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22.03.2019 - DEUTSCHE LITERATUR

"Die Zwiebel weiss er zu gebrauchen wie wenige"

Vor 200 Jahren wurde August von Kotzebue ermordet, der Erfolgsdramatiker der Goethezeit

In den 26 Jahren von 1791 bis 1817, die Goethe als Intendant am Hoftheater in Weimar tätig war, wurden an fast 2.800 Abenden Schauspiele gegeben, also Tragödien oder Komödien oder Possen, an mehr als 1.300 Abenden Opern oder Ballette. Im Musiktheater führten Mozarts Opern die Liste an. Auch im Sprechtheater war es ein einziger Dramatiker, der mit über 600 Vorstellungen, also mehr als einem Fünftel der Abende, das Repertoire dominierte. Nein, es war nicht Goethe selbst. Auch nicht Schiller. Der große Erfolgsdramatiker der Goethezeit hieß August von Kotzebue. Eigentlich mochte Goethe ihn nicht. Mit leicht gequältem Bemühen um Sachlichkeit bescheinigte er ihm einerseits „eine gewisse Nullität“, andererseits „ein vorzügliches, aber schluderhaftes Talent“. Talent wozu? „Die Zuschauer zu unterhalten und der Kasse zu nutzen.“ Programmdirektoren der Fernsehsender heute würden sagen: die Quote zu heben. > mehr

16.03.2019 - PHILOSOPHIE

Ohne dieses Vergnuegen koennen wir nicht leben

Aus der Kulturgeschichte der Trunkenheit

Im Jahr 1914, der Erste Weltkrieg hatte bereits begonnen, erklärte Zar Nikolaus II. den Verkauf von Wodka in Russland für ungesetzlich. Dahinter stand die Erkenntnis, dass die Kampfkraft der Armee durch den Alkoholkonsum beeinträchtigt wurde. Andererseits – mit dem Verbot reduzierte der Staat seine Einnahmen um nicht weniger als ein Viertel, und das mitten im Krieg. Womöglich, meint der englische Schriftsteller Mark Forsyth in seiner „Kurzen Geschichte der Trunkenheit“, die jetzt auf deutsch erschienen ist, kam das russische Volk erst in dieser Situation der verordneten Abstinenz zu einem realistischen Einblick in die Mechanismen seines politischen Systems. Jedenfalls war es drei Jahre später mit der Zarenherrschaft vorbei. Forsyth hat einen Abriss zur Entwicklungsgeschichte des „Homo alcoholicus“ vorgelegt, von der Steinzeit bis heute. > mehr

09.03.2019 - PHILOSOPHIE

Kein "Zimmer" mehr fuer sich allein

Das Internet verschiebt die Grenze zwischen Oeffentlichkeit und Privatsphaere

„Das Private ist politisch“, propagierten vor einem halben Jahrhundert Aktivisten der Studenten- und der Frauenbewegung. Sicherlich kalkulierten sie dabei ein, dass sie das konservativ-liberale Bürgertum mit nichts anderem so erfolgreich provozieren konnten wie mit dieser Negation der gewohnten Unterscheidung zwischen einer Sphäre des Politischen und einer Sphäre des Privaten. Liebgewordene Gewohnheiten werden eben gern als eine „zweite Natur“ empfunden. Aber „privates Leben ist keine Naturtatsache“, stellt die Soziologin Marianne Brieskorn-Zinke von der Evangelischen Hochschule Darmstadt in einem neu erschienenen Sammelband zum Thema „Privatheit“ lapidar fest. „Ständig verändern sich die Zuschreibungen menschlichen Handelns zur Privatsphäre einerseits und zur öffentlichen Sphäre andererseits.“ > mehr

03.03.2019 - GESCHICHTE

"Keine Lichtgestalt und kein Daemon"

Eine neue Napoleon-Biografie

Im Pariser Pantheon findet sich neben vielen anderen „Helden der französischen Nation“ auch der italienische Bischof Giovanni Battista Caprara. Als päpstlicher Legat arbeitete er in der Zeit des Ersten Konsuls Napoleon an der Versöhnung der katholischen Kirche mit der französischen Republik. Und auch in den Vorbereitungen zu Napoleons Kaiserkrönung 1804 nahm er eine kleine, aber nicht ganz unwichtige Rolle ein. Als christlicher Kaiser hätte Napoleon das Manko gehabt, dass es im Kirchenkalender keinen Heiligen dieses Namens gab. Caprara machte sich auf die Suche und fand wenigstens eine Namensähnlichkeit: Unter Kaiser Diokletian war in Alexandria ein gewisser „Neopolis“ zum Märtyrer geworden. Als Festtag des wiederentdeckten Heiligen wurde der 15. August bestimmt. Es war „zufällig“ der Geburtstag von Napoleon Bonaparte. > mehr

