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17.09.2020 - KUNST

Die einen nennen es Décadence, die anderen Symbolismus

Alte Nationalgalerie Berlin zeigt belgische Kunst um 1900

„Passé – futur“ wählte der belgische Maler Fernand Khnopff zur Inschrift über dem Eingang, als er sich zwischen 1899 und 1901 in Brüssel eine Villa mit Atelier erbaute. „Passé – futur“: Die Gegenwart kam nur als flüchtiger Moment in Betracht, zwischen einem „Nicht mehr“ und einem „Noch nicht“, zwischen wehmütiger Erinnerung an die Vergangenheit und Bangen vor einer ungewissen Zukunft. Der Soziologe Edward Spencer hatte der Epoche die ihr gemäße Philosophie mit dem Slogan „survival of the fittest“ geboten. Doch viele Intellektuelle der Epoche wandten sich von solcher Zukunftsgewissheit bereits wieder ab. Die Alte Nationalgalerie in Berlin zeigt jetzt eine opulente Ausstellung mit Kunst des Fin de siècle, gruppiert um jene Künstler, die im Rückblick als „belgischer Symbolismus“ zusammengefasst werden wie Félicien Rops, James Ensor, George Minne, Jean Delville oder Léon Spilliaert und eben Fernand Khnopff. Der Großteil der Bilder kommt aus belgischen Museen. Die Berliner Nationalgalerie selbst konnte eine Reihe von Werken europäischer Zeitgenossen beisteuern. > mehr

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11.09.2020 - MUSIK

Als die Musik sich vom Gottesdienst emanzipierte und selbst "heilig" wurde

Jan Assmann ueber Beethovens Missa solemnis

Als Ludwig van Beethoven, berichtet der Heidelberger Ägyptologe und Kulturwissenschaftler Jan Assmann in seinem neuen Buch, sich im Frühjahr 1819 entschloss, eine Komposition der Messe in Angriff zu nehmen, befasste er sich zunächst mit dem Text. Mit Hilfe eines Wörterbuchs erstellte er sich eine eigene Übersetzung. Dabei waren die Worte Beethoven doch seit Jugendtagen vertraut. Als Organist am kurfürstlichen Hof in Bonn hatte er die Messfeier hunderte Male an der Orgel begleitet. Er kannte die Kompositionen von Bach, Mozart, Haydn und Cherubini, hatte selbst zwölf Jahre zuvor bereits einmal eine Messe für den Fürsten Esterházy vertont. Aber die alte Vertrautheit genügte Beethoven nun nicht. Vor allem mit Teilen des „Credo“, meint Assmann, scheint der Komponist sich schwer getan zu haben. Er verstand den Wortlaut, fand zu einigen Aussagen jedoch kein persönliches Verhältnis. Im Vorfeld von Beethovens 250. Geburtstag hat Assmann eine neue Deutung von Beethovens „Missa solemnis“ vorgelegt, die der Komponist selbst einmal für sein „größtes Werk“ erklärte. > mehr


03.09.2020 - POLITISCHE KULTUR

Geächtete Angebote der Sinn- und Heilssuche

Verschwörungserzählungen - zwischen Ideologiekritik und Wissenssoziologie

Hand auf‘s Herz: Beinhaltet der Gründungsmythos der Schweiz eine „Verschwörungstheorie“? Von außen betrachtet, meint der Basler Kulturwissenschaftler Sebastian Dümling in dem neu erschienen Sammelband über „Verschwörungserzählungen“, war die Versammlung auf dem Rütli wohl in der Tat ein „illegitimes Verschwörerkollektiv“. Die Beteiligten selbst sahen in ihr eine „legitime Schwurgemeinde“, die sich gegen eine illegitime Herrschaft auflehnte. Statt von Verschwörungstheorien spricht der Sammelband, den die Germanistin Brigitte Frizzoni von der Universität Zürich jetzt aus den Vorträgen bei einer Tagung der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde vor zwei Jahren zusammengestellt hat, lieber von „Verschwörungserzählungen“. Der ungewohnte Ausdruck versucht, das abwertende „Framing“, das solche Theorien von vornherein nur als Aufgabe für die Ideologiekritik gelten lässt, nach Möglichkeit zu reduzieren. Die Frage nach dem Recht oder Unrecht von Verschwörungen, nach der Wahrheit oder Unwahrheit in Verschwörungstheorien, die oft ja auch von der Position des Betrachters abhängt, tritt in dieser „wissenssoziologischen“ Perspektive zunächst einmal in den Hintergrund. > mehr


