Dossier
Philosophie der Politik

 

Eine Freiheit zum Tun des Falschen
Über die Wirkungsgeschichte der "Politik" des Aristoteles

Was haben Menschen mit Bienen, Wespen, Ameisen und Kranichen gemeinsam? Die Antwort, die der griechische Philosoph Aristoteles im 4. Jahrhundert vor Christus gab, gehört zu dem meistzitierten Stellen der gesamten Ideengeschichte: Der Mensch sei ein „zoon politikón“, ein „politisches“, also gemeinschaftsbezogenes, genauer gesagt, ein nach staatlicher Gemeinschaft strebendes Lebewesen. Eine Gruppe von Philosophen, Politikwissenschaftlern und Historikern hat die Wirkungsgeschichte der "Politik" des Aristoteles aufgearbeitet. . > mehr



 Links und rechts, lechts und rinks
Schwierigkeiten, das politische Spektrum auf den Begriff zu bringen


"manche meinen // lechts und rinks // kann man nicht //velwechsern. // werch ein illtum!" So dichtete 1966 der große Sprachexperimentator Ernst Jandl. Zu Jandls 65. Geburtstag 1990 machte die „Tageszeitung“ auf ihrer Titelseite die Vertauschung der Buchstaben „l“ und „r“ zum Standard. Dort wurde nicht nur Ernst Jandl zu „Elnst Jandr“, im Rückblick auf die Morde der RAF fand sich auch die Schlagzeile „LAF bekennt: Zu wenig Splengstoff“. Kann man wirklich nicht „velwechsern“? Jandl hat sich wohlweislich gehütet, seinem Gedicht einen Kommentar beizugeben. > mehr



Koloniale Unterdrueckung und Widerstand, Revolution und toedliche Paedagogik
Ein Sammelband zur Ethik der Gewalt


Die politische Theoretikerin Hannah Arendt hat einmal über die Frage reflektiert, wie Gandhis Strategie des gewaltlosen Widerstands wohl ausgegangen wäre, hätte er es nicht mit Großbritannien zu tun gehabt, sondern mit Stalins Russland oder Hitlers Deutschland. Ihre Vermutung: Das Ergebnis wäre „nicht Entkolonisierung gewesen, sondern administrativer Massenmord und schließliche Unterwerfung“. Gandhi konnte darauf zählen, dass Großbritannien auf einen derart blutigen Triumph verzichten würde, weil – ja weil der politischen Kultur Großbritanniens auch im Zeitalter von Kolonisation und Imperialismus jener Gedanke tief eingeprägt war, den der französische Außenminister Talleyrand einmal in das saloppe Wort gefasst hat, auf Bajonetten könne man alles machen, nur leider nicht sitzen. Der Münsteraner Philosoph Johannes Müller-Salo hat jetzt ein Bändchen mit zwei Dutzend Texten zur Theorie der Gewalt herausgebracht. > mehr



Freiheit der Eigentümer
Zum 300. Todestag von John Locke am 28. Oktober

Auch ein Aspekt des "deutschen Sonderwegs": John Lockes politische Philosophie wurde in Deutschland kaum zur Kenntnis genommen. Dabei gehören die "Abhandlungen über die Regierung" zu den frühesten Zeugnissen eines aufklärerischen, liberalen Denkens.  > mehr



"Die gemeinsame Wiedergeburt der Herrschaft der Gerechtigkeit"
Eine Universalgeschichte des Kommunismus


Im Chinesischen, berichtet der Historiker Gerd Koenen in seinem neuen Buch über die „Farbe Rot“, wird der Begriff „Kommunismus“ mit einer Umschreibung wiedergegeben, die etwa „die gemeinsame Wiedergeburt der Herrschaft der Gerechtigkeit“ bedeutet. Sollte diese Umschreibung tatsächlich das treffen, was wir in der Zeitgeschichte „Kommunismus“ nennen, wäre der viel kolportierte Satz, wer als junger Mensch kein Kommunist gewesen sei, könne kein Herz haben, eine pure Banalität. Koenen engagierte sich in den 1970er Jahren im maoistischen KBW, dem „Kommunistischen Bund Westdeutschland“. Im Rückblick, schreibt er im Epilog, komme ihm diese Zeit wie ein „Ritt über den Bodensee“ vor: immer in der Gefahr, aus dem Reich der Utopie in Abgründe zu stürzen. >  mehr



"Es koemmt darauf an, die Welt zu veraendern"
Vor 200 Jahren wurde Karl Marx geboren


