Dossier
Das christliche Mittelalter

 

Ein Engel in den Gefahren des Meeres
Der Mont Saint-Michel feiert seinen 1.300. Geburtstag

Im September 708, erzählt die Legende, erschien dem Bischof von Avranche in der Normandie der Erzengel Michael und verlangte, ihm auf einem Felsen an der Küste eine Kapelle zu bauen. Nachdem der Bischof den Befehl zweimal ignoriert hatte, brannte ihm der Engel mit dem Finger ein Loch in den Schädel ... Realität ist, dass auf dem Felsen tatsächlich eine Kapelle, später ein Kloster gebaut wurde. Im Mittelalter war der "Mont-Saint-Michel" eine der meistbesuchten Wallfahrtsstätten Europas, heute ist er eines der beliebtesten Touristenziele. Zum Jubiläum ein Rückblick auf die Geschichte der Insel. > mehr




Die erste gesamteuropäische Organisation
Vor 1.100 Jahren wurde Cluny, die Mutterabtei des Cluniazenserordens, gegründet

Touristen werden vielleicht enttäuscht sein. Wo sich einst die größte Kirche der Christenheit erhob, ist heute nicht mehr viel zu sehen. 1790 hatte der französische Staat das Kloster aufgelöst; die Gebäude wurden an einen Abbruchunternehmer verkauft, der die Kirche kurzerhand in die Luft sprengte. Die revolutionäre Regierung wollte den demonstrativen Bruch mit dem Mittelalter. Und was eignete sich da besser, als die burgundische Klosterstadt, die im 10. und 11. Jahrhundert ein Zentrum des Abendlandes gewesen war? Am 11. September 910 hatte Wilhelm I., Herzog von Aquitanien und Graf von Maconnais, das Benediktinerkloster Cluny gestiftet. > mehr



"Wesensmäßige Verwandlung von Brot und Wein"
Vor 800 Jahren beschloss das IV. Laterankonzil das Transsubstantiationsdogma


Einem so ernsthaften Philosophen wie Hegel fiel es schwer, sich über dieses Thema nicht lustig zu machen. „In der Kirche des Mittelalters, in der katholischen Kirche überhaupt“, sagte er 1826 in einer Vorlesung, „ist die Hostie auch als äußerliches Ding verehrt, so dass, wenn eine Maus eine Hostie gefressen hat, die Maus zu verehren ist und ihre Exkremente.“ Die Äußerung erregte Skandal; der Kaplan der katholischen Hedwigkathedrale in Berlin beschwerte sich beim preußischen Kultusminister. Doch der Satz war in der Welt. Hegel, der größte Philosoph seiner Zeit und für weite Teile des deutschen Protestantismus damals so etwas wie ein moderner Kirchenvater, hatte die katholische Lehre vom Abendmahlssakrament für eine Form der Verdinglichung, ja des magischen Aberglaubens erklärt. > mehr


 
Weltereignis in einer Kleinstadt
Eine Ausstellung zum Konstanzer Konzil vor 600 Jahren


Honoré de Balzac machte sie zur Hauptfigur einer Erzählung, Lovis Corinth bannte sie auf die Leinwand, der Komponist Franco Alfano stellte sie auf die Opernbühne. Seit 1993 steht die "schöne Imperia", die "Geliebte von Kardinälen, Würdenträgern, Fürsten und Markgrafen", wie Balzac sie nannte, sogar als neun Meter hohe Statue des Bildhauers Peter Lenk am Hafen von Konstanz. Dass eine Kurtisane dieses Namens im Konstanz des frühen 15. Jahrhunderts gar nicht belegt ist - was tut's. Im Gedächtnis der Nachwelt prägt sie das Bild des XVI. Ökumenischen Konzils, das am 5. Oktober 1414, vor beinahe 600 Jahren, in der Stadt am Bodensee eröffnet wurde. Vier Jahre lang war Konstanz mit diesem Konzil ein Zentrum der europäischen Politik. Im Vorfeld des Jubiläums zeigt das Badische Landesmuseum Karlsruhe vom 27. April 2014 an in Konstanz im sogenannten "Konzilsgebäude" eine große Ausstellung "Das Konstanzer Konzil 1414 bis 1418. Weltereignis des Mittelalters".  > mehr




