Dossier
Aus der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts

 

Müdigkeitsdiagnosen und Ermannungsstrategien
Berliner Forscherin über Jugendkult um 1900

Wir leben in einer Zeit des Jugendkults, da lässt bereits ein flüchtiger Blick in die illustrierte Presse keinen Zweifel. Und "Jugend" bedeutet nichts anderes als Sex, Sex, Sex, wie am deutlichsten wird, wenn sich junge Leute aus der High society unter der Aufsicht der Massenmedien anschicken, erwachsen zu werden. Eine Berliner Literaturwissenschaftlerin hat sich mit dem Jugendkult der Epoche um 1900 befasst, einer Zeit der müden Jünglinge und der heroischen Sehnsüchte und einer großen Sexualverdrängung. > mehr



"Du musst dein Leben ändern"
Die Literatur der Lebensreform um 1900


Äußerlich betrachtet, hatte sich Hermann Hesse im bürgerlichen Leben etabliert. Der Erfolg seines ersten Romans „Peter Camenzind“ erlaubte es ihm, ein Landhaus am Bodensee zu beziehen, sogar einen eigenen Weinkeller konnte er sich anlegen. Doch er fühlte sich unzufrieden, suchte nach einer neuen Orientierung für sein Leben, träumte vom Ausstieg aus einer Zivilisation, die ihm als „dekadent“ erschien, obwohl er ihre Segnungen im Grunde doch sehr zu schätzen wusste. Im Sommer 1907 beschloss er auszubrechen und zog – nein, er floh auf den Monte Verità im Tessin. Dort hatte sich in den Jahren zuvor die europäische „Alternativszene“ angesiedelt. Einige Wochen lebte Hesse zusammen mit dem Künstler Gusto Gräser nackt in einer Hütte, ernährte sich von Wasser und Beeren und meditierte über den Heiligen Schriften des Ostens. > mehr



 100 Jahre Mythos Oktoberrevolution
Ein Sturm, der nicht stattfand - und dennoch die Weltgeschichte veraenderte


Auf einen Kanonenschuss des Panzerkreuzers "Aurora" hin stürmten frühmorgens am 7. November 1917 (es war der 25. Oktober des gregorianischen Kalenders) opferbereite Rotgardisten den ehemaligen Zarenpalast in Petrograd, in dem inzwischen die provisorische Regierung Russlands ihren Sitz hatte. Nach verlustreichen Kämpfen konnten sie das "Winterpalais" erobern. So hat sich die "Oktoberrevolution" in das kollektive Gedächtnis von Millionen und Abermillionen Menschen eingeprägt. Den Kanonenschuss gab es tatsächlich. Was allerdings den "Sturm" betrifft … Selbst die Sieger taten sich später schwer damit, das Geschehen heroisch zu verklären. > mehr



Völkermord als Hebel der Zivilisation
Die Niederschlagung des Herero-Aufstandes in der deutschen Literatur

Ein vergessener Völkermord. Erst zum 100. Jahrestag der Schlacht am Waterberg ist die Niederschlagung des Herero-Aufstands im deutschen "Schutzgebiet" Südwest-Afrika mit der anschließenden Vertreibung von zehntausenden in die wasserlose Steppe wieder ins Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit zurückgekehrt. Jetzt haben sich Wissenschaftler der Ruhr-Universität Bochum das Echo dieser Geschehnisse in der deutschen Belletristik der Kaiserzeit vorgenommen. Ihr Fazit: Der Völkermord wurde keineswegs verschwiegen oder geleugnet oder beschönigt, vielmehr ausdrücklich gerechtfertigt. > mehr





Leiden am Ich und Flucht ins Ganze
Politische Zwangsvorstellungen deutscher Dichter

„Halt, wohin? Haut ihm doch bitte in die Fresse, ihr! So, jetzt weiß er Bescheid hier. Was, er quatscht noch? Nehmt ihn euch mal vor, er quatscht immer. Zeigt dem Mann mal, auf was es hier ankommt.“ Aus einem Gedichtentwurf Bert Brechts von 1926./27. Ein Saarbrücker Germanist ist der Schnittmenge zwischen ästhetischer Moderne und politischen Zwangsvorstellungen im frühen 20. Jahrhundert nachgegangen. > mehr





Polizeiwidriger Nomadismus
Das Motiv der Vagabondage in der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts

"Sie werden aufgefordert, heute, spätestens morgen, das Stadtgebiet zu verlassen. Innerhalb 48 Stunden müssen Sie das Gebiet des Landes verlassen haben." Nicht jeder, der "unterwegs" ist, tut das freiwillig. Das wussten schon die deutschen Romantiker. Er wolle nicht länger vom hochpoetischen Leben der Zigeuner schwärmen, wenn es sich doch bei ihnen um veritable Galgenvögel handele, schrieb Clemens von Brentano 1810. Zwei Germanisten der Freien Universität Berlin haben eine Forschergruppe versammelt, um das Thema "Vagabondage" in der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts aufzuarbeiten. > mehr





Kein Weg zur Wissenschaft?
Forschungen zu Stefan George und seinem Kreis

In der Zwischenzeit hätten sich "seine Überzeugungen infolge der deutschen Ereignisse und seiner amerikanischen Erfahrungen gründlich verändert", war 1964 in der Neuauflage von Ernst Kantorowicz’ Buch über Kaiser Friedrich II. zu lesen, entstanden 1927. Germanisten der Universität Frankfurt am Main haben sich mit den "Wissenschaftlern im George-Kreis" beschäftigt – Wissenschaftsgeschichte aus einer Zeit, bevor Deutschland sich mit der Demokratie anfreunden wollte. > mehr




"Jetzt ist alles verstummt ..."
Die griechische Antike in der deutschsprachigen Literatur der 1930er und 1940er Jahre

"Da drängt der Olymp, dort der Parnass. Es wird einem dabei ganz heiß. Alte Jugenderinnerungen tauchen auf. Ein Traum geht in Erfüllung ... Athen! O, wie glücklich ich bin." Sätze, wie sie "Bildungsbürger" in Dutzenden und Hunderten von Reisetagebüchern niedergelegt haben. Aber der Verfasser dieser euphorischen Zeilen heißt - Joseph Goebbels. Eine Oxforder Germanistin hat sich mit der Rezeption griechisch-antiker Motive in der deutschsprachigen Literatur der 1930er und 1940er Jahre befasst. > mehr




"Trinkt unser Blut, weil wir die Schuld tragen"
Literarischer Antisemitismus vor und nach Auschwitz

1985 besetzten Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Frankfurt die Bühne des Schauspiels, um eine Aufführung von Fassbinders "Der Müll, die Stadt und der Tod" zu verhindern. Wegen der Figur eines jüdischen Immobilienspekulanten wurde Fassbinder Antisemitismus unterstellt. Ein nicht-jüdischer Konkurrent im Stück über den "reichen Juden": "Er saugt uns aus, der Jud. Trinkt unser Blut, weil er Jud ist und wir die Schuld tragen." Eine Tagung an der Universität Bielefeld hat sich des Themas "Literarischer Antisemitismus nach Auschwitz" angenommen. > mehr