Dossier
Philosophie und Religion

 

Nach Begriffen unserer Vernunft
Der neue Aufsatzband von Jürgen Habermas: "Zwischen Naturalismus und Religion"

"Zwei gegenläufige Tendenzen kennzeichnen die geistige Situation der Zeit – die Ausbreitung naturalistischer Weltbilder und der wachsende Einfluss religiöser Orthodoxien." Jürgen Habermas in der Einleitung zu seinem neuen Aufsatzband "Zwischen Naturalismus und Religion". Habermas, der "religiös unmusikalische" Mensch, befasst sich mit dem Thema "Religion", bereits 2001 in seiner Friedenspreisrede, dann 2004 in einer öffentlichen Diskussion mit Kardinal Ratzinger ... Wir bringen eine Rezension des Bandes. > mehr 




Wie der Glaube seine Selbstverständlichkeit verlor
Der kanadische Philosoph Charles Taylor über die Geschichte der Säkularisierung

"Kunstdünger schafft Atheisten", sagt ein holländisches Sprichwort. Anders ausgedrückt: Der wissenschaftliche und technische Fortschritt hat für einige Fragen, die wir an die Natur stellen, plausible Antworten gefunden. Und damit, meint das Sprichwort, hätte sich das Geflecht der Antworten, mit dem frühere Generationen auskommen mussten – pauschal gesagt: "die Religion" –, erübrigt. Mehr oder weniger differenziert ist das der Kern dessen, was man die "Säkularisierungstheorie" nennt. Das Sprichwort lässt ahnen, dass die Annahme, die Religion sei gerade im Absterben, zumindest in den "westlichen" Ländern längst nicht mehr die Haltung nur einer intellektuellen Elite ist. Aber gerade der Erfolg dieses Deutungsmusters gibt guten Grund, misstrauisch zu werden. Der kanadische Philosoph Charles Taylor hat 1999 in Edinburgh in einer Vorlesungsreihe eine Geschichte der Säkularisierung vorgetragen – oder vielmehr die gängigen Erklärungsversuche dieses Phänomens kritisch unter die Lupe genommen. > mehr
 
 


Zwang und Mystik, Alchemie und Torheit
Konzeptionen vom "guten Leben" in der frühen Neuzeit

„Jeder Mensch ist ein Künstler“, verkündete einst Joseph Beuys. „Er ist ein Künstler, ob er nun bei der Müllabfuhr ist, Krankenpfleger, Arzt, Ingenieur oder Landwirt. Da, wo er seine Fähigkeiten entfaltet, ist er ein Künstler.“ Eigentlich keine neue Einsicht. Bereits die antiken Philosophen sprachen von der „Kunst zu leben“ oder „gut zu leben“ – „gut“ im doppelten Sinn, der sowohl das moralisch Gute als auch das Lebensglück meint. Der Volksmund kennt die Redensart „Jeder seines Glückes Schmied“: Das Lebensglück wird mit einem handwerklich hergestellten Stück verglichen – es kann, wie andere Werke der „Kunst“ auch, mehr oder weniger gut gelingen. Und zu einem „guten Leben“ gehört natürlich auch ein „guter Tod“, ein Umstand, den wir gern verdrängen. Letztes Jahr hat die Theophrastus-Stiftung bei einer Tagung in Erfurt nach den Konzeptionen vom „guten Leben“ und vom „guten Tod“ gefragt, die in der frühen Neuzeit entworfen wurden > mehr




Der Glaube und das Glücksspiel
Vor 350 Jahren starb der französische Philosoph und Schriftsteller Blaise Pascal

"Pascal" – Physiker denken bei diesem Namen an eine Einheit zur Druckmessung, Mathematiker an die graphische Darstellung von Zahlenreihen, Informatiker an eine Programmiersprache. Der Schriftsteller und Philosoph Blaise Pascal, der am 19. August 1662, im Alter von nur 39 Jahren, verstarb, war auch ein vielseitig interessierter Mathematiker und Naturwissenschaftler. Heute wäre Blaise Pascal aber vermutlich nur noch den Spezialisten jener Wissensgebiete ein Begriff, wenn es da nicht den 23. November 1654 gegeben hätte. Am Abend schrieb er auf einem schmalen Pergamentstreifen einen kurzen Text nieder, der als "Memorial" in die Geschichte eingegangen ist: Feuer. ‚Gott Abrahams, Gott Isaaks, Gott Jakobs’, nicht der Philosophen und Gelehrten. Gewissheit, Gewissheit, Empfinden: Freude, Friede ... Jesus Christus! Ich habe mich von ihm getrennt, ich habe ihn geflohen, mich losgesagt von ihm, ihn gekreuzigt. Möge ich nie von ihm geschieden sein. Nur auf den Wegen, die das Evangelium lehrt, kann man ihn bewahren ..." > mehr




