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18.07.2019 - POLITISCHE KULTUR

"Kommunikationsabbruch gegenueber den orthodoxen Unwahrheitsglaeubigen"

Vom Umgang mit Verschwoerungstheoretikern

Umfragen zufolge glauben etwa 17 Prozent der Deutschen, dass die Anschläge auf das World Trade Center 2001 von der CIA durchgeführt wurden, um eine Rechtfertigung für den nächsten Krieg zu schaffen. Über 10 Prozent sehen im Impfen nicht eine Gesundheitsvorsorge, sondern einen Geschäftstrick der Pharmafirmen. Mehr als 10.000 Bürger halten die Bundesrepublik Deutschland nicht für einen Staat, sondern für eine „GmbH“, manche ziehen daraus den Schluss, „sich wehren“ zu müssen. Und ein halbes Jahrhundert nach der Mondlandung im Juli 1969 glauben nach wie vor viele Menschen, dass die ganze Aktion gar nicht stattgefunden hat, sondern ein „Fake“ war, inszeniert in den Filmstudios von Hollywood. „Verschwörungstheorien“ sind en vogue. Offenbar bietet ihnen das Internet einen besseren Nährboden, als es die gedruckten Medien früher taten. > mehr

13.07.2019 - DEUTSCHE LITERATUR

"Das Naheliegende darstellen, ohne jedoch gewoehnlich und langweilig zu sein"

Vor 200 Jahren wurde Gottfried Keller geboren

Der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg hat einmal bemerkt, dass die Autoren der meisten deutschen Entwicklungsromane seit Goethe den Erfolg ihrer Helden nur so zu sichern wussten, dass sie für ihn ein Leben abseits der sozialen und ökonomischen Realität arrangierten, mit poetischen „Residenzen und Rosenhäusern“. Die große Ausnahme bildet Gottfried Kellers Roman „Der grüne Heinrich“. Als Gottfried Keller die Lebensgeschichte seines Heinrich Lee konzipierte, zählte er 23 Jahre. Am 19. Juli 1819, vor nunmehr 200 Jahren, in Zürich geboren, hatte er zunächst eine Karriere als Landschaftsmaler ins Auge gefasst. Ausgestattet mit einer kleinen Erbschaft, zog er nach München, das damals die große Kunstmetropole Mitteleuropas war. Doch der Erfolg blieb aus, das ideale Selbstbild eines großen Künstlers, das Keller von sich selbst gepflegt hatte, ließ sich auf dem Kunstmarkt nicht verwerten. > mehr

08.07.2019 - POLITISCHE KULTUR

Geringe Schwerkraft auf dem Mond und die Belastbarkeit von Baustahl

Naturwissenschaftliche Argumente gegen Verschwoerungstheorien

21. Juli 1969, vor 50 Jahren. Punkt 3 Uhr 56 MEZ betrat der amerikanische Astronaut Neil Armstrong als erster Mensch den Mond. Nachdem auch sein Kollege Buzz Aldrin die Landefähre verlassen hatte, rammten die beiden einen Fahnenmast in den Boden. Hunderte Millionen Menschen auf der Erde konnten live beobachten, wie die amerikanische Flagge auf dem Erdtrabanten hin und her schwang. Moment mal: Auf dem Mond gibt es keine Atmosphäre, da kann die Flagge doch gar nicht im Wind geflattert sein? Seit 50 Jahren hält sich die Theorie, die ganze Mondlandung wäre bloß ein Fake, gedreht in den Hollywood-Studios. Mit kleinen Fehlern, wie sie Fälschern nun einmal unterlaufen, zum Beispiel mit einer wehenden Flagge, obwohl die dargestellte Geschichte doch an einem Ort spielen soll, an dem kein Wind die Flagge in Bewegung setzen könnte. > mehr

28.06.2019 - ZEITGESCHICHTE

"Das groesste Verbrechen gegen die Menschheit und die Freiheit der Voelker"