24.02.2019 - BRAUCHTUM

Die Lizenz, einmal ganz anders zu sein

Verkleidung und Verwandlung im Karneval

„Ich bin eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu“, sagt eine Figur in der Komödie „Zur schönen Aussicht“ von Ödön von Horváth. „Eigentlich“ wollen wir uns ja immer streng nach unseren moralischen Prinzipien richten, aber die Umstände und unsere Begehrlichkeiten lassen uns nicht, das war das Thema von Horváths Stück 1926. „Ich bin gar nicht der Typ, den jeder in mir sieht“, haben Udo Lindenberg und Jan Delay den Gedanken fortgeführt, „es tut mir leid, da kann ich nix dafür, denn mein eigentliches Ich ist im Urlaub“, „das wahre Ich bleibt lieber im Schrank“. „Eigentlich“ wäre mancher von uns statt Angestellter im Büro lieber Cowboy oder Pirat, der Karneval gibt uns die Gelegenheit, solche Träume zur Schau zu tragen, wenigstens für ein paar Stunden. Und unter dem Kostüm sinnieren wir in stillen Augenblicken dann vielleicht, welches eigentlich unser „wahres“ Ich sei, das des Alltags oder das unserer Träume. > mehr

18.02.2019 - KUNSTGESCHICHTE

Ein Maler, der sich den Maechtigen verweigerte

Der Schweizer Historiker Volker Reinhardt bietet eine neue Sicht auf Leonardo da Vinci

„Seine Verrücktheiten gingen so weit, dass er beim Nachdenken über die Natur versuchte, die Eigenschaften der Kräuter zu verstehen sowie die Bewegung des Himmels und den Lauf des Mondes und der Sonne zu beobachten. Und dabei entwickelte er so ketzerische Vorstellungen, dass er jegliche Religiosität verlor und es in seiner Verwegenheit höher schätzte, Philosoph als Christ zu sein.“ Leonardo da Vinci war schon seit drei Jahrzehnten tot, als Giorgio Vasari ihn 1550 mit dieser „Würdigung“ bedachte. Ihm selbst konnte eine solche Beschuldigung also nicht mehr gefährlich werden. Aber die Sätze warfen einen Schatten auch auf Menschen aus seinem Umfeld, die noch lebten: Teilten sie womöglich die „ketzerischen Vorstellungen“ des Meisters? Gut möglich, dass irgendjemand bei Vasaris Brotherrn, dem Herzog der Toskana, mit der Bitte intervenierte, er möge seinen Hofkünstler doch dazu bringen, diese Inkriminierung zurückzunehmen. > mehr

12.02.2019 - ZEITGESCHICHTE

Der muehsame Weg zum Pluralismus

Zeithistorische Forschung und politische Kultur im Deutschland der Nachkriegszeit

„In einer Verwirrung und Ratlosigkeit ohnegleichen stehen heute die Deutschen am Grabe ihrer Vergangenheit“, schrieb der Historiker Gerhard Ritter 1946 in einem Büchlein unter dem Titel „Geschichte als Bildungsmacht“. Darin lag ein Stück weit auch Selbstkritik. Ritter hatte die Weimarer Republik aus deutsch-nationaler Perspektive heftig kritisiert und stand nun vor der Frage, inwieweit er die Entwicklung hin zum Dritten Reich und zum Zweiten Weltkrieg mit dem Ende des deutschen Nationalstaates womöglich mit zu verantworten hatte. Man könnte erwarten, das konservativ-nationalistische Denken vieler Historiker hätte sich nach dem Zweiten Weltkrieg bruchlos fortgesetzt. Genau das geschah nicht, zeigt eine Historikern der HU Berlin in ihrer neuen Studie. Viele Historiker machten sich nun durchaus ernsthaft an die Aufgabe, die ihnen der Doyen der deutschen Geschichtswissenschaft, Friedrich Meinecke, aufgab: „Unser herkömmliches Geschichtsbild bedarf jetzt allerdings einer gründlichen Revision, um die Werte und Unwerte unserer Geschichte klar voneinander zu unterscheiden.“ > mehr

