Ein Totentanz komischer Marionetten
Gründungsurkunde der Moderne - vor 250 Jahren erschien Voltaires philosophischer Roman "Candide"

Eine Geburtsdokument der Moderne, vergleichbar mit der Erfindung der Dampfmaschine, Kants "Kritik der reinen Vernunft" und dem Sturm auf die Bastille: Voltaires philosophischer Roman "Candide", der vor 250 Jahren, im Februar 1759, in Genf erschien. Der Glaube, dass Gott die Welt zum Besten unseres menschlichen Schicksals eingerichtet habe, wurde für tot erklärt, schlimmer noch: lächerlich gemacht. Der Philosoph Schopenhauer wollte der "Theodizee" seines Kollegen Leibniz kein anderes Verdienst zugestehen "als dieses, dass sie Anlass gegeben hat zum unsterblichen ‚Candide’ des großen Voltaire". > mehr


 
Der Dichter, der den Grossstadtschmutz in poetisches Gold verwandelte
Vor 150 Jahren starb Charles Baudelaire


„Du hast mir deinen Schmutz gegeben, und ich habe daraus Gold gemacht.“ Es war die Stadt Paris, die Charles Baudelaire 1861 in einem Epilog zur zweiten Auflage seiner Gedichtsammlung „Die Blumen des Bösen“ anredete. Die Richter, die aus der ersten Auflage 1857 sechs Gedichte auf den Index setzten, wollten nur den „Schmutz“ sehen. Nicht etwa, dass sie am Schmutz selbst Anstoß genommen hätten, am sozialen Elend in der Großstadt – sie störten sich vielmehr daran, dass er Eingang in die Poesie gefunden hatte. Am liebsten hätten sie vielleicht das ganze Buch verboten. Doch es war kein Paragraph zu finden, der das gerechtfertigt hatte. So nahmen sie einige Gedichte heraus, die „durch einen krassen und das Schamgefühl verletzenden Realismus notwendig zur Aufreizung der Sinne führen“ müssten. Baudelaire wurde wegen „Verhöhnung der öffentlichen Moral und der guten Sitten“ zu einer Geldstrafe verurteilt. > mehr



Die entlarvten Falschmünzer der Frömmigkeit
Vor 350 Jahren wurde Molières "Tartuffe" uraufgeführt


"Ein Fürst beherrscht uns, der die Lüge hasst, ein Fürst, der bis ins Herz der Menschen sieht, den alle Kunst des Heuchlers nicht betrügt ..." In Molières Werk finden sich wenige andere Verse, für die der Hofkomödiant Ludwigs XIV. von der Nachwelt derart gescholten wurde. Und die Kritiker haben nicht ganz Unrecht; die Ansprache des Beamten, mit der am Schluss des "Tartuffe" der dramatische Knoten aufgelöst wird, trieft von Lobhudelei gegenüber dem "Sonnenkönig". Nach dem Handlungsverlauf zuvor, der geradewegs auf eine Katastrophe zusteuerte, wirkt dieser Schluss reichlich gezwungen. Doch das wäre eine sehr unhistorische Betrachtungsweise. Nicht nur, dass Lob und Preis von Potentaten - für uns heute sehr befremdlich - früher zu den selbstverständlichen Aufgaben eines Dichters gehörte. Ebenso selbstverständlich war damals in der Oper die Figur des "deus ex machina": Wenn die Lage ganz und gar aussichtslos erschien, wurde im letzten Akt eine Vorrichtung mit einer mythologischen Figur von der Decke herabgelassen, um das Geschehen doch noch einer guten Lösung entgegenzuführen. Molières "Tartuffe", der in seiner Urfassung vor 350 Jahren, am 12. Mai 1664, vor der Hofgesellschaft von Versailles uraufgeführt wurde, verzichtete auf eine solche Apparatur. Aber das Sprechstück endete tatsächlich mit einer Art Opernschluss. > mehr




"Mein Hintern bricht mir das Genick"
Vor 550 Jahren wurde François Villon aus Paris verbannt - und verschwand aus der Geschichte


„Ich bin François, ein Missgeschick, und aus Paris bei Oisebrück; ich merke bald am langen Strick: Mein Hintern bricht mir das Genick!“ Der französische Dichter François Villon verfasste diesen Vierzeiler Ende 1462, Anfang 1463 in der Todeszelle. Er war wegen einer Rauferei, bei der ein päpstlicher Notar schwer verletzt wurde, zum Tod am Strang verurteilt worden. Diebstahl und Raub, manchmal verbunden mit einem Totschlag – damit war das Leben des damals 32-jährigen seit fast zehn Jahren ausgefüllt. Aber dazwischen entstanden einige Gedichte, die zu den Perlen der französischen Literatur zählen. Villon ist einer der ganz wenigen Schriftsteller des Mittelalters, die bis heute von einem breiten Publikum gelesen werden. Seit dem 19. Jahrhundert gilt er als das Urbild eines „poète maudit“, eines fluchbeladenen Dichters, eines genialen Künstlers, der in seiner Gesellschaft zugrunde gehen musste. > mehr




