Dossier
Philosophie des 20. Jahrhunderts

 

Die mangelnde Klugheit der Intellektuellen
Martin Heidegger und sein Bruder Fritz - biographische Skizzen aus Meßkirch

„Wer Martin nicht als in der Sakristei aufgewachsenen Mesnerbuben kennt, hat seine Philosophie nicht begriffen.“ Fritz Heidegger über Martin. Ein Literaturwissenschaftler der TU Berlin hat sich mit dem Leben der beiden Brüder aus der badischen Provinz beschäftigt: mit dem Philosophen, der politisch so furchtbar irrte, und mit dem weltklügeren Bankbeamten. > mehr





Als die Wahrheit erfunden wurde
Michel Foucaults erste Vorlesung am Collège de France ist als Buch erschienen
 
„Man müsste die Geschichte der Denksysteme unternehmen“, begründete der französische Philosoph Michel Foucault 1969 seine Kandidatur für einen Lehrstuhl am Collège de France. Foucault wurde gewählt; von 1970 bis zu seinem Tod 1984 stellte er dort seine aktuellen Forschungsprojekte vor – ohne Anwesenheitspflicht für die Studenten, wohlgemerkt: Es wurden keine Scheine ausgegeben. „Auf dreihundert Sitzplätzen pferchten sich fünfhundert Leute“, berichten Augenzeugen, „sogen noch den letzten Freiraum auf.“ Von den meisten Vorlesungszyklen liegen Mitschnitte auf Cassettenrecorder vor. Nicht so aus dem Wintersemester 1970/71, Foucaults ersten Veranstaltungen am Collège. So hat es nach dem Tod des Dozenten noch fast drei Jahrzehnte gedauert, bis auf Grund der vorläufigen Manuskripte so etwas wie ein „Text“ dieser ersten Vorlesungsreihe erstellt werden konnte. > mehr





Urteilskraft gegen die totalitären Laboratorien
Zum 100. Geburtstag von Hannah Arendt

Extremen Konservativismus sagten Vertreter der linken Faschismustheorie ihr nach, bürgerliche Kollegen hielten ihr umgekehrt Abkehr von der philosophischen Tradition vor. Hannah Arendt setzte sich gern zwischen alle Stühle sowohl der politischen Theorie als auch der aktuellen Politik. Dabei ist ihr Buch über "totalitäre Herrschaft" längst zum Klassiker geworden. Ein Artikel zum 100. Geburtstag der politischen Theoretikerin.  > mehr





Freiheit mit schmutzigen Händen
Vor hundert Jahren wurde Jean-Paul Sartre geboren

"Die Freiheit hat mich getroffen wie ein Blitz", Orest in Sartres "Fliegen". "Die Hölle, das sind die andern", in Sartres "Bei geschlossenen Türen". Mit solchen Sätzen traf der Dramatiker das Lebensgefühl einer ganzen Generation. Zu Sartres 100. Geburtstag blicken wir auf das poetische und philosophische Werk.  > mehr





Das Glück, den Stein zu wälzen
Vor 50 Jahren verstarb der französische Schriftsteller Albert Camus

„Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen“. Mit diesem Satz beendete Albert Camus 1942 seinen „Versuch über das Absurde“. Sisyphos ein glücklicher Mensch ... Bei den griechischen Dichtern war Sisyphos das Urbild von Schlauheit und List, in einem solchen Übermaß, dass die Götter ihn nach seinem Tod zu einer schrecklichen Strafe verurteilten. Mit größter Kraftanstrengung musste er einen schweren Felsblock auf eine Anhöhe hinaufwälzen; so oft der Stein den Gipfel beinahe erreicht hatte, rollte er wieder in die Tiefe, so dass Sisyphos von neuem beginnen musste. Zu Camus' fünfzigstem Todestag ein Blick auf sein Werk. > mehr





Von Hirten und Schafen
Michel Foucaults Vorlesungen über "Gouvernementalität"

Bei seinen Vorlesungen im Collège de France, berichtete damals ein Zeitungskorrespondent, fand Michel Foucault auf dem Pult kaum Platz, seine Papiere abzulegen; die Studenten hatten dort ihre Kassettenrekorder aufgestellt. Für die Nachwelt ist die Technik ein Glück, Foucaults Vorlesungen zur "Geschichte der Gouvernementalität" sind jetzt, wortgetreu Cin einer deutschen Taschenbuchausgabe erschienen. > mehr