04.02.2019 - PHILOSOPHIE

"Wir zu sagen, bedeutet, dass man eine Grenze zieht"

Ueber das "Subjekt der Politik"

„Wir sind das Volk. Wir sind ein Volk“, soll auf dem „Freiheits- und Einheitsdenkmal“ stehen, das für den Platz vor dem Berliner Schloss geplant ist. Der erste dieser beiden Sätze griff 1989 eine alte Parole revolutionärer Bewegungen auf - „Wir“ als die große Mehrheit des Volkes gegen despotisch herrschende kleine Gruppen. Der zweite proklamierte in den Monaten danach eine Einheit von zwei Bevölkerungen, die damals staatlich getrennt waren, in einer einzigen Nation – „Deutschland einig Vaterland“, wie es in der Nationalhymne der DDR hieß, die aus ebendiesem Grund seit Jahrzehnten nur noch ohne Text gespielt werden durfte. Was ist das eigentlich, dieses „Wir“?, fragt der Philosoph Tristan Garcia von der Universität Lyon in seinem neuen Essay „Nous“, der jetzt in deutscher Übersetzung erschienen ist. Immer geht es darum, dass sich ein Individuum mit manchen Anderen enger zusammengehörig fühlt, als mit Dritten. „Wir“ zu sagen, bedeutet, dass man eine Grenze zieht. > mehr

28.01.2019 - KULTURGESCHICHTE

Ewiger Winter in dicksten Pelzen - und der liberale Traum

Europas Antworten auf die "Kleine Eiszeit"

Große Kulturen, schrieb Mitte des vorigen Jahrhunderts der britische Historiker Arnold Toynbee in seiner monumentalen Studie über den „Gang der Weltgeschichte“, entstehen, indem Gesellschaften durch ihre Umwelt vor große Herausforderungen gestellt werden und schöpferische Lösungen entwickeln. Die Weltgeschichte als ein Spiel von „challenges“ und „responses“, manchmal erfolgreich, oft auch weniger erfolgreich. In dem Buch des österreichischen Historikers Philipp Blom über die Entstehung unserer modernen Welt kommt der Name Toynbee nicht vor. Aber unverkennbar greift Blom auf das Denkschema von challenge und response zurück: War der Aufschwung Europas seit dem 16. Jahrhundert, der die gesamte Welt so nachhaltig verwandelt hat, vielleicht eine Antwort auf jene Herausforderung, die Klimahistoriker heute als die „Kleine Eiszeit“ bezeichnen? > mehr

22.01.2019 - KUNSTGESCHICHTE

Traeume aus Porzellan, Seide und Lack

Die Chinosierie-Mode in Europa seit dem 17. Jahrhundert

Der Vater, erinnerte sich Goethe viele Jahrzehnte später in „Dichtung und Wahrheit“, „hatte ein schönes, rotlackiertes, goldgeblümtes Musikpult, in Gestalt einer vierseitigen Pyramide mit verschiedenen Abstufungen, das man zu Quartetten sehr bequem fand“. Offenbar ein Möbel im „chinesischen“ Stil, wie er zu Goethes Jugendzeit in Europa groß in Mode war. Dazu trug vor allem der schottische Architekt William Chambers bei, der im Auftrag der schwedischen Ostindien-Kompanie China bereist hatte und nach seiner Rückkehr mehrere Bücher über Architektur und Kunstgewerbe der Chinesen herausbrachte – und über seine eigenen Bauten, in denen das China seiner Eindrücke zu einer Traumwelt aus Pagoden und Porzellan, Seide und Lack verarbeitet war. „Europas chinesische Träume“, ist das Buch über die „Erfindung Chinas“ überschrieben, das jetzt aus dem Nachlass des 2017 verstorbenen Kunsthistorikers Aachener Kunsthistorikers Hans Holländer erschienen ist. > mehr

16.01.2019 - KULTURGESCHICHTE

"Das alte Rom aus dem neuen herausklauben"

Herrliche Vergangenheit, klaegliche Gegenwart - das deutsche Bild von Italien und den Italienern

