Dossier
Der kleine Unterschied

 

Nicht nur Männer machen Geschichte
Ein halbes Jahrhundert Diskussion um "Frauen-" und "Geschlechtergeschichte"

Vor einigen Jahrzehnten brachten englische Feministinnen das Kunstwort "herstory“ aufs Tapet, um der herkömmlichen Form der Geschichtsschreibung eine andere, weiblich bestimmte Sicht entgegensetzen. "Frauengeschichte“ sagt man im Deutschen – Geschichte, getragen von Frauen, geschrieben von Frauen, geschrieben für Frauen. Wenige Jahre später bemühten sich männliche Forscher, eine – nicht mehr naive, sondern reflektierte – männliche Sicht daneben zu setzen. Inzwischen hat sich die wissenschaftstheoretische Diskussion auf diesem Feld der Geschichtsschreibung bereits wieder geändert; "Geschlechtergeschichte“ lautet das aktuelle, nicht mehr an eine bestimmte Gruppe gebundene Schlagwort. > mehr



Zwischen Friedenskampf und Floristikwirtschaft
Allerlei Muttertage und Vatertage, Männertage und Frauentage

In unserer modernen Zeit, sagen böse Zungen, hätten die Floristenverbände jene Funktion übernommen, die früher von den Kirchen ausgefüllt wurde: durch Feiertage das Jahr zu gliedern. Und es ist nicht ganz falsch, für den Blumenhandel gibt es erstens den Muttertag am 2. Sonntag im Mai, zweitens den Valentinstag am 14. Februar und drittens, viel weniger beachtlich, den Rest des Jahres. Beinahe könnte man auf den Gedanken verfallen, die Floristen hätten diese beiden Hochfeiertage neu erfunden; aber ganz so war es doch nicht. Valentin geht auf Bräuche in der englischen Aristokratie der frühen Neuzeit zurück; der Muttertag entsprang vor gut hundert Jahren einer zunächst ganz und gar privaten Initiative. Am 12. Mai 1907, dem Sonntag nach dem zweiten Todestag ihrer Mutter, veranstaltete die amerikanische Methodistin Anna Maria Jarvis ein „Memorial Mother’s Day Meeting“. Bald nach dieser Feier kam Anna Maria auf die Idee, einen „offiziellen“ Muttertag zu schaffen. > mehr



Auf dem Weg zu einer geschlechterlosen Gesellschaft?
Die langsame Auflösung alter Ordnungen im 19. und 20. Jahrhundert


Befinden wir uns auf dem Weg in eine „geschlechterlose Gesellschaft“? Nicht in dem Sinn, dass die biologisch vorgegebenen Unterschiede zwischen Männern und Frauen abgeschafft würden, wohl aber, dass die Bedeutung dieser Unterschiede in Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur zurückgeht? Auf lange Sicht vielleicht sogar bis nahe Null? Etwa die Fortschritte der „Reproduktionstechnik“ zeigen doch, dass zur Erzeugung von Nachwuchs der Geschlechtsverkehr nicht unbedingt mehr von Nöten ist, wie sich umgekehrt dank der „Pille“ die „Gefahr“, dass Geschlechtsverkehr zu Nachwuchs führt, minimieren lässt. Vor etwa zehn Jahren konzipierte die Wiener Historikerin Edith Saurer eine umfangreiche Studie zur Geschichte der traditionellen Geschlechterordnung im 19. und 20. Jahrhundert, sozusagen als Vorgeschichte zu ihrer Auflösung, die sich seit einigen Jahrzehnten abzuzeichnen scheint. > mehr



"Bub, lug net auf den Kirschbaum ..."
Eine Kulturgeschichte der Enthüllung des weiblichen Geschlechts

Wie traditionsverhaftet die großen Denker der Menschheit doch oft sind! Zum Beispiel Sigmund Freud mit seiner Theorie vom Penisneid. Zwischen dem dritten und dem fünften Lebensjahr, behauptete Freud, bemerkten die kleinen Mädchen, dass ihnen "da unten" etwas fehle. Daraus entwickele sich der Wunsch jedes Mädchens, diese Leerstelle zu kompensieren – durch ein Kind. Mit einer turbulenten Reise durch die Kulturgeschichte will eine Forscherin demonstrieren, dass von einer solchen "Leerstelle" keine Rede sein kann. Kunst und Mythologie liefern reichlich Beispiele, die keineswegs auf das Bewusstsein eines Mangels schließen lassen. > mehr




Supermann mit weiblicher Brust
Geschlechtergrenzen in der Antike

"Geschlechterdefinitionen und Geschlechtergrenzen in der Antike": Die Altertumswissenschaftler der Berliner Humboldt-Universität sind einem Problemkomplex zu Leibe gerückt, der trotz einiger Generationen humanistischer Bildung (oder vielleicht gerade deswegen) geheimnisumwittert und verwirrend geblieben ist. Zum Beispiel Priapus, der Gott der männlichen Potenz: Viele Statuetten zeigen ihn trotz seines riesigen Phallus in weiblicher Kleidung. > mehr
 
 



