Dossier
Bild- und Kunsttheorie

 

Wider den visuellen Analphebetismus
Der Kulturhistoriker Peter Burke über Bilder als historische Quellen

Bilder als historische Quellen, als "Augenzeugen“, sozusagen – Peter Burke, Kulturhistoriker am Emmanuel College in Cambridge, hat als Summe langjähriger Arbeit in der Geschichtswissenschaft eine ausführliche Reflexion dieses Themas vorgelegt. Unvermeidlich haben es Historiker außer mit schriftlichen und mündlichen Texten eben auch mit Bildern zu tun, bewegten wie unbewegten. Aber, stellt Burke fest, "will man Bilder zuverlässig und effizient als Beweismittel benutzen, muss man sich – wie bei anderen Quellen auch – ihrer Schwächen bewusst sein“. > mehr



Purpur, Ultramarinblau und Co.
Aus der Kulturgeschichte der Farben


Als Mitte des 18. Jahrhunderts das vom Vesuv verschüttete Pompeji ausgegraben wurde, war die Öffentlichkeit von der Dekoration der Wandflächen entzückt. Vor allem die rote Ockerfarbe faszinierte – in Europa wie in Nordamerika wetteiferte alle Welt darum, die Esszimmer in „Pompejanisch Rot“ zu gestalten, ganz in dem Ambiente, wie einst die alten Römer getafelt hatten. Leider fanden die Technikhistoriker heraus, dass roter Ocker ursprünglich gar nicht rot gewesen sein muss; er kann entstanden sein, indem gelber Ocker durch extreme Hitze dehydriert wurde – etwa durch den Vulkanausbruch im Jahr 79 n. Chr. Viele Forscher, berichtet die britische Journalistin Victoria Finlay in ihrem neuen Buch über Farben, vermuten heute, dass ein Großteil der Fresken in Pompeji gar nicht rot gehalten war, sondern gelb. > mehr



"Eine andere Art des Denkens"
Rückblick auf den "Iconic Turn" seit den 1990er Jahren


„Im Anfang war das Wort“, übersetzte Martin Luther den Beginn des Johannesevangeliums. Eine Wiedergabe, mit der sich Goethes Faust nicht zufrieden geben wollte. Seinem unruhigen Geist genügte das Wort nicht, er schrieb den Bibeltext kurzerhand um: „Im Anfang war die Tat!“ Das war, so setzt Goethes Dichtung es voraus, im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit. Spätestens seit dem Siegeszug des Fernsehens in den 1950er Jahren drängt sich der Eindruck auf, dass wir wiederum Zeitgenossen eines Paradigmenwechsels sind: Statt der Worte bestimmen immer mehr Bilder, auch bewegte Bilder, unsere Welt. Dabei dachte der Basler Kunsthistoriker Gottfried Boehm gar nicht so sehr an diese Umwälzung in unserem Alltag, als er in den 1990er Jahren das Wort vom „Iconic turn“, von der „Wendung zum Bild“, prägte. Sein Ausgangspunkt waren sprachphilosophische Reflexionen, wie sie seit dem 19. Jahrhundert die alten metaphysischen Systeme mehr und mehr unterminiert haben. > mehr



"Wie ein Pfeil, um mich zu durchbohren"
Zweieinhalb Jahrtausende Theorie des Bildes


Wenn die Griechen im 5. Jahrhundert v. Chr. bereits 3D-Simulationen gekannt hätten … Der Maler Zeuxis, erzählt die Anekdote, soll auf einem Wandbild Weintrauben so täuschend echt gemalt haben, dass die Vögel herbeiflogen und sie anpicken wollten. Sein Kollege Parrhasios behauptete, so etwas könne er besser, er könne ihm da ein Gemälde mit Früchten zeigen ... Als Zeuxis den Schleier vor dem Bild beiseite schieben wollte, musste er feststellen: Der Schleier war gemalt. Möglichst perfekte Nachahmung der real existierenden Außenwelt, bis hin zur vollkommenen Illusion – eine der Aufgaben, die der bildenden Kunst seit jeher zugemutet und zugetraut werden. Schon bei Zeuxis' und Parrhasios' Zeitgenossen Platon brachte diese Nachahmungsfunktion die Kunst aber auch in Verruf: Sie sei „der Wahrheit nicht kundig“, ihre Bilder seien bloß „Scheingebilde, nicht wirkliche Gegenstände“, unvollkommene Nachahmungen der irdischen Gegenstände, die ihrerseits die göttlichen Ideen sehr unvollkommen nachahmen würden. > mehr



