Dossier
Politische Theorie

 

Demokrat aus Vernunft, Liberaler aus Leidenschaft
Vor 150 Jahren starb der Historiker und politische Theoretiker Alexis de Tocqueville

Wenn der Politiker, Publizist und Historiker Charles Alexis Henri Maurice Clérel de Tocqueville, der am 16. April 1859, vor 150 Jahren, gestorben ist, von "Demokratie" sprach, dann immer mit ein wenig Distanz. "Ich liebe voller Leidenschaft die Freiheit, die Legalität, die Achtung vor den Gesetzen, aber nicht die Demokratie", schrieb er in seinen "Erinnerungen". Und dennoch – im historischen Rückblick erscheint Tocqueville heute als der vielleicht bedeutendste Theoretiker des demokratischen Liberalismus im 19. Jahrhundert. > mehr



"Eine so vollkommene Regierungsform ist nichts für Menschen"
Direkt versus repräsentativ - der Streit um die "wirkliche" Demokratie


„Der Kleinstaat ist vorhanden, damit ein Fleck auf der Welt sei, wo die größtmögliche Quote der Staatsangehörigen Bürger im vollen Sinne sind“, schrieb einst der Historiker Jacob Burckhardt in seinen „Weltgeschichtlichen Betrachtungen“. Der Kleinstaat – Burckhardt dachte natürlich an die Schweiz und an ihre Kantone. In zwei Kantonen, Appenzell-Innerrhoden und Glarus, wird heute noch die Gesetzgebung unmittelbar vom Stimmvolk in der sogenannten „Landsgemeinde“ ausgeübt; die Parlamente haben bloß beratende und vorbereitende Aufgaben. In den größeren, repräsentativ-demokratisch regierten Nachbarstaaten hat dieses Schweizer Modell immer wieder Neid hervorgerufen. Die Zweifel, ob es wirklich demokratisch sei, wenn statt einer Bürgerversammlung die gewählten Parlamente und die wiederum von den Parlamenten gewählten Regierungen entscheiden, ist niemals verstummt. > mehr



Zwischen Markt und Moral
Liberalismus im 20. Jahrhundert


Als der französische Jurist und Politiker Alexis de Tocqueville in den 1820er Jahren durch die USA reiste, war er von nichts so sehr verwundert wie von den Auffassungen zur politischen und ökonomischen Moral, die ihm dort vorgetragen und vorgelebt wurden. „Die Amerikaner lieben es, fast sämtliche Handlungen ihres Lebens aus dem wohlverstandenen Eigennutz abzuleiten; sie zeigen selbstzufrieden, wie ihre aufgeklärte Selbstliebe sie ständig dazu drängt, sich gegenseitig zu helfen und für das Wohl des Staates bereitwillig einen Teil ihrer Zeit und ihres Reichtums zu opfern.“ Dieser Glaube an die selbstverständliche Vereinbarkeit von individuellem Egoismus und sozialer Verantwortung, von ökonomischem Kalkül und moralischer Norm war dem Besucher fremd. In Tocquevilles Amerikareise, stellt der Münchner Historiker Andreas Wirsching fest, trafen zwei sehr unterschiedliche Varianten liberaler Wirtschaftstheorie aufeinander > mehr



Leben in Ruinen von Staatlichkeit
Humanitäre Internventionen angesichts zerfallener Staaten


„Jeder Staat ist eine Despotie“, verkündete einst der abtrünnige Hegel-Schüler Max Stirner. Der Traum, wie schön das menschliche Leben vielleicht ohne Staat doch sein könnte, begleitet die menschliche Geschichte wahrscheinlich, seit es so etwas wie „Staaten“ überhaupt gibt. Der Satz des Kirchenvaters Augustinus, „was sind Staaten anderes als große Räuberbanden“, ist zum geflügelten Wort geworden. Dass Augustinus seine Aussage mit einem bedingenden Nebensatz eingeschränkt hatte („wenn es in ihnen kein Recht gibt“), wird gern unterschlagen. In den letzten beiden Jahrzehnten, schreibt der Politikwissenschaftler Cord Schmelzle von der Freien Universität Berlin in einer jetzt erschienen Studie, sei die Frage, ob Staaten als „Anbieter“ politischer Ordnung tatsächlich unverzichtbar sind, praktisch geworden. > mehr



Fürstenratgeber oder republikanisches Lehrbuch
"Macchiavellisten" von Shakespeare bis zur Französischen Revolution


Als 1532 Niccolò Macchiavellis Buch „Vom Fürsten“ im Druck erschien, war der Text schon fast zwei Jahrzehnte alt; im Dezember 1513 hatte der Verfasser in einem Brief an den Florentiner Politiker Francesco Vettori angekündigt, bald werde er eine kleine Abhandlung über den Erwerb und die Erhaltung der Macht zu lesen bekommen. Nach dem Druck verbreitete sie sich in wenigen Jahren durch ganz Europa. 1539 schrieb der englische Kardinal Reginald Pole in einer ersten „antimacchiavellistischen“ Polemik, dieses Buch sei von der „Hand des Satans“ geschrieben. 1559 wurde der „Principe“ auf den päpstlichen Index der verbotenen Bücher gesetzt. Aber die Verurteilung des bösen „Macchiavellisten“ war kein Privileg der katholischen Kirche. 1577 wollte der französische Hugenotte Innocent Gentillet Macchiavelli als den geistigen Urheber des Massakers der Bartholomäusnacht namhaft machen. Im populären Geschichtsbewusstsein ist dieses Bild bis heute konstant geblieben: Macchiavelli – der große Apologet des Bösen in der Politik. > mehr



Grauenvolle Heimat, selige Fremde
Ein frühchristlicher "Ketzer" in der politischen Theorie des 20. Jahrhunderts

"Wir alle sind, was wir gelesen", heißt es bei Joseph von Eichendorff. Ein Soziologe der Freien Universität Berlin zeigt: Zwei ansonsten höchst unterschiedliche Theoretiker der Politik im 20. Jahrhundert, Ernst Bloch und Carl Schmitt, haben sich durch dieselbe Lektüre inspirieren lassen, die Gedanken des frühchristlichen Denkers Marcion. 1920 war Marcions Theologie, die fast zweitausend Jahre lang als "Erzketzerei" gegolten hatte, von dem Berliner Universitätsprofessor Adolf von Harnack rekonstruiert worden. > mehr