Dossier
Mechanismen der Politik

 

Schutz vor Räubern - und vor Flüchtlingen
Mauern in der Weltgeschichte, von Assyrien bis Berlin

Die Mauer – pünktlich zum 20. Jahrestag ihres Falls hat eine Altorientalistin der Universität Würzburg eine Gruppe von Historikern versammelt, um der Rolle von Mauern in der Weltgeschichte nachzugehen. Schließlich ist die Berliner Mauer längst nicht die einzige, und ob sie die weltgeschichtlich bedeutendste war, darf man mit Blick auf den römischen Limes und die chinesische "Große Mauer" immerhin fragen. In einer Hinsicht, nämlich was den Zweck angeht, fördert der historische Vergleich aber sehr schnell Unvergleichbares zu Tage. In fast allen anderen Fällen, stellt die Initiatorin des Projekts, Astrid Nunn, fest, sollten Mauern Menschen davon abhalten, in ein fremdes Territorium einzudringen. > mehr


Wir und die anderen
Der dunkle Schatten der Xenophobie


„Es ging spazieren vor dem Tor ein kohlpechrabenschwarzer Mohr“, reimte Heinrich Hoffmann in seinem „Struwwelpeter“. Drei Kinder verlachen den Mohren wegen seiner dunklen Hautfarbe und werden dafür bestraft: „Bis übern Kopf ins Tintenfaß tunkt sie der große Nikolas“, der strafende Heilige aus dem Volksglauben. „Du siehst sie hier, wie schwarz sie sind, viel schwärzer als das Mohrenkind!“ lautet die Moral. Der „große Nikolas“ wendet sich gegen Rassismus, allgemeiner gesagt: gegen „Xenophobie“. Oder ist er womöglich insgeheim selbst ein Rassist? Der Schluss scheint in diese Richtung zu deuten, schwarz zu sein gilt als Strafe. „Die Angst vor dem Fremden“ hat der Wiener Philosoph Erhard Oeser seine soeben erschienene Studie über die „Wurzeln der Xenophobie“ überschrieben. > mehr


Mobilisierung durch das Postfaktische
Das schwer fassbare Gespenst des Populismus


Ein Gespenst geht um in Europa, das Gespenst des Populismus, möchte man den berühmten Satz aus dem „Kommunistischen Manifest“ abwandeln. Marx und Engels stellten damals fest, die Regierenden ihrer Zeit hätten es sich zur Gewohnheit gemacht, alle Oppositionsparteien als „kommunistisch“ zu verschreien. Heute steht es mit den Schimpfwörtern „Populismus“ und „populistisch“ ähnlich. „Populistisch“ sind immer die anderen, die politischen Gegner, vor allem dann, wenn sie gerade „populär“ sind, eben die Gunst des „Publikums“ genießen. Angeprangert wird vor allem eine Politik ohne Prinzipien, die Vernachlässigung ethischer und programmatischer Grundsätze zugunsten des Erfolgs beim Wähler, der sich – vielleicht – in Machtgewinn umsetzen lässt. > mehr



Vom Tollensetal bis Lützen
Archäologische Spurensuche zum Thema "Krieg" in Halle


Niemand weiß, wer diese Menschen waren und woher sie kamen. Sicher ist: Es gab zwei Gruppen, die einander bekämpften, in der Hauptsache junge Männer. Die eine Gruppe wanderte wohl gerade den Fluss Tollense im heutigen Mecklenburg-Vorpommern entlang. Da wurde sie angegriffen, zunächst mit Pfeilen, dann im Nahkampf mit Keulen und Stichwaffen. Nach dem Kampf wurden die Leichen geplündert.Soviel glauben die Archäologen heute über die „Schlacht im Tollensetal“, irgendwann um 1250 v. Chr., sagen zu können. Seit 1999 wurden Skelettreste von mehr als 120 Individuen gefunden. Ein Krieg? Für Mitteleuropa jedenfalls der älteste archäologisch belegte Fall einer Schlacht zwischen zwei organisierten Gruppen. Die Zeugnisse stehen mit im Zentrum der Ausstellung „Krieg“, die jetzt im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle an der Saale zu sehen ist. > mehr


