Heilige Menschen

 

Von den Märtyrern bis Lambarene
Vorbilder gestern und heute - aus historischer, theologischer und pädagogischer Sicht

„Kinder braucht man nicht zu erziehen“, soll der Komiker Karl Valentin einmal gesagt haben, „sie machen einem sowieso alles nach.“ Ganz Unrecht habe er damit nicht, bestätigen die Erziehungswissenschaftler: Jugendliche orientieren sich mehr an lebenden Modellen als an abstrakten Idealen. Forscher des Instituts für Evangelische Theologie an der Universität Regensburg haben jetzt die Funktion der Heiligen als Vorbilder aus verschiedenen Blickrichtungen analysiert – historisch, dogmatisch und nicht zuletzt eben auch pädagogisch. > mehr




Mit dem religiösen Gen geboren?
Diskussionen über den "homo religiosus"


Über all den politischen und wirtschaftlichen Fragen, die das Ende der DDR und ihre Integration in die Bundesrepublik Deutschland vor einem Vierteljahrhundert mit sich brachten, ist beinahe untergegangen, dass die beiden Teile Deutschlands sich auch religiös sehr unterschiedlich entwickelt hatten und bis heute sehr unterschiedlich sind. In den „neuen“ Bundesländern bekennen sich weniger als 50 Prozent der Einwohner zu einer Religion oder Konfession, weder zum Katholizismus noch zu einer der protestantischen Kirchen, auch nicht zu den „Sonstigen“. Hoffnungen der christlichen Kirchen, das Rad nach Jahrzehnten atheistischer Propaganda im „real existierenden“ Sozialismus wieder zurückdrehen zu können, blieben bislang unerfüllt. Hatte der Theologe Friedrich Daniel Schleiermacher womöglich Unrecht, als er 1799 in seinen Reden „Über die Religion“ behauptete, der Mensch werde „mit der religiösen Anlage geboren“, und wenn dieser Sinn nicht gewaltsam unterdrückt würde, dann müsste er sich auch entwickeln? > mehr




"Maria, Maienkönigin, dich will der Mai begrüßen"
Der Mai als Marienmonat


Kaiser Nero gab dem fünften Monat des Jahres den Namen seiner Dynastie, „Claudius“, einer seiner Nachfolger, Commodus, wählte seinen Vornamen: „Lucius“. Durchgesetzt hat sich weder das eine noch das andere. Gleich nach dem Tod der Kaiser kehrte der römische Senat wieder zu der alten Frühlingsgöttin Maja als Namensgeberin zurück, schließlich wurden ihr seit Urzeiten am 1. Tag dieses Monats Opfer dargebracht. Etymologisch hängt der Name der Göttin wahrscheinlich mit dem lateinischen Wort „magis“, mehr, zusammen – Maja beschützte das Pflanzenwachstum. Im Laufe der Jahrhunderte vermischte sich ihr Bild mit dem anderer weiblicher Gottheiten. Da liegt natürlich der Gedanke nahe, die christliche Kirche hätte auch in diesem Fall bereits in der Spätantike zu dem Mittel gegriffen, altes heidnisches Brauchtum mit ihren eigenen Inhalten zu überdecken. Im der katholischen Volksfrömmigkeit ist der Mai heute der Marienmonat. > mehr



Wenn Kugelschreiber zu Reliquien werden
Die Suche nach dem Außerordentlichen in der modernen Eventkultur


Das Publikum jubelt und schreit frenetisch, manche brechen in Tränen aus oder fallen in Ohnmacht, nicht nur Blumen fliegen auf die Bühne, auch Unterwäsche und Kuscheltiere. Jemandem, der nicht selbst Fan eines Stars ist, werden solche Vorkommnisse auf einem Popkonzert wohl auf ewig ein Rätsel bleiben. „Charismatiker“ nannte vor hundert Jahren der Soziologe Max Weber Figuren, die andere Menschen auf solche rational schwer nachvollziehbare Weise beeinflussen können; er dachte in der Hauptsache an Politiker und Religionsführer, die große Zeit der Massenmedien war noch nicht gekommen. Die Kultursoziologin Veronika Zink von der Justus-Liebig-Universität Gießen ist das Phänomen nun von der anderen Seite her angegangen, nicht von den Charismatikern selbst, sondern vom „Publikum“ her, das sich ihnen als „Fans“ anschließt. > mehr





