Dossier
Poesie der Gesellschaft und der Politik

 

Die Wirklichkeit in den Büchern und die Bücher in der Wirklichkeit
Vom Wandel der literarischen SkandalkulturP

laton wollte Homer wegen seiner amourösen Geschichten über die Götter verbieten, die katholische Kirche nahm Anstoß an Boccaccios „Decamerone“, muslimische Geistliche verhängten über Salman Rushdie wegen seiner „Satanischen Verse“ die Fatwah. August von Platen machte Heinrich Heines Judentum zum Skandal, Heine umgekehrt Platens Homosexualität. Émile Zola prangerte die Verurteilung des Hauptmanns Dreyfus an und wurde dafür selbst an den Pranger gestellt, usw. usf. Eine Forschergruppe um Literaturwissenschaftler der Universität Kiel hat jetzt an Beispielen an Beispielen aus der schönen Literatur die Geschichte der Skandalkultur nachgezeichnet. > mehr




"Als ob's der Tabernakel wär"
Zweieinhalbtausend Jahre Theologie der Märkte

Eine riesige Glocke senkt sich über die Stadt Springfield und eine Stimme von oben verkündet, in einer Stunde werde die Welt untergehen; man solle sich gut überlegen, was in der verbleibenden Frist zu tun sei. Panisch rennen die Leute aus der Bar in die benachbarte Kirche – und die Gottesdienstbesucher aus der Kirche in die Bar. Der „Simpsons“-Kinofilm von 2007 brachte die ökonomische Erwartungstheorie, die vor einem halben Jahrtausend der italienische Dominikanergelehrte Thomas Cajetan entwickelt hat, auf die Leinwand: Wenn Güter knapp zu werden drohen, dann setzt ein Run ein; wer glaubt, dass morgen sein Leben oder die ganze Welt zu Ende geht, handelt anders als derjenige, der meint, dass es damit noch eine Weile Zeit hat. Ist es bloß ein Simpsons-Gag, dass mit Erlösungshoffnungen für das Jenseits nach denselben Kriterien „gehandelt“ wird wie mit Gütern unserer irdischen Ökonomie? Keineswegs, antwortet der Mannheimer Germanist und Medienwissenschaftler Jochen Hörisch in seinem neuen Buch über die „Theologie der Märkte“. > mehr




Nur dumme Menschen lesen solche Schundromane
Die Bekämpfung von "Schmutz und Schund" im wilhelminischen Kaiserreich

Am Nachmittag des 20. November 1910 kam es in einem Leipziger Vorortkino zum Tumult. Auf dem Programm stand ein Lichtbildvortrag über „Die Sonne und ihr System“; im Publikum saßen 750 Schulkinder. „Bei jedem Bild“, heißt es in einem Bericht des diensttuenden Wachtmeisters, „wurde seitens der Kinder geschrien, gejohlt, gepfiffen, gezischt und mit den Beinen auf den Fußboden getrampelt.“ Als der Vortrag mit Mühe zu Ende gebracht war, verlangten viele ihr Geld zurück – oder im Anschluss ein anderes, „besseres“ Programm, das den Eintrittspreis wert sei. Kein Einzelfall im Deutschland der vorletzten Jahrhundertwende, zeigt der Kulturwissenschaftler Kaspar Maase von der Universität Tübingen in seiner jetzt erschienenen Studie über die „Kinder der Massenkultur“. Während viele Schullehrer sich alle Mühe gaben, das, was sie für „Schmutz und Schund“ hielten, durch belehrende Veranstaltungen zu ersetzen, herrschte in der Medienwelt der Kinder eine andere Logik. > mehr
 
 
 


EVom Wucherer zum Weisen
Eine Neuerscheinung über Geld und Markt in der Komödie - von Shakespeare bis Lessing

"Ein jeder denkt nur an seine eigenen Vorteile, nur seines Vorzugs halber zu arbeiten und dennoch arbeitet er zugleich für das Beste des Staates." 1771 der Kameralwissenschafter Johann Heinrich Justi. Der klassische Lehrer der Marktwirtschaft, Adam Smith, sprach von der "unsichtbaren Hand", Skeptiker sehen darin pure Ideologie. Der Kölner Literaturwissenschaftler Daniel Fulda hat an der Komödie der frühen Neuzeit –von Shakespeare über Molière bis Lessing – verfolgt, wie sich das Vertrauen in die Marktmechanismen langsam ausgebildet hat. > mehr





Pauker, Pädagogen, Prügelopfer
Deutsche Schulgeschichten vom Wilhelminismus bis heute