"Immer hält das Herz den Verstand zum besten"
Vor 400 Jahren wurde der französische Schriftsteller La Rochefoucauld geboren, der Begründer des Aphorismus

Unser Bild von Frankreich um die Mitte des 17. Jahrhunderts wird vor allem durch die Filme in der Nachfolge von Alexandre Dumas' Musketier-Romanen bestimmt. Mit viel Zähigkeit arbeiteten die Kardinäle Richelieu und Mazarin daran, die Macht des französischen Adels zugunsten der königlichen Regierung zurückzudrängen. Und, was über der Musketier-Romantik leicht vergessen wird: Am Ende hatten sie Erfolg. 1653 konnte Mazarin einen bewaffneten Aufstand des Adels blutig niederschlagen. Zu den Unterlegenen gehörte der Herzog Francois de La Rochefoucauld. Nach Mazarins Sieg wurde er für rechtlos erklärt und musste ins Ausland fliehen, machte aber dann doch seinen Frieden mit dem allmächtigen Minister und dem jungen König, Ludwig XIV. Zu Untätigkeit und Langeweile verdammt, schrieb er seine Memoiren. Und dann noch ein zweites Buch, mit dem sich La Rochefoucauld, der am 15. Dezember 1613, vor 400 Jahren, geboren worden war, Unsterblichkeit erwarb. > mehr




Gedruckt und sofort wieder eingestampft
Vor 200 Jahren wollte Madame de Staël ihr Deutschland-Buch herausbringen

Germaine de Staël glaubte, vorsichtig genug gewesen zu sein. Über die Regierung des Kaisers Napoleon hatte sie sich in ihrem Deutschland-Buch wohlweislich ausgeschwiegen; einige Stellen, die von der Zensur dennoch beanstandet worden waren, hatte sie gehorsamst gestrichen. Jetzt war sie zuversichtlich, dass ihr Buch Mitte Oktober des Jahres 1810 herauskommen würde. Aber als die zehntausend Exemplare der ersten Auflage gerade gedruckt waren, stand Gendarmerie vor dem Pariser Verlagshaus. Unter Aufsicht wurden sämtliche Exemplare in weiße Pappe verwandelt. Erst drei Jahre später konnte das Buch in London erscheinen. > mehr




Sozialkritik und frommer Trost
Zum 200. Geburtstag von George Sand

Vor 200 Jahren, am 1. Juli 1804, wurde George Sand, die erste Bestsellerautorin der Weltliteratur, geboren. Sowohl mit ihrem provokanten Lebensstil als auch in ihrem Erzählwerk forderte sie ein Menschen- und Frauenrecht auf Leidenschaft ein. Mit mehr als 100 Romanen öffnete sie die hohe Kunst der Literatur für ein breites Leser- und Leserinnenpublikum. > mehr




Märchen in der technischen Welt
Zum hundertsten Todestag von Jules Verne

Nicht nur bei der Jugend immer noch ein vielgelesener Autor: Jules Verne, der vor 100 Jahren gestorben ist. Fortschritts-Fans schätzen ihn als Propheten moderner Technik; aber vor allem war Verne ein Erzähler spannender Geschichten - Märchen in einer technisch-wissenschaftlichen (oder auch populärwissenschaftlichen)Welt. > mehr




Freiheit mit schmutzigen Händen
Vor hundert Jahren wurde Jean-Paul Sartre geboren

"Die Freiheit hat mich getroffen wie ein Blitz", Orest in Sartres "Fliegen". "Die Hölle, das sind die andern", in Sartres "Bei geschlossenen Türen". Mit solchen Sätzen traf der Dramatiker das Lebensgefühl einer ganzen Generation. Zu Sartres 100. Geburtstag blicken wir auf das poetische und philosophische Werk. > mehr




Das Glück, den Stein zu wälzen
Vor 50 Jahren verstarb der französische Schriftsteller Albert Camus

„Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen“. Mit diesem Satz beendete Albert Camus 1942 seinen „Versuch über das Absurde“. Sisyphos ein glücklicher Mensch ... Bei den griechischen Dichtern war Sisyphos das Urbild von Schlauheit und List, in einem solchen Übermaß, dass die Götter ihn nach seinem Tod zu einer schrecklichen Strafe verurteilten. Mit größter Kraftanstrengung musste er einen schweren Felsblock auf eine Anhöhe hinaufwälzen; so oft der Stein den Gipfel beinahe erreicht hatte, rollte er wieder in die Tiefe, so dass Sisyphos von neuem beginnen musste. Zu Camus' fünfzigstem Todestag ein Blick auf sein Werk. > mehr




"Es geht vielleicht zu Ende ..."
Zum 100. Geburtstag von Samuel Beckett

"Morgen hängen wir uns auf, es sei denn, dass Godot käme." Aus einem der berühmtesten Stücke des modernen Theaters - und einem der rätselhaftesten. Wer oder was "Godot" sein könnte, beschäftigt seit einem halben Jahrhundert Publikum und Interpreten. "Gehen wir!", lautet das letzte Wort des Stücks, und dann folgt die Regieanweisung : "Sie gehen nicht von der Stelle." Eine Hommage an Samuel Beckett zum 100. Geburtstag. > mehr