Sich räumlich zu bewegen, ist eine Wesenseigenschaft des Menschen
Eine Weltgeschichte der Migration


Unter bevölkerungsstatistischen Gesichtspunkten, meint der italienische Demograph Massimo Livi Bacci, lag die Wasserscheide der europäischen Geschichte weder 1914/18 noch 1939/45, sie ist auf die 1970er Jahre zu datieren. Zwischen 1914 und 1950 war die Bevölkerungszahl noch um etwa 12 Prozent angewachsen - trotz der Weltkriege, trotz der „Spanischen Grippe“ von 1918/19, trotz der Hungersnöte in der Sowjetunion der 1920er und 1930er Jahre. Seit 1970 hat sich das Wachstum rapide verringert; gäbe es nicht Zuwanderung von außerhalb Europas, wäre sogar eine Schrumpfung zu verzeichnen. Europa hat sich, was „Humankapital“ betrifft, von einem Exporteur zu einem Importeur gewandelt. > mehr



Luxus als Investition, gelehrte Worte als Währung
Die Ökonomie sozialer Beziehungen in der frühen Neuzeit


Fürst Karl Eusebius von Liechtenstein war in Geldnöten. Der Dreißigjährige Krieg hatte die Liechtensteinschen Territorien in Schlesien verwüstet; der Fürst befürchtete, die finanziellen Sorgen seinem Sohn und Nachfolger vererben zu müssen. Für junge Leute fürstlichen Standes hätte es sich angeboten, ihr Glück in kaiserlichen Diensten zu suchen; aber gerade davon riet Karl Eusebius, als er um 1680 im Alter von etwa 70 Jahren einige Verhaltensregeln schriftlich niederlegte, ab: Aller Voraussicht nach würde das Gehalt nicht einmal die nötigen Aufwendungen für einen standesgemäßen Aufenthalt in der Residenzstadt decken. Und durch die dauernde Abwesenheit von den eigenen Gütern würden die Aufgaben dort sträflich vernachlässigt. > mehr


Wenn Huckleberry Finn nicht mehr "Nigger" sagen darf
Der Streit um die Political Correctness


„Land der Berge, Land am Strome, Land der Äcker, Land der Dome, Land der Hämmer, zukunftsreich! Heimat bist du großer Söhne ...“ Die Bundeshymne der Republik Österreich. In einem erbitterten Kulturkampf wurde die vierte Zeile jahrelang in den verschiedensten Fassungen gesungen – sie war „politisch nicht korrekt“, wie das Schlagwort lautete, das in den Jahren aus den USA importiert worden war. 2011 rang sich das Parlament dazu durch, die Hymne in „Heimat bist du großer Töchter und Söhne“ umzudichten. - „Policitically correct“: Das politische Schlagwort ist kaum drei Jahrzehnte alt. Der Ursprung lag in einem Streit zwischen Dozenten und Studenten an der University of California über die Pflichtkurse zum Thema „Western civilization“. Der Protest richtete sich gegen das Monopol der „DWEM“, der „dead white European males“, von Platon über Shakespeare bis zu den amerikanischen Aufklärern, deren Denken in den Curricula den Ton angab. > mehr



Zweifel an der Identitätsbildung
Wandlungen des Krieges in drei Jahrtausenden Weltgeschichte


"Ich hätte in der Mittagsstille und bei der kurzen Entfernung selbst das Geringste gehört. Aber nichts regte sich ..." Langsam, schweigend, jedes Geräusch vermeidend bereitet der Erzähler seinen Schuss vor, mit der "Sorgfalt eines Jägers, der hohes Wild zu erlegen gedenkt". Und dann: "Ich sah ihn stürzen, und da ich schon viele stürzen sah, wusste ich, dass er nicht wieder aufstehen wird ... Er fiel gegen die Grabenwand und brach zusammen, nicht mehr den Gesetzen des Lebens, sondern allein denen der Schwere untertan." Eine Jagdszene? Nein, das Geschehen spielt im Ersten Weltkrieg; das "Wild" ist ein englischer Soldat. Die Sätze stammen aus Ernst Jüngers Erzählung "Wäldchen 125". "Für Fragen der Bewertung, Moral, Gefühle oder Emotion hat der Text keinen Raum", schreibt der Germanist Bernd Hüppauf von der New York University in seinem jetzt erschienenen Buch über die "Kulturgeschichte des Krieges". "Es besteht keine emotionale Beziehung, kein Hass und kein Mitgefühl verbindet Täter und Opfer. Im strengen Sinn gibt es kein Opfer, nur ein Objekt der Tat." Bei vielen Lesern hat Ernst Jüngers kalte, emotionslose Wiedergabe des Kriegserlebnisses Entsetzen und Empörung hervorgerufen. Hüppauf: "Die moderne Tötungsmaschine mit Präzisionsgewehr und der archaische Mensch ohne Ethik und Reflexion, aber mit einer tierartigen Witterung" gehen ineinander über." > mehr