Wie eine Rose anzuschauen
Die Hetären im griechischen und römischen Altertum

Kann man sich so etwas vorstellen? Die Statue einer Frau, die ihr Geld mit der Liebe verdient hat, vor dem Buckingham Palace in London, gleich neben Queen Victoria? Oder auf dem Vorplatz von Notre-Dame in Paris? Soweit ist die sexuelle Revolution bislang noch nicht gegangen. Im alten Griechenland war so etwas problemlos möglich. Ein Althistoriker an der Universität Konstanz hat das Hetärenwesen der griechischen und römischen Welt unter die Lupe genommen. > mehr




Viele tausend "Blutsverwandte"
Heiratshindernisse im Mittelalter - eine Gesellschaft unter Kontrolle

Ob die Menschen im Mittelalter schon Geburtstagskarten versandt haben? Wenn sie alle ihre Verwandten damit bedenken mussten, dann hatten sie jedenfalls viel zu tun: "Verwandtschaft" - und zwar Blutsverwandtschaft! - wurde zeitweise bis zum 7. Grad hin definiert, und zwar einschließlich Tauf- und Firmpaten ... Wir berichten von einem Forschungsprojekt der FU Berlin. > mehr




Die Gefahren der Bildung und des Geschlechts
Männer, Frauen und Priester im Umbruch vom späten Mittelalter zur frühen Neuzeit

Frauen seien intellektuell minder bemittelt als Männer, man könne sie deshalb für ihre Handlungen schwer zur Verantwortung ziehen – das war im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit, eine weit verbreitete anthropologische Annahme. Eine internationale Forschergruppe um die Historiker der Universität Basel hat die "Geschlechtergeschichte" an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit neu beleuchtet, genauer: die Stellung der Frau im Umfeld jenes welthistorischen Umbruchs, den wir als Reformation und Gegenreformation bezeichnen. > mehr




"Eine Frau, bei der jeder Mangel verzeihlich ist ..."
Die "Querelle des femmes" im alten Spanien


"Ein Mann muss eure Herzen leiten, denn ohne ihn pflegt jedes Weib aus seinem Wirkungskreis zu schreiten". Mozart, "Zauberflöte"; in der Opernpause streitet das Publikum dann gern, ob der Komponist darin womöglich eine beherzigenswerte "Weisheit" gesehen hat. Eine Forschergruppe an der Universität Wien hat die Beschwerde der Frauen über die männliche Vorherrschaft und die Argumentation von Männern, warum diese Vorherrschaft nötig wäre, am Beispiel des alten Spanien unter die Lupe genommen. > mehr




"Bewahret euch vor Weibertücken ..."
Mozarts Opern-Libretti - eine Neuerscheinung zu 200 Jahren Rezeptionsgeschichte

Ein Weib tut wenig, plaudert viel. Du, Jüngling, glaubst dem Zungenspiel?", "Bewahret euch vor Weibertücken, dies ist des Bundes erste Pflicht", "Ein Mann muss eure Herzen leiten, denn ohne ihn pflegt jedes Weib aus seinem Wirkungskreis zu schreiten." Die scheinbar (oder auch wirklich) frauenfeindlichen Sprüche in Mozarts "Zauberflöte" sind ein beliebtes Gesprächsthema in der Theaterpause – und ein Ärgernis. Wir rezensieren die Arbeit einer Theaterwissenschaftlerin, die sich der Rezeption des Frauenbildes in Mozarts Opern angenommen hat. > mehr





Leben in einem schwarzen Loch
Intersexualität - Menschen zwischen den Geschlechtern

"Nach dem heutigen Stand der Wissenschaft", behauptet ein Kommentar zum Personenstandsrecht, "darf angenommen werden, dass es weder geschlechtslose noch beide Geschlechter in sich vereinigende Menschen gibt, dass jeder sog. Zwitter entweder ein geschlechtlich missgebildeter Mann oder ein geschlechtlich missgebildetes Weib ist." Eine Münchner Ethnologin hat sich mit der Lebenswelt der "intersexuellen" befasst, die es angeblich gar nicht gibt. > mehr




"Jahrtausende altes Unrecht übt man mit ungestörtem Rechtsbewusstsein"
Die bürgerliche Frauenbewegung und das BGB

Männer und Frauen sind gleichberechtigt", bestimmt Art. 3 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland. Es dauerte fast zehn Jahre, bis das Ehe- und Familienrecht des Bürgerlichen Gesetzbuches entsprechend umgearbeitet waren. Eine Rechtshistorikerin der Universität Hamburg hat die Diskussionen nachgezeichnet, die im 19. jahrhundert im Umkreis der bürgerlichen Frauenbewegung der Entstehung dieses BGB vorangegangen sind - ein Kampf um gleiches Recht für Frau und Mann, der erst zwei Generationen später zum Erfolg führte. > mehr




Merinoschaf mit Teufelsrippe
Über die Frauen - aus dem Sprichwortschatz aller Zeiten und Völker

"So wie ihre Brüste hängen, so hängt auch ihr Verstand", sagt man in Äthiopien, "wenn die Kuh ehrbar wäre, hätte der Stier keine Hörner", in Argentinien, "eine Frau ist wie ein Merinoschaf, sie wird nach ihrem Hintern beurteilt", in Ruanda. Und die Chinesen behaupten: "Prügeln ergibt tugendhafte Frauen." Was Sprichwörter über Frauen aussagen, ist im Lichte heutiger politischer Kultur offenbar ganz und gar inkorrekt. Eine niederländische Literaturwissenschaftlerin hat den überlieferten Sprichwortschatz unter die Lupe genommen. > mehr