"Der Herr kennt die Seinen!"
Vor 800 Jahren massakrierten Kreuzfahrer sämtliche Einwohner der südfranzösischen Stadt Béziers

"Tötet sie! Der Herr kennt die Seinen!" Durch diese beiden Sätze hat sich das Ereignis der Nachwelt ins Gedächtnis eingebrannt. Bei der Belagerung von Béziers in Südfrankreich hatten die Soldaten des "Kreuzzugs" gegen die Albigenser ihren geistlichen Beistand gefragt, wie sie die Rechtgläubigen von den verhassten Ketzern unterscheiden könnten. Entsprechend der geistlichen Weisung wurde kein einziger der fast 20.000 Einwohner von dem Massaker verschont. > mehr





Mit religiöser Inbrunst in die Sklaverei
Vor 800 Jahren brachen Zehntausende Jugendliche zum "Kinderkreuzzug" auf

An einem Maitag des Jahres 1212, kurz nach Pfingsten, erschien am Hof des französischen Königs Philippe Auguste in Saint-Denis bei Paris ein etwa zwölfjähriger Hirtenknabe, der Stephan hieß und aus der kleinen Stadt Cloyes bei Orléans stammte. Er behauptete, Christus sei ihm in Gestalt eines armen Pilgers erschienen und habe ihm einen Brief an den König mitgegeben. Am Portal der Abteikirche predigte der Knabe, er werde einen Zug von Kindern übers Meer führen, um das Heilige Land von den Ungläubigen zu befreien. In den folgenden Wochen zogen Zehntausende von Jugendlichen an die Mittelmeerküste und begehrten Überfahrt. > mehr




Als Rom an der Rhone lag
Vor 700 Jahren begann die "babylonische Gefangenschaft" der Kirche in Avignon

Will man dem Dichter Petrarca glauben, war der päpstliche Hof zu Avignon im 14. Jahrhundert ein Pfuhl der Sittenlosigkeit. "Diese Stadt ist eine Abfallgrube, in der sich aller Unrat der Welt sammelt. Man verachtet Gott und betet statt dessen das Geld an." In der offiziellen Geschichtsschreibung des Vatikans rangiert die Avignoneser Zeit der Päpste, die am 9. März 1309 mit dem Einzug von Clemens V. in die Rhonestadt begann, bis heute als eine "babylonische Gefangenschaft" der Kirche. Andererseits wurden in Avignon die Grundlagen für das Verwaltungs- und Finanzsystem gelegt, vom dem die katholische Kirche bis heute lebt. > mehr




Avignon - der Weg zum päpstlichen Absolutismus
Berliner Nachwuchswissenschaftler zeichnet neues Bild von Papst Clemens VI.

Provence-Reisende werden sich an den Namen erinnern: Papst Clemens VI., der Erbauer des Neuen Palastes in Avignon. Vor allem durch Petrarca, der die päpstliche Residenz an der Rhone als Sündenbabel gegeißelt hatte, ist Clemens in Verruf geraten. Vielleicht zu Unrecht – ein Nachwuchswissenschafter an der FU Berlin hat diesen Papst jetzt als bedeutenden Politiker wiederentdeckt. Sein Pontifikat war ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum päpstlichen Absolutismus. > mehr




Riesengroße Hirsche vor dem Pflug und Heiligenzähne aus den Meeestiefen
Ein neuer Sammelband mttelalterlicher Mirakelberichte