„Noch stäuben die Wege, noch ist der Fremde geprellt, stell‘ er sich auch, wie er will. Deutsche Rechtlichkeit suchst du in allen Winkeln vergebens.“ Es waren recht unfreundliche Worte, die Goethe bei seiner zweiten Italienreise 1790 über Land und Leute fand. Wenige Jahre zuvor, bei seiner ersten Reise, war er noch begeistert gewesen. Kunst und Geschichte faszinierten ihn, auch der italienischen Lebensart konnte er manches abgewinnen. Doch beim Versuch einer Wiederholung gelang es ihm nicht mehr, die unerwünschten Seiten der Alltagsrealität auszublenden. „Übrigens muss ich im Vertrauen gestehen, dass meiner Liebe zu Italien durch diese Reise ein tödlicher Stoß versetzt wird“, schrieb er an Herzog Carl August. Mancherlei schmähende Ausfälle gegen Italien und die Italiener finden sich eben auch bei jenen, die ansonsten als Lobredner des Landes, „wo die Zitronen blühn“, in die Kulturgeschichte eingegangen sind. > mehr

09.01.2019 - OEKONOMIE

Wirtschaft und Ethik - das eine oder das andere

Schwierigkeiten einer Oekonomie mit menschlichem Antlitz

„Sie wollen Wirtschaftsethik studieren?“, lautet ein Satz, der dem österreichischen Satiriker Karl Kraus zugeschrieben wird: „Entscheiden sie sich für das eine oder das andere!“ Die Ökonomie, wollte Kraus sagen, steht ein für allemal unter der Maxime der Gewinnmaximierung, des Egoismus. Wer versucht, sich in seinem wirtschaftlichen Verhalten nach ethischen, potentiell also auch altruistischen, Normen zu richten, muss untergehen. Anscheinend erleben wirtschaftsethische Fragestellung gerade in den letzten Jahrzehnten, zeitlich parallel zum sogenannten „Neoliberalismus“, sogar einen regelrechten Boom. Heute können Studenten das Fach „Wirtschaftsethik“ im deutschen Sprachraum an mehr als einem Dutzend Hochschulen belegen. Der Basler Philosoph Andreas Brenner zitiert in seinem neu erschienenen „Lehr- und Lesebuch“ zur Wirtschaftsethik seinen amerikanischen Kollegen Richard Edward Freeman, der Kraus‘ zynisches Bonmot umkehrte: „Es macht keinen Sinn, über Business zu reden, ohne über Ethik zu reden.“ > mehr

04.01.2019 - VERFASSUNGSGESCHICHTE

Republik ohne republikanischen Grundkonsens

Die Weimarer Reichverfassung und die Diskussion um ihre "Geburtsfehler"

„Bonn ist nicht Weimar“, lautete ein geflügeltes Wort über die junge Bundesrepublik Deutschland. Der Schweizer Journalist Fritz René Allemann prägte es 1956 in einem Buch, in dem er die Unterschiede zwischen den deutschen Demokratien der 1920er und der 1950er Jahre analysierte. Wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, so Allemanns beruhigende Feststellung, hatten die weltanschaulichen Gegensätze, die den Parteienkampf in der Weimarer Republik prägten, bereits viel von ihrer unversöhnlichen Schroffheit verloren. Allemanns Aussage war die Kehrseite der großen Angst, die über der Bundesrepublik schwebte: Konnte diese zweite deutsche Demokratie nicht ebenso scheitern, wie die erste gescheitert war? Als 1948 der Parlamentarische Rat zusammentrat, um ein Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland zu erarbeiten, war es ein Grundmotiv der Beratungen, dass die „Fehler“ der Weimarer Reichsverfassung (WRV) von 1919 auf keinen Fall wiederholt werden dürften. > mehr

31.12.2018 - BRAUCHTUM

"Dass die Tracht der langen Baerte dieses Jahr nicht Mode werde"

Aus der Kulturgeschichte der Neujahrswuensche

„Und allen edlen Menschen Friede und Freud auf ihrer Bahn! Ich segne sie in meinem Liede, soviel ich segnen kann.“ Einen besonders ungewöhnlichen Wunsch hat sich Matthias Claudius da zu Neujahr 1777 nicht einfallen lassen. Die Verse variieren bloß aus Martin Luthers Bibelübersetzung den Weihnachtsgesang der Engel an die Hirten. In der folgenden Strophe gibt der Sprecher, der „alte lahme Invalide Görgel“, seinem Neujahrswunsch jedoch eine recht makabre Note: „Und fühl in diesem Augenblicke den lahmen Schenkel nicht und steh und schwinge meine Krücke und glühe im Gesicht.“ „Man fängt das Neue Jahr mit Wunsch und Gaben an“, dichtete 1637 Andreas Gryphius. Eine Federzeichnung von Johann Michael Voltz zeigt, wie der Neujahrsmorgen in besseren Kreisen um 1800 ablief. Um einen gesetzten, würdigen Herren, der offenbar gerade bei der Rasur ist, versammeln sich die Gratulanten, vom Prediger bis zu den Musikanten der Stadtgarde, und selbstverständlich muss ihnen ein Trinkgeld aus der bereitgehaltenen Börse gegeben werden. Im Hintergrund sieht man, wie sich weitere Gratulanten durch die geöffnete Tür drängen wollen. > mehr

