Scharlatanerie, Satansanbetung oder echte Religosität?
Ein Blick auf die neureligiöse Szene der Gegenwart

Im Februar 1977 erschien der 30-jährigen Judith Darlene Hampton in Tacoma, Washington, "ein mehr als zwei Meter großes Wesen und sagte: ‚Geliebte Frau, ich bin Ramtha, der Erleuchtete, und ich bin gekommen, um dir über den Graben zu helfen. Man nennt ihn den Graben der Begrenzung.'" Inzwischen betreibt sie auf ihrer Ranch eine „Ramtha's School of Enlightenment”; Jahr für Jahr werden Ramthas Offenbarungen an etwa 6.000 Schüler vermittelt, Teilnahmegebühr: 1.350 Dollar. Die Geburt einer neuen Religion? Oder eine psychopathologische Störung? Oder schlicht Scharlatanerie und Betrug? Zwei Religionswissenschaftler haben einen Überblick über die "neureligiöse" Szene der Gegenwart vorgelegt. > mehr




Eine Wiederkehr der Religionen?
Die Säkularisierungsthese auf dem Prüfstand


Der rasante Aufstieg der radikal-sunnitischen Bewegung „Islamischer Staat“ in Syrien und Irak hat es uns wieder drastisch vor Augen geführt: Die Trennung von Religion und Staat, wie sie sich in den westlichen Ländern eingespielt hat (ob nun radikal durchgeführt wie in Frankreich, ob mehr auf Kooperation angelegt wie in Deutschland), ist keineswegs selbstverständlich. Hat Europa, universalhistorisch betrachtet, da womöglich einen „Sonderweg“ eingeschlagen? „Traditional religions went public“, schrieb der spanisch-amerikanische Religionssoziologe José Casanova in einer Studie 1994 und berief sich auf so unterschiedliche Phänomene wie die islamische Revolution im Iran 1979, die katholisch geprägte Gewerkschaft Solidarność, die dem kommunistischen Regime in Polen von 1980 an einen zähen und am Ende erfolgreichen Widerstand entgegensetzte, die Rolle der katholischen Kirche im Kampf gegen Militärdiktaturen Lateinamerikas oder die Mobilisierung eines protestantischen Fundamentalismus in den Präsidentschaftswahlen der USA. > mehr



Eine Self-fulfilling Prophecy?
Der lange Abschied von der Säkularisierungsthese


„Kunstdünger schafft Atheisten“, sagt ein holländisches Sprichwort. Soll heißen: Der wissenschaftliche Fortschritt hat für viele Fragen, die wir an die Natur stellen, plausible Antworten gefunden; damit scheinen die Religionen in der modernen Welt auf dem Rückzug zu sein. Aber seit etwa zwei Jahrzehnten häufen sich auf dem Büchermarkt Titel wie „Die Wiederkehr der Religionen“. Der Philosoph Matthias Lutz-Bachmann von der Universität Frankfurt am Main hat jetzt einen Sammelband mit Beiträgen zum Thema „Postsäkularismus“ herausgebracht. > mehr



"Seiner Rasse nach war Jesus Arier"
Entwürfe "arteigener" Religion vom Kaiserreich bis zum Zweiten Weltkrieg

Der Vorgang ist als „Sportpalastskandal“ in die Geschichte eingegangen. Am 12. November 1933 (am Tag zuvor hatte sich das nationalsozialistische Regime in einer „Reichstagswahl“ mit Einheitsliste plebiszitär bestätigen lassen) veranstalteten die „Deutschen Christen“ im Berliner Sportpalast eine Großkundgebung. Der Hauptredner Reinhold Krause, Berliner Gauobmann des „Bundes für deutsche Kirche“, forderte, „aus dem Geiste Martin Luthers“ eine neue „deutsche Volkskirche“ zu errichten; Basis müssten „eine heldische Frömmigkeit“ und „ein artgemäßes Christentum“ sein. Erster Schritt: die Streichung des Alten Testaments und die Aussonderung aller jüdischen Elemente aus dem Neuen. „Wir werden erleben, wie eng sich dann die Verwandtschaft des nordischen deutschen Geistes mit dem heldischen Jesusgeist zeigt.“ Bei der Veranstaltung selbst fand Krause keinen Widerspruch; aber in den folgenden Tagen und Wochen wurden die Deutschen Christen von Austrittserklärungen überflutet. Die Forderung, in den Text der Bibel einzugreifen, ging auch vielen ansonsten nationalsozialistisch und antisemitisch gesinnten Kirchenmitgliedern zu weit. Hitler, stellt der Hannoveraner Religionswissenschaftler Jörn Meyers fest, musste einsehen, dass eine solche Gleichschaltung nicht realisierbar war. Jedenfalls vorläufig nicht, vor dem geplanten Krieg.> mehr

