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18.02.2019 - KUNSTGESCHICHTE

Ein Maler, der sich den Mächtigen verweigerte

Der Schweizer Historiker Volker Reinhardt bietet eine neue Sicht auf Leonardo da Vinci

„Seine Verrücktheiten gingen so weit, dass er beim Nachdenken über die Natur versuchte, die Eigenschaften der Kräuter zu verstehen sowie die Bewegung des Himmels und den Lauf des Mondes und der Sonne zu beobachten. Und dabei entwickelte er so ketzerische Vorstellungen, dass er jegliche Religiosität verlor und es in seiner Verwegenheit höher schätzte, Philosoph als Christ zu sein.“ Leonardo da Vinci war schon seit drei Jahrzehnten tot, als Giorgio Vasari ihn 1550 mit dieser „Würdigung“ bedachte. Ihm selbst konnte eine solche Beschuldigung also nicht mehr gefährlich werden. Aber die Sätze warfen einen Schatten auch auf Menschen aus seinem Umfeld, die noch lebten: Teilten sie womöglich die „ketzerischen Vorstellungen“ des Meisters? Gut möglich, dass irgendjemand bei Vasaris Brotherrn, dem Herzog der Toskana, mit der Bitte intervenierte, er möge seinen Hofkünstler doch dazu bringen, diese Inkriminierung zurückzunehmen. > mehr

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12.02.2019 - ZEITGESCHICHTE

Der mühsame Weg zum Pluralismus

Zeithistorische Forschung und politische Kultur im Deutschland der Nachkriegszeit

„In einer Verwirrung und Ratlosigkeit ohnegleichen stehen heute die Deutschen am Grabe ihrer Vergangenheit“, schrieb der Historiker Gerhard Ritter 1946 in einem Büchlein unter dem Titel „Geschichte als Bildungsmacht“. Darin lag ein Stück weit auch Selbstkritik. Ritter hatte die Weimarer Republik aus deutsch-nationaler Perspektive heftig kritisiert und stand nun vor der Frage, inwieweit er die Entwicklung hin zum Dritten Reich und zum Zweiten Weltkrieg mit dem Ende des deutschen Nationalstaates womöglich mit zu verantworten hatte. Man könnte erwarten, das konservativ-nationalistische Denken vieler Historiker hätte sich nach dem Zweiten Weltkrieg bruchlos fortgesetzt. Genau das geschah nicht, zeigt eine Historikern der HU Berlin in ihrer neuen Studie. Viele Historiker machten sich nun durchaus ernsthaft an die Aufgabe, die ihnen der Doyen der deutschen Geschichtswissenschaft, Friedrich Meinecke, aufgab: „Unser herkömmliches Geschichtsbild bedarf jetzt allerdings einer gründlichen Revision, um die Werte und Unwerte unserer Geschichte klar voneinander zu unterscheiden.“ > mehr


04.02.2019 - PHILOSOPHIE

"Wir zu sagen, bedeutet, dass man eine Grenze zieht"

Über das "Subjekt der Politik"

„Wir sind das Volk. Wir sind ein Volk“, soll auf dem „Freiheits- und Einheitsdenkmal“ stehen, das für den Platz vor dem Berliner Schloss geplant ist. Der erste dieser beiden Sätze griff 1989 eine alte Parole revolutionärer Bewegungen auf - „Wir“ als die große Mehrheit des Volkes gegen despotisch herrschende kleine Gruppen. Der zweite proklamierte in den Monaten danach eine Einheit von zwei Bevölkerungen, die damals staatlich getrennt waren, in einer einzigen Nation – „Deutschland einig Vaterland“, wie es in der Nationalhymne der DDR hieß, die aus ebendiesem Grund seit Jahrzehnten nur noch ohne Text gespielt werden durfte. Was ist das eigentlich, dieses „Wir“?, fragt der Philosoph Tristan Garcia von der Universität Lyon in seinem neuen Essay „Nous“, der jetzt in deutscher Übersetzung erschienen ist. Immer geht es darum, dass sich ein Individuum mit manchen Anderen enger zusammengehörig fühlt, als mit Dritten. „Wir“ zu sagen, bedeutet, dass man eine Grenze zieht. > mehr


28.01.2019 - KULTURGESCHICHTE

Ewiger Winter in dicksten Pelzen - und der liberale Traum

Europas Antworten auf die "Kleine Eiszeit"