Deutschlands Schuld oder Unschuld am Ersten Weltkrieg

Die Sieger schreiben die Geschichte, so behauptet der Volksmund. Es gibt Fälle aus der Geschichte der Historiographie, die diese These zu bestätigen scheinen. Das älteste Werk der europäischen Geschichtsschreibung, Herodots „Perserkrieg“, wurde von einem Griechen geschrieben, einem Angehörigen des Volkes, das den Angriff des persischen Großreiches siegreich abgewehrt hatte. Doch gleich das zweitälteste Werk bietet ein Gegenbeispiel. Thukydides, der Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr. seine Geschichte des Peloponnesischen Krieges schrieb, war Athener, und Athen hatte diesen Krieg gegen Sparta katastrophal verloren. „Der Besiegte schreibt die Geschichte“, stellte der Historiker Reinhard Koselleck den Spruch 1988 auf den Kopf. Die Sieger würden sich im Gefühl ihres Triumphes allenfalls eine Art von „Teleologie“ zimmern, den Schein eines langfristigen Trends, der mit historischer Notwendigkeit auf ihren Sieg hin geführt hätte. „Anders die Besiegten. Deren Primärerfahrung ist zunächst, dass alles anders gekommen ist als geplant oder erhofft. Sie geraten, wenn sie überhaupt methodisch reflektieren, in eine größere Beweisnot.“ > mehr

25.06.2019 - SPORT

Helden im postheroischen Zeitalter

Der Spitzensport und sein Publikum

„Unglücklich das Land, das keine Helden hat!“, ruft Galileo Galileis Schüler Andrea in Bertolt Brechts Stück aus. Sein Lehrer berichtigt ihn: „Nein. Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.“ Eine Stelle, die jedes Mal Szenenapplaus hervorruft. Im Beifall zum Dichterwort bekräftigt das Publikum seine, wie der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler es 2015 ausdrückte, „postheroische“ Einstellung. Gerade auf dem klassischen Feld von „Helden“ und „Heldentaten“, im Militärischen, ist uns der Gedanke, da sei irgendetwas verehrungswürdig, abhanden gekommen. Wenn es allerdings darum geht, Menschenleben zu retten – zum Beispiel nach dem Anschlag auf das World Trade Center 2001 – sprechen wir eben doch von Helden. Und auf einem Gebiet ist von „Helden“ geradezu inflationär die Rede: im Sport. > mehr

18.06.2019 - GESCHICHTE

Bewundert viel und viel gescholten

Vor 500 Jahren starb Lucrezia Borgia, Papsttochter und Herzogin von Ferrara

Eine blonde Frau mit braunen Augen. In der rechten Hand trägt sie einen kleinen Blumenstrauß, die Kopfbedeckung ist von Buchsbaumzweigen umfasst. Der Schmuck um den Hals und auf der Stirn lässt vermuten, dass eine vermögende Dame dargestellt ist. Die linke Brust ist entblößt. „Weibliches Idealbildnis“, vermerkt der Katalog des Städelschen Kunstinstituts in Frankfurt am Main zum Gemälde des italienischen Renaissancemalers Bartolomeo Veneto, das vielleicht 1517 oder 1518 entstand, „gekleidet als Frühlingsgöttin Flora“. Andere Erläuterungen werden deutlicher: „Idealbildnis einer Kurtisane“. Das hat nicht daran gehindert, dass Venetos „Kurtisane“ gern als Portrait der Papsttochter Lucrezia Borgia gehandelt wurde, die zu dieser Zeit längst Herzogin von Ferrara war und dort als Muster eines sittsamen Lebenswandels gepriesen wurde. > mehr

13.06.2019 - MUSIKTHEATER

"Sie koennte Tote erwecken, diese Musik"

Vor 200 Jahren wurde Jacques Offenbach geboren

Es war am 8. Dezember 1881. Im Wiener Ringtheater sollte „Hoffmanns Erzählungen“ gegeben werden, das letzte Werk von Jacques Offenbach, der im Jahr zuvor in Paris verstorben war. Als zu Beginn der Vorstellung der Gasbrenner auf der Hinterbühne angezündet wurde, gerieten Teile der Dekoration in Brand. Ein heftiger Luftstoß trieb Hitze und Rauch in den vollbesetzten Zuschauerraum. Etwa 400 Menschen fielen den Flammen zum Opfer. Die Musikwelt war erschüttert. Nein, nicht die ganze Musikwelt. „Wer in einem solchen Theater beisammensitzt, ist das nichtsnutzigste Volk“, kommentierte Richard Wagner. Wenn so und so viele aus dieser Gesellschaft umkommen, während sie einer Offenbachschen Operette beiwohnen, worin sich auch nicht ein Zug von moralischer Größe zeigt, das lässt mich gleichgültig, das berührt mich kaum.“ > mehr

06.06.2019 - RELIGIONSGESCHICHTE

"Bis an die Grenzen der Erde"