"Sie rissen das Behältnis aus dem Grab, in dem die heiligsten Reliquien Martins aufbewahrt wurden, und stellten es auf dem Stadttor auf ... Die Dänen ergriff heftiges Staunen, eine unerträgliche Scheu, der Wahnsinn ... Also begriffen die Bewohner, dass Christus auf Martins Bitte hin ihre Rettung war, und machten einen Ausfall, verfolgten die Feinde, von denen sie insgesamt beinahe neunhundert töteten ..." Der Bischof Radbod von Utrecht Anfang des 9. Jahrhunderts über die wunderbare Rettung der Stadt Tour vor den Normannen im Sommer 903. In der "Freiherr-vom-Stein-Gedächtnisausgabe" ist jetzt ein Quellenband mit Mirakelberichten des frühen und hohen Mittelalters herausgekommen. > mehr




Die Sünden der Bildung und des Geldes
Der französische Mediävist Le Goff sucht nach dem historischen Franz von Assisi

Zweifellos der populärste Heilige, den die katholische Kirche zu bieten hat, attraktiv auch für Menschen, die der Kirche fern stehen: Franz von Assisi. Dabei wurde der Heilige schon zu Lebzeiten von Legenden überwuchert und seine Gründung, der Franziskanerorden, hat eine ganz andere Richtung genommen als vom Urheber gewollt. Der französische Mediävist Jacques Le Goff hat sich bemüht, dem historischen Franziskus auf die Spur zu kommen. > mehr




"... wurde der Welt eine Sonne geboren"
Ausstellung in Paderborn über den hl. Franz von Assisi und den Franziskanerorden

„Du bist kein Mann von schöner Gestalt, kein Mann der Wissenschaft, du bist kein Adliger. Wie kommt es, dass gerade dir die ganze Welt nachläuft, anscheinend jedermann dich zu sehen und zu hören und dir zu gehorchen begehrt?“ So formulierte jene Legendensammlung, die unter dem Titel „Blümlein des hl. Franziskus“ in die Weltliteratur eingegangen ist, eine Frage, die bis heute aktuell geblieben ist: Was macht die Faszination aus, die Franz von Assisi seit fast acht Jahrhunderten ausübt? Eine Faszination, die selbst abseits der katholischen Kirche wirkt, auf Gläubige wie Ungläubige, Fromme wie Unfromme. Eine Ausstellung in Paderborn geht jetzt den Spuren des Franziskus und seiner Gründung, des Franziskanerordens, nach. > mehr




Wie das Christentum sich mit den Bankgeschäften versöhnte
Eine Geschichte des Geldes im Mittelalter

„Wer weiß nicht, dass Betrug, Diebstahl, Raub, Streit, Tumult, Beleidigung, Empörung, Totschlag, Verrat und Giftmord aussterben würden, wenn das Geld erwürgt wäre?“ schrieb Thomas Morus 1516 in seiner „Utopia“, „Kein so schmählich Übel, wie des Geldes Wert, erwuchs den Menschen“, hatte beinahe zwei Jahrtausende zuvor Sophokles in seiner „Antigone“ gedichtet. Womöglich noch ausgeprägter als in Antike und früher Neuzeit war die Verurteilung des Geldes – im Grunde sogar des weltlichen Besitzes ganz allgemein, vor allem aber des in Gold und Silber gemünzten Geldes – im Mittelalter. Der französische Historiker Jacques Le Goff hat jetzt eine Geschichte des Geldes im Mittelalter vorgelegt. > mehr




Vom Maler Lukas zum Priester Raffael
Als die Bilder noch verehrt wurden - und manchmal in den Krieg zogen

Der byzantinische Krieg gegen die Normannen im Jahre 1107 stand unter einem unguten Stern. Kaiser Alexios verließ die Stadt voll Unruhe: Das Madonnenbild in der Blachernen-Kirche, wo der Mantel Mariens aufbewahrt wurde, hatte das übliche Wunder verweigert. Sonst pflegte sich während der Freitagsvesper der Vorhang vor der Ikone von selbst zu heben ... Wir blicken zurück auf die Zeit, wo Bilder nicht "bloß" Kunst waren. > mehr