 



"Man war auf diesen Besuch nicht vorbereitet"
Messianismus und Messianisches in der säkularen Welt

„Nur noch ein Gott kann uns retten“, sagte Martin Heidegger 1966 in einem Interview mit dem „Spiegel“.. Kein „bloß menschliches Sinnen und Trachten“, auch nicht die Philosophie, könne eine „unmittelbare Veränderung des jetzigen Weltzustandes bewirken“. „Uns bleibt die einzige Möglichkeit, im Denken und Dichten eine Bereitschaft vorzubereiten für die Erscheinung des Gottes oder für die Abwesenheit des Gottes im Untergang.“ Dunkel raunende Sätze ... Man kann nur spekulieren, was alles der Philosoph hineinpacken wollte. Inzwischen, stellt die Berliner Religionsphilosophin Gesine Palmer fest, ist auch der religiöse Ton in Heideggers Interview, der damals höchst unpopulär wirkte, quasi wieder modern geworden: Nicht nur im islamischen Bereich scheinen die Religionen auf die politischen Schauplätze zurückgekehrt zu sein. Die Forschunsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft in Heidelberg hat jetzt einen Symposions-Sammelband über das „Messianischen“ in der Gegenwart, über einen „Messianismus ohne Messias“ herausgebracht. > mehr

 



Was geglaubt wird - heutzutage, hierzulande
Neuveröffentlichung zu einem schwierigen Forschungszweig

"Die Geographie der Religionen ist der schwerste und heikelste Teil geographischer Betrachtung", schrieb ein Klassiker der geographischen Wissenschaft, Alfred Hettner, 1931. Wir besprechen die Arbeit eines Heidelberger Geographen über "Religion in der postkonfessionellen Gesellschaft", mit verblüffenden Erkenntnissen über einen Zusammenhang zwischen religiösem Bekenntnis und Astrologiegläubigkeit. > mehr




Ein gewisser Energiefluss
Die Verbreitung alternativer Spiritualitäten in der religiösen Szene der Gegenwart
 
 Nachdem Jürgen Klinsmann im Juli 2008 als Trainer von Bayern München verpflichtet worden war, ließ er auf dem Trainingsgelände vier Buddhastatuen aufstellen, die dem Spiel seiner Mannschaft einen „gewissen Energiefluss“ verleihen sollten. Viel geholfen hat es anscheinend nicht; bereits im April 2009 war es mit Klinsmanns Engagement in München wieder vorbei. Ein „gewisser Energiefluss“ ... „Spiritualität“ nennt man so etwas mit einem der Modewörter unserer Zeit – die Annahme, dass es jenseits von Materialismus und Rationalität noch etwas „Anderes“ gibt, das unserem Leben Orientierung geben kann, ohne dass dieser „Glauben“ nach Art der christlichen Kirchen irgendwie zu organisieren wäre; statt dessen nehmen die „Gläubigen“ gern Anleihen etwa bei den Religionen des Fernen Ostens. Der Düsseldorfer Religionssoziologe Pascal Siegers hat diese „alternativen Spiritualitäten“ jetzt einer empirischen Untersuchung unterzogen.  > mehr





Doch keine guten Aussichten für die Kirchen
Was Bertelsmanns "Religionsmonitor" auf den zweiten Blick verrät

Glaube und Religiosität seien in Mitteleuropa viel stärker verbreitet, als oft angenommen, 70 bis 80 Prozent aller Einwohner könnten als "religiös" eingestuft werden, um die 20 Prozent sogar als "hochreligiös". So vermeldeten es letzten Dezember alle großen Tageszeitungen als Ergebnis des "Religionsmonitors", den die Bertelsmann-Stiftung herausgegeben und in einer kurzen Pressemitteilung zusammengefasst hatte. Die Vertreter der hierzulande eingesessenen Religionsgemeinschaften fühlten sich bestätigt: Der vielbeschworene Konnex von Aufklärung und Unglauben sei endlich aufgebrochen. Inzwischen war Zeit, die Studie selbst zu lesen - und daraus ergibt sich ein ganz anderes Bild. > mehr



Woher und wohin oder die Löcher im Käse
Zwischen Desinteresse und philosophischer Reflexion - Areligiosität heute

Die leeren Kirchenbänke - außer allenfalls zu Weihnachten und zu Ostern und natürlich bei den großen "Events" - sprechen für sich. Ob diesem Rückgang an Kirchlichkeit zugleich ein Rückgang von Religiosität entspricht oder ob Religion sich bloß privatisiert hat, "unsichtbar" geworden ist, bildet unter Religionssoziologen eine heiß umkämpfte Streitfrage. Eine Ringvorlesung an der Freien Universität Berlin hat sich der "Religiosität" der Areligiösen angenommen. > mehr




