Auguste Comte, Wissenschaftler und Hoherpriester
Vor 150 Jahren starb der Vater der modernen Soziologie

"Ich studiere jetzt nebenbei Comte, weil die Engländer und Franzosen so viel Lärm um den Kerl machen." Vor 150 Jahren, am 5. September 1857, verstarb Auguste Comte, über den sich Karl Marx so heftig errregte. Im Rückblick erscheint Comtes "Scheißpositivismus" (Originalton Marx") als eigentümlicher Zwitter zwischen Wissenschaft und Metaphysik. Aber Comte war der erste Denker, der die moderne Industriegesellschaft als eigenständiges Phänomen, losgelöst von den Traditionen der Staatsphilosophie wie der Nationalökonomie, zu fassen versuchte. > mehr



Kein Gedeck beim großen Gastmahl der Natur
Vor 250 Jahren wurde der Nationalökonom Thomas Malthus geboren


Ob Thomas Malthus, wenn er seinen Essay zur Bevölkerungstheorie heute herausbringen würde, ähnliches Aufsehen hervorrufen könnte, wie damals, zu Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts? Malthus, der am 13. Februar 1766, vor 250 Jahren, in der englischen Grafschaft Surrey geboren worden war, übte in der anglikanischen Kirche das Amt eines Pfarrers aus. Seine Beschäftigung mit Geschichte und Volkswirtschaft entsprang zunächst persönlicher Neugier. Aber das, was er dann 1798 in seinem „Essay on the Principle of Population“ niederschrieb, lief den Grundsätzen christlicher Moral und Nächstenliebe stracks zuwider: „Ein Mensch, der in einer schon okkupierten Welt geboren wird, wenn seine Familie nicht die Mittel hat, ihn zu ernähren oder wenn die Gesellschaft seine Arbeit nicht nötig hat, dieser Mensch hat nicht das mindeste Recht, irgendeinen Teil von Nahrung zu verlangen.“ Das Büchlein brachte seinem Verfasser den Lehrstuhl für politische Ökonomie am Haileybury College der East India Company in Hertford ein, den weltweit ersten Lehrstuhl dieses Faches überhaupt. Nach dem Vorbild der Physik, der Astronomie und der Chemie schickte sich die Volkswirtschaftslehre gerade an, eine exakte, mathematisch arbeitende Wissenschaft zu werden. Die Zeitgenossen waren fasziniert von der Unerbittlichkeit, mit der Malthus seine Analyse durchführte, von der Offenheit, mit der er sich seinen Ergebnissen stellte – unabhängig davon, ob sie unter moralischen Gesichtspunkten als wünschenswert erscheinen konnten oder nicht. > mehr



"Soziales Handeln deutend verstehen"
Vor 150 Jahren wurde der Soziologe Max Weber geboren


Als Max Weber 1920 plötzlich und unvermutet im Alter von sechsundfünfzig Jahren starb, wusste die akademische Öffentlichkeit kaum etwas von seinem Werk. Spezialisten für das Mittelalter kannten natürlich seine Promotionsschrift über die "Handelsgesellschaften", Spezialisten für das Altertum die Habilitationsschrift über die "Römische Agrargeschichte" und die Studie zu den "Sozialen Ursachen des Untergangs der antiken Kultur". Wirtschafts- und sozialpolitisch engagierte Kreise wussten seine "Enqueten zu den Land- und Industriearbeitern" zu schätzen, ökonomisch interessierte seine Broschüre über die Börse. Und dann waren da noch zwei religionssoziologische Aufsätze von 1904/05, überschrieben "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus". Sie hatten zunächst viel Unverständnis hervorgerufen. Kirchlich gebundene Leser hatten ihre Schwierigkeiten mit der Vorstellung, ihr christlicher Glaube könnte etwas mit der modernen Wirtschaft zu tun haben; manche Kritiker aus dem Umkreis des Sozialismus wiederum nahmen Anstoß an Webers Blickrichtung, genauer: an der Voraussetzung, Ideen und Weltbilder könnten, nicht anders als die sozialen Umstände, auf das Leben der Menschen Einfluss nehmen und womöglich gesellschaftlichen Wandel bedingen. > mehr