Der Missionsgedanke in der Religionsgeschichte

Wenn der amerikanische Erweckungsprediger Jonathan Edwards Recht behalten hätte, müssten wir seit einigen Jahren in einem irdischen Paradies leben. 1749 entwickelte er einen Plan für die folgenden zweieinhalb Jahrhunderte: „Bis 1800 könnte in dem protestantischen Teil der Welt die wahre Religion die Oberhand gewonnen haben.“ „Im nächsten halben Jahrhundert müsste dann das päpstliche Reich des Antichristen überwältigt und in den folgenden 50 Jahren die mohammedanische Welt unterworfen und die jüdische Welt bekehrt werden.“ „Dann stünde noch ein ganzes Jahrhundert zur Verfügung, um die gesamte Heidenwelt zu erleuchten“, „sowie alle Häresien, Schismen, Schwärmereien, Laster und Immoralitäten auf der ganzen Welt auszurotten.“ „Hernach“ - Edwards‘ Rechnung zufolge also etwa seit dem Jahr 2000 – „wird die Welt die heilige Ruhe des Sabbats genießen.“ Ob diese Vision dem amerikanischen Politikwissenschaftler Francis Fukuyama wohl bekannt war, als er 1992 das „Ende der Geschichte“ ausrief und die weltweite Durchsetzung der „liberalen Demokratie“ mit Grundrechten und Rechtsstaatsprinzip und Marktwirtschaft prophezeite? > mehr

02.06.2019 - KULTURGESCHICHTE

Hering, Findlinge und Backsteingotik

Eine Kulturgeschichte der Ostsee, von der Eiszeit bis zur Digitalisierung

Als im Sommer 1956 schwedische Archäologen auf der kleinen Insel Helgö westlich von Stockholm Reste eines Handelsplatzes aus dem frühen Mittelalter ausgruben, da fanden sie unter anderem eine zehn Zentimeter hohe Bronzeskulptur: einen meditierenden Buddha, der auf einer Lotusblüte sitzt. Stilvergleiche zeigten, dass er etwa im 6. Jahrhundert in Nordindien angefertigt wurde, im Grenzgebiet zum heutigen Afghanistan. Etwa 200 Jahre später gelangte er in den schwedischen Boden. Ein Stück Indien an der Ostsee, im frühen Mittelalter … Man braucht nicht anzunehmen, meint der Kieler Nordeuropa-Historiker Martin Krieger in seiner neu erschienenen Kulturgeschichte des Ostseeraums, dass indische Kaufleute bis nach Schweden hin Geschäfte getätigt hätten. Wahrscheinlicher ist, dass der Buddha auf seinem Weg einige Male den Besitzer wechselte. > mehr

27.05.2019 - KUECHE

"Die gebratenen Gaense fuehlen sich geschmeichelt, wenn man sie verzehrt"

Eine Kulturgeschichte der franzoesischen Kueche

„Wie wollen Sie ein Land regieren, in dem es 246 verschiedene Käsesorten gibt?“, soll Charles de Gaulle einmal geseufzt haben. Vielleicht sind es auch ein paar Sorten mehr. Maurice Edmond Sailland alias Curnonsky, der Begründer des „Guide Michelin“, zählte in seinem „Trésor gastronomique“ von 1933 nicht weniger als 456 „fromages“ auf. Der Käse und der Champagner, die pralinés und die berühmt-berüchtigte Stopfleber – es war ein stolzer Moment für die „grande nation“, als die UNESCO am 19. 11. 2010 den „repas gastronomique des Français“ auf die Liste des immateriellen Weltkulturerbes setzte, gleichrangig mit der Kathedrale von Chartres.Der Kulturhistoriker und Restaurantkritiker Peter Peter zitiert in seiner neuen „Kulturgeschichte der französischen Küche“ eine Äußerung des Naturforschers Pierre Belon aus dem Jahr 1555: „Wir glauben, dass die anderen Nationen nicht so viele Gerichte in ihrer Sprache aufzuzählen wüssten wie die Franzosen.“ > mehr