27.12.2018 - AMERIKANISCHE LITERATUR

"Ich weiss schon, dass das verrueckt ist"

Vor 100 Jahren wurde J. D. Salinger geboren, der Verfasser des Romans "Der Faenger im Roggen"

Als am Abend des 8. Dezember 1980 der 25-jährige Mark David Chapman den Ex-Beatle-Sänger John Lennon erschoss, trug er ein Büchlein bei sich, eine Ausgabe des Romans „Der Fänger im Roggen“ von Jerome David Salinger. Im Prozess sagte Chapman später, er habe in diesem Buch die „Aufforderung“ gesehen, eine berühmte Persönlichkeit zu töten, um selbst berühmt zu werden. Als sein Schlusswort verlas er eine Passage aus dem Roman: „Aber jedenfalls stelle ich mir immer kleine Kinder vor, die in einem Roggenfeld ein Spiel machen. Tausende von kleinen Kindern, und keiner wäre in der Nähe – kein Erwachsener, meine ich – außer mir. Und ich würde am Rand einer verrückten Klippe stehen. Ich müsste alle festhalten, die über die Klippe hinauslaufen wollten – ich meine, wenn sie nicht achtgeben, wohin sie rennen, müsste ich vorspringen und sie fangen. Das wäre einfach der Fänger im Roggen.“ Das Unterfangen, Chapmans Leseerfahrung rational rekonstruieren zu wollen, dürfte aussichtslos sein; vielleicht hatten die Ärzte ja Recht, die ihm eine paranoide Psychose bescheinigten. Wie unter solchen Bedingungen Literatur rezipiert, der Intention nach wohl auch in Praxis umgesetzt wird, lässt sich kaum erahnen. Und wenn es dann noch eine Literatur ist, die auch von den „Normalen“ der Generation als das Kultbuch schlechthin verehrt wird … > mehr

23.12.2018 - MUSIK

Von "Stille Nacht, heilige Nacht" bis "Last Christmas"

Aus der Kulturgeschichte der Weihnachtslieder

„Haurtxo maite“, heißt es auf Baskisch, „Clara notg“ auf Rätoromanisch, „Sioul an noz“ auf Bretonisch, „Tyla naktis“ auf Litauisch. Es gibt das Lied auch in indonesischer und grönländischer, armenischer und hawaiianischer Fassung und natürlich in Esperanto. Max Bruch, Arthur Honegger und Krzysztof Penderecki verwerteten die Melodie in ihren Oratorien und Kantaten und Sinfonien, Simon & Garfunkel setzten 1966 in einer Popcollage den Liedgesang als Kontrapunkt gegen beunruhigende Radionachrichten. „Stille Nacht, heilige Nacht“ ist weltweit heute das beliebteste Weihnachtslied überhaupt. Den Text dichtete 1816 der Vikar Joseph Mohr in Mariapfarr im Salzburgischen, der Organist Conrad Franz Xaver Gruber komponierte dazu die Melodie. Zu Weihnachten 1818, vor 200 Jahren, wurde das Lied in der St.-Nikolaus-Kirche in Oberndorf bei Salzburg erstmals aufgeführt. > mehr

18.12.2018 - MITTELALTER

Lordkanzler und Erzbischof, Verraeter und Heiliger

Vor 900 Jahren wurde Thomas Becket geboren

„Schafft mir denn niemand diese Pest von einem Priester vom Leibe?“, soll König Heinrich II. von England ausgerufen haben, als ihn die Nachricht erreichte, Thomas Becket, Erzbischof von Canterbury, habe drei seiner Bischöfe exkommuniziert. Da der Erzbischof sich weigerte, Heinrichs Sohn als Nachfolger zu krönen, hatte der König kurzerhand die Bischöfe angewiesen, die Zeremonie an seiner Stelle durchzuführen. Und die folgten dem König, nicht ihrem Vorgesetzten. Der Chronist Edward Grim, ein Mönch aus Cambridge, überlieferte später eine etwas andere Fassung dieses Satzes: „Was für elende Drohnen und Verräter habe ich in meinem Haushalt durchgefüttert, die ihren Herren von einem dahergelaufenen Priester mit solch beschämender Verachtung behandeln lassen?“ Was auch immer der König wirklich gesagt hat – vier seiner Barone verstanden es als Aufforderung, die Sache mit Gewalt zu regeln. Am 29. Dezember 1170 ritten sie nach Canterbury und drangen mit gezückten Schwertern in die Kathedrale ein: „Wo ist Thomas Becket, Verräter des Königs und des Königreiches?“ > mehr