Im Anfang war das Bild
Über Bilder und Visualisierungen in der Wissenschaft

"Im Anfang war das Wort", so steht es in der Bibel. Goethes Faust, als er sich daran machte, die Bibel ins Deutsche zu übersetzen, wollte sich damit nicht zufrieden geben und schrieb den Bibeltext kurzerhand um: "Im Anfang war die Tat!" Die Massenmedien unserer Zeit legen den Eindruck nahe, dass wir heute wieder einen Paradigmenwechsel erleben. Bilder bestimmen immer mehr unsere Welt und unser Leben. Das gilt nicht nur in Werbung und Unterhaltung; selbst in der Wissenschaft beginnen sie, sich vor die Sprache zu drängen. > mehr




Vom Maler Lukas zum Priester Raffael
Als die Bilder noch verehrt wurden - und manchmal in den Krieg zogen

Der byzantinische Krieg gegen die Normannen im Jahre 1107 stand unter einem unguten Stern. Kaiser Alexios verließ die Stadt voll Unruhe: Das Madonnenbild in der Blachernen-Kirche, wo der Mantel Mariens aufbewahrt wurde, hatte das übliche Wunder verweigert. Sonst pflegte sich während der Freitagsvesper der Vorhang vor der Ikone von selbst zu heben ... Wir blicken zurück auf die Zeit, wo Bilder nicht "bloß" Kunst waren. > mehr




Echte Bilder und wahre Zeichen
Der Wiener Kunstwissenschaftler Hans Belting über "Bildfragen als Glaubensfragen"

Im Jahr 2000 zeigte die National Gallery London Kunstwerke aus eigenen Beständen, die über das Christentum informierten. Es kamen über eine halbe Million Besucher: den Umfragen zufolge viele, die noch nie ein Kunstmuseum betreten hatten, auch manche, die in den Kirchen keine Bilder von dem vorfanden, woran sie glaubten. Der Wiener Kunstwissenschaftler Hans Belting forscht über "Bildfragen als Glaubensfragen". > mehr




"Sie werden von keiner Kamera überwacht ..."
Subversion als Kunst und die Kunst der Subversion

"Jeder Witz ist eine kleine Subversion", hat George Orwell gesagt. Subversive Strategien – als Alternative zu offener Konfrontation – sind wahrscheinlich so alt wie die Menschheit selbst, sie lassen sich in allen sozialen Zusammenhängen einsetzen, gegen jedes beliebige Ordnungssystem und zu jedem beliebigen Zweck. Bekanntes Beispiel: die Narren an den Fürstenhöfen des Orients und des Okzidents, die ihre Spaßmacherfunktion oft zu nutzen wussten, um unbequeme Wahrheiten an den Mann zu bringen. Als Linz in Oberösterreich 2009 zusammen mit dem litauischen Vilnius europäische Kulturhauptstadt war, gehörte eine "Subversivmesse" zum Programm, die weltweit erste "Fachmesse für Gegenkultur und Widerstandstechnologien", wie der Veranstalter, der Verein "Social Impact", etwas vollmundig verkündete. Oder eigentlich keine Messe, keine Verkaufsveranstaltung, sondern eine Kunstausstellung: 50 Künstler und Künstlergruppen aus 22 Nationen präsentierten ihre Projekte. Drei Jahre nach dem Event ist jetzt ein Sammelband mit einem Rückblick auf die "Messe" erschienen: Kunst und Subversion, Politik und Ästhetik. > mehr
 
 


Gesungenes Bild und fester Buchstabe
Auf den Spuren des Iconic Turn

Kaum ein Wort wird in aktuellen Debatten zur Wissenschaftstheorie mehr strapaziert als "Wende" oder englisch "turn". Vor allem der "iconic" oder "iconological" oder "pictorial turn" hat im vergangenen Jahrzehnt von sich reden gemacht. In den Worten des Kunsthistorikers Gottfried Boehm: "Die Helligkeit der Vernunft geht weiter als die Sprache." > mehr



Erfahrungen mit einer heiligen Magdalena
Sonderforschungsbereich der FU Berlin fragt nach der "Erfindung" des Ästhetischen

Im Mittelalter wurden Bilder für die Kirche gemalt, heutzutage arbeiten Künstler fürs Museum. Ist das „Ästhetische“, das wir als eigenständigen Erlebnisbereich neben Politik oder Religion oder Erotik ansehen, vielleicht eine „Erfindung", die vor 200, 250 Jahren gemacht wurde? An der FU Berlin befasst sich ein Sonderforschungsbereich mit dieser Frage. > mehr




Guter Geschmack und falsches Klassenpensum
Vor 250 Jahren erschien Winckelmanns Programmschrift

Vor genau 250 Jahren, im Juni 1755, erschienen in Dresden Johann Joachim Winckelmanns "Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst": der Anfang des Klassizismus in Kunst und Kunsttheorie. Für Generationen bezeichnete Winckelmanns Schrift den Beginn des guten Geschmacks, Kritiker machten den Altertumsgelehrten aus Stendal für ein "falsches Klassenpensum" verantwortlich. > mehr