Große Kulturen, schrieb Mitte des vorigen Jahrhunderts der britische Historiker Arnold Toynbee in seiner monumentalen Studie über den „Gang der Weltgeschichte“, entstehen, indem Gesellschaften durch ihre Umwelt vor große Herausforderungen gestellt werden und schöpferische Lösungen entwickeln. Die Weltgeschichte als ein Spiel von „challenges“ und „responses“, manchmal erfolgreich, oft auch weniger erfolgreich. In dem Buch des österreichischen Historikers Philipp Blom über die Entstehung unserer modernen Welt kommt der Name Toynbee nicht vor. Aber unverkennbar greift Blom auf das Denkschema von challenge und response zurück: War der Aufschwung Europas seit dem 16. Jahrhundert, der die gesamte Welt so nachhaltig verwandelt hat, vielleicht eine Antwort auf jene Herausforderung, die Klimahistoriker heute als die „Kleine Eiszeit“ bezeichnen? > mehr


22.01.2019 - KUNSTGESCHICHTE

Träume aus Porzellan, Seide und Lack

Die Chinosierie-Mode in Europa seit dem 17. Jahrhundert

Der Vater, erinnerte sich Goethe viele Jahrzehnte später in „Dichtung und Wahrheit“, „hatte ein schönes, rotlackiertes, goldgeblümtes Musikpult, in Gestalt einer vierseitigen Pyramide mit verschiedenen Abstufungen, das man zu Quartetten sehr bequem fand“. Offenbar ein Möbel im „chinesischen“ Stil, wie er zu Goethes Jugendzeit in Europa groß in Mode war. Dazu trug vor allem der schottische Architekt William Chambers bei, der im Auftrag der schwedischen Ostindien-Kompanie China bereist hatte und nach seiner Rückkehr mehrere Bücher über Architektur und Kunstgewerbe der Chinesen herausbrachte – und über seine eigenen Bauten, in denen das China seiner Eindrücke zu einer Traumwelt aus Pagoden und Porzellan, Seide und Lack verarbeitet war. „Europas chinesische Träume“, ist das Buch über die „Erfindung Chinas“ überschrieben, das jetzt aus dem Nachlass des 2017 verstorbenen Kunsthistorikers Aachener Kunsthistorikers Hans Holländer erschienen ist. > mehr


16.01.2019 - KULTURGESCHICHTE

"Das alte Rom aus dem neuen herausklauben"

Herrliche Vergangenheit, klaegliche Gegenwart - das deutsche Bild von Italien und den Italienern

„Noch stäuben die Wege, noch ist der Fremde geprellt, stell‘ er sich auch, wie er will. Deutsche Rechtlichkeit suchst du in allen Winkeln vergebens.“ Es waren recht unfreundliche Worte, die Goethe bei seiner zweiten Italienreise 1790 über Land und Leute fand. Wenige Jahre zuvor, bei seiner ersten Reise, war er noch begeistert gewesen. Kunst und Geschichte faszinierten ihn, auch der italienischen Lebensart konnte er manches abgewinnen. Doch beim Versuch einer Wiederholung gelang es ihm nicht mehr, die unerwünschten Seiten der Alltagsrealität auszublenden. „Übrigens muss ich im Vertrauen gestehen, dass meiner Liebe zu Italien durch diese Reise ein tödlicher Stoß versetzt wird“, schrieb er an Herzog Carl August. Mancherlei schmähende Ausfälle gegen Italien und die Italiener finden sich eben auch bei jenen, die ansonsten als Lobredner des Landes, „wo die Zitronen blühn“, in die Kulturgeschichte eingegangen sind. > mehr


09.01.2019 - OEKONOMIE

Wirtschaft und Ethik - das eine oder das andere

Schwierigkeiten einer Oekonomie mit menschlichem Antlitz

„Sie wollen Wirtschaftsethik studieren?“, lautet ein Satz, der dem österreichischen Satiriker Karl Kraus zugeschrieben wird: „Entscheiden sie sich für das eine oder das andere!“ Die Ökonomie, wollte Kraus sagen, steht ein für allemal unter der Maxime der Gewinnmaximierung, des Egoismus. Wer versucht, sich in seinem wirtschaftlichen Verhalten nach ethischen, potentiell also auch altruistischen, Normen zu richten, muss untergehen. Anscheinend erleben wirtschaftsethische Fragestellung gerade in den letzten Jahrzehnten, zeitlich parallel zum sogenannten „Neoliberalismus“, sogar einen regelrechten Boom. Heute können Studenten das Fach „Wirtschaftsethik“ im deutschen Sprachraum an mehr als einem Dutzend Hochschulen belegen. Der Basler Philosoph Andreas Brenner zitiert in seinem neu erschienenen „Lehr- und Lesebuch“ zur Wirtschaftsethik seinen amerikanischen Kollegen Richard Edward Freeman, der Kraus‘ zynisches Bonmot umkehrte: „Es macht keinen Sinn, über Business zu reden, ohne über Ethik zu reden.“ > mehr