Die Faszination der geheimen Mysterien
Geheime Gesellschaften in Deutschland seit der Aufklärung


"O ew'ge Nacht, wann wirst du schwinden?", fragt Tamino in Mozarts "Zauberflöte". Der Prinz hat jede Orientierung verloren. Seine Gewissheit zu Anfang der Oper, dass die Königin der Nacht die "gute" Person im Stück ist und Sarastro "ein Unmensch, ein Tyrann", wurde gründlich zerstört; aber es ist noch nichts Neues an diese Stelle getreten. Der Theaterbesucher kann Taminos Ratlosigkeit auch zwei Stunden später, wenn das Oper bereits zu Ende ist, nachvollziehen. Er weiß inzwischen, dass es nicht die Königin, sondern vielmehr Sarastro ist, der das gute Prinzip vertritt, wird mit dieser Erkenntnis aber nicht so ganz glücklich. Der Priesterbund, dem Sarastro vorsteht, ist erstens ziemlich intransparent und wird zweitens reichlich autoritär geführt. Ein "Geheimbund" eben, eine "Geheimgesellschaft". Das 18. Jahrhundert war "nicht nur das Zeitalter der Aufklärung", stellt der Kulturhistoriker Jost Hermand von der University of Wisconsin in Madison in einem jetzt neu erschienenen Sammelband zur Geschichte der Geheimgesellschaften fest, sondern auch die große Zeit "der geheimen Gesellschaften". > mehr




"Gerechte Kriege", "erzieherische Maßnahmen", "erweiterte Verhörmethoden"
Das Phänomen Gewalt in interdisziplinärer Perspektive

Manchmal hilft die Etymologie eines Wortes ja beim Verständnis der Probleme. Das deutsche „Gewalt“, klärt der Philosoph Alfred Hirsch vom Kulturwissenschaftlichen Institut Essen im neu  erschienenen interdisziplinären Handbuch „Gewalt“ auf, kommt von einer indoeuropäischen Wurzel „val“, die soviel bedeutete wie „Verfügungsfähigkeit haben“. Im Mittelalter diente „Gewalt“ als Übersetzung von gleich zwei lateinischen Wörtern: „potestas“ im Sinn von Vollmacht oder Befugnis einerseits, „violentia“, Gewalttätigkeit, andererseits. Das Englische und das Französische haben wie das Lateinische an dieser Stelle zwei verschiedene Begriffe: power/pouvoir und violence. Die Kulturwissenschaftler Christian Gudehus und Michaela Christ von der Universität Flensburg haben sich in ihrem interdisziplinären Handbuch, zu dem sie mehr als eine halbes Hundert Forscher zusammenbrachten, auf die „violentia“ konzentriert. Das Spektrum der Beiträge reicht vom Krieg bis zur früher so alltäglichen Ohrfeige, von Mafia-Strukturen bis zur Gewalt in der Familie. > mehr
 



Die Faszination der geheimen Mysterien
Geheime Gesellschaften in Deutschland seit der Aufklärung