Woher und Wohn oder die Löcher im Käse
Zwischen Desinteresse und philosophischer Reflexion - Areligiosität heute

Die leeren Kirchenbänke - außer allenfalls zu Weihnachten und zu Ostern und natürlich bei den großen "Events" - sprechen für sich. Ob diesem Rückgang an Kirchlichkeit zugleich ein Rückgang von Religiosität entspricht oder ob Religion sich bloß privatisiert hat, "unsichtbar" geworden ist, bildet unter Religionssoziologen eine heiß umkämpfte Streitfrage. Eine Ringvorlesung an der Freien Universität Berlin hat sich der "Religiosität" der Areligiösen angenommen. > mehr




Der Sprung ins Paradox des Glaubens
150. Todestag von Sören Kierkegaard am 11. November

"Die Christenheit hat das Christentum abgeschafft, ohne es selbst richtig zu entdecken; die Folge ist, dass man versuchen muss, das Christentum wieder in die Christenheit einzuführen." Vor 150 Jahren, am 11. November 1855, starb der "religiöse Schriftsteller" Sören Kierkegaard, postum über Existenzphilosophie und dialektische Theologie einer der einflussreichsten Denker des 19. Jahrhunderts. > mehr




Sehnsucht nach dem Unendlichen, nicht sein Besitz
Auswege aus dem Idealismus - eine Rehabilitation der frühromantischen Philosophie

Wie wäre die Philosophiegeschichte verlaufen, wenn nicht Fichte die Diskussion in den letzten Jahren des 18. Jahrhunderts bestimmt hätten, sondern Novalis und Friedrich Schlegel? Nach gängiger Auffassung eine müßige Frage, schließlich gelten die beiden romantischen Dichter als eher laienhafte Anhänger von Fichtes Idealismus. Der Tübinger Philosoph hat das Bild jetzt korrigiert: Die Frühromantik war keine etwas unseriöse Unterfraktion des Deutschen Idealismus, sondern dessen Widerpart. >mehr




Doppelte Wahrheiit und universale Toleranz
Vor 300 Jahren verstarb der Aufklärer Pierre Bayle

Dieser Philosoph habe "alle Metaphysik theoretisch um ihren Kredit gebracht", schrieb Karl Marx. Vor genau 300 Jahren ist der Aufklärer Pierre Bayle, von dem der junge Marx so begeistert war, in Rotterdam gestorben. Berühmt wurde er mit einem noch heute vergünglich zu lesenden Buch über ein astronomisches Ereignis: den Kometen, der Ende 1680 Europa in Schrecken versetzte. Bayle nahm den Schweifstern zum Anlass einer umfassenden Polemik gegen jede Art von Aberglauben. > mehr




Zwei undankbare Töchter
Christen, Juden und Heiden in der Philosophie der Neuzeit

"Dass nichts, was die Nazis den Juden angetan haben, ihnen nicht auch von der katholischen Kirche angetan wurde", hat Max Horkheimer einmal behauptet. Das wäre, wörtlich verstanden, zweifellos eine Verharmlosung des Holocaust; aber ganz falsch ist es nicht: Dem modernen, rassistischen Antisemitismus gingen zweitausend Jahre eines religiös motivierten Antijudaismus voraus. Der Philosoph Horst Althaus hat eine umfassende Studie über die Rezeption dieses Dreierschemas Christen - Juden - Heiden in der Philosophie der Neuzeit vorgelegt. > mehr




Das Innere und der Nächste
Eine Religionshistorikerin erzählt vom Ursprung unserer ethischen Werte

Die Frage nach einer Gemeinsamkeit der großen Weltkulturen gewinnt in unseren Tagen ungeahnte Aktualität. Vor nunmehr 60 Jahren hat der Philosoph Karl Jaspers die Vorstellung aufgebracht, dass um die Mitte des 1. Jahrtausends v. Chr. durch Gestalten wie Sokrates, Buddha und Konfuzius die Ursprünge unseres ethischen Bewusstseins gelegt wurden. Eine englische Religionshistorikerin hat es unternommen, Jaspers' Idee neu zu formulieren. > mehr




Das Recht auf den eigenen Himmel ...
... und auf die eigene Hölle: Toleranz und Intoleranz von Elias bis Voltaire

"Ungläubige kommen in die Hölle." Hierzulande und heuzutage fällt so etwas wohl unter den Begriff "Hasspredigt", im Rückblick auf einige Jahrtausende Religionsgeschichte ist es nicht so ungewöhnlich. Nach irdischen Maßstäben gefährlich wird es, wenn Religiöses und Politisches nicht getrennt sind. > mehr