR

Mobilisierung durch das Postfaktische

Das schwer fassbare Gespenst des Populismus

Ein Gespenst geht um in Europa, das Gespenst des Populismus, möchte man den berühmten Satz aus dem „Kommunistischen Manifest“ abwandeln. Marx und Engels stellten damals fest, die Regierenden ihrer Zeit hätten es sich zur Gewohnheit gemacht, alle Oppositionsparteien als „kommunistisch“ zu verschreien. Heute steht es mit den Schimpfwörtern „Populismus“ und „populistisch“ ähnlich. „Populistisch“ sind immer die anderen, die politischen Gegner, vor allem dann, wenn sie gerade „populär“ sind, eben die Gunst des „Publikums“ genießen. Angeprangert wird vor allem eine Politik ohne Prinzipien, die Vernachlässigung ethischer und programmatischer Grundsätze zugunsten des Erfolgs beim Wähler, der sich – vielleicht – in Machtgewinn umsetzen lässt. > mehr



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