"O ew'ge Nacht, wann wirst du schwinden?", fragt Tamino in Mozarts "Zauberflöte". Der Prinz hat jede Orientierung verloren. Seine Gewissheit zu Anfang der Oper, dass die Königin der Nacht die "gute" Person im Stück ist und Sarastro "ein Unmensch, ein Tyrann", wurde gründlich zerstört; aber es ist noch nichts Neues an diese Stelle getreten. Der Theaterbesucher kann Taminos Ratlosigkeit auch zwei Stunden später, wenn das Oper bereits zu Ende ist, nachvollziehen. Er weiß inzwischen, dass es nicht die Königin, sondern vielmehr Sarastro ist, der das gute Prinzip vertritt, wird mit dieser Erkenntnis aber nicht so ganz glücklich. Der Priesterbund, dem Sarastro vorsteht, ist erstens ziemlich intransparent und wird zweitens reichlich autoritär geführt. Ein "Geheimbund" eben, eine "Geheimgesellschaft". Das 18. Jahrhundert war "nicht nur das Zeitalter der Aufklärung", stellt der Kulturhistoriker Jost Hermand von der University of Wisconsin in Madison in einem jetzt neu erschienenen Sammelband zur Geschichte der Geheimgesellschaften fest, sondern auch die große Zeit "der geheimen Gesellschaften". > mehr




Spiele mit einem Alter ego
Das Zeremeoniell des Inkognito an den Höfen der Frühen Neuzeit

Im Juli 1697 war am brandenburgischen Hof in Berlin ein russischer Offizier mit Namen Petr Michajlow zu Gast. Kurfürst Friedrich III. ließ ihn mit außergewöhnlicher Höflichkeit behandeln. Zeremonienmeister Johann von Besser notierte ins Hofprotokoll, wenn es um Seine Majestät den Zaren persönlich gegangen wäre, hätte alles nicht herrlicher und prächtiger ablaufen können.Der Offizier war tatsächlich Zar Peter, später „der Große“ genannt. Am Berliner Hof wusste jeder Bescheid; aber alle spielten den Unwissenden. Am 27. Juli lüftete der „Altonaer Relations-Courier“ das Geheimnis dann auch für die breite Öffentlichkeit. Als Peter Anfang August in Zaandam ankam und bei einem Schmied Quartier nahm, um sich mit modernen Schiffbautechniken zu befassen, war seine „Inkognito“-Reise längst allbekannt. „Inkognito“ ... Das italienische Wort heißt wörtlich übersetzt „unerkannt“; der Duden gibt aber noch eine weitere, etwas freiere Übersetzung an: „unter fremdem Namen“. An den Fürstenhöfen der frühen Neuzeit war das Inkognito nicht der Versuch, in die Anonymität zu flüchten, sondern ein hochkomplexes, festreguliertes Spiel: Der Träger „nimmt einen anderen Namen an und bekundet so seine Absicht, für eine gewisse Zeit eine andere Person zu sein, eine andere soziale Rolle spielen zu wollen", definiert der Kölner Historikr Volker Barth in seiner jetzt erschienenen Studie über die Geschichte des Zeremoniells. > mehr





Unvermeidbares Element der Demokratie?
Politikwissenschaftler diskutieren über das Phänomen des Populismus

Man sollte doch sagen dürfen“, meinte 2002 der holländische Politiker Pim Fortuyn, „man sollte doch sagen dürfen, dass es unter jungen Marokkanern sehr viele Kriminelle gibt, ohne sofort wegen Verhetzung einer Bevölkerungsgruppe angeklagt zu werden.“ Ganz ähnlich argumentierte im selben Jahr der Vorsitzender FPÖ, Jörg Haider, gegen das herrschende „Machtkartell“ aus SPÖ und ÖVP: „Wir machen den Bürgern Mut, ungeniert alle Fragen zu stellen, die sie bewegen.“ Und der FDP-Politiker Jürgen Möllemann versuchte seiner Kritik an der Außenpolitik der israelischen Regierung den Anschein des Besonderen zu geben, indem er hinzufügte, eigentlich dürfe man so etwas ja nicht sagen; damit laufe man doch gleich Gefahr, in die Ecke des Antisemitismus gestellt zu werden. Man sollte doch sagen dürfen ... Das ist der typische Gestus jener politischen Haltung, die man „Populismus“ nennt: Der Sprecher beansprucht, im Namen einer Position aufzutreten, die – wirklich oder bloß angeblich – vom „Establishment“ vernachlässigt und totgeschwiegen wird, in den Augen des „kleinen Mannes“ jedoch ihr Recht hat. > mehr 
 



Friedriche, Sebastiane und Demetriusse
"Falsche Könige" - eine Geschichte der politischen Hochstapelei