04.01.2019 - VERFASSUNGSGESCHICHTE

Republik ohne republikanischen Grundkonsens

Die Weimarer Reichverfassung und die Diskussion um ihre "Geburtsfehler"

„Bonn ist nicht Weimar“, lautete ein geflügeltes Wort über die junge Bundesrepublik Deutschland. Der Schweizer Journalist Fritz René Allemann prägte es 1956 in einem Buch, in dem er die Unterschiede zwischen den deutschen Demokratien der 1920er und der 1950er Jahre analysierte. Wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, so Allemanns beruhigende Feststellung, hatten die weltanschaulichen Gegensätze, die den Parteienkampf in der Weimarer Republik prägten, bereits viel von ihrer unversöhnlichen Schroffheit verloren. Allemanns Aussage war die Kehrseite der großen Angst, die über der Bundesrepublik schwebte: Konnte diese zweite deutsche Demokratie nicht ebenso scheitern, wie die erste gescheitert war? Als 1948 der Parlamentarische Rat zusammentrat, um ein Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland zu erarbeiten, war es ein Grundmotiv der Beratungen, dass die „Fehler“ der Weimarer Reichsverfassung (WRV) von 1919 auf keinen Fall wiederholt werden dürften. > mehr


31.12.2018 - BRAUCHTUM

"Dass die Tracht der langen Bärte dieses Jahr nicht Mode werde"

Aus der Kulturgeschichte der Neujahrswünsche

„Und allen edlen Menschen Friede und Freud auf ihrer Bahn! Ich segne sie in meinem Liede, soviel ich segnen kann.“ Einen besonders ungewöhnlichen Wunsch hat sich Matthias Claudius da zu Neujahr 1777 nicht einfallen lassen. Die Verse variieren bloß aus Martin Luthers Bibelübersetzung den Weihnachtsgesang der Engel an die Hirten. In der folgenden Strophe gibt der Sprecher, der „alte lahme Invalide Görgel“, seinem Neujahrswunsch jedoch eine recht makabre Note: „Und fühl in diesem Augenblicke den lahmen Schenkel nicht und steh und schwinge meine Krücke und glühe im Gesicht.“ „Man fängt das Neue Jahr mit Wunsch und Gaben an“, dichtete 1637 Andreas Gryphius. Eine Federzeichnung von Johann Michael Voltz zeigt, wie der Neujahrsmorgen in besseren Kreisen um 1800 ablief. Um einen gesetzten, würdigen Herren, der offenbar gerade bei der Rasur ist, versammeln sich die Gratulanten, vom Prediger bis zu den Musikanten der Stadtgarde, und selbstverständlich muss ihnen ein Trinkgeld aus der bereitgehaltenen Börse gegeben werden. Im Hintergrund sieht man, wie sich weitere Gratulanten durch die geöffnete Tür drängen wollen. > mehr


27.12.2018 - AMERIKANISCHE LITERATUR

"Ich weiss schon, dass das verrückt ist"

Vor 100 Jahren wurde J. D. Salinger geboren, der Verfasser des Romans "Der Fänger im Roggen"

Als am Abend des 8. Dezember 1980 der 25-jährige Mark David Chapman den Ex-Beatle-Sänger John Lennon erschoss, trug er ein Büchlein bei sich, eine Ausgabe des Romans „Der Fänger im Roggen“ von Jerome David Salinger. Im Prozess sagte Chapman später, er habe in diesem Buch die „Aufforderung“ gesehen, eine berühmte Persönlichkeit zu töten, um selbst berühmt zu werden. Als sein Schlusswort verlas er eine Passage aus dem Roman: „Aber jedenfalls stelle ich mir immer kleine Kinder vor, die in einem Roggenfeld ein Spiel machen. Tausende von kleinen Kindern, und keiner wäre in der Nähe – kein Erwachsener, meine ich – außer mir. Und ich würde am Rand einer verrückten Klippe stehen. Ich müsste alle festhalten, die über die Klippe hinauslaufen wollten – ich meine, wenn sie nicht achtgeben, wohin sie rennen, müsste ich vorspringen und sie fangen. Das wäre einfach der Fänger im Roggen.“ Das Unterfangen, Chapmans Leseerfahrung rational rekonstruieren zu wollen, dürfte aussichtslos sein; vielleicht hatten die Ärzte ja Recht, die ihm eine paranoide Psychose bescheinigten. Wie unter solchen Bedingungen Literatur rezipiert, der Intention nach wohl auch in Praxis umgesetzt wird, lässt sich kaum erahnen. Und wenn es dann noch eine Literatur ist, die auch von den „Normalen“ der Generation als das Kultbuch schlechthin verehrt wird … > mehr

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