20.05.2019 - PHILOSOPHIE

Bildhauerarbeit an sich selbst

Diskussionen um die Lebenskunst in Antike und Gegenwart

„Lebenskunst ist die Kunst des Weglassens“, sagte einmal Coco Chanel. „Das fängt beim Reden an und endet beim Décolleté“. Ob die Modedesignerin wohl ahnte, wie intensiv sie sich mit ihrem leicht dahingeworfenen Bonmot an die philosophischen Reflexionen zum Thema „Glückseligkeit“ seit der Antike anschloss? Im Zeitalter des Hellenismus hatten die Vertreter der stoischen wie der epikureischen Schule gelehrt, der geeignete Weg zur Ausgeglichenheit und zum inneren Frieden bestehe in einem „Weglassen“, nämlich in der Kunst, seine Bedürfnisse zu reduzieren. Es sei nicht ein Zuwenig an Sinnerfüllung, das uns unglücklich mache, sondern ein Zuviel an Sinnerwartung. Der Kölner Erziehungswissenschaftler Jörg Zirfas und der Berliner Psychotherapeut Günter Gödde haben einen umfangreichen Sammelband mit fast 50 Artikeln zum Thema „Lebenskunst“ erstellt. > mehr

12.05.2019 - DEUTSCHE GESCHICHTE

Die Geburtsstunde Deutschlands?

Vor 1.100 Jahren wurde der Sachsenherzog Heinrich zum Koenig des Ostfraenkischen Reiches gewaehlt

„Herr Heinrich saß am Vogelherd“, dichtete 1835 der österreichische Schriftsteller Johann Nepomuk Vogl, „recht froh und wohlgemut“, „Herr Heinrich schaut so fröhlich drein; wie schön ist heut‘ die Welt!“ Doch die Idylle hat keinen Bestand. „Der Staub wallt auf, der Hufschlag dröhnt“, „es hält der Tross vor‘m Herzog plötzlich an.“ „Hoch lebe Kaiser Heinrich, hoch!“, „s‘ist deutschen Reiches Will‘.“ In der Vertonung, die der pommersche Komponist Carl Loewe dem Gedicht gab, hat sich die Schilderung dem kollektiven Gedächtnis eingeprägt: So, ja so muss es abgelaufen sein, als im Frühjahr 919 das „Kaiserreich der Deutschen“ entstand. Wenn es jemand nicht glauben will: In Quedlinburg ist heute noch der „Finkenherd“ zu sehen, ein Fachwerkhaus aus dem 16. Jahrhundert, das präzise an der Stelle stehen soll, wo einer Legende aus dem hohen Mittelalter zufolge der Sachsenherzog Heinrich bei der Vogeljagd von der Nachricht überrascht wurde, er sei zum König des Ostfränkischen Reiches gewählt worden. > mehr

07.05.2019 - POPULAERKULTUR

Scheppernde Musik, lange Haare, ekstatische Gliederverrenkungen

Die "Pop Society" in den 1950ern und 1960ern

Die Rolling Stones waren noch gar nicht aufgetreten, als bereits Feuerwerkskörper gezündet wurden, Schuhe und Unterwäsche flogen auf die Bühne. Nur mit viel Mühe konnten Ordner die Bühne für die Musiker freihalten. Zehn Minuten, nachdem Mick Jagger & Co. zu spielen begonnen hatten, stürmten einige Dutzend Fans das Podium, sie wollten unbedingt gleich neben ihren Idolen stehen. Polizisten räumten die Bühne mit dem Knüppel, damit das Programm fortgesetzt werden konnte. Viele der Zuschauer stiegen auf die Bänke und hüpften rhythmisch, bis die ersten Bretter splitterten. Das Konzert der Rolling Stones 1965 in Berlin war einer der Höhepunkte der „Jugendkultur“ der 60er Jahre. > mehr

02.05.2019 - POLITISCHE THEORIE

Der politische Theoretiker, der als Ghostwriter des Satans verdaechtigt wurde

Vor 550 Jahren wurde Niccolo Macchiavelli geboren

Dieses Buch sei „von der Hand des Satans“ geschrieben, wetterte 1539 der englische Kardinal Reginald Pole. 1559 setzte Papst Paul IV. alle seine Schriften auf den Index verbotener Bücher – nein, nicht die des Satans, sondern die seines irdischen „Ghostwriters“, Niccolò Macchiavelli. 1576 verdächtigte ihn der protestantische Geschichtsschreiber Innocent Gentileschi als geistigen Urheber der „Bartholomäusnacht“ in Paris, bei der 1572, Jahrzehntenach Macchiavellis Tod, Tausende von Protestanten ermordet worden waren. 1739 verfasste Kronprinz Friedrich von Preußen, der spätere „Große“, eine Kampfschrift, um „die Verteidigung der Menschheit zu übernehmen gegen dieses Ungeheuer, das sie verderben will“, „diesen Unhold, wie ihn kaum die Hölle hervorbrächte“. Bereits bei Shakespeare findet sich das Wort vom „mörderischen Macchiavelli“, in Balzacs Romanen ist „macchiavellistisch“ ein Synonom für niederträchtig oder hinterhältig. Es wird wenige große Denker geben, die von den verschiedensten Seiten mit derartiger Verve in den Abgrund der Hölle verdammt wurden wie Niccolò Macchiavelli. > mehr