„Man wählt, um ein Schiff zu steuern, nicht denjenigen unter den Reisenden aus, der dem vornehmsten Geschlecht entstammt." Sehr plausibel, was der französische Schriftsteller Blaise Pascal da vor mehr als dreieinhalb Jahrhunderten formuliert hat. Viele, wahrscheinlich die meisten Gesellschaften seit dem alten Ägypten haben es anders gehalten. Politisches „Charisma“ wurde als eine Art Familienerbe angesehen. Dem Vater folgte der Sohn, meistens der erstgeborene, auf den Thron; manchmal kam auch eine Tochter zum Zug oder sonst ein Angehöriger. Einleuchtend, dass Familienwirren oder gar das Aussterben einer Dynastie immer wieder zu politischen Krisen führen mussten. Und ebenso, dass in solchen Situationen immer wieder „falsche“ Prinzen und Könige auftraten, Personen also, die von sich behaupteten, sie seien durch die aktuellen Inhaber der Macht um ihr Erbe, ihren Anspruch auf Krone und Thron, gebracht worden. Der Bonner Historiker Gerhard Menzel hat jetzt eine umfangreiche Studie zur Geschichte der politischen Hochstapelei vorgelegt. > mehr




Der schwierige Weg zum Steuerstaat
Aus der Geschichte der Staatsfinanzen in der Frühen Neuzeit

Die Entwicklung der Staatsfinanzen in Europa, haben die Historiker längst festgestellt, vor allem die Ausbildung eines Steuersystems war aufs engste mit den ständigen Kriegen verknüpft. Für das osmanische Reich des 16. und 17. Jahrhunderts kann der ungarische Historiker Pál Fodor sogar eine Zahl vorlegen: Etwa 90 bis 95 Prozent der Staatseinkünfte waren für militärische Zwecke bestimmt, selbst in den Friedenszeiten. Eine solche Relation können wir uns für die europäischen Staaten von heute selbst in unseren Alpträumen kaum vorstellen. Vor drei Jahren veranstalteten österreichische Historiker im Haus-, Hof- und Staatsarchiv in Wien eine Tagung zur Finanzgeschichte der Frühen Neuzeit – ein Thema, das noch wenige Jahre zuvor als reichlich akademisch gegolten hätte. Jetzt sind die Beiträge mit etwas Verspätung als Sammelband erschienen. > mehr





Alternative zu Handwerk, Ackerbau und Fischfang
Piraterie und ihre Bekämpfung - von Odysseus bis zur Operation "Atalanta"

"Noch nie bin ich so unentschieden gewesen; ein Augenblick, eine Kleinigkeit mag entscheiden." Goethe war sich, nachdem er im Februar 1787 Neapel erreicht hatte, unschlüssig: Sollte er nach Sizilien weiterreisen? Oder von Neapel gleich nach Rom zurück? Die Insel lockte ihn unwiderstehlich, sie galt als Ersatz für das damals noch viel schwerer erreichbare Griechenland. Aber es gab da ein Risiko: Regelmäßig wurden die Schiffe zwischen Neapel und Palermo von nordafrikanischen Piraten gekapert, Besatzung und Passagiere in die Sklaverei verschleppt. Ein Goethe in die Sklaverei verkauft ... Aus Anlass der EU-Operation "Atalanta" hat die Helmut-Schmidt-Hochschule der Bundeswehr in Hamburg eine Vorlesungsreihe zu Geschichte und Gegenwart der Piraterie abgehalten. > mehr
 
 



Als Mehrheit noch keine "Mehrheit" sein musste
Wahlen von der Antike bis zur frühen Neuzeit

„Mehrheit ist Mehrheit“, sagen Politiker gern, wenn sie sich in der Abstimmung knapp durchgesetzt haben. Und dem fügen sich dann in aller Regel auch die Unterlegenen, schimpfen allenfalls, dass die anderen zwar die Dümmeren, aber leider auch die „Mehreren“ seien. Aber der uns so selbstverständliche Grundsatz, dass aus der bloßen Mehrheit – und eben aus nichts anderem als aus der ordnungsgemäß festgestellten Mehrheit – Legitimität folgen soll, war vielen früheren Jahrhunderten unbekannt. Wissenschaftler eines Sonderforschungsbereichs an der Universität Münster haben sich mit Wahlverfahren in Antike, Mittelalter und früher Neuzeit befasst. > mehr