27.08.2020 GESCHICHTE

Wie wenn jemand mit brennendem Schwefelholz über einen Gashahn fährt

Vor 150 Jahren triumphierte Preussen im Deutsch-Französischen Krieg

Im Mai 1871 erschien im „Blackwood‘s Edinbourgh Magazin“ eine Kurzgeschichte, in der um so etwas wie eine „Invasion aus dem All“ ging. In naher Zukunft, schilderte der Autor, würde vielleicht eine Armee in dunkelblauen Uniformen, mit Pickelhauben auf dem Kopf, in Südengland landen und das britische Heer in einer einzigen Schlacht völlig aufreiben. In der Folge würde das Empire zerschlagen, Großbritannien würde zum Vasallenstaat des Feindes, den der Autor zwar nicht mit Namen nannte, aber Deutsch sprechen ließ. Die Geschichte erregte in der britischen Öffentlichkeit ein derartiges Aufsehen, dass Premierminister William Gladstone sich veranlasst sah, im Unterhaus zu versichern, ein solches Szenario könne nie und nimmer Realität werden. So ähnlich hatte man in Frankreich vor dem Krieg von 1870/71 allerdings auch gedacht. Als Napoleon III. sich und sein Kaiserreich auf der Pariser Weltausstellung im Sommer 1867 präsentierte, da „schien in Europa keine wesentliche politische Veränderung gegen den Willen Frankreichs möglich“, schreibt der Militärhistoriker Klaus-Jürgen Bremm in seiner neu erschienen Geschichte des Deutsch-Französischen Krieges. > mehr


22.08.2020 - PHILOSOPHIE

Dass die Vernunft die Welt beherrscht

Vor 250 Jahren wurde Georg Wilhelm Friedrich Hegel geboren

„Ich sah manchmal, wie er sich ängstlich umschaute“, erzählte Heinrich Heine später von seiner Studienzeit in Berlin bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel, „aus Furcht, man verstünde ihn.“ „Als ich einst unmutig war über das Wort ‚Alles, was ist, ist vernünftig‘, lächelte er sonderbar und bemerkte: ‚Es könnte auch heißen: Alles was vernünftig ist, muss auch sein.‘ Er sah sich hastig um [...]“ Hegel – ein „Konservativer“, ein Befürworter des Bestehenden? Oder ein Revolutionär, freilich nur in Gedanken, nicht einmal in offenen Worten? Die Frage ist 250 Jahre nach dem Geburtstag des Philosophen am 27. August 1770 so offen wie eh und je. Ebenso wie die andere Frage, ob Hegels Philosophie, in der soviel von „Freiheit“ die Rede ist, neben der Freiheit des „Weltgeistes“ auch die Freiheit der Individuen meinte, zumindest dann, wenn er vom Staat und von der „bürgerlichen Gesellschaft“ sprach. Immer wieder wurde Hegel politisch „reklamiert“, schreibt der Münchner Philosoph Günter Zöller in seinem Büchlein, das pünktlich zum Geburtstag erschienen ist, zunächst von „konservativer Seite“ als „philosophischer Verteidiger der bestehenden staatlichen und religiösen Ordnung“, dann auch von der sich als „fortschrittlich verstehenden Seite, deren politischen Spektrum vom national-demokratischen Frühliberalismus bis zum internationalistischen Frühsozialismus reichte“. > mehr


16.08.2020 - THEOLOGIE

Von der Auslegung zur Wissenschaft

Geschichte der jüdischen Bibelexegese seit dem Mittelalter

„Lasset uns Menschen machen“, sagt Gott in der biblischen Schöpfungsgeschichte. Der Plural hat den Exegeten viel Denkarbeit aufgegeben. Ragt hier eine ältere, polytheistische Vorstellung in den Monotheismus hinein? Oder handelt es sich um einen „pluralis majestatis“, einen Ausdruck göttlicher Hoheit? Oder um einen „pluralis deliberationis“, also eine Überlegung und Selbstaufforderung? Für die ältere christliche Theologie, für die es selbstverständlich war, die jüdische Bibel im Sinne der christlichen Glaubensbekenntnisse auszulegen, schien alles klar: Diese Stelle deutete auf die göttliche Dreifaltigkeit hin. In den Streitgesprächen, die im Mittelalter zwischen christlichen und jüdischen Theologen gelegentlich abgehalten wurden, spielte sie eine zentrale Rolle: Wenn die Inhalte des christlichen Glaubens in der hebräischen Bibel, also im „Alten Testament“, erwähnt wurden, dann durfte es als erwiesen gelten, dass die Kirche zu Recht den Anspruch erhob, das „wahre“ Israel zu sein. > mehr


11.08.2020 - KULTURGESCHICHTE

Weit von des Pöbels Lüsten ...

Einsamkeit - zwischen Vereinsamung und gelehrter Musse, Seelenruhe und Selbstzerstörung

Im Januar 2018 erweiterte die britische Premierministerin Theresa May das Ressort ihrer Sportministerin Tracey Crouch um die Zuständigkeit für „lonelinesse“. Oder eigentlich: gegen „loneliness“, gegen „Vereinsamung“. In ihrer Begründung sprach May von einer „traurigen Realität des modernen Lebens“ und von einer „Herausforderung“ für die Gesellschaft: Millionen Menschen hätten „niemanden, mit dem sie reden oder ihre Gedanke und Erfahrungen teilen“ könnten. In der deutschen Presse wurde „loneliness“ gelegentlich auch mit „Einsamkeit“ übersetzt. Dieser Ausdruck, erläutert die Amerikanistin Ina Bergmann von der Universität Würzburg, deckt jedoch ähnlich wie das englische „solitude“ einen viel größeren Bereich ab: Damit kann auch ein Dasein ohne unerwünschte Störungen gemeint sein – keine defizitäre Lebensform, sondern vielmehr ein Sehnsuchtsziel. Gemeinsam mit der Germanistin Dorothea Klein hat Bergmann einen Sammelband zu diesen verschiedenen und gegensätzlichen Aspekten des Themas „Einsamkeit“ in der Literatur-, Kunst und Religionsgeschichte herausgebracht. > mehr


