Dossier:
Karneval und Askese

 

Nun schweigt eine Weile und redet nicht viel ...
Das Fastnachtsspiel - ein Blick auf die deutsche Volkskultur des 15. und 16. Jahrhunderts

Fastnacht in einer deutschen Stadt, vielleicht in Nürnberg, irgendwann um 1500. In einer Kneipe wird ausgelassen gefeiert. Da öffnet sich plötzlich die Tür, ein paar junge Leute stürmen in die Stube; einer von ihnen begrüßt den Wirt und die Gäste, etwa so: "Nun schweigt eine Weile und redet nicht viel und hört, was ich euch sagen will! Hier werdet ihr hören ein Fastnachtsspiel." Und schon geht es los. Eine Viertel-, vielleicht auch eine halbe Stunde lang wird eine lustige Geschichte aufgeführt ... > mehr 


Karneval, Kurtisanen, Keuschheitsgürtel
Venedig als Zentrum der europäischen Gesellschaft im 18. Jahrhundert 

18. Jahrhundert. Politisch war Venedigs große Zeit vorbei. Die Republik des heiligen Markus hatte ihre letzten Besitzungen im Orient an die Türken verloren. Und auch wirtschaftlich war die Stadt ins Abseits geraten. Die großen Handelswege führten nicht mehr durchs Mittelmeer, sondern über die Weltmeere. Aber "Venedig ist der Ort in der Welt, wo die Vergnügungen am raffiniertesten sind", vermerkte 1686 ein Engländer. Kurzum: die Stadt galt als Kompensation für den "puritanischen" Lebensstil, der sich im protestantischen wie auch im katholischen Europa ausgebreitet hatte. > mehr 


Eine Lizenz zu Narrheit und Ausschweifung
Der Karneval im Streit der Weltanschauungen

"Trinken, lärmen, scherzen und Würfel spielen, Festkönige wählen, die Sklaven bewirten, nackt singen und mit Ruß bestrichen in einen kalten Brunnen getaucht werden“: So beschrieb der griechische Satiriker Lukian im 2. Jahrhundert nach Christus seine Erlebnisse in Rom beim Fest zu Ehren des Gottes Saturn. Eine durchaus realistische Schilderung. Die Festleiter, bestätigt Lukians römischer Kollege Martial, forderten die Teilnehmer dazu auf, dem Wein kräftig zuzusprechen und nackt ein Lied anzustimmen oder leicht bekleidete Flötenspielerinnen durchs Haus zu tragen und anschließend in einen Wasserbottich zu werfen.  > mehr


Esel in der Kirche, Narrenspiele am Altar
Ein Blick in den mittelalterlichen Festkalender

1. Januar, das Fest der Beschneidung Christi ... Im Mittelalter war zu unserem Jahreswechsel aber noch ein anderes Fest üblich. Oder, der Termin schwankte von Ort zu Ort und von Region zu Region, gleich in den ersten Tagen nach Weihnachten oder auch erst am 6. Januar. Die Geistlichen setzten sich zum Gottesdienst Masken auf, tanzten als Frauen oder Musikanten oder Tiere verkleidet im Chorgestühl herum, spielten im Kirchenschiff Ball und auf dem Altar mit Würfeln und Karten; man sang unzüchtige Lieder und verspeiste Würste, anstelle von Weihrauch wurden Exkremente und Schuhsohlen verbrannt. Statt des Priesters amtierte ein "Narrenbischof" oder "Narrenpapst", der aus dem Kreis der Nachwuchskleriker erwählt worden war. Die anderen, heißt es in einem Bericht, "erwiesen ihm, so gut sie konnten, die Anerkennungen und Ehrerbietungen, die ein wirklicher Bischof verdient". > mehr


Immer wieder und immer neu
Die Kunst des Begehrens - Askese, Pornographie, Dekadenz