27.04.2019 - ENGLISCHE LITERATUR

"Soll" und "Haben" auf einer unbewohnten Insel

Vor 300 Jahren erschien Daniel Defoes "Robinson Crusoe"

„Bemerkenswert war auch, dass ich zwar nur drei Untertanen hatte, dass diese aber drei verschiedenen Glaubensbekenntnissen angehörten. Freitag war Protestant wie ich, sein Vater Heide und Kannibale und der Spanier Katholik. Immerhin herrschte in meinem Hoheitsgebiet vollkommene Glaubensfreiheit.“ Als Daniel Defoe am 25. April 1719, vor 300 Jahren, seinen Erfolgsroman veröffentlichte, waren die Zeiten der Inquisition zwar vorbei. Aber unerwünschte religiöse Lehren wurden weiter drangsaliert, davon wusste Defoe ein Lied zu singen. Als 1703 bekannt wurde, dass das Pamphlet „Der kürzeste Weg, mit Dissenters zu verfahren“ aus seiner Feder stammte, brachte ihn das ins Gefängnis. Doch Defoe hatte Glück. Der Speaker des Unterhauses, Robert Harley, kam zu dem Schluss, es sei zweckmäßig, den scharfen Verstand und die gewandte Feder dieses Autors zu nutzen. In den folgenden Jahren arbeitete Defoe im Dienste Harleys wieder als Journalist. Passender als „Journalist“ wäre vielleicht „Propagandist“ zu sagen. > mehr

21.04.2019 RELIGIONSGESCHICHTE

Auf Tuchfuehlung mit dem Erloeser

Reliquien vom Leiden und Sterben Jesu

„Jesus, Sohn des Joseph“ steht in aramäischer Schrift auf einem der Knochengefäße in einem Grab, das 1980 bei Bauarbeiten im Süden Jerusalems zu Tage kam. Auf weiteren Gefäßen finden sich die Namen „Joseph“, „Maria“ und „Matthäus“ sowie „Judas, Sohn des Jesus“, schließlich in griechischer Schrift „Mariamenou Mara“. 2007 verkündete der Filmemacher James Cameron in einem Dokumentarfilm der Welt, hier im heutigen Jerusalemer Vorort Talpiot sei nun das „echte“ Grab von Jesu Familie entdeckt worden – echt im Unterschied zur Grabeskirche, in der seit dem 4. Jahrhundert der Ort von Jesu Kreuzigung und Grablegung vermutet wird. Ganz gleich, ob die Filmemacher selbst sich nun der christlichen Tradition verpflichtet fühlten oder ob sie deren Versatzstücke mit leichter Provokation bloß geschäftstüchtig nutzen wollten, im Gewand seriöser archäologischer Wissenschaft, wie sich versteht – der Film stellte sich in eine Jahrhunderte alte Tradition: das Mysterium „handgreiflich“ fassbar zu machen. > mehr

15.04.2019 - KUNSTGESCHICHTE

Schmutzige Heilige und liederliche Studenten

Die Alte Pinakothek in Muenchen zeigt die "Utrechter Caravaggisten"

„Um Unannehmlichkeiten oder eklige Tierchen zu vermeiden, untersucht genau die Betten und Laken“, mahnte 1604 der holländische Maler Karel von Mander seine Kollegen, wenn sie nach Rom reisen wollten. „Aber vor allem enthaltet euch der leichtfertigen Frauenzimmer, denn weit über alle eure Sünden hinaus werdet ihr dadurch euer Leben lang ruiniert werden.“ Abraten wollte Mander von der Reise jedoch auf gar keinen Fall. Rom sei „das Haupt der Malerschulen“, vor allem die Werke des jungen Caravaggio müsse man unbedingt gesehen haben: „Was seine Künstlerhand angeht, so ist diese sehr gefällig und eine wunderschöne Manier, der die Malerjugend nachfolgen sollte.“ Manders Aufforderung fiel bei seinen Kollegen auf fruchtbaren Boden. In großer Zahl machten sich junge Maler aus Flandern und den Niederlanden in den folgenden Jahren nach Rom auf. Ihr Ziel war nicht so sehr die Antike oder die Hochrenaissance mit den Meisterwerken eines Raffael und eines Michelangelo, die uns heute als „klassisch“ gelten, sondern die allerneueste zeitgenössische Kunst, eben jener Michelangelo Merisi, nach seinem Herkunftsort in der Lombardei auch „Caravaggio“ genannt. > mehr

10.04.2019 - DEUTSCHE GESCHICHTE

Ein Staat ohne Eigenschaften?