06.08.2020 - KULTURTHEORIE

Dreadlocks, Indianerkostüme und die Mädchen von Avignon

Das Verbrechen der kulturellen Aneignung

Der Vorhang ist zurückgezogen, fünf nackte oder halbnackte junge Frauen präsentieren sich dem Betrachter. Offenkundig eine Bordellszene: Der Kunde, den man sich vor dem Bild zu denken hat, ist gerade eingetreten und will nun seine Wahl treffen. Nicht in Avignon, wie der heute gebräuchliche Titel, „Les Demoiselles d‘Avignon“, suggeriert, sondern in der Carrer d‘Avinyó in Barcelona, wo Picasso damals, in den Jahren 1906 und 1907, lebte. Bei den Zeitgenossen erregte das Bild, das heute als Beginn der modernen Malerei gilt, einen Schock: Der Raum ist in keiner Weise perspektivisch gestaltet, es fehlt auch jede klare Lichtführung, die Komposition besteht aus Kuben, die unvermittelt nebeneinander gesetzt sind. Was die Betrachter ebenso verstörte: Die Mädchen sind zwar hellhäutig und tragen langes schwarzes Haar. Doch die Gesichter der drei auf der linken Seite hat Picasso „archaisiert“: Sie sind altiberischen Skulpturen nachgebildet. Und die Gesichter der beiden rechts sind „exotisiert“: Sie ähneln afrikanischen Masken, wie der Maler sie während seiner Arbeit an dem Bild bei einem Besuch im Ethnographischen Museum des Pariser Palais du Trocadéro zu sehen bekam. > mehr


02.08.2020 - GESCHICHTE

Als das Judentum sein Zentrum verlor

Vor 1.950 Jahren wurde im Jüdischen Krieg der Jerusalemer Tempel zerstört

Die Bevölkerung in der belagerten Stadt hungerte. Die Festung Antonia hatten die Römer bereits eingenommen, von dort aus war mit Schusswaffen auch der benachbarte Tempel zu kontrollieren. Nach allem menschlichen Ermessen war die Einnahme Jerusalems nur noch eine Frage von wenigen Wochen. Aber Titus wollte seine Soldaten nicht in Straßenkämpfen aufopfern. Als er am 6. August des Jahres 70 n. Chr. die Nachricht erhielt, im Tempel hätten die Priester das tägliche Opfer nicht mehr abhalten können, entschloss er sich nochmals zu einem Versuch, die Belagerten zur Aufgabe zu bewegen. Die Gelegenheit schien günstig. Im Gefolge des Feldherrn gab es Juden, die sich mit der römischen Herrschaft abgefunden hatten. Titus wird also gewusst haben, welche Bedeutung der Tempeldienst für die Juden hatte. Ihrer Überlieferung zufolge wurde er seit über 1.130 Jahren, seit den Tagen des Königs Salomo, ohne Unterbrechung abgehalten. Wenn er nun erstmals zum Erliegen gekommen war, musste das die Bevölkerung der Stadt aufs tiefste demoralisieren. > mehr


27.07.2020 - THEATER

Der Ruf des Todes und die tiefe Freude am Theater

100 Jahre Salzburger Festspiele

Als er an einem Winterabend mitten im Ersten Weltkrieg, erinnerte sich später der Musikkritiker Paul Stefan, über den tief verschneiten Salzburger Domplatz ging, begegnete er dort dem Theaterregisseur Max Reinhardt. „Was meinen Sie, lieber Doktor“, sagte Reinhardt, „gerade hier, wo wir jetzt gehen, möchte ich einmal den ‚Jedermann‘ geben.“ Den „Jedermann“ – 1911 hatte Reinhardt die Neubearbeitung des mittelalterlichen Mysterienspiels von Hugo von Hofmannsthal in Berlin erstmals auf die Bühne gebracht. Doch mit der Wirkung des Stücks auf einer „normalen“ Bühne war Reinhardt nicht zufrieden. Der Salzburger Domplatz ließ ihn träumen: der Eingang der Kirche mit den riesigen Heiligenfiguren als Kulisse, der Ruf des Todes von der Festung Hohensalzburg herab, übertragen durch ein Mikrophon, das Dröhnen der Kirchenglocken zum Schluss des Spiels … Anderthalb Jahre nach Ende des Weltkriegs konnte Reinhardt seinen Traum endlich verwirklichen. Alles erschien „wie ein Selbstverständliches“, begeisterte sich der Regisseur noch zwei Jahrzehnte nach der Aufführung aus dem amerikanischen Exil. Selbst die Geistlichen und Ordensleuten, die von den Fenstern des Petersstifts aus zuschauten, wirkten für das Publikum unten auf dem Platz wie ein Bestandteil des Spiels. > mehr

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