Leser, die in Marquis de Sades dickleibigem Roman über die "Leiden der Tugend" und die "Wonnen des Lasters" bis in den siebten Band vorgedrungen sind, werden sich vielleicht erinnern. Zwischen all den Orgien finden die Heldinnen Juliette und Clairwil Zeit, in der Bibliothek eines Karmelitermönchs zu stöbern. Der Erzähler nutzt die Gelegenheit zu einem kritischen Blick auf die pornographische Literatur seiner Zeit. "Miserables Geschreibsel" lautet das Verdikt, Gnade findet lediglich ein Buch mit dem Titel "Thérèse philosophe", erschienen 1748, ein halbes Jahrhundert vor den "Leiden der Tugend", "ein reizendes Buch vom Marquis d’Argens ... der einzige, der, wenn auch in primitiver Form, eine Idee gab von einem unsittlichen Buch".> mehr


Schöne Seele und muskulöser Schreibstil
Forschungen zur Kulturgeschichte der Askese

"Bekenntnisse einer schönen Seele": Wahrscheinlich hat schon diese Überschrift dazu beigetragen, dass viele Leser von Goethes "Lehrjahren" das sechste Buch überschlagen haben. "Schöne Seele" klingt reichlich konservativ, auch wenn heutzutage kaum noch jemandem geläufig sein wird, dass der Ausdruck auf die mittelalterliche Mystik zurückgeht und am Ende auf neuplatonische Gedanken zurückgeht: Die Seele muss schön geworden sein, wenn sie das Schöne schauen und verwirklichen soll. Die Stiftsdame, die mit Goethes Mutter eng befreundet war, versuchte dieses Ideal im Sinne christlicher Askese zu leben. Goethe überarbeitete ihren Text und fügte ihn seinem Roman ein. > mehr


Einsam in der Wüste, versucht von Dämonen
Vor 1650 Jahren starb der "Vater der Mönche"

Hat es ihn überhaupt gegeben? Als ein paar Jahre nach seinem Tod der Bischof Athanasius ein Buch über "Leben und Wirken" schrieb, war der ägyptische Einsiedler längst zur Legende geworden, Dichtung und Wahrheit waren kaum noch zu unterscheiden. Der Bischof hatte auch gar nicht die Absicht zu unterscheiden. Er schrieb nicht als Historiker, sondern wollte dem "heiligen Vater Antonius" Nachfolger heranziehen. Die Geschichte von dem vitalen jungen Mann, der sich vor allen weltlichen Versuchungen in die Wüste zurückzieht und in langen Jahrzehnten zu immer größerer Vollkommenheit gelangt, war bereits bei Athanasius eine Geschichte der Wunder > mehr


In Narrenkleid und Schellenbehang
Weise Narren und rechte Toren - von Äsop bis Woody Allen

"Nirgendwo ist ein Professioneller besser versteckt als unter Amateuren", heißt es in Heinrich Bölls "Ansichten eines Clowns". Zum Beispiel ein Künstler-Clown im närrischen Karnevalstreiben. Am Ende des Romans, den Böll 1963 veröffentlichte, sitzt der "Held", gescheiterter Widerpart einer nivellierten Welt, auf den Stufen des Kölner Hauptbahnhofs und hofft, dass ihm Mitleidige unter den Feiernden Münzen in seinen Hut werfen. > mehr


Wenn's Elf schlägt
Rund um eine Schnapszahl

Jetzt jeht et loss, jetzt jeht et loss ... Nicht nur Karnevalsjecken wissen, dass sich dieses "Jetzt" präzise datieren lässt: Am 11. 11., Punkt 11 Uhr 11 "jeht et loss". Und natürlich ist der Tag mit der doppelten Schnapszahl auch sonst heiß begehrt, vor allem für Trauungen, weltliche oder kirchliche. In diesem Jahr wird der Andrang besonders groß sein: Die Schnapszahl kommt gleich dreimal vor, dieses Datum wird man nie mehr vergessen. > mehr