Dossier
Die Welt des Sprechens

 

Auch die Finger müssen ihre Vokabeln beherrschen
Sonst wird das "Reden mit Händen und Füßen" leicht missverstanden

Andere Länder, andere Sitten. Und andere Vokabeln, nicht nur in der „gesprochenen“ Sprache, sondern auch beim Reden „mit Händen und Füßen“. In der Kommunikation zwischen Menschen können Missverständnisse lebensgefährlich werden; bei toten Bildwerken wird wenigstens unser Interesse geweckt: Was will uns Buddha eigentlich sagen, wenn er mit Daumen und Finger einen Kreis signalisiert? > mehr




Schwerter zu Pflugscharen und Perlen vor die Säue
Redewendungen aus der Bibel

Manchmal sind wir wie „mit Blindheit geschlagen“, wir „tappen im Dunkeln“; aber dann werden uns plötzlich „die Augen geöffnet“, uns „geht ein Licht auf“, so dass wir alles „auf Herz und Nieren prüfen“, „die Spreu vom Weizen trennen“ können, sonst bliebe uns das Ganze womöglich ein „Buch mit sieben Siegeln“. Alles Redewendungen aus der Bibel – das „Buch der Bücher“ ist in unserem Sprachgebrauch allgegenwärtig, wir merken es nicht einmal Wenn wir das Wort „Bibel“ allerdings „auf die Goldwaage legen“ … In vielen Fällen, stellt der Historiker Gerhard Wagner, Geschäftsführer der Deutschen Burgenvereinigung, in seinem neu erschienen Büchlein über „Redewendungen aus der Bibel“ fest, ist es gar nicht das hebräische oder griechische Original, das die deutsche Sprache bis in unsere Zeit so bereichert hat, sondern Martin Luthers Übersetzung. Insofern ist der Titel, den Wagner dem Band gegeben hat (es ist bereits seine dritte Publikation zur Herkunft von Redensarten, nach „Antike“ und „Mittelalter“), vielleicht ein wenig irreführend: Redewendungen „aus der Lutherbibel“, müsste es eigentlich heißen. Häufig nahm Luther, um seine Vorlage zu verdolmetschen, Redensarten, wie sie damals eben gebräuchlich waren; einige Wendungen prägte er auch ganz neu. > mehr




Verlorener Hopfen und Katze im Sack
Redensarten um Tiere und Pflanzen


„Da ist mir eine Laus über die Leber gelaufen.“ Woher diese merkwürdige Redensart wohl kommen mag? Von der früher weit verbreiteten Vorstellung, die Leber sei der Sitz der Emotionen, antworten der Kölner Biologe Bruno P. Kremer und sein Frankfurter Kollege Klaus Richarz in ihrem neu erschienenen Büchlein über „Tierische Sprichwörter und blumige Redensarten“. Mit Biologie im Sinne des Faches, das heute an den Schulen und Universitäten gelehrt wird, hat es also wenig zu tun; in der Redensart spiegelt sich eine ältere, quasi vorwissenschaftliche Stufe der „Naturkunde“. Die Laus steht ganz einfach für irgendwelche eher kleinen Auslöser des Ärgers; der Stabreim hat Laus und Leber zusammengebracht. Kremer und Richarz haben rund 250 Redensarten zusammengetragen, die an unsere Tier- und Pflanzenwelt anknüpfen. > mehr




"Wir wissen gern, wo die Menschen herkommen"
Alle zwei Wochen stirbt irgendwo auf der Welt eine Sprache

Im Dezember 1999 weilte der amerikanische Sprachwissenschaftler Terry Crowley zu linguistischen Studien auf der Südseeinsel Malekula bei Vanuatu. Zufällig bekam einer seiner Informanten mit, dass in einem Buch, das Crowley mitführte, „Texte im Dialekt von Lagalag“ abgedruckt waren, und sagte ganz überraschend, das sei „seine Sprache“. Crowley war skeptisch; diese Sprache galt als ausgestorben. Aber nachdem er seinem Gesprächspartner einige Sätze vorgelesen hatte (so gut das eben ging bei diesem Idiom, das er niemals gehört hatte), meinte der: „Ja, ich verstehe alles.“ - Ein Beispiel, dass eine Sprache vorschnell für tot erklärt wurde, schreibt der australische Sprachwissenschaftler Nicholas Evans von der Universität Canberra in seinem jetzt auf Deutsch erschienenen Buch „Wenn Sprachen sterben“. Evans schätzt, dass alle zwei Wochen irgendwo auf der Welt der letzte noch lebende Sprecher einer Sprache stirbt. > mehr




"Man hat uns gefickt!" - "Man hat uns beschissen!"
Die unterschiedliche Orientierung der Kraftausdrücke in den Sprachen Europas

„On nous a baisé dans ce restaurant", sagen die Franzosen gern, wenn sie sich bei der Abrechnung im Restaurant übervorteilt fühlen. Gar nicht so einfach zu übersetzen. „Baiser“ heißt eigentlich „küssen“; die Wörterbücher geben umgangssprachlich noch ein weiteres Äquivalent an: „ficken“. Aber in unserem Beispielsatz ist natürlich weder das eine noch das andere gemeint. Sinngemäß wäre: „Man hat uns reingelegt“ oder „über den Tisch gezogen“. Das jedoch entspricht ganz und gar nicht der Tonlage des französischen Satzes. Die treffendste deutsche Übersetzung wäre: „Man hat uns beschissen.“ Wo der französische Kraftausdruck sich einer sexuellen Metapher bedient, greift man im Deutschen zu einer Redensart aus der Fäkalsphäre. Das ist nicht nur zwischen Französisch und Deutsch so. Ein Freiburger Linguist hat mehr als ein Dutzend europäische Sprachen unter die Lupe genommen. > mehr




