Dossier
Sterben und Unsterblichkeit

 

Bohnenbrei für die Toten
Feste und Bräuche zum Totengedenken im November

Auf den Friedhöfen wurden die Gräber mit Weihwasser besprengt, um die Qualen zu lindern, denen die Seelen im Fegefeuer ausgesetzt waren. Denn an einem Tag im Jahr, zu Allerseelen, meinte der Volksglaube, kehrten sie auf die Erde zurück, dorthin, wo ihr Körper begraben lag. Aus dem Alpenraum ist der Brauch der „Allerseelengastung“ überliefert: Im hölzernen Napf wurde ein Bohnenbrei gereicht. In manchen Gegenden wurden kleine Münzen auf die Gräber gelegt. Wir berichten über Feste und Bräuche zum Totengedenken in November und über die religiösen Vorstellungen, die dem zugrundeliegen > mehr



Pflöcke ins Herz, abgeschlagene Köpfe, Steine auf der Brust
Der Glaube an Untote im Spiegel archäologischer Forschung


Als in den 1960er Jahren die Kirche der ehemaligen Benediktinerabtei im niedersächsischen Flecken Harsefeld einen neuen Altar erhalten sollte, musste ein Teil der Bodenfliesen aufgebrochen werden. Darunter waren die Gräber der Äbte aus einem halben Jahrtausend Klostergeschichte, von 1101 bis 1648. Alle Toten lagen mit dem Kopf nach Westen, damit sie am Jüngsten Tag die Ankunft Christi von Osten her würden sehen können. Alle bis auf einen. Jahre nach seiner Bestattung hatte man ihn noch einmal umgebettet, in eine Grube, die ein gutes Stück tiefer lag als die Gräber der übrigen Äbte, mit dem Sargdeckel nach unten. Zwischen seinen Unterschenkeln war ein großes eisernes Vorhängeschloss angebracht. Das lässt nur eine Deutung zu: Die Mönche hatten entsetzliche Angst, ihr verstorbener Vorgesetzter könnte wiederkommen. Kein Einzelfall, berichten der Stader Kreisarchäologe Daniel Nösler und die Wissenschaftsjournalistin Angelika Franz in ihrem neuen Buch über „Untote“. > mehr



Sichtbar bleiben für die Ewigkeit
Aus der Geschichte der Grabarchitektur


„Wer ist einfältig genug, zu glauben“, fragte vor beinahe einem halben Jahrhundert der Bestseller-Autor Erich von Däniken, „daß die Pyramide nichts als das Grab eines Königs sein sollte?“ Eigentlich möchte ja niemand als einfältig gelten; aber es spricht alles dafür, dass die „Einfältigen“ in diesem Fall einmal Recht haben: Die Pyramiden von Gizeh wurden von den alten Ägyptern wirklich als Gräber für ihre Könige gebaut. Nachzuvollziehen ist Dänikens ungläubige Frage dennoch. Mit den Pyramiden stehen am Anfang menschlicher Hochkultur die größten Gräber, die jemals gebaut wurden – während die große Mehrzahl der Menschen damals wohl eher unauffällig bestattet oder gar namenlos verscharrt wurde. > mehr



Beißen Tote wirklich nicht?
Die Ursprünge des Vampirglaubens


Am 21. Juli 1725 erschien in der österreichischen Staatszeitung „Wienerisches Diarium“ der Bericht einer Verwaltungsbehörde aus den neu eroberten Gebieten im nördlichen Bosnien. Unter der nichtssagenden Überschrift „Kopie eines Schreibens aus dem Gradisker Distrikt in Ungarn“ war dort zu lesen, drei Monate nach dem Tod eines Bauern namens Peter Plogojoviz hätten mehrere Personen ausgesagt, der Verstorbene sei ihnen im Traum erschienen, habe sich auf sie gelegt und sie gewürgt. Die Dorfbewohner hätten das Grab geöffnet und an der Leiche Veränderungen festgestellt, die auf ein Weiterleben hindeuten würden, nämlich ein Wachstum von Haaren und Nägeln sowie eine Erektion. Vor allem aber: Aus dem Mund des Toten sei frisches Blut geflossen. Die Dorfbewohner waren sich einig: Das musste er seinen Opfern ausgesaugt haben. > mehr



Sensenmann und Schlafes Bruder
Personifikationen des Todes in Kunst und Literatur