Blinde-Kuh-Spiele und ein frommes "Iah!"
Komik am Rande der Blasphemie - ein Blick ins Mittelalter

Die Teilnehmer setzten sich Masken auf, schrien "Iah!", tanzten ausgelassen herum und spielten Ball, sangen unzüchtige Lieder, verspeisten Würste und spielten Karten, verbrannten dazu Exkremente und Schuhsohlen ... Das alles im Kirchenraum unmittelbar vor dem Altar, beim Eselsfest kurz nach Weihnachten. Ein Graduiertenkolleg an der Universität Münster hat sich der Frage angenommen, wie solche komischen Handlungen mitten im frommen Mittelalter zu verstehen sind. > mehr




Esel in der Kirche, Narrenspiele am Altar
Ende Dezember, Anfang Januar - ein Blick in den mittelalterlichen Festkalender

Die Geistlichen setzen sich zum Gottesdienst Masken auf, tanzen verkleidet im Chorgestühl herum, spielen im Kirchenschiff Ball und auf dem Altar mit Würfeln und Karten ... Der Einfall eines Regisseurs, der versucht, das kirchliche Establishment aus der Fassung und die Öffentlichkeit zur Aufmerksamkeit zu bringen? Im Mittelalter wurde in den Tagen zwischen Weihnachten und Dreikönige ein Fest gefeiert, bei dem gerade ein solches Ritual vorgesehen war: das "Narren"- oder Eselsfest. > mehr




Das Gelächter der Inquisitoren - und das komische Evangelium des Rabelais
Ein neuer Sammelband über das Lachen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit

"In einem Theater geschah es, dass die Kulissen Feuer fingen. Hanswurst erschien, um das Publikum davon zu unterrichten. Man glaubte, es sei ein Witz, und applaudierte." Die Anekdote (aus Kierkegaards "Entweder - Oder") zeigt: Wenn es um "Lachgemeinschaften" geht, muss das nicht immer nur komisch sein. Und über große Distanzen hinweg gilt ohnehin: Was komisch ist, lässt sich nicht kulturunabhängig klären. Ein neuer Sammelband befasst sich mit "kulturellen Inszenierungen und sozialen Wirkungen von Gelächter im Mittelalter und in der frühen Neuzeit".  > mehr 



Von der Pornographie zur Mystik
Eine Geschichte der Sinnlichkeit im Mittelalter

Pornographie im hohen Mittelalter – kann es das gegeben haben? wolle, soll er geantwortet haben: "Mein Herr, ich bin Historiker, nicht Theologe!" Pornographie in einer Zeit, in der Religion und Theologie – jedenfalls nach gängigem Urteil heute – eine beherrschende Stellung einnahmen? Aber ja doch, im Frankreich des 12. und 13. Jahrhunderts waren erotische Erzählungen – oder vielmehr: Erzählungen mit unverhüllt sexuellem Inhalt – eine beliebte Lektüre. Der Historiker Jean Verdon, Emeritus der Université de Limoges, bringt in seinem jetzt auf Deutsch erschienenen Buch über "Liebe, Sex und Sinnlichkeit im Mittelalter" einige Beispiele, die an Detailfreude nichts zu wünschen übrig lassen. > mehr
 

 



Die Prediger warnten: Reichtum gefährdet das Seelenheil ...
Die Sozialfürsorge in vormodernen Zeiten

Im Mittelalter und bis in die frühe Neuzeit hinein gehörte Armut ganz selbstverständlich zum Leben der unteren Bevölkerungsschichten, Sozialstaat und Sozialpolitik waren noch nicht "erfunden". Die Kirche sah es jedoch als ihre Aufgabe an, auch weltliche Güter umzuverteilen - solange bis im 15., 16. Jahrhundert der Gedanke aufkam, eher Arbeitszwang anzuwenden als mildtätige Almosen.  > mehr