Dossier
Christentum in der Moderne

 

"Was die Menschheit benötigt, ist die Inquisition"
Ein Rückblick auf den Modernismustreit in der katholischen Kirche vor hundert Jahren

„Modernismus“ – heutzutage denken dabei viele Leser vermutlich eher an eine Kunstepoche, den Jugendstil. Aber um 1900 war „Modernismus“ in der katholischen Kirche ein Sammelwort für alle Phänomene des modernen Denkens, die – zu Recht oder zu Unrecht – als Bedrohung wahrgenommen wurden, von Demokratie und Liberalismus über idealistische und materialistische Richtungen der Philosophie bis zum Fortschrittsglauben der Zeit und zum weltanschaulichen Pluralismus. Im September 1910 forderte ein päpstliches Dekret allen Geistlichen den sogenannten "Antimodernisteneid" ab. Ein Münchner Theologieprofessor hat einen Rückblick auf diesen Modernismusstreit vorgelegt. > mehr



Mit den Schlägen eines goldenen Hammers
Am 8. Dezember eröffnet Papst Franziskus ein Heiliges Jahr

„Alle Jubeljahre“ sagen wir zu Ereignissen, die man mit Glück vielleicht ein- oder zweimal im Leben mitbekommt – oder auch gar nicht. Eigentlich müsste es „Jobeljahre“ heißen, mit „o“. Im Hebräischen bezeichnet das Wort „jobel“ den Widder und dann auch sein Horn, das man gern als Blasinstrument nutzte. Mit dem Blasen des Widderhorns (auch „Schofar“ genannt) wurden im alten Israel – und werden im Judentum bis heute – besondere Ereignisse angekündigt. „Du sollst siebenmal sieben Jahre zählen“, befiehlt das 3. Buch Mose, „im siebten Monat, am zehnten Tag des Monats sollst du das Signalhorn ertönen lassen … Erklärt dieses fünfzigste Jahr für heilig!“ Wegen der Eröffnung durch das posaunenähnliche Instrument wurde dieses „heilige Jahr“ auch „Jobeljahr“ genannt. > mehr



Philosoph und Theologe, Arzt und Organist
Vor 50 Jahren starb Albert Schweitzer


Für Albert Schweitzers Freunde und Bekannte muss es eine große Überraschung gewesen sein. Im Herbst 1905 teilte ihnen der 28-jährige mit, er werde nun ein Studium der Medizin aufnehmen. Der Spross einer elsässischen Pfarrersfamilie konnte bereits zwei Doktortitel in Philosophie und Theologie vorweisen, er war auch ein anerkannter Orgelspieler. Und nun nochmals ein Neuanfang? Die Überraschung wurde noch größer, weil der junge Wissenschaftler auch gleich seine Zukunftspläne offenlegte. Er wolle eine vielversprechende akademische Laufbahn aufgeben, um später einmal, so seine eigenen Worte, „den Eingeborenen der Gegend von Lambaréné im westlichen Äquatorialafrika als Arzt zu dienen“. > mehr




"Seiner Rasse nach war Jesus Arier"
Entwürfe "arteigener" Religion vom Kaiserreich bis zum Zweiten Weltkrieg

Der Vorgang ist als „Sportpalastskandal“ in die Geschichte eingegangen. Am 12. November 1933 (am Tag zuvor hatte sich das nationalsozialistische Regime in einer „Reichstagswahl“ mit Einheitsliste plebiszitär bestätigen lassen) veranstalteten die „Deutschen Christen“ im Berliner Sportpalast eine Großkundgebung. Der Hauptredner Reinhold Krause, Berliner Gauobmann des „Bundes für deutsche Kirche“, forderte, „aus dem Geiste Martin Luthers“ eine neue „deutsche Volkskirche“ zu errichten; Basis müssten „eine heldische Frömmigkeit“ und „ein artgemäßes Christentum“ sein. Erster Schritt: die Streichung des Alten Testaments und die Aussonderung aller jüdischen Elemente aus dem Neuen. „Wir werden erleben, wie eng sich dann die Verwandtschaft des nordischen deutschen Geistes mit dem heldischen Jesusgeist zeigt.“ Bei der Veranstaltung selbst fand Krause keinen Widerspruch; aber in den folgenden Tagen und Wochen wurden die Deutschen Christen von Austrittserklärungen überflutet. Die Forderung, in den Text der Bibel einzugreifen, ging auch vielen ansonsten nationalsozialistisch und antisemitisch gesinnten Kirchenmitgliedern zu weit. Hitler, stellt der Hannoveraner Religionswissenschaftler Jörn Meyers fest, musste einsehen, dass eine solche Gleichschaltung nicht realisierbar war. Jedenfalls vorläufig nicht, vor dem geplanten Krieg.> mehr