Manche werden sich noch erinnern: Im Juni 1969 hatte Bundeskanzler Kiesinger vor Delegierten des Bundeswehrverbandes seinen Wunsch geäußert, die Bundeswehr möge "eine große Schule der Nation für unsere jungen Leute" werden. Im Oktober konterte Kiesingers Nachfolger Willy Brandt in seiner Regierungserklärung mit dem Satz: "Die Schule der Nation ist die Schule." Schule und Militär ... Im wilhelminischen Kaiserreich war die Gemeinsamkeit beider Institutionen ein Lieblingsthema der politischen Propaganda gewesen; der Satz, die Siege 1866 gegen Österreich und 1870 gegen Frankreich seien nicht bloß militärischer Kraft zu verdanken, sondern vor allem dem preußischen Schulmeister, wurde wie ein Glaubensbekenntnis immer und immer wiederholt. Eine Germanistin und ein Politikwissenschaftler aus Hamburg haben jetzt einen literarisch-politischen Streifzug durch die deutsche Schulgeschichte zusammengestellt. > mehr
 
 



Polizeiwidriger Nomadismus
Das Motiv der Vagabondage in der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts

"Sie werden aufgefordert, heute, spätestens morgen, das Stadtgebiet zu verlassen. Innerhalb 48 Stunden müssen Sie das Gebiet des Landes verlassen haben." Nicht jeder, der "unterwegs" ist, tut das freiwillig. Das wussten schon die deutschen Romantiker. Er wolle nicht länger vom hochpoetischen Leben der Zigeuner schwärmen, wenn es sich doch bei ihnen um veritable Galgenvögel handele, schrieb Clemens von Brentano 1810. Zwei Germanisten der Freien Universität Berlin haben eine Forschergruppe versammelt, um das Thema "Vagabondage" in der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts aufzuarbeiten. > mehr





Leiden am Ich und Flucht ins Ganze
Politische Zwangsvorstellungen deutscher Dichter

„Halt, wohin? Haut ihm doch bitte in die Fresse, ihr! So, jetzt weiß er Bescheid hier. Was, er quatscht noch? Nehmt ihn euch mal vor, er quatscht immer. Zeigt dem Mann mal, auf was es hier ankommt.“ Aus einem Gedichtentwurf Bert Brechts von 1926./27. Ein Saarbrücker Germanist ist der Schnittmenge zwischen ästhetischer Moderne und politischen Zwangsvorstellungen im frühen 20. Jahrhundert nachgegangen. > mehr





Gleichgewichtsausgleich im überlasteten Kahn
Über Thomas Manns Äußerungen zur Politik

"Ich bekenne mich tief überzeugt, dass das deutsche Volk die politische Demokratie niemals wird lieben können ..." So Thomas Mann 1918. Vier Jahre später endete der Romancier eine Rede mit dem Ausruf „Es lebe die Republik!“ Hat sich da jemand um 180 Grad gedreht? Der Autor selbst wollte es nicht so sehen: „Ich weiß von keiner Sinnesänderung, ich habe vielleicht meine Gedanken geändert – nicht meinen Sinn." Ein Zürcher Historiker und Germanist hat Thomas Manns Haltung zur Politik über fast ein halbes Jahrhundert hinweg einer gründlichen Analyse unterzogen. > mehr





Kein Weg zur Wissenschaft?
Forschungen zu Stefan George und seinem Kreis

In der Zwischenzeit hätten sich "seine Überzeugungen infolge der deutschen Ereignisse und seiner amerikanischen Erfahrungen gründlich verändert", war 1964 in der Neuauflage von Ernst Kantorowicz’ Buch über Kaiser Friedrich II. zu lesen, entstanden 1927. Germanisten der Universität Frankfurt am Main haben sich mit den "Wissenschaftlern im George-Kreis" beschäftigt – Wissenschaftsgeschichte aus einer Zeit, bevor Deutschland sich mit der Demokratie anfreunden wollte. > mehr




"Trinkt unser Blut, weil wir die Schuld tragen"
Literarischer Antisemitismus vor und nach Auschwitz

1985 besetzten Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Frankfurt die Bühne des Schauspiels, um eine Aufführung von Fassbinders "Der Müll, die Stadt und der Tod" zu verhindern. Wegen der Figur eines jüdischen Immobilienspekulanten wurde Fassbinder Antisemitismus unterstellt. Ein nicht-jüdischer Konkurrent im Stück über den "reichen Juden": "Er saugt uns aus, der Jud. Trinkt unser Blut, weil er Jud ist und wir die Schuld tragen." Eine Tagung an der Universität Bielefeld hat sich des Themas "Literarischer Antisemitismus nach Auschwitz" angenommen. > mehr