Im Lande des Prinzen Prospero wütet eine grauenhafte Seuche, die bereits die Hälfte der Bevölkerung hinweggerafft hat. Prospero versucht, sich mit seinem Hofstaat von jedem Kontakt mit der Umwelt abzuschließen, und feiert ein rauschendes Maskenfest. Als die Uhr um Mitternacht zwölf Mal schlägt, bemerken die Feiernden, dass sich ein Fremder Zutritt verschafft hat, eine grässliche Totenlarve in wallenden Leichengewändern. „Und Dunkelheit und Verfall und der Rote Tod traten ihre unumschränkte Herrschaft an“, schließt Edgar Allan Poes Kurzgeschichte von der „Maske des Roten Todes“, 1842. Eines von tausenden und abertausenden Beispielen, dass Literatur, Kunst und Film den Tod in menschlicher Gestalt auftreten lassen, beinahe wie unsereins. Einer der jüngsten Fälle, nicht so grauenerregend wie bei Poe: der Film „Rendezvous mit Joe Black“ von 1998, mit Brad Pitt in der Rolle des Todes. > mehr



"Die Asche wird zerstreut irgendwo"
Der Ursprung der modernen Trauer- und Begräbnisriten

Zum Begräbnis immer dieselben Kirchenchoräle, mit Orgelbegleitung, und wenn’s ganz „individuell“ sein soll, dann vielleicht das „Ave Maria“ von Bach/Gounod? Die Zeiten scheinen vorbei zu sein. Vor zwei Jahren veröffentlichte die Hamburger „Gesellschaft für Bestattungen und Vorsorge“ eine Liste der beliebtesten Trauerhits. Auf Platz 1 landete „Time to Say Goodbye“ von Sarah Brightman, auf 2 „Geboren um zu leben“ von der Band Unheilig. Auch „My way“ von Frank Sinatra und „Highway to Hell“ von AC/DC schafften es unter die Top Ten.Eine Individualisierung der Bestattungsriten, wenn man so will, oder genauer: mehr Auswahlmöglichkeiten unter den kulturell vorgeprägten Mustern. Jedenfalls ein unüberhörbares Anzeichen, dass sich in der Bestattungskultur in den letzten zwei oder drei Jahrzehnten einiges geändert hat. Rainer Sörries, Kunsthistoriker an der Universität Erlangen und Direktor des Museums für Sepulkral- (oder Begräbnis-)kultur in Kassel, und die Kulturwissenschaftlerin Barbara Happe von der Universität Jena sind der Entwicklung der Trauer- und Beisetzungsriten jetzt in zwei Neuveröffentlichungen nachgegangen. > mehr




Nicht aus Frechheit, sondern formmen Sinnes
Umgang mit den Toten seit der Antike

Andere Länder, andere Sitten. Und ebenso: andere Zeiten, andere Sitten. Mit den verehrten Leichnamen der Heiligen wurde - "nicht aus ungebührlicher Frechheit, sondern frommen Sinnes" - im Mittelalter oft auf eine Weise umgegangen, die uns als Störung der Totenruhe vorkommt. Eine Forschergruppe an der Universität Bochum hat sich mit den "Inszenierungen des Todes" seit der Antike befasst. > mehr




Auf den Türmen des ewigen Schweigens
60.000 Jahre Sterbe-, Trauer- und Bestattungsriten


Andere Länder oder Völker, andere Sitten, das macht sich gerade im Zeitalter der Globalisierung bemerkbar. Wenn für einen glöubigen Muslim die Sterbestunde gekommen ist, drängen sich oft die Angehörigen in großer Zahl ans Krankenbett. Eine Zudringlichkeit, möchte das Krankenhauspersonal dann meinen; aber eine solche Versammlung gehört islamischer Tradition zufolge zu einem „guten“ Sterben dazu. Eine Forschergruppe der Universität Marburg hat sich zu einer Tour d'horizon durch die Riten der Religionen und Kulturen zusammengefunden. > mehr




Trauer ohne Riten, Riten ohne Trauer
Trauerrituale im Kulturvergleich

In manchen deutschen Städten werden die Hälfte bis zwei Drittel aller Toten anonym bestattet. Kein Grabstein erinnert an die Toten, immer beliebter wird es, die Asche in Wald oder Meer zu verstreuen. Andererseits werden Särge von Laienhand bunt bemalt, die Hinterbliebenen lassen Luftballons steigen, man spielt die Lieblingsmusik des Toten. Kulturhistoriker haben sich mit "Trauerritualen im Kulturvergleich" befasst. > mehr



Himmlische Rechtsprechung, höllischer Strafvollzug
Das jenseitige Gericht - vom alten Ägypten bis zum Geist des Kapitalismus 

"Ich sah eine Lüsterne, nackt und entfleischt, rot von ekligen Schwären, Schlangen fraßen an ihrem Leib ..." Es ist keine pure Phantasie, die Umberto Eco seinem Erzähler im "Namen der Rose" eingegeben hat. Die Künstler, die im Mittelalter an Kirchenportalen oder auf Wand- und Altarbildern das Jüngste Gericht darstellten, haben tatsächlich ihre Verdammten oft mit derart drastischen Details ausgestattet. Zu den Totengedenktagen im November blicken wir zurück auf mehr als 2.000 Jahre Vorstellungen von einem jenseitigen Gericht. > mehr