Vom Blutopfer zur "kleinen Münze"
Das Martyrium im Wandel der Jahrhunderte


Sören Kierkegaard meinte einmal, Martin Luther habe der reformatorischen Bewegung einigen Schaden dadurch zugefügt, dass er nicht als Märtyrer gestorben sei. Bloß ein schrulliger Einfall des Philosophen? Offenbar haben es Luthers Zeitgenossen nicht viel anders gesehen. In den Würdigungen von protestantischer Seite, die unmittelbar nach seinem Tod erschienen, war das Thema allgegenwärtig: Selbstverständlich wäre Luther bereit gewesen, das Martyrium auf sich zu nehmen – wenn er dazu die Gelegenheit gehabt hätte. Werte, die es wert sind, dafür sein Leben hinzugeben … Ein Gedanke, der in unserer postheroisch gestimmten Zeit eher befremden muss. Heute sei jegliche Selbstaufopferung „in Misskredit geraten“, schreibt der Münsteraner Kirchenhistoriker Arnold Angenendt in einem jetzt erschienen Sammelband über „Formen und Vorstellungen des christlichen Martyriums im Wandel“, es werde „als Aneiferung zu sinnloser Selbstzerstörung denunziert“. > mehr

 

Riesengroße Hirsche vor dem Pflug - und Heiligenzähne aus den Meerestiefen
Ein neuer Sammelband mittelalterlicher Mirakelberichte

"Sie rissen das Behältnis aus dem Grab, in dem die heiligsten Reliquien Martins aufbewahrt wurden, und stellten es auf dem Stadttor auf ... Die Dänen ergriff heftiges Staunen, eine unerträgliche Scheu, der Wahnsinn ... Also begriffen die Bewohner, dass Christus auf Martins Bitte hin ihre Rettung war, und machten einen Ausfall, verfolgten die Feinde, von denen sie insgesamt beinahe neunhundert töteten ..." Der Bischof Radbod von Utrecht Anfang des 9. Jahrhunderts über die wunderbare Rettung der Stadt Tour vor den Normannen im Sommer 903. In der "Freiherr-vom-Stein-Gedächtnisausgabe" ist jetzt ein Quellenband mit Mirakelberichten des frühen und hohen Mittelalters herausgekommen. > mehr





Dogmen, Legenden und ein Missverständnis
150 Jahre nach der "Unbefleckten Empfängnis" - Rückblick auf eine unzeitgemäße Tradition

Kein Zweifel, Papst Pius IX. wollte unzeitgemäß sein, als er vor 150 Jahren das Dogma von der "unbefleckten Empfängnis" Mariens verkündet. Ob er jedoch geahnt hat, welches Missverständniss er damit in Gang setzte? > mehr





Schnatternde Gänse und ein geteilter Mantel
Legende und Brauchtum rund um den Martinstag



Auf Wunsch seines Vaters, der als römischer Offizier in der Provinz Pannonien diente, im heutigen Ungarn, hatte der kleine Martin die militärische Laufbahn eingeschlagen. Im Jahr 357, Martin war neunzehn oder zwanzig Jahre alt, finden wir ihn in Gallien und am Rhein. Unter dem Befehl des Prinzen Julian – jenes Julian, der später auf dem Kaiserthron die Herrschaft des Heidentums im Römischen Reich wiederherzustellen versuchte – kämpfte seine Armeeeinheit gegen germanische Stämme. Aber eines Tages, es soll in der Nähe von Worms gewesen sein, am Vorabend einer großen Schlacht, wandte sich Martin an Julian und bat um Entlassung: Er sei nicht mehr Soldat des Kaisers, sondern Soldat Christi. Einige Jahrzehnte zuvor wäre das der Anfang einer Märtyrergeschichte gewesen. In diesem Fall kam es anders. Als die Armee den Dienstvertrag nicht auflösen wollte, fügte sich Martin; er blieb Soldat, bis seine fünfundzwanzigjährige Dienstzeit abgeleistet war. > mehr




"Um dessentwillen Himmel und Erde entstanden sind"
Vor 1.950 Jahren wurde Jakobus, der Bruder Jesu, hingerichtet