„Mit solchem Geschwätz wollen wir uns nicht länger aufhalten“, sagte Hegel an einer Stelle seiner Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie zu seinen Studenten, „es sind leere Worte. Vor seinen philosophischen Gedanken können wir keine Achtung haben; oder vielmehr sind es gar keine Gedanken.“ Der so Gescholtene war Epikur, jener griechische Denker, der um 300 v. Chr., also nach Aristoteles, die Tradition der griechischen Philosophie fortgesetzt und in neue Bahnen gelenkt hatte. Hegels Schüler werden die Botschaft verstanden haben, die der Meister in seine Worte legte: Diese Fortsetzung sei höchst überflüssig – so überflüssig wie in der Neuzeit eine Philosophie, die auf ihn selbst, auf Hegel, folgen würde. Aber natürlich konnten sich die „Hegelianer“ mit einem solchen Ende der Geistesgeschichte nicht zufriedengeben. > mehr



Kaempfende Schreiber und schreibende Kaempfer
Die Marxisten der ersten Stunde - Geschichte einer Faszination

„Mich reut die Stunde, die nicht Harnisch trug! Mich reut der Tag, der keine Wunden schlug! Mich reut – ich streu‘ mir Asche auf das Haupt – dass ich nicht fester noch an Sieg geglaubt!“ Der Schweizer Dichter C. F. Meyers legte diese pathetischen Zeilen 1872 dem Humanisten Ulrich von Hutten in den Mund. Das Versepos „Huttens letzte Tage“ wurde eine der Lieblingslektüren von Rosa Luxemburg. In einem Brief an eine Freundin überlegte sie, ob es nicht sinnvoll sei, ein Zitat daraus auf ihren Grabstein setzen zu lassen. Luxemburg, schreibt die Historikerin Christina Morina von der Universität Amsterdam in ihrer Studie über die „Erfindung des Marxismus“, identifizierte sich ein Leben lang mit Ulrich von Hutten. > mehr



Schwierigkeiten mit der "Massendemokratie"
Diskussionen um einen modernisierungsbereiten Liberalismus in der Weimarer Republik


Die beiden „liberalen“ Parteien in der Weimarer Republik, DDP und DVP, erreichten 1919/1920 zusammen etwa 22 Prozent der Stimmen, bis 1933 schmolz ihr Anteil auf gerade mal zwei Prozent zusammen. Da kommt zwangsläufig die Frage auf, ob die Krise der ersten deutschen Demokratie nicht vor allem eine Krise des deutschen Liberalismus war. Bezieht man die vorangegangenen Jahrzehnte des Kaiserreichs mit ein, ist der Niedergang noch auffälliger: Bei den Wahlen 1871 hatten liberale Parteien insgesamt über 46 Prozent der Stimmen erhalten. Das „Sündenregister“, das dem deutschen Liberalismus vorgehalten wird, ist lang, schreibt der Politikwissenschaftler Jens Hacke von der Berliner Humboldt-Universität in seinem neuen Buch über die „Existenzkrise der Demokratie“ in der Zwischenkriegszeit > mehr



"Weniger Wörter als Gedanken"
Montesquieu und die Gewaltenteilung - zum 250. Todestag des Philosophen

Das Orakel, das bei jeder Diskussion über das Thema der Gewaltenteilung befragt und zitiert zu werden pflegt, nannten ihn die ersten Kommentatoren der amerikanischen Verfassung. Kommenden Donnerstag vor 250 Jahren starb Charles-Louis de Secondat, Baron de la Brède et de Montesquieu. > mehr



Die Utopie vom Volk der Götter
Vor 250 Jahren brachte Jean-Jacques Rousseau sein Buch "Über den Gesellschaftsvertrag" heraus

Im Schlosspark von Ermenonville in der Ile-de-France wird dem Besucher folgende Anekdote erzählt: Napoleon Bonaparte habe das ehemalige Grab des Schriftstellers Jean-Jacques Rousseau besucht und nach einer Weile des Schweigens gesagt: „Für die Ruhe Frankreichs wäre es besser gewesen, dieser Mann hätte nie gelebt; er hat die Revolution vorbereitet."- Jean-Jacques Rousseau als der Vater der Französischen Revolution, sozusagen als Ahnherr unserer modernen Zeit ... Im April 1762, vor 250 Jahren, brachte Rousseaus sein staatstheoretisches Hauptwerk heraus, den „Gesellschaftsvertrag", mit jenem Eingangssatz, der die Stimmung der Zeit auf den Punkt brachte: „Der Mensch ist frei geboren und überall liegt er in Ketten." Einige Wochen später erschien aus Rousseaus Feder noch eine zweite Gründungsurkunde der Moderne, sein Roman „Émile", in dem er zeigen wollte, wie eine Besserung möglich sein könnte: durch die Erziehung des Menschen. > mehr



Das Ich, das Nichts und die Empörung
Vor 150 Jahren starb der Urvater der anarchistischen Theorie, Max Stirner

Karl Marx nannte ihn "den hohlsten und dürftigsten Kopf unter den Philosophen" und attestierte ihm "Fieberträume". Nur merkwürdig, dass der Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus es für nötig hielt, Max Stirner mit einer Kritik zu bedenken, die viel umfangreicher ausfiel als das kritisierte Werk selbst ... Zum 150. Todestag dieses Urvaters der anarchistischen Theorie. > mehr