13.12.2018 - GESCHICHTE

Krieg und Gewalt, die grossen Gleichmacher

Thesen zu einer Weltgeschichte der materiellen Ungleichheit

„Eine Geschichte der Ungleichheit“ verspricht das neue Buch des österreichischen Altertumswissenschaftlers Walter Scheidel im Untertitel. Das Wort „Ungleichheit“ könnte in die Irre führen. Es geht in Scheidels umfangreicher Studie nicht um rechtliche Ungleichheit. Es geht auch nicht um die ungleiche Verteilung von politischer Macht. Es geht primär auch nicht um die Verfügungsgewalt über Produktionsmittel. Gegenstand der Studie ist die Ungleichheit in Einkommen und Vermögen, wie gleich die ersten Sätze klarstellen: „Im Jahr 2015 besaßen die reichsten 62 Personen auf unserem Planeten so viel wie die ärmere Hälfte der Menschheit, das heißt, sie besaßen so viel wie 3,5 Milliarden Menschen.“ Werden die Reichen immer reicher? Scheidel, der an der Stanford University lehrt, hat eine ungeheure Menge an historischen Quellen statistisch ausgewertet, von Akten zur Vermögenssteuer in den italienischen Städten der Renaissance bis zu Werkzeugfunden in anatolischen Siedlungen der Steinzeit. > mehr

08.12.2018 - ARCHITEKTUR

Begehbare Elefanten und wandernde Staedte

Wenn Architekten an Grenzen gehen - und darueber hinaus

Wäre es nach dem französischen Architekten Charles Ribart gegangen, stünde heute in Paris am oberen Ende der Champs-Élysées statt des Arc de Triomphe ein Elefant aus Stein, fünf Stockwerke hoch. Auf seinem Rücken würde, siegreich von einem Feldzug heimkehrend, König Ludwig XV. in die Hauptstadt einreiten. Im Inneren des Elefanten plante Ribart zwei große Speise- und Festsäle, samt Küche und Orchesterpodium. Aus dem Rüssel sollte eine Fontäne aufsteigen und die Allee bewässern. Das Projekt, das Ribart 1758 vortrug, blieb unverwirklicht. Einige Jahre später, nach dem für Frankreich wenig glorreichen Ausgang des Siebenjährigen Krieges, hätte das Triumphdenkmal ohnehin die Spötter auf den Plan gerufen. Eines der „nie gebauten Bauwerke“, die der englische Autor Philip Wilkinson in seinem neuen Buch vorstellt. > mehr

03.12.2018 - SOZIALGESCHICHTE

"Ein Beruf ist das Rueckgrat des Lebens"

Begriffsgeschichte des Wortes seit dem spaeten Mittelalter

Ein Bauernbursche will auf „Höheres“ hinaus. Die Mahnungen des Vaters missachtend, verlässt er seine Eltern und zieht hinaus in die Welt. Doch statt, wie erhofft, an einem vornehmen Hof Karriere zu machen, landet er bei einem Raubritter, dessen Beutezügen er sich anschließt. Am Ende fassen ihn die Bauern, die er geschädigt hat, und knüpfen ihn an den Galgen. „Wernher der Gartenaere“, wie der Dichter sich nannte, wollte warnen: Niemand versuche, sich über seinen Stand zu erheben, ein solcher Weg führt ins Verderben! Eine Frage, die zu dieser Zeit, also um 1260 oder 1270, sehr aktuell gewesen sein wird. Der ritterliche Adel stellte beunruhigt fest, dass immer mehr Bauern sich mit ihrer Rolle nicht mehr zufriedengeben wollten. Die „Konservativen“ damals konnten sich auf die Bibel berufen. „Ein jeglicher bleibe in dem Ruf, darinnen er berufen ist“, übersetzte anderthalb Jahrhunderte nach dieser Erzählung vom „Meier Helmbrecht“ Martin Luther Kapitel 7, Vers 20 des 1. Korintherbriefs. > mehr



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