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22.03.2019 - DEUTSCHE LITERATUR

"Die Zwiebel weiss er zu gebrauchen wie wenige"

Vor 200 Jahren wurde August von Kotzebue ermordet, der Erfolgsdramatiker der Goethezeit

In den 26 Jahren von 1791 bis 1817, die Goethe als Intendant am Hoftheater in Weimar tätig war, wurden an fast 2.800 Abenden Schauspiele gegeben, also Tragödien oder Komödien oder Possen, an mehr als 1.300 Abenden Opern oder Ballette. Im Musiktheater führten Mozarts Opern die Liste an. Auch im Sprechtheater war es ein einziger Dramatiker, der mit über 600 Vorstellungen, also mehr als einem Fünftel der Abende, das Repertoire dominierte. Nein, es war nicht Goethe selbst. Auch nicht Schiller. Der große Erfolgsdramatiker der Goethezeit hieß August von Kotzebue. Eigentlich mochte Goethe ihn nicht. Mit leicht gequältem Bemühen um Sachlichkeit bescheinigte er ihm einerseits „eine gewisse Nullität“, andererseits „ein vorzügliches, aber schluderhaftes Talent“. Talent wozu? „Die Zuschauer zu unterhalten und der Kasse zu nutzen.“ Programmdirektoren der Fernsehsender heute würden sagen: die Quote zu heben. > mehr

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16.03.2019 - PHILOSOPHIE

Ohne dieses Vergnügen können wir nicht leben

Aus der Kulturgeschichte der Trunkenheit

Im Jahr 1914, der Erste Weltkrieg hatte bereits begonnen, erklärte Zar Nikolaus II. den Verkauf von Wodka in Russland für ungesetzlich. Dahinter stand die Erkenntnis, dass die Kampfkraft der Armee durch den Alkoholkonsum beeinträchtigt wurde. Andererseits – mit dem Verbot reduzierte der Staat seine Einnahmen um nicht weniger als ein Viertel, und das mitten im Krieg. Womöglich, meint der englische Schriftsteller Mark Forsyth in seiner „Kurzen Geschichte der Trunkenheit“, die jetzt auf deutsch erschienen ist, kam das russische Volk erst in dieser Situation der verordneten Abstinenz zu einem realistischen Einblick in die Mechanismen seines politischen Systems. Jedenfalls war es drei Jahre später mit der Zarenherrschaft vorbei. Forsyth hat einen Abriss zur Entwicklungsgeschichte des „Homo alcoholicus“ vorgelegt, von der Steinzeit bis heute. > mehr


09.03.2019 - PHILOSOPHIE

Kein "Zimmer" mehr für sich allein

Das Internet verschiebt die Grenze zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre

„Das Private ist politisch“, propagierten vor einem halben Jahrhundert Aktivisten der Studenten- und der Frauenbewegung. Sicherlich kalkulierten sie dabei ein, dass sie das konservativ-liberale Bürgertum mit nichts anderem so erfolgreich provozieren konnten wie mit dieser Negation der gewohnten Unterscheidung zwischen einer Sphäre des Politischen und einer Sphäre des Privaten. Liebgewordene Gewohnheiten werden eben gern als eine „zweite Natur“ empfunden. Aber „privates Leben ist keine Naturtatsache“, stellt die Soziologin Marianne Brieskorn-Zinke von der Evangelischen Hochschule Darmstadt in einem neu erschienenen Sammelband zum Thema „Privatheit“ lapidar fest. „Ständig verändern sich die Zuschreibungen menschlichen Handelns zur Privatsphäre einerseits und zur öffentlichen Sphäre andererseits.“ > mehr


03.03.2019 - GESCHICHTE

"Keine Lichtgestalt und kein Dämon"