30 Silberlinge und die Legitimität der Ordnung
Das Phänomen Denunziation - von Judas bis zur Stasi

Ohne Google würde man den Urheber dieses Zitats wohl schwer enträtseln können: Wir leben "zur Zeit in einem Meer von Denunziation und menschlicher Gemeinheit", es ist "keine Seltenheit, dass jemand einen anderen denunziert und sich selber gleichzeitig als Nachfolger empfiehlt". Es war Adolf Hitler, der mit diesen Worten im Mai 1933 gegenüber Reichsjustizminister Franz Gürtner seinen Unmut äußerte – über eine Atmosphäre, die er doch selbst mitgeschaffen hatte. Offenbar ist der Abscheu vor Denunziation so tief in uns verwurzelt, dass auch Hitler sich dem nicht entziehen konnte. "Als die Nazis 1933 die Macht übernahmen", berichtet der polnische Philosoph und Literaturwissenschaftler Karol Sauerland in seiner Studie über das Phänomen Denunziation, "waren sie über den Umfang der Denunziationsbereitschaft in der deutschen Bevölkerung überrascht." > mehr
 
 


Die Lebenskraft der Erinnerungen
Fragen nach der erstaunlichen Kontinuität des Adels in der frühen Neuzeit

"Wenn es überhaupt möglich ist, einen typischen 'Charakterzug' des Adels in der heutigen Zeit zu nennen, so sind es vielleicht Traditionsbewusstsein und das Bewahren von Werten." Georg Friedrich Ferdinand Prinz von Preußen im Internetportal "Zeitenblicke" zum Thema "Adel heute". Die aktuelle Ausgabe des Portals befasst sich mit dem Überleben dieses "Standes" in der frühen Neuzeit, zwischen der ökonomischen Kraft des Bürgertums einerseits, dem Ausbau der absolutistischen Fürstenmacht andererseits. > mehr




Deutsche Treue - wel(s)che Tücke!
Über poltische Loyalität und militärische Gefolgschaft in der Moderne

„Ich habe eine Filmanzeige gesehen“, berichtet in Karl Kraus’ Drama „Die letzten Tage der Menschheit“, das im Ersten Weltkrieg spielt, der Nörgler, „mit dem packenden Titel: Deutsche Treue – welsche Tücke! ... Ein Dämon hatte im dritten Wort einen Buchstaben weggelassen.“ Ein Forscherkreis um die Historiker der Universität Tübingen hat sich der Frage gewidmet, welche Rolle die Berufung auf Treue in der neueren deutschen und europäischen Geschichte gespielt hat. > mehr





Die fußfälligen Könige
Das Ritual der Bitte in der politischen Kommunikation des Mittelalters

Am 14. Mai 1872 sprach Reichskanzler Bismarck, mitten im „Kulturkampf“ zwischen Preußen und der katholischen Kirche, vor dem Deutschen Reichstag einen Satz, der gleich in den Zitatenschatz einging: „Seien Sie außer Sorge, nach Canossa gehen wir nicht, weder körperlich noch geistig.“ Canossa - der Fußfall König Heinrichs IV. vor Papst Gregor VII. Ein Bild tiefster Erniedrigung: der König in Büßerhaltung, den Papst demütig um die Aufhebung der Exkommunikation bittend. Eine Historikerin an der Universität Münster hat die „Bitte“ als zentrales Element der politischen Kommunikation im Mittelalter einer ausführlichen Analyse unterzogen. > mehr




Die Neuzeit in den Kleidern des Mittelalters
Eine Münsteraner Historikerin über die öffentlichen Rituale des alten deutschen Reiches

„Der junge König schleppte sich in den ungeheuren Gewandstücken mit den Kleinodien Karls des Großen, wie in einer Verkleidung, einher, so dass er selbst sich des Lächelns nicht enthalten konnte.“ So Goethe in seinen Lebenserinnerungen über die Krönung Kaiser Josephs II. 1764. Des Kaisers alte Kleider - eine Münsteraner Historikerin hat sie als Metapher genommen für die gesamte Formen- oder Symbolsprache dieses alten Reiches, für die Art, wie die geistlichen und weltlichen Fürsten einschließlich des Kaisers mit ihresgleichen, aber auch mit den Vertretern der freien Reichsstädte, kommunzierten. > mehr





Im Angesicht der Sonne
Ästhetik und Politik am Hofe Ludwigs XIV.