Nach Begriffen unserer Vernunft
Der neue Aufsatzband von Jürgen Habermas: "Zwischen Naturalismus und Religion"


"Zwei gegenläufige Tendenzen kennzeichnen die geistige Situation der Zeit – die Ausbreitung naturalistischer Weltbilder und der wachsende Einfluss religiöser Orthodoxien." Jürgen Habermas in der Einleitung zu seinem neuen Aufsatzband "Zwischen Naturalismus und Religion". Habermas, der "religiös unmusikalische" Mensch, befasst sich mit dem Thema "Religion", bereits 2001 in seiner Friedenspreisrede, dann 2004 in einer öffentlichen Diskussion mit Kardinal Ratzinger ...Wir bringen eine Rezension des Bandes. > mehr





Wie der Glaube seine Selbstverständlichkeit verlor
Der kanadische Philosoph Charles Taylor über die Geschichte der Säkularisierung

"Kunstdünger schafft Atheisten", sagt ein holländisches Sprichwort. Anders ausgedrückt: Der wissenschaftliche und technische Fortschritt hat für einige Fragen, die wir an die Natur stellen, plausible Antworten gefunden. Und damit, meint das Sprichwort, hätte sich das Geflecht der Antworten, mit dem frühere Generationen auskommen mussten – pauschal gesagt: "die Religion" –, erübrigt. Mehr oder weniger differenziert ist das der Kern dessen, was man die "Säkularisierungstheorie" nennt. Das Sprichwort lässt ahnen, dass die Annahme, die Religion sei gerade im Absterben, zumindest in den "westlichen" Ländern längst nicht mehr die Haltung nur einer intellektuellen Elite ist. Aber gerade der Erfolg dieses Deutungsmusters gibt guten Grund, misstrauisch zu werden. Der kanadische Philosoph Charles Taylor hat 1999 in Edinburgh in einer Vorlesungsreihe eine Geschichte der Säkularisierung vorgetragen – oder vielmehr die gängigen Erklärungsversuche dieses Phänomens kritisch unter die Lupe genommen. > mehr
 
 



Wahrheitssuche unter Zeitmangel
Aus dem Nachlass eines kriminalisierenden Philosophen

Das Leben ist kurz, die Wahrheit oft weit weg, zu weit, um sie in menschlich vertretbarer Zeit finden zu können. Der Philosoph Hans Blumenberg hat sich diesem Thema 1975 in einer Vorlesung an der Universität Münster gewidmet. Das Manuskript wurde jetzt aus dem Nachlass des Philosophen herausgegeben. Der Text zeigt, dass dieser Philosoph, dessen Schriften ihren Witz oft erst beim zweiten oder dritten Lesen erschließen (der Kollege Odo Marquard nannte sie "als gelehrte Wälzer getarnte Problemkrimis") im mündlichen Vortrag sehr unterhaltsam sein konnte. > mehr

 
 

Das Dilemma der zwei Welten
Wege zu einer Naturgeschichte der Freiheit

"Evolution des Gehirns – Evolution der Freiheit": So der verblüffende Titel eines neu erschienen Aufsatzes von Gerhard Roth, jenem Neurobiolologen, der seit mehr als einem Jahrzehnt die Öffentlichkeit durch seine These, unser Denken und Wollen werde bis ins letzte von neuronalen Prozessen gesteuert, aufgemischt hat. Neben fast zwei Dutzend anderen Naturwissenschaftlern und Philosophen versucht sich Roth jetzt an einer "Naturgeschichte der Freiheit": Wie könnte Freiheit im Kontinuum der Evolution möglich geworden sein? > mehr





Die elektromagnetische Qualität der Gedanken
Zur hirnphysiologischen Bestreitung der Willensfreiheit

Unser Denken und Wollen, behauptete der Neurobiologe Gerhard Roth 1994 in einem Buch über "Das Gehirn und seine Wirklichkeit", würden von neuronalen, also biologischen Prozessen gesteuert, Willensfreiheit sei eine Illusion, demzufolge gebe es auch keine Verantwortlichkeit, eine Bestrafung sei sinnlos. Die Diskussion über die neuen Erkenntnisse der Hirnphysiologie und ihre Konsequenzen bis hinein in die Rechtspolitik dauert bis heute an. Eine Arbeitsgruppe von Düsseldorfer Psychologen hat sich an einen Rückblick auf dieses Kapitel interdisziplinärer Wissenschaftsgeschichte gewagt. > mehr