Hausfrauen, Priester, Funktionäre und Eunuchen
Über "gierige Institutionen" und "totales Engagement"


Was haben der Zölibat und die sexuelle Promiskuität gemeinsam? Gar nichts, möchte man zunächst antworten. Aber der 2003 verstorbene deutsch-amerikanische Soziologe Lewis A. Coser ist in einem Aufsatz über Sekten und Sektierer aus dem Jahr 1954 zu einem anderen Ergebnis gekommen: Beide Einrichtungen hatten (oder haben) oft dieselbe soziale Funktion. Wenn eheliche Bindungen entfallen, dann können auch die permanenten Verpflichtungen gegenüber der Außenwelt auf ein Minimum reduziert werden. Cosers Aufsätze aus den 1950er bis 1970er Jahren über „gierige Institutionen“ und „totales Engagement“ sind jetzt, mit einiger Verspätung, auf Deutsch erschienen. > mehr




Ein Spiel mit dem Feuer
Das Pariser "College des Sociologie" am Vorabend des Zweiten Weltkriegs

„Die Leute wollte ich kennen lernen, die das geschrieben hatten“, berichtete der Literaturwissenschaftler Hans Mayer 1988 in seiner Autobiographie „Ein Deutscher auf Widerruf“ über seine Zeit im französischen Exil ein halbes Jahrhundert zuvor. „Die“ – das waren Georges Bataille, Roger Caillois und Michel Leiris; durch einen Artikel in der „Nouvelle revue francaise“ war Mayer auf die drei Soziologen aufmerksam geworden, die 1937 in Paris das „Collège de Sociologie“ gegründet hatten. Das Collège arbeitete nur zwei Studienjahre lang; im Herbst 1939, nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, wurde es nicht wiederaufgenommen. Trotz dieser kurzen Zeit – „nur wenige intellektuelle Gruppierungen des 20. Jahrhunderts haben international eine vergleichbare Wirkung entfaltet“, schreiben die Berliner Romanistin Irene Albers und der Grazer Soziologe Stephan Möbius; in Deutschland wäre zum Vergleich die „Frankfurter Schule“ um Max Horkheimer und Theodor W. Adorno zu nennen. > mehr

 

Soziales durch Soziales erklären
Zum 150. Geburtstag des Soziologen Emile Durkheim

Es gibt Bücher, die in der Geistesgeschichte eine ähnliche Funktion einnehmen, wie es in der politischen Geschichte die amerikanische Unabhängigkeitserklärung tut. Emile Durkheims "Règles de la méthode sociologique“ 1895 sind so etwas wie die Gründungsurkunde der modernen Soziologie. Durkheim machte wissenschaftlich Ernst mit der jungen Disziplin, er wurde ihr erster Klassiker. Vor 150 Jahren, am 15. April 1858, wurde Durkheim in Lothringen geboren. > mehr




Ein Detektiv der Mythen und der Regeln
Vor 100 Jahren wurde der französiche Ethnologe Claude Lévi-Strauss geboren

Ausgerüstet mit einem Grammophon reist ein Europäer auf eine Insel im tropischen Amerika. Der dortigen Bevölkerung spielt er eine Schallplatte vor, auf der er sich in einer langen Rede als neuer Gott vorstellt ... Claude Lévi-Strauss hat diesen Roman, dessen Idee er gelegentlich einmal in einem Interview skizzierte, niemals geschrieben. Statt dessen wurde er mit senen Theorien über Mythen und Verwandtschaftssysteme zum bedeutendsten Ethnologen seiner Generation. Am 28. November feiert Lévi-Strauss seinen 100. Geburtstag. > mehr