Der springende Punkt und das hüpfende Komma
Redewendungen aus der Antike - und ihre Verwendung im modernen Smalltalk

Aristoteles war nicht nur ein großer Philosoph, sondern auch ein großer Naturwissenschaftler. Bei seinen zoologischen Versuchen beobachtete er, wie sich in einem vier Tage lang bebrüteten Hühnerei ein kleiner roter Fleck zuckend bewegte – sozusagen der Moment, in dem der Blutkreislauf des Fötus „anspringt“. Aristoteles nannte dieses Phänomen den „springenden Punkt“ und“ schuf damit einen Ausdruck der modernen Umgangssprache. Der Komiker Heinz Erhardt bereicherte das Deutsche dann noch um das „hüpfende Komma“. Man könnte meinen, solche Rückbezüge würden heutzutage, wo „Homer“ weniger ein griechischer Dichter ist als eine Figur aus den „Simpsons“, aus der Mode kommen. Weit gefehlt. In der Computerszene fürchtet man, dass sich ein „Trojaner“ auf der Festplatte einnisten könnte. „Trojaner“ ist, wie jeder Homer-Leser leicht sieht, eine Kurzform für das Trojanische Pferd, jenes hölzerne Gestell, in dem sich die griechischen Belagerer versteckt hatten; nachdem die Bewohner das Modell in ihre Mauern geschafft hatten, war die Eroberung und Zerstörung der Stadt kein Problem mehr. > mehr

 

"... und du, mein lieber Führer, auch!"
Eine Sozialgeschichte der Sprache unter dem Nationalsozialismus

„Ein Löffelchen für die Mami, ein Löffelchen für den Papi, ein Löffelchen für die Omi ...“ Die Reihung lässt sich beliebig fortsetzen, je nachdem, wie viel noch aufzuessen ist. Im Dritten Reich, berichtet der Germanist Horst Dieter Schlosser von der Universität Frankfurt am Main in seinem neuen Buch über „Sprache unterm Hakenkreuz“, wurde in manchen Familien allen Ernstes noch angefügt: „... und ein Löffelchen für den Führer“. Kein Einzelfall: Das kindliche Abendgebet „Ich bin klein, mein Herz ist rein, soll niemand drin wohnen als Jesulein“ wurde um den Vers ergänzt: „... und du, mein lieber Führer, auch!“ Schlosser, der bis 2010 Sprecher der sprachkritischen Aktion „Unwort des Jahres“ war, hat eine Geschichte des Nationalsozialismus unter dem Aspekt der Sprache vorgelegt – genauer gesagt: unter dem Aspekt des Sprachgebrauchs, der Nutzung von Sprache durch die politischen Repräsentanten, aber auch durch die „Volksgenossen“. > mehr




"Ächz" und "Würg"
Oder die Klage über den Sprachverfall bei der Jugend

Die Jugend von heute ist dumm, faul, geil, verfressen und versoffen. So oder so ähnlich wird seit Jahrtausenden geklagt. Im deutschen Sprachraum klagen die Medien seit fast einem halben Jahrhundert besonders gern über den Sprachverfall bei der Jugend. „Eine Industrienation verlernt ihre Sprache“, titelte 1984 der „Spiegel“. Eine Wuppertaler Germanistin hat den aktuellen Stand der Forschung zum Thema "Jugendsprache" unter die Lupe genommen. > mehr




"Selbstverständlich nahm unser sozialistisches Kollektiv geschlossen daran teil"
Ein Sammelband über Sprache in der DDR

"Die einseitige Konzentration auf den offiziellen Sprachgebrauch verstellte den Blick auf die sprachliche Vielfalt." So die Linguisten Ruth Reiher und Antje Baumann in einem neuen Sammelband über "Sprache in der DDR". Andererseits wurde diese "natürliche Sprache" zweifellos durch die offiziellen Vorgaben in starkem Maße geprägt. Ein abgeschlossenes Kapitel der Sprachgeschichte? > mehr




Frikassée und eine reine Jungfrau
Sprachen und Gesellschaften in der frühen Neuzeit

"Languages and Communities": Der britische Historiker Peter Burke, der in den 1970er Jahren die Wendung seines Faches zur Kulturgeschichte mitbegründete, hat ein neues Werk über die Sozialgeschichte der Sprachen im Europa der frühen Neuzeit herausgebracht. Was die Sprachen angeht, stellt Burke fest, war die vorrevolutionäre Zeit "pluralistisch" - die nationalstaatliche Bewegung hatte sich noch nicht daran gemacht, den Kontinent in Parzellen zu zerlegen. > mehr
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Auf Man und im Val d'Aran
Von sterbenden und lebenden Sprachen - mitten in Europa

Sprachstatistiker schätzen, dass heute auf dem Erdball etwa 6.000 verschiedene Sprachen gesprochen werden, großenteils aber nur noch von wenigen hundert oder tausend Menschen. In hundert Jahren dürfte die Zahl auf ein Zehntel geschrumpft sein. Diese Sprachentod ist keineswegs ein Phänomen bloß in Afrika oder Polynesien, er vollzieht sich auch mitten in Europa. > mehr




Alte und neue Sevaramben
Erfundene Sprachen - zwischen Mittelerde und den unendlichen Weiten des Weltraums

"Ash nazg durbatuluk, ash nazg gimbatul, ash nazg thrakatuluk, agh burzum ishi krimpatul." Vielleicht kennen Sie ja diese Verse und wissen, was sie bedeuten: "Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden, ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden." Wir werfen einen Blick auf "fiktive", von Dichtern oder Wissenschaftlern erfundene Sprachen, wie sie gerade in unserer populären Kultur Mode geworden sind. > mehr