Nach Begriffen unserer Vernunft
Der neue Aufsatzband von Jürgen Habermas: "Zwischen Naturalismus und Religion"

"Zwei gegenläufige Tendenzen kennzeichnen die geistige Situation der Zeit – die Ausbreitung naturalistischer Weltbilder und der wachsende Einfluss religiöser Orthodoxien." Jürgen Habermas in der Einleitung zu seinem neuen Aufsatzband "Zwischen Naturalismus und Religion". Habermas, der "religiös unmusikalische" Mensch, befasst sich mit dem Thema "Religion", bereits 2001 in seiner Friedenspreisrede, dann 2004 in einer öffentlichen Diskussion mit Kardinal Ratzinger ... Wir bringen eine Rezension des Bandes. > mehr




Fromme Hessen, kirchenferne Thüringer?
An der Ruhr-Universität Bochum wurde ein "Datenatlas zur religiösen Geographie" erarbeitet

Karten, Diagramme und Statistiken haben etwas Anregendes – aber bei der Interpretation gilt es, verteufelt vorsichtig zu sein. Zum Beispiel eine Karte zur Beteiligung deutscher Protestanten am Abendmahl im Jahre 1910, aufgeschlüsselt nach Regionen. Für das ehemalige Kurfürstentum Hessen sind Zahlen weit über, für die thüringischen Staaten weit unter 50 % ausgewiesen. Beinahe könnte man glauben, die Grenze zwischen BRD und DDR wiederzuerkennen . > mehr




Sinnangebote in freier Kombination
Mehr als 360 religiöse Gemeinschaften in Berlin

Trotz all dessen, was seit Jahrzehnten als "Säkularisierung" beschworen wird: Der Prozess der Entstehung neuer Religionen ist offenbar keineswegs abgeschlossen. Allein in der Bundeshauptstadt haben Religionswissenschafter der Freien Universität mehr als 360 neue Bekenntnisse ausgemacht, christliche wie nicht-christliche. > mehr




Mit Karten und Kerzen zu Gesundheit und Erfolg
Magisches in der Religiosität unserer Gegenwart

Hand aufs Herz: Benutzen Sie schützende Amulette? wirkkräftige Spruchformeln? oder setzen Ihre Hoffnung womöglich in zaubermächtige Liebestränke? Magische Bräuche sind in unserer modernen, angeblich doch durch und durch "rationalen" Gesellschaft viel mehr verbreitet, als wir uns selbst eingestehen möchten. Allein in der Bundeshauptstadt soll es mehr als 300 praktizierende Hexer und Hexen geben, eine eigene "Hexenschule" - vorläufig noch ohne staatliche Anerkennung - bietet Kurse an, in denen sich mittels Karten oder Kerzen der Zugang zu Gesundheit und Erfolg öffnen lässt. Modernität und Magie schließen einander keineswegs aus, weder technisch noch betriebswirtschaftlich: Man wirbt übers Internet und nimmt Gebühren. > mehr




Kräuterheilkunde und paramilitärische Übungen
Ein Blick in die Szene des "Neuheidentums"

Dass jemand vom Christentum zum Islam oder zum Buddhismus übertritt, kommt in einer weltanschaulich pluralistischen Gesellschaft vor. Dass Menschen von heute zum alten Germanentum "konvertieren“, ist schwerer vorstellbar, aber gelegentlich wohl ebenfalls Realität. Wir blicken auf eine Szene im Halbdunkel zwischen authentischer Religion und Folklore, mit fließendem Übergang zu völkischen und rassistischen Ideologien. > mehr




Unbehagen in der Moderne, Ruf nach der Vorzeit
Ein Politologe über das "Heidentum" der Neuen Rechten

"Sollten alle Menschen Brüder sein, dann kann keiner es wirklich sein. Die Einführung einer symbolischen umfassenden Vaterschaft vernichtet die Möglichkeit einer wirklichen Brüderschaft." So der Vordenker der französischen Nouvelle Droite, Alain de Benoist. Ein junger Politikwissenschaftler an der FU Berlin hat das Neuheidentum der Neuen Rechten unter die Lupe genommen. > mehr




Kirche, Konzern, Verschwörung?
Versuch einer Einschätzung von Scientology

Scientology stelle die Menschenrechte in Frage, es handele sich um eine verfassungsfeindliche Organisation. Mit dieser Begründung beauftragten die deutschen Innenminister Anfang Dezember 2007 die Verfassungsschutzbehörden, die nötigen Informationen für ein Verbot zu sammeln. Aber was ist Scientology eigentlich? Eine Religion oder Kirche, wie die Selbstdarstellung möchte? ein gewinnorientiertes Wirtschaftsunternehmen? eine politische Organisation, die sich gegen die freiheitliche Demokratie richtet? Oder von alledem etwas? > mehr