Dossier
Poesie der Religion

 

Freie Menschen und freie Götter
Eine Destruktion des Schicksalsbegriffs in Homers Epen

"Trotz dem Schicksal", diese Formel kommt in der klassischen deutschen Homer-Übersetzung von Johann Heinrich Voß des öfteren vor. Zum Beispiel macht Göttervater Zeus sich Sorgen, der Held Achilleus könnte die Stadt Troja vorzeitig erobern, "trotz dem Schicksal". Aber kann das eigentlich sein, dass ein einzelner Mensch den schicksalhaft vorgegebenen Verlauf der Dinge ändert? Oder leitet uns der Übersetzer in die Irre? Ein Nachwuchsforscher an der Freien Universität Berlin, hat diese Frage neu aufgegriffen. > mehr




7 Todsünden - von der Trägheit bis zur Wollust
Die Karriere eines theologischen Denkschemas in der säkularisierten Welt


Als die australische Speiseeisfirma Streets im Jahr 2002 sieben neue Eissorten auf den Markt brachte, gab sie der Serie den Titel „Magnum 7 Deadly Sins“. Die Firma konnte darauf vertrauen, dass der Ausdruck „Todsünden“ beim breiten Publikum verkaufsfördernde Assoziationen wecken würde – nicht gerade an ewige Höllenstrafen, eher an Lüste mit unwiderstehlicher Verführungskraft. Und natürlich in der Siebenerzahl, wie sie seit dem späten Mittelalter sprichwörtlich geworden ist. Die „Sieben Todsünden“ faszinieren auch heute noch, stellen die Mitarbeiter des „Internationalen Kollegs Morphomata“ an der Universität Köln in dem Sammelband fest, den das Kolleg jetzt zu diesem scheinbar veralteten Denkschema herausgebracht hat. > mehr

 


Die Sirenen wollten nicht singen
Ein Sammelband zur "Korrektur" überlieferter Mythen

Der junge Ödipus ist nicht etwa ahnungslos zum delphischen Orakel gegangen, nein, er wusste, dass er als Findelkind nach Korinth gekommen war ... Friedrich Dürrenmatt 1976 in seiner Erzählung vom "Sterben der Pythia". Eine einschneidende (und befremdliche) Änderung der Geschichte, wie sie uns seit Schultagen vertraut ist. Dürrenmatts Korrektur, analysiert vom dem Berliner Germanisten Mark-Georg Dehrmann, findet sich in dem Sammelband "Mythenkorrekturen": zwei Dutzend literaturhistorische Aufsätze zu dieser – manchmal befremdlichen – Umgangsart mit der Tradition. > mehr




"Freut euch, ihr Guten, denn die Bösen sterben ..."
Das Feindbild der mittelalterlichen Kreuzzugslyrik

"Freut euch, ihr Guten, denn die Bösen sterben", so dichtete ein lateinischer Poet 1099 nach Christus zur Eroberung der heiligen Stadt Jerusalem durch die Kreuzfahrer. Die "Bösen" - damit waren die Ungläubigen, die "heidnischen" Muslime gemeint. „Gewichen ist der ketzerische Eindringling, der geschlagene Jude empfindet Schmerz, hier regiert Christus, unser Gott.“ Eine Wiener Germanistin hat die vierzig Kreuzzugslieder, die in lateinischer, provenzalischer, französischer und deutscher Sprache überliefert sind, einer ausführlichen Analyse unterzogen. > mehr




"Nein, nein, du Bösewicht, du kommst mir von der Stelle nicht!"
Die Osterspiele - das geistliche Theater im Mittelalter

Theater gilt ja eigentlich als Freizeitvergnügen; aber wenn die Aufführungen nicht einige Stunden dauern, sondern ganze Tage, jeweils von Mittag bis in die Abendstunden? Im späten Mittelalter waren solche „Events“ durchaus üblich, vor allem über Ostern. Und die ganze Stadt nahm daran teil. Das Spiel endete regelmäßig mit einem gemeinsamen Gesang, in dem die Stadtgemeinde ihre Zusammengehörigkeit bekräftigte. „Singet alle miteinander: Christ ist erstanden!“ > mehr





Emanzipation der Pfarrerssöhne
Als das Karussell der Ersatzreligionen seinen Anfang nahm

Was haben Lessing und Herder und Wieland, Lichtenberg und Claudius gemeinsam? Sie alle stammten aus protestantischen Pfarrhäusern. Und damit waren sie unter den deutschen Schriftstellern in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts längst nicht die einzigen. Auch Gellert, Lenz, Jean Paul und Hölderlin waren Söhne von Geistlichen. Die deutsche Literatur von der Aufklärung bis zum Anbruch der Romantik entstand großenteils als Werk von Pfarrerssöhnen, als Frucht der Bildung in protestantischen Pfarrhäusern. Eine Forschergruppe um die Germanisten der Universität Halle-Wittenberg hat diese Beobachtung aufgegriffen und unter verschiedenen Aspekten neu beleuchtet. > mehr





"Allein ein Ganzes ist es nicht"
Die Vermischung von Himmlischem und Teuflischem in Goethes "Faust"

„Es hat wohl einen Anfang und ein Ende, allein ein Ganzes ist es nicht.“ Dieser Satz über den "Faust" stammt vom Dichter selbst, war ursprünglich wohl als eine Art Epilog gedacht; in einem Brief an Schiller ist ganz ähnlich davon die Rede, dieses Drama werde „immer ein Fragment bleiben“. Mitten in jener Epoche deutscher Dichtung, die im Rückblick als „Klassik“ bezeichnet wird, verabschiedete sich Goethe für sein Hauptwerk von der klassischen oder vielmehr klassizistischen Forderung, in einem Kunstwerk müssten alle Teile wohlproportioniert ins „Ganze“ passen. Ein Schweizer Germanist hat jetzt eine neue Interpretation der Tragödie vorgelegt. > mehr




Areligiöser Denker und ungläubiger Mensch
Abschied von der Schlüssellochperspektive - eine Deutung Franz Kafkas aus der jüdischen Tradition

Kafka, das war doch der Dichter mit dem schwierigen Vater und den gescheiterten Verlobungen ... So einfach kann Literaturgeschichte sein, wenn man sie aufs Biographische reduziert. Ein Berliner Germanist hat jetzt „Kafka für Fortgeschrittene“ vorgelegt, eine Deutung aus der religiösen Tradition des Judentums – und zugleich aus Kafkas Distanz zu dieser Tradition. > mehr