Eine neue Napoleon-Biografie

Im Pariser Pantheon findet sich neben vielen anderen „Helden der französischen Nation“ auch der italienische Bischof Giovanni Battista Caprara. Als päpstlicher Legat arbeitete er in der Zeit des Ersten Konsuls Napoleon an der Versöhnung der katholischen Kirche mit der französischen Republik. Und auch in den Vorbereitungen zu Napoleons Kaiserkrönung 1804 nahm er eine kleine, aber nicht ganz unwichtige Rolle ein. Als christlicher Kaiser hätte Napoleon das Manko gehabt, dass es im Kirchenkalender keinen Heiligen dieses Namens gab. Caprara machte sich auf die Suche und fand wenigstens eine Namensähnlichkeit: Unter Kaiser Diokletian war in Alexandria ein gewisser „Neopolis“ zum Märtyrer geworden. Als Festtag des wiederentdeckten Heiligen wurde der 15. August bestimmt. Es war „zufällig“ der Geburtstag von Napoleon Bonaparte. > mehr


24.02.2019 - BRAUCHTUM

Die Lizenz, einmal ganz anders zu sein

Verkleidung und Verwandlung im Karneval

„Ich bin eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu“, sagt eine Figur in der Komödie „Zur schönen Aussicht“ von Ödön von Horváth. „Eigentlich“ wollen wir uns ja immer streng nach unseren moralischen Prinzipien richten, aber die Umstände und unsere Begehrlichkeiten lassen uns nicht, das war das Thema von Horváths Stück 1926. „Ich bin gar nicht der Typ, den jeder in mir sieht“, haben Udo Lindenberg und Jan Delay den Gedanken fortgeführt, „es tut mir leid, da kann ich nix dafür, denn mein eigentliches Ich ist im Urlaub“, „das wahre Ich bleibt lieber im Schrank“. „Eigentlich“ wäre mancher von uns statt Angestellter im Büro lieber Cowboy oder Pirat, der Karneval gibt uns die Gelegenheit, solche Träume zur Schau zu tragen, wenigstens für ein paar Stunden. Und unter dem Kostüm sinnieren wir in stillen Augenblicken dann vielleicht, welches eigentlich unser „wahres“ Ich sei, das des Alltags oder das unserer Träume. > mehr


18.02.2019 - KUNSTGESCHICHTE

Ein Maler, der sich den Mächtigen verweigerte

Der Schweizer Historiker Volker Reinhardt bietet eine neue Sicht auf Leonardo da Vinci

„Seine Verrücktheiten gingen so weit, dass er beim Nachdenken über die Natur versuchte, die Eigenschaften der Kräuter zu verstehen sowie die Bewegung des Himmels und den Lauf des Mondes und der Sonne zu beobachten. Und dabei entwickelte er so ketzerische Vorstellungen, dass er jegliche Religiosität verlor und es in seiner Verwegenheit höher schätzte, Philosoph als Christ zu sein.“ Leonardo da Vinci war schon seit drei Jahrzehnten tot, als Giorgio Vasari ihn 1550 mit dieser „Würdigung“ bedachte. Ihm selbst konnte eine solche Beschuldigung also nicht mehr gefährlich werden. Aber die Sätze warfen einen Schatten auch auf Menschen aus seinem Umfeld, die noch lebten: Teilten sie womöglich die „ketzerischen Vorstellungen“ des Meisters? Gut möglich, dass irgendjemand bei Vasaris Brotherrn, dem Herzog der Toskana, mit der Bitte intervenierte, er möge seinen Hofkünstler doch dazu bringen, diese Inkriminierung zurückzunehmen. > mehr


12.02.2019 - ZEITGESCHICHTE

Der mühsame Weg zum Pluralismus

Zeithistorische Forschung und politische Kultur im Deutschland der Nachkriegszeit

„In einer Verwirrung und Ratlosigkeit ohnegleichen stehen heute die Deutschen am Grabe ihrer Vergangenheit“, schrieb der Historiker Gerhard Ritter 1946 in einem Büchlein unter dem Titel „Geschichte als Bildungsmacht“. Darin lag ein Stück weit auch Selbstkritik. Ritter hatte die Weimarer Republik aus deutsch-nationaler Perspektive heftig kritisiert und stand nun vor der Frage, inwieweit er die Entwicklung hin zum Dritten Reich und zum Zweiten Weltkrieg mit dem Ende des deutschen Nationalstaates womöglich mit zu verantworten hatte. Man könnte erwarten, das konservativ-nationalistische Denken vieler Historiker hätte sich nach dem Zweiten Weltkrieg bruchlos fortgesetzt. Genau das geschah nicht, zeigt eine Historikern der HU Berlin in ihrer neuen Studie. Viele Historiker machten sich nun durchaus ernsthaft an die Aufgabe, die ihnen der Doyen der deutschen Geschichtswissenschaft, Friedrich Meinecke, aufgab: „Unser herkömmliches Geschichtsbild bedarf jetzt allerdings einer gründlichen Revision, um die Werte und Unwerte unserer Geschichte klar voneinander zu unterscheiden.“ > mehr