 



Sokrates gegen die Tyrannei der Mehrheit
Zum Geburtstag des englischen Philosophen John Stuart Mill

"Es ist besser, ein unbefriedigtes menschliches Wesen als ein befriedigtes Schwein zu sein, besser ein unbefriedigter Sokrates als ein befriedigter Narr. Und wenn der Narr oder das Schwein anderer Ansicht sind, dann deshalb, weil sie nur die eine Seite der Angelegenheit kennen." Der englische Philosoph John Stuart Mill, der am 20. Mai 200 Jahre alt geworden wäre. Mit seinem Buch "On Liberty" gilt Mill als der einflussreichste englische Theoretiker des Liberalismus im 19. Jahrhundert. > mehr



Demokrat aus Vernunft, Liberaler aus Leidenschaft
Vor 150 Jahren starb der Historiker und politische Theoretiker Alexis de Tocqueville

Wenn der Politiker, Publizist und Historiker Charles Alexis Henri Maurice Clérel de Tocqueville, der am 16. April 1859, vor 150 Jahren, gestorben ist, von "Demokratie" sprach, dann immer mit ein wenig Distanz. "Ich liebe voller Leidenschaft die Freiheit, die Legalität, die Achtung vor den Gesetzen, aber nicht die Demokratie", schrieb er in seinen "Erinnerungen". Und dennoch – im historischen Rückblick erscheint Tocqueville heute als der vielleicht bedeutendste Theoretiker des demokratischen Liberalismus im 19. Jahrhundert. > mehr



Urteilskraft gegen die totalitären Laboratorien
Zum 100. Geburtstag von Hannah Arendt

Extremen Konservativismus sagten Vertreter der linken Faschismustheorie ihr nach, bürgerliche Kollegen hielten ihr umgekehrt Abkehr von der philosophischen Tradition vor. Hannah Arendt setzte sich gern zwischen alle Stühle sowohl der politischen Theorie als auch der aktuellen Politik. Dabei ist ihr Buch über "totalitäre Herrschaft" längst zum Klassiker geworden. Ein Artikel zum 100. Geburtstag der politischen Theoretikerin. . > mehr



Normatives Projekt mit universalem Anspruch
Der Berliner Historiker Heinrich August Winkler hat eine "Geschichte des Westens" vorgelegt


„Der Westen“ – es ist noch keine drei Generationen her, dass dieser Ausdruck in Deutschland als Schimpfwort gebraucht wurde. Im Ersten Weltkrieg waren die tonangebenden Repräsentanten des Geisteslebens im wilhelminischen Kaiserreich – berühmtester Fall: Thomas Mann – nach Kräften bemüht, den „westlichen“ Ideen von demokratischer Mehrheitsherrschaft eine vermeintlich höhere, spezifisch „deutsche“ Kultur der Innerlichkeit entgegenzusetzen. Erst die vielgeschmähte Adenauerzeit nach dem Zweiten Weltkrieg brachte, wie der Philosoph Jürgen Habermas es im nachhinein genannt hat, „die vorbehaltlose Öffnung der Bundesrepublik gegenüber der politischen Kultur des Westens“. Der Berliner Historiker Heinrich August Winkler hat jetzt eine "Geschichte des Westens" vorgelegt. > mehr
 


Von Hirten und Schafen
Michel Foucaults Vorlesungen über "Gouvernementalität"

Bei seinen Vorlesungen im Collège de France, berichtete damals ein Zeitungskorrespondent, fand Michel Foucault auf dem Pult kaum Platz, seine Papiere abzulegen; die Studenten hatten dort ihre Kassettenrekorder aufgestellt. Für die Nachwelt ist die Technik ein Glück, Foucaults Vorlesungen zur "Geschichte der Gouvernementalität" sind jetzt, wortgetreu aufgezeichnet, in einer deutschen Taschenbuchausgabe erschienen. > mehr



Die Heiligsprechung der Person
Der Soziologe Hans Joas legt eine neue Genealogie der Menschenrechte vor

Hätte Senator John Bricker sich durchgesetzt, müssten manche politischen Diskussionen auf der internationalen Bühne der Gegenwart ganz anders ablaufen. Um 1950 war Bricker Vertreter seines Staates Ohio im US-Senat. Nachdem die Vereinten Nationen 1948 die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte verabschiedet hatten, versuchte er, mit einem Verfassungszusatz die Annahme durch die USA zu verhindern. Widerstand gegen diese Erklärung und ihre Durchsetzung gab es eben nicht nur in den sozialistischen Staaten und in der Dritten Welt, sondern auch in einem der Kernländer der „westlichen“ Kultur„ Der Soziologe Hans Joas hat jetzt eine neue Genealogie der Menschenrechte vorgelegt. > mehr