Himmel, Hölle, Fegefeuer
Zur Geographie der jenseitigen Welt 

Vorausgesetzt, es gibt wirklich ein Leben nach dem Tode - wo eigentlich werden wir dieses Leben dann verbringen? Solche Fragen seien "völlig nutzlos und, was schlimmer ist, die Beschäftigung mit ihnen erfordert einen Aufwand an kostbarer Zeit, die für heilsamere Dinge zu verwenden wäre“, argumtierte von 1.600 Jahren der Kirchenlehrer Augustinus. Von Ausnahmen wie Augustinus und Luther abgesehen, haben jedoch Gebildete und Ungebildete immer wieder gern über die Geographie der jenseitigen Welt nachgedacht. > mehr




Wo Charon rudert und Kerberos wacht
Berliner Pergamonmuseum präsentiert eine Reise in die antike Unterwelt

Schattenbilder, "gleich einem Windhauch und ganz ähnlich einem flüchtigen Traum": So werden die Verstorbenen bei Homer geschildert. Damit ist das Spektrum antiker Vorstellungen von der Unterwelt aber längst nicht erschöpft. Eine Ausstellung im Berliner Pergamonmuseum, die gemeinsam mit dem Winckelmann-Institut der Humboldt-Universität erarbeitet wurde, präsentiert eine Reise in die antike Unterwelt, mitsamt dem Versuch, die verschiedenen topographischen Angaben der Dichter in einer Karte zu vereinigen. > mehr




"Deine Toten werden leben"
Aus der Geschichte des Auferstehungsgedankens

Wieder einmal ging vor ein paar Wochen die Nachricht um die Welt, in Jerusalem sei Jesu Grab gefunden worden, und womöglich sei es nicht leer ... Die aufgeregte Diskussion, ob die christlichen Kirchen ihren Auferstehungsglauben revidieren müssten, beschränkte sich dann aber auf einen kleinen Kreis von Hobby-Archäologen. Zum diesjährigen Osterfest werfen wir einen Blick auf die Geschichte des Auferstehungsgedankens von den heiligen Schriften der Zarathustrier bis zu Meinungsumfragen über Relígion heute. > mehr



"Wir sehen uns wieder!"
Eine kleine Sozialgeschichte des himmlischen Lebens 

"Wir sehen uns wieder", schreiben Hinterbliebene gern in Todesanzeigen sowie auf Blumenschleifen und Grabsteine. Allgemeine Verbreitung fand diese Idee, dass Liebe, Ehe und Freundschaft im Jenseits ihre Fortsetzung finden, jedoch erst seit Mitte des 18. Jahrhunderts. Ein frühes Beispiel sind die Fieberträume von Goethes Romanhelden Werther: "Ich gehe voran, bis Du kommst, und ich fliege Dir entgegen und fasse Dich und bleibe bei Dir ..." > mehr




Mumien durch Natur und Mumien durch Kunst
Träume vom ewigen Leben im Mannheimer Zeughaus 

Leichen im Museum ... Darf man das ausstellen? Muss man das sehen? Die Mumien-Ausstellung in Mannheim hat bereits vor ihrer Eröffnung kontroverse Diskussionen augelöst. Im ethischen Grundsatzstreit ist beinahe untergegangen, dass Mannheim hier einen umfassenden Überblick zum Thema "Mumifizierung" bietet. Neben dem Brauch alter Religionen und neuer politischer Ideologien, Leichname für die Ewigkeit zu konservieren, wird auch die natürliche Mumifizierung in Eis oder Moor behandelt. Und der moderne Traum, sich die persönliche Unsterblichkeit durch Einfrieren in flüssigem Stickstoff zu sichern. > mehr




Zwischen Lebenspflicht und Versicherungsfinanzen
- zwei Jahrtausende Diskurs über "freiwilliges" Sterben

Umfragen zufolge spricht sich die Mehrheit der Bürger in Deutschland dafür aus, aktive direkte Sterbehilfe in Extremfällen von Strafandrohung zu befeien. Ein Viertel der Befragten fordert, dass der Wille des Betroffenen für sich allein ein hinreichendes Kriterium abgibt. Ebenfalls ein Viertel will diese "Hilfe" selbst dann erlaubt sehen, wenn der Patient nicht mehr in der Lage ist, einen eigenen Willen kundzutun. Wir blicken zurück auf zweieinhalb Jahrtausende Diskussion. > mehr