04.02.2019 - PHILOSOPHIE

"Wir zu sagen, bedeutet, dass man eine Grenze zieht"

Über das "Subjekt der Politik"

„Wir sind das Volk. Wir sind ein Volk“, soll auf dem „Freiheits- und Einheitsdenkmal“ stehen, das für den Platz vor dem Berliner Schloss geplant ist. Der erste dieser beiden Sätze griff 1989 eine alte Parole revolutionärer Bewegungen auf - „Wir“ als die große Mehrheit des Volkes gegen despotisch herrschende kleine Gruppen. Der zweite proklamierte in den Monaten danach eine Einheit von zwei Bevölkerungen, die damals staatlich getrennt waren, in einer einzigen Nation – „Deutschland einig Vaterland“, wie es in der Nationalhymne der DDR hieß, die aus ebendiesem Grund seit Jahrzehnten nur noch ohne Text gespielt werden durfte. Was ist das eigentlich, dieses „Wir“?, fragt der Philosoph Tristan Garcia von der Universität Lyon in seinem neuen Essay „Nous“, der jetzt in deutscher Übersetzung erschienen ist. Immer geht es darum, dass sich ein Individuum mit manchen Anderen enger zusammengehörig fühlt, als mit Dritten. „Wir“ zu sagen, bedeutet, dass man eine Grenze zieht. > mehr


28.01.2019 - KULTURGESCHICHTE

Ewiger Winter in dicksten Pelzen - und der liberale Traum

Europas Antworten auf die "Kleine Eiszeit"

Große Kulturen, schrieb Mitte des vorigen Jahrhunderts der britische Historiker Arnold Toynbee in seiner monumentalen Studie über den „Gang der Weltgeschichte“, entstehen, indem Gesellschaften durch ihre Umwelt vor große Herausforderungen gestellt werden und schöpferische Lösungen entwickeln. Die Weltgeschichte als ein Spiel von „challenges“ und „responses“, manchmal erfolgreich, oft auch weniger erfolgreich. In dem Buch des österreichischen Historikers Philipp Blom über die Entstehung unserer modernen Welt kommt der Name Toynbee nicht vor. Aber unverkennbar greift Blom auf das Denkschema von challenge und response zurück: War der Aufschwung Europas seit dem 16. Jahrhundert, der die gesamte Welt so nachhaltig verwandelt hat, vielleicht eine Antwort auf jene Herausforderung, die Klimahistoriker heute als die „Kleine Eiszeit“ bezeichnen? > mehr


22.01.2019 - KUNSTGESCHICHTE

Träume aus Porzellan, Seide und Lack

Die Chinosierie-Mode in Europa seit dem 17. Jahrhundert

Der Vater, erinnerte sich Goethe viele Jahrzehnte später in „Dichtung und Wahrheit“, „hatte ein schönes, rotlackiertes, goldgeblümtes Musikpult, in Gestalt einer vierseitigen Pyramide mit verschiedenen Abstufungen, das man zu Quartetten sehr bequem fand“. Offenbar ein Möbel im „chinesischen“ Stil, wie er zu Goethes Jugendzeit in Europa groß in Mode war. Dazu trug vor allem der schottische Architekt William Chambers bei, der im Auftrag der schwedischen Ostindien-Kompanie China bereist hatte und nach seiner Rückkehr mehrere Bücher über Architektur und Kunstgewerbe der Chinesen herausbrachte – und über seine eigenen Bauten, in denen das China seiner Eindrücke zu einer Traumwelt aus Pagoden und Porzellan, Seide und Lack verarbeitet war. „Europas chinesische Träume“, ist das Buch über die „Erfindung Chinas“ überschrieben, das jetzt aus dem Nachlass des 2017 verstorbenen Kunsthistorikers Aachener Kunsthistorikers Hans Holländer erschienen ist. > mehr

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