 



"Aggiornamento" - die katholische Kirche suchte ihren Weg in die Moderne
Vor 50 Jahren eröffnete Johannes XXIII. das II. Vatikanum


„Mein lieber Freund, glaubst du wirklich, die Menschen seien zu irgendetwas Gutem in der Welt fähig? Das einzige, was diese Menschheit dringend benötigt, ist die Inquisition!“ Der Satz soll tatsächlich gesprochen worden sein. Er stammt von dem Professor für Kirchengeschichte am Seminarium Romanum, Umberto Benigni. Und Benigni saß im Zentrum kirchlicher Autorität. 1906 wurde er zum Unterstaatssekretär im Vatikan berufen und gründete eine Art Geheimdienst, das „Sodalitium Pianum“, das mit Denunziationen und Pressekampagnen gegen Abweichler vorging. 1910 wurde die Abwehr der Moderne kirchenamtlich im „Antimodernisteneid“ formalisiert: Alle Anwärter für das Priesteramt mussten beschwören, der Glaube bedeute „die wahrhafte Zustimmung unseres Verstandes zu einer Wahrheit“. Am 11. Oktober 1962, vor 50 Jahren, machte sich das II. Vatikanische Konzil daran, einiges an der katholischen Wahrheit neu zu formulieren. > mehr



Warten auf den großen Wandel
Zwischen Albert Schweitzer und Carl Schmitt - eschatologisches Denken im 20. Jahrhundert1

892 trat der Göttinger Theologe Johannes Weiß mit der These vor die Fachwelt, Jesus habe keineswegs auf eine immer und überall gleich geltende Ethik hinausgewollt, sondern ein aktuell bevorstehendes Ereignis im Sinn gehabt, ein Ende oder eine Verwandlung der Welt durch göttliches Eingreifen. Laienhaft zusammengefasst: Zwei Jahrtausende christlich-abendländischer Glaubens- und Moralentwicklung waren auf einer historisch irrigen Grundlage aufgebaut. Ein Würzburger Forscher hat dem Widerhall dieser Entdeckung nachgespürt - in Theologie, Kulturphilosophie und politischer Theorie des 20. Jahrhunderts. > mehr



Fromm gekämpft und fromm belogen
"Christian Right" in den USA - Einblick in eine fremde Welt

Amerika ist anders, das lässt schon ein Blick auf die Dollarscheine ahnen mit ihrer Aufschrift "In God we Trust". Offenkundig hat dieses Anderssein in den letzten Jahren eine neue Dimension erreicht. Eine junge Politikwissenschaftlerin aus Wien befasst sich mit einer für Europäer höchst verstörenden Wählerbewegung in den USA, der "Christlichen Rechten". Im Zentrum der Arbeit stehen die Begründungen für das außenpolitische Abenteuer der Regierung Bush, den Krieg im Irak. > mehr



Urchristentum in der Gegenwart
Christlicher Fundamentalismus hierzulande

Die Welt wandelt sich und Glaubensbekenntnisse wandeln sich mit ihr - oder auch nicht. Dass manche Gruppen in der islamischen Welt entschlossen sind, ihre Interpretation des wahren Glaubens gegen alle modernisierenden Versuchungen durchzuhalten, ist der westlichen Welt schmerzlich bewusst geworden. Ursprünglich stammt das Schlagwort "Fundamentalismus" aber aus einem christlichen Umfeld, aus den USA. Gemeinden, die versuchen, das Urchristentum, wie sie es verstehen, in der Welt von heute beizubehalten, gibt es aber auch hierzulande, wie Religionswissenschaftler der FU Berlin herausfanden. > mehr



Vernünftige Gründe, ohne Modenschau
Neuer Versuch einer philosophischen Gotteslehre

Eine "Theologie für Recht- und Andersgläubige, Agnostiker und Atheisten" hat ein Berliner Philosoph und Politikwissenschaftler herausgebracht - Argumente von den Propheten des Alten Testaments über Mohammed bis zu Benedikt XVI., weiland Kardinal Ratzinger. Ein Versuch, der alten Leitwissenschaft Theologie in einer Zeit, wo alle Welt vom religiösen Revival spricht, wieder zu ihrem Recht zu verhelfen. > mehr