Zweieinhalb Jahrhunderte Reflexionen ueber Preussen

„Letztlich sind wir alle Preußen“, soll Konrad Adenauer einmal gesagt haben. Falls dieser Ausspruch wirklich authentisch ist – Begeisterung schwang darin sicherlich nicht mit. Zu Preußen pflegte Adenauer zeitlebens ein distanziertes Verhältnis.Seine Vorbehalte hatte der Rheinländer wenige Monate nach dem Ende des Ersten Weltkriegs in einer Rede offen kundgetan: Das alte Preußen mit seinem „kulturfeindlichen, angriffslustigen Militarismus“ sei „der böse Geist Europas“ gewesen. Vielleicht schade, dass die beiden Osteuropa-Historiker Hans-Jürgen Bömelburg und Andreas Lawaty Adenauers provozierende Rede von 1919 nicht in ihre mehr als 500 Seiten starke Anthologie mit „deutschen Debatten“ zum Thema „Preußen“ aufgenommen haben. Aber ansonsten bietet der Band eine bunte Mischung verschiedenster Texte: von der Lyrik eines Johann Wilhelm Ludwig Gleim im Siebenjährigen Krieg („Ein Held fall‘ ich; noch sterbend droht mein Säbel in der Hand!“) bis zu den Versuchen von DDR-Historikern um 1980, die „progressiven Seiten in der Geschichte Preußens“ als Erbe des „sozialistischen deutschen Staates“ zu retten. > mehr

03.04.2019 - KULTURGESCHICHTE

"Bartstoppeln, Palaestinensertuch, AKW-Nein-Sonne"

Bekenntnisse in Religion, Rechtswesen und Politik

Es war zwei Wochen nach den Störfällen im japanischen Kernkraftwerk Fukushima im März 2011. Das Jugendmagazin „Bravo“ legte seiner aktuellen Ausgabe eine „Lachende Sonne“ als Poster bei: „Atomkraft? Nein danke“. „Unsere Leser sind die Generation, die mit den Folgen unserer heutigen politischen Entscheidung pro oder contra Atomkraft leben müssen“, erklärte der Chefredakteur. „Mit dem Poster sprechen wir unseren Lesern aus dem Herzen.“ Die Art, wie „Bravo“ die Herzen seiner Leser in Anspruch nahm, lässt vermuten, dass der Posterbeilage schwierige Diskussionen vorangingen. Zum ersten Mal wurde die politische Zurückhaltung aufgegeben, die das Magazin in 55 Jahren wohlweislich geübt hatte, um seine Leserschaft in keiner Weise zu verschrecken. Offenbar war die Redaktion zu dem Schluss gekommen, schreibt der Soziologe Simon Teune von der Technischen Universität Berlin, nach Fukushima sei das Bekenntnis gegen Kernkraftwerke endgültig im „Mainstream“ angekommen. > mehr

28.03.2019 LITERATURGESCHICHTE

Traeume von einer schoenen neuen Welt

Aus der Geschichte des utopischen Denkens

1966 lernte John Lennon in London die japanische Künstlerin Yoko Ono kennen. Beide hätten gern in New York zusammen gelebt, doch da gab es Schwierigkeiten. Yoko Ono besaß aufgrund ihrer früheren Ehe eine „Green card“ für die USA, Lennon jedoch wurde eine Aufenthaltsgenehmigung auf Dauer verweigert. So proklamierten die beiden am 1. April 1973 auf einer Pressekonferenz einen gedachten Staat, in dem es weder Pässe noch Grenzkontrollen geben würde, „Nutopia“. An der Tür zur Wohnung des Paares im New Yorker Dakota Building wurde eine goldene Plakette angebracht, die den Ort zur „Nutopischen Botschaft“ erklärte. In sein Album „Mind Games“, das er im selben Jahr herausbrachte, nahm Lennon eine Hymne des Staates Nutopia auf: vier Sekunden Stille. „Lasst uns alle in Gedanken die weiße Fahne oder ein Taschentuch schwenken“, schrieb Yoko Ono 2017 zum 27. Jubiläum der Staatsgründung, zum Zeichen, „dass wir alle zusammen und in Frieden leben“. > mehr



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