„Herr seiner Bewegungen, seiner Blicke, seiner Mienen, undurchdringlich, unergründbar“: So formulierte der Moralphilosoph La Bruyère zur Zeit Ludwigs XIV. sein Ideal von einem Hofmann. In Wirklichkeit waren die adeligen Herrschaften am Hof von Versailles längst nicht derart "gepanzert", hat die Theaterwissenschaftlerin Doris Kolesch von der FU Berlin festgestellt. Der Hof des Sonnenkönigs war vielmehr ein "Theater der Emotionen". > mehr





Herrschaftssicherung durch Amüsement
Die "Société de plaisirs" am Hof des Sonnenkönigs

„Unsere Untertanen“, schrieb Ludwig XIV in seinen Memoiren, die der Unterweisung des Dauphins in der Regierungskunst dienen sollten, „haben es im allgemeinen gern, wenn wir dasselbe lieben wie sie. Dadurch haben wir Macht über ihren Geist und über ihr Herz.“ Der Sonnenkönig dachte vor allem an Ballettaufführungen, bei denen er in jungen Jahren gern selbst auf der Bühne mitgewirkt hatte, umgeben von ausgewählten Adligen. Und es gab eine umfangreiche Publizistik, die – von den Behörden gesteuert – den Glanz des Hoflebens bis in entfernte Gegenden des Königreiches trug. Ein Kunsthistoriker an der Universität Heidelberg hat die höfische Festkultur, durch die der Sonnenkönig seine Herrschaft „repräsentierte“, und ihre Aufbereitung für die Öffentlichkeit untersucht. > mehr




Hase, Igel und Kartoffelkäfer
Ein Berliner Historiker über Verschwörungstheorien

Wer stand hinter dem Terroranschlag vom 11. September? Natürlich die CIA, die neokonservative Clique in Washington, die israelische Regierung, so ist es in Dutzenden Traktätchen zu lesen. Verschwörungstheorien haben Konjunktur, selbst davon abgesehen, dass es manchmal wirkliche Verschwörungen gibt – zum Beispiel die Begründungen, die aus Washington nach 9/11 für den Irak-Krieg geliefert wurden. Ein Berliner Historiker entfaltet einen Bilderbogen der "Agenten des Bösen". > mehr




An den Grenzen der Alltäglichkeit
Charismatische Politiker - von John F. Kennedy bis Helmut Schmidt

Willy Brandt und John F. Kennedy und Papst Johannes Paul II. hatten es, auch Mahatma Gandhi und Martin Luther King, ebenso Evita Perón und Ayatollah Khomeini. Unter den heutigen Repräsentanten des Weltgeschehens haben es Barack Obama und Nelson Mandela und vermutlich immer noch Fidel Castro. Angela Merkel hat es eher nicht, Gerhard Schröder und Helmut Kohl wohl auch nicht, aber vielleicht Helmut Schmidt? Zu seinen Amtszeiten war davon keine Rede; heute, drei Jahrzehnte nach seinem Ausscheiden, ist es bei jedem seiner öffentlichen Auftritte zu spüren. Zwei Hamburger Forscherinnen haben das rätselhafte Phänomen des Charismas an mehreren Politikerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts beleuchtet. > mehr

 


Wissenschaftler an die Macht?
Das schwierige Geschäft der Politikberatung

Seit ein paar Jahren verfolgt die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften das Projekt, sich auf diesem Feld zu engagieren, am besten über eine neu einzurichtende „nationale“ Akademie der Wissenschaften. Die Redaktion der von der Akademie herausgegebenen Zeitschrift "Gegenworte" hat fast zwei Dutzend Beiträge zur Problemanalyse zusammengestellt. Das Themenspektrum reicht von den Ethikkommissionen über McKinsey bis zu einem berühmten Politikberater in der klassischen deutschen Literatur, dem Astrologen Seni in Schillers "Wallenstein". > mehr