Er war eine der prägenden Gestalten des Urchristentums, der Apostel Paulus nannte ihn neben Petrus und Johannes eine der drei „Säulen“ der Jerusalemer Urgemeinde. Aber er verschwimmt im Halbdunkel der Geschichte, wird auch oft mit einem seiner Namensvettern verwechselt, vor allem den beiden Aposteln Jakobus dem Großen (dem von Compostela in Spanien) und Jakobus dem Kleinen – Jakobus war eben ein Allerweltsname. Viele Exegeten geben ihm den Beinamen des „Herrenbruders“, da er in den Evangelien unter den Geschwistern Jesu genannt wird. 62 nach Christus, also vor 1.950 Jahren, wurde er unter dem Hohenpriester Hannas II. hingerichtet. Als Gedenktag hat sich in den meisten Kirchen der 3. Mai eingebürgert. > mehr




Wie eine Heilige zum Kinderschreck wurde
Im Wirrwarr der Kalenderrechnungen - Sankt Lucia und ihr Festtag am 13. Dezember

„Sankt Lucia kürzt den Tag, soviel sie ihn nur kürzen mag“, sagt eine alte Bauernregel. Aber warum eigentlich soll der 13. Dezember, der Festtag der heiligen Lucia, irgendwie „kürzer“ sein als andere Tage? Der Spruch muss auf das späte Mittelalter zurückgehen. Damals, also vor der Kalenderreform 1582, lag die kürseste Nacht des Jahres tatsächlich vor Mitte Dezember. Nördlich der Alpen wurde das fromme, mildtätige Mädchen aus Syrakus zu einer dunklen Dämonengestalt im Zeichen der Wintersonnenwende. Zum Festtag ein Blick auf Legende und Brauchtum. > mehr





"Wertvoller als Gold"
Die "Weisen aus dem Morgenland", ihre Geschenke und ihre Reliquien

Wenn man den Kölner "Dreikönigsschrein" aufmerksam betrachet, erlebt man eine Überraschung: Es sind nicht drei, sondern gleich vier Könige dargestellt. Der Stifter des Goldes, König Otto IV., hat sich dem Zug angeschlossen ... Wir blicken zurück in 2.000 Jahre Frömmigkeitsgeschichte im Umkreis der "Weisen aus dem Morgenland". > mehr




Schützende Heilige über der Stadt am Rhein
850 Jahre nach Barbarossas Beutezug in Mailand - die Verehrung der Hl. Drei Könige im Kölner Schnütgen-Museum


Die Währungsreform lag noch keine vier Wochen zurück, im nunmehr vereinigten Währungsgebiet der drei Westzonen, das bald als „Trizone“ bezeichnet wurde, gab es vorläufig wenig Anlass zum Feiern. Aber am 15. August 1948 stand in Köln das 700-Jahr-Jubiläum der Grundsteinlegung des gotischen Doms an. Am Rheinufer vor der Kirche St. Maria in Lyskirchen platzierten sich tausende Menschen. Genau an dieser Stelle waren 1164 der Überlieferung zufolge die Reliquien der Heiligen Drei Könige aus Mailand in Köln angekommen und von dort in den alten, vorgotischen Dom überführt worden. In feierlicher Prozession stellten die Kölner 1948 diesen Vorgang nach. Durch die Trümmerlandschaft, die von Hunderttausenden Zuschauern belebt war, wurde der Dreikönigenschrein in den teilweise immer noch zerstörten Dom getragen und hinter dem Hochaltar aufgestellt. Der Kölner Erzbischof Joseph Kardinal Frings wollte seinen Kölnern ein Zeichen der Hoffnung geben – 1164 hatten die Reliquien der Stadt zu einem enormen wirtschaftlichen Aufschwung verholfen. > mehr




"Es wird ein Stern aufgehen aus Jakob"
Die Heiligen drei Könige in Legende und Brauchtum

„Da kamen die Weisen vom Morgenland gen Jerusalem und sprachen: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern gesehen im Morgenland und sind gekommen, ihm zu huldigen.“ Es wird wenige Stellen in der Bibel gegeben, die eine derartige Fülle von Spekulationen hervorgerufen haben wie diese schlichten Sätze im Matthäusevangelium. Seit Jahrhunderten bemühen sich Astronomen, jenen Stern ausfindig zu machen, der irgendwann in den Jahren vor der Zeitenwende den Anlass für diese Pilgerfahrt der „Weisen“ gegeben haben könnte. Zum Dreikönigstag ein Streifzug durch Legende und Brauchtum um die Weisen aus dem Morgenland. > mehr




Silvester - ein Papst mit dem richtigen Todesdatum
Allerlei Legenden - und die spektakulärste Fälschung der Weltgeschichte

Auch so kann man seinem Namen die Unsterblichkeit sichern: indem man sich den richtigen Tag zu sterben aussucht. Der dreiundreißigste Bischof von Rom verstarb am 31. Dezember 335. Bald wurde er als Heiliger verehrt, sein Name in den Kirchenkalender aufgenommen. Folge: Der letzte Tag des Jahres ist heute in aller Welt als "Silvester" bekannt. Zum Jahreswechsel allerlei von einem Papst, der weniger durch seine Taten in die Gechichte eingegangen ist als durch die Legenden, die sich an seinen Namen geheftet haben, darunter eine Urkundenfälschung, die Jahrhunderte lang Geschichte gemacht hat. > mehr




Ein Zimmermann ohne Beinkleider
Legenden und Bräuche um den Hl. Joseph und seinen Festtag am 19. März

Hunderte von Skulpturen aus Pappmaché, Holz, Gips und inzwischen auch Kunstfaser, oft haushoch, stehen auf den Straßen und Plätzen in Valencia. In der Nacht vom 19. auf den 20. März werden sie dann alle verbrannt. Fast alle – jene Puppe, die beim Publikum am meisten Beifall gefunden hat, wird „gerettet“ und kommt ins Museum. Jedes Jahr Mitte März befindet sich Valencia im Ausnahmezustand, nicht anders als Köln oder Mainz vor dem Aschermittwoch. Bei diesem Termin geht es allerdings nicht um die bevorstehende Fastenzeit, sondern um das Fest des heiligen Joseph am 19. März. > mehr





Die Sünden der Bildung und des Geldes
Der französische Mediävist Le Goff sucht nach dem historischen Franz von Assisi

Zweifellos der populärste Heilige, den die katholische Kirche zu bieten hat, attraktiv auch für Menschen, die der Kirche fern stehen: Franz von Assisi. Dabei wurde der Heilige schon zu Lebzeiten von Legenden überwuchert und seine Gründung, der Franziskanerorden, hat eine ganz andere Richtung genommen als vom Urheber gewollt. Der französische Mediävist Jacques Le Goff hat sich bemüht, dem historischen Franziskus auf die Spur zu kommen. > mehr




"... wurde der Welt eine Sonne geboren"
Ausstellung in Paderborn über den hl. Franz von Assisi und den Franziskanerorden

„Du bist kein Mann von schöner Gestalt, kein Mann der Wissenschaft, du bist kein Adliger. Wie kommt es, dass gerade dir die ganze Welt nachläuft, anscheinend jedermann dich zu sehen und zu hören und dir zu gehorchen begehrt?“ So formulierte jene Legendensammlung, die unter dem Titel „Blümlein des hl. Franziskus“ in die Weltliteratur eingegangen ist, eine Frage, die bis heute aktuell geblieben ist: Was macht die Faszination aus, die Franz von Assisi seit fast acht Jahrhunderten ausübt? Eine Faszination, die selbst abseits der katholischen Kirche wirkt, auf Gläubige wie Ungläubige, Fromme wie Unfromme. Eine Ausstellung in Paderborn geht jetzt den Spuren des Franziskus und seiner Gründung, des Franziskanerordens, nach. > mehr




Ein Leben zwischen Caritas und Geißelbuße
Vor 800 Jahren wurde Elisabeth von Thüringen, Namenspatronin unzähliger Hospitäler, geboren

Durch ihren Einsatz für die Armen und Kranken gilt Elisabeth von Thüringen, die vor genau 800 Jahren im ungarischen Sarospatak geboren wurde, als große Repräsentantin des karitativen Engagements im hohen Mittelalter, zu einer Zeit, wo eine moderne Sozialpolitik noch nicht erfunden war. Die Historiker stehen bei Elisabeth vor demselben Paradox wie bei Franz von Assisi: Es war ein Leben im hellen Licht der Geschichte und bleibt dennoch von Legenden umwoben. > mehr





Vom Nationalpatron zum abschreckenden Beispiel und wieder zurück
Über Erinnerungskulturen im östlichen Europa

Was die Franzosen an ihrer Jungfrau von Orléans haben und die Schweizer an Wilhelm Tell, ist bekannt. Aber wie steht es bei den Völkern und Staaten in Osteuropa mit historischen Figuren, in denen sich das nationale Selbstverständnis kristallisiert? Eine Forschergruppe um das Leipziger Geisteswissenschaftliche Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas hat sich mit den aktuellen Erinnerungskulturen in den Ländern des ehemals sowjetischen Machtbereichs befasst. > mehr