Wie Geschichtsschreibung zustande kommt
700 Jahre nach dem Rütlischwur

Jahrhunderte lang galt der 8. November 1307 - vor genau 700 Jahren - als Geburtsdam der Schweizer Eidgenossenschaft. An diesem Tag, erzählen die Chroniken, wären am Vierwaldstätter See drei Bauern zusammengekommen und hätten geschworen, sich gegen ihre Unterdrückung zur Wehr zu setzen. Die positivistische Geschichtswissenschaft des 19. Jahrhunderts hat diese Legende gründlich destruiert, damals wurde wegen einer schriftlich vorliegenden Urkunde 1291 als neues Geburtsjahr festgelegt. Dabei ist die Geschichte von Apfelschuss und Rütllischwur als Nationalmythos, wie bereits Friedrich Schiller wusste, