Dossier
Die Welt der Rituale

 

"Wenn's der Wahrheitsfindung dient"
Rituale zwischen Symbol und "nur Symbol"

Königskrönungen und Papstbegräbnisse, Soldatengelöbnisse und Eheschließungen, Einschulungen und Grundsteinlegungen – das sind Vorgänge aus ganz unterschiedlichen Lebenszusammenhängen. Und doch haben sie alle etwas gemeinsam: Es sind „Rituale“, Handlungsabläufe, die durch Tradition vorgegeben sind und es den beteiligten Individuen schwer machen, sich ihnen zu entziehen. Ein Heidelberger Germanist hat jetzt eine Einführung in den jungen Forschungszweig „Ritualwissenschaft“ vorgelegt. > mehr




Wenn Kugelschreiber zu Reliquien werden
Die Suche nach dem Außerordentlichen in der modernen Eventkultur


Das Publikum jubelt und schreit frenetisch, manche brechen in Tränen aus oder fallen in Ohnmacht, nicht nur Blumen fliegen auf die Bühne, auch Unterwäsche und Kuscheltiere. Jemandem, der nicht selbst Fan eines Stars ist, werden solche Vorkommnisse auf einem Popkonzert wohl auf ewig ein Rätsel bleiben. „Charismatiker“ nannte vor hundert Jahren der Soziologe Max Weber Figuren, die andere Menschen auf solche rational schwer nachvollziehbare Weise beeinflussen können; er dachte in der Hauptsache an Politiker und Religionsführer, die große Zeit der Massenmedien war noch nicht gekommen. Die Kultursoziologin Veronika Zink von der Justus-Liebig-Universität Gießen ist das Phänomen nun von der anderen Seite her angegangen, nicht von den Charismatikern selbst, sondern vom „Publikum“ her, das sich ihnen als „Fans“ anschließt. > mehr




"Die Asche wird zerstreut irgendwo"
Der Ursprung der modernen Trauer- und Begräbnisriten

Zum Begräbnis immer dieselben Kirchenchoräle, mit Orgelbegleitung, und wenn’s ganz „individuell“ sein soll, dann vielleicht das „Ave Maria“ von Bach/Gounod? Die Zeiten scheinen vorbei zu sein. Vor zwei Jahren veröffentlichte die Hamburger „Gesellschaft für Bestattungen und Vorsorge“ eine Liste der beliebtesten Trauerhits. Auf Platz 1 landete „Time to Say Goodbye“ von Sarah Brightman, auf 2 „Geboren um zu leben“ von der Band Unheilig. Auch „My way“ von Frank Sinatra und „Highway to Hell“ von AC/DC schafften es unter die Top Ten.Eine Individualisierung der Bestattungsriten, wenn man so will, oder genauer: mehr Auswahlmöglichkeiten unter den kulturell vorgeprägten Mustern. Jedenfalls ein unüberhörbares Anzeichen, dass sich in der Bestattungskultur in den letzten zwei oder drei Jahrzehnten einiges geändert hat. Rainer Sörries, Kunsthistoriker an der Universität Erlangen und Direktor des Museums für Sepulkral- (oder Begräbnis-)kultur in Kassel, und die Kulturwissenschaftlerin Barbara Happe von der Universität Jena sind der Entwicklung der Trauer- und Beisetzungsriten jetzt in zwei Neuveröffentlichungen nachgegangen. > mehr





"Lehret, wie ihr es vor Gott verantworten wollt!"
Zweitausend Jahre Kontroversen um das christliche

Ob Martin Luther und Ulrich Zwingli mit dem Schiedsspruch, den ihre Nachfolger fast ein halbes Jahrtausend nach ihrem großen Disput aushandelten, so ganz einverstanden sein könnten? 1529 hatte Landgraf Philipp von Hessen die beiden in Marburg an einen Tisch gebracht; er wollte die verschiedenen Strömungen der Reformation politisch vereinigen, um einem möglichen Angriff von katholischer oder kaiserlicher Seite eher widerstehen zu können. Luther und Zwingli redeten sich die Köpfe heiß; aber in der Lehre vom zentralen Sakrament des Christentums, vom Abendmahl, fanden sie nicht zueinander. „Lehret, wie ihr es vor Gott verantworten wollt“, soll Luther so höflich wie schroff gesagt haben. Ein Münsteraner Neutestamentler hat einen Abriss über die Geschichte der Kontroversen um das zentrale Sakrament des Christentums herausgebracht.  > mehr




"Nur keine 08/15-Hochzeit!"
Die Praxis professioneller Hochzeitsplanung

„Sie dürfen die Braut jetzt küssen!“ Ein Satz, der in Film oder Fernsehen selten fehlt, wenn eine Hochzeit zelebriert wird. Soll ein Ritual gelingen, schreibt die Sozial- und Kulturanthropologin Hilde Schäffler in ihrer jetzt erschienenen Arbeit über das Hochzeitsritual, gilt es vor allem, Situationen von Handlungsunsicherheit, also Zufälle oder Stockungen, zu vermeiden. Und da helfen solche Versatzstücke wie die Lizenz zum Küssen, obwohl sie – isoliert betrachtet – ziemlich sinnlos erscheinen. Schließlich ist nicht zu vermuten, dass es der erste Kuss sein wird. Ist es ein Zeichen der Unsicherheit vieler Menschen heute im Umgang mit überkommenen Ritualen, dass da ein ganz neuer Dienstleistungszweig aufgekommen ist, die „professionelle Hochzeitsplanung“? Schäffler hat die Arbeit dieser Agenturen unter die Lupe genommen. In den USA ist der erste „Bridal Service“ bereits 1951 belegt; in Mitteleuropa kamen solche Unternehmen um 1990 auf. Auftrieb gab dem Metier der weltweite Erfolg des Films „Wedding Planner“ mit Jennifer Lopez und Matthew McConaughey 2001. > mehr




Vom Menschenopfer zum unblutigen Symbol
Die Geburts- und Pubertätsriten der Religionen und Kulturen

Bei den Herero-Rinderhirten im südlichen Afrika war es früher üblich, die Kinder etwa einen Monat nach der Geburt zu einer Höhle zu bringen. Am Eingang wurde die Stirn des Kindes mit der eines männlichen Kalbes in Berührung gebracht; man gab ihm zwei Namen, einen für den Alltagsgebrauch und einen sakralen. Dann wurde das Kind in die Höhle hineingehalten und den Ahnen formell als einer ihrer Nachfolger vorgestellt. Ein Brauch, wie er ähnlich bei vielen Völkern und in vielen Religionen und Kulturen praktiziert wird, bis heute. Im Judentum werden die Kinder acht Tage nach ihrer Geburt beschnitten, zum Zeichen des Bundes zwischen Jahwe und seinem auserwählten Volk Israel; dabei erhält das Neugeborene auch seinen Namen. Im Christentum ist die Taufe an die Stelle der Beschneidung getreten. > mehr
 
 


Eine religiös gerechtfertigte Körperverletzung?
Hintergründe des Kölner Urteils zur Beschneidung

Der Vorgang hat sich im historischen Gedächtnis des Judentums als ein paradigmatischer Fall von Judenverfolgung eingebrannt. "Die Beschneidung verbot er", berichten die Makkabäerbücher von dem syrischen König Antiochos IV. Epiphanes im 2. Jahrhundert vor Christus. "Er gebot, die Leute an alle Unreinheiten und heidnischen Bräuche zu gewöhnen ... Die Frauen, die ihre Söhne hatten beschneiden lassen, wurden getötet ... Man tötete auch jene, die sie beschnitten hatten." Da kann man sich leicht ausmalen, welche Diskussionen in Deutschland bevorstehen, wenn sich jene Auffassung durchsetzen sollte, die das Kölner Landgericht in einem am Dienstag veröffentlichten Urteil (Az. 151 Ns169/11) jetzt vertreten hat: Die Beschneidung von Knaben aus religiösen Gründen sei strafbar. > mehr



"Wir wissen es nicht, aber es muss sein"
Über Mythen und Rituale des Blutes

"Dicht am Schafott hatten sich einige an epileptischen Krämpfen Leidende aufgestellt, die den Gehilfen Glasgefäße übergeben hatten. In diesen Gefäßen fingen die Gehilfen das hervorsprudelnde Blut auf und reichten es den Epileptikern, die es sofort tranken." 1858, mitten im aufgeklärten 19. Jahrhundert, bei der Hinrichtung einer Kindsmörderin in Göttingen. Berliner Kulturwissenschaftler und Anthropologen sind den Ritualen und Mythen um das Blut nachgegangen, von der Beschneidung in Judentum und Islam bis zum "Sakrileg"-Film. > mehr




"Als man das Kind beschneiden musste ..."
Ein halb verdrängtes Fest und ein umstrittener Brauch

Was eigentlich wird am 1. Januar gefeiert? Mit dieser Frage hat sich der abendländische Festkalender schwer getan, schon die Kirchenväter übten heftige Kritik an ausgelassenen Liedern und Vergnügungen zum Jahreswechsel. Ein Blick in die Bibel gibt eine eindeutige Antwort auf die Frage nach dem festlichen Anlass: "Als acht Tage um waren und man das Kind beschneiden musste ..." Aus Anlass des Neujahrstages ein Blick in die Geschichte der Beschneidung, sowohl bei Knaben als auch bei Mädchen. > mehr




Der Tod und die Hoffnung auf Unsterblichkeit
Die Begräbnisriten der Kulturen und Religionen

Letztes Jahr ging eine Meldung durch die Weltpresse, in einem Kryonikzentrum in Arizona hätten sich bislang etwa 70 Menschen nach ihrem Tod einfrieren lassen, in der Hoffnung, irgendwann in hundert oder zweihundert Jahren könnten medizinische Verfahren entwickelt sein, heute noch unheilbare Krankheiten zu behandeln. Auch eine Art, mit der Sterblichkeit des Menschen umzugehen, sie – einer Jahrtausende alten Hoffnung folgend – zu besiegen. Zum November eine Rundreise durch die Begräbnisriten der Kulturen und Religionen. > mehr




Trauer ohne Riten, Riten ohne Trauer
Trauerrituale im Kulturvergleich > mehr

In manchen deutschen Städten werden die Hälfte bis zwei Drittel aller Toten anonym bestattet. Kein Grabstein erinnert an die Toten, immer beliebter wird es, die Asche in Wald oder Meer zu verstreuen. Andererseits werden Särge von Laienhand bunt bemalt, die Hinterbliebenen lassen Luftballons steigen, man spielt die Lieblingsmusik des Toten. Kulturhistoriker haben sich mit "Trauerritualen im Kulturvergleich" befasst. > mehr




Auf den Türmen des ewigen Schweigens
60.000 Jahre Sterbe-, Trauer- und Bestattungsriten

Andere Länder oder Völker, andere Sitten, das macht sich gerade im Zeitalter der Globalisierung bemerkbar. Wenn für einen glöubigen Muslim die Sterbestunde gekommen ist, drängen sich oft die Angehörigen in großer Zahl ans Krankenbett. Eine Zudringlichkeit, möchte das Krankenhauspersonal dann meinen; aber eine solche Versammlung gehört islamischer Tradition zufolge zu einem „guten“ Sterben dazu. Eine Forschergruppe der Universität Marburg hat sich zu einer Tour d'horizon durch die Riten der Religionen und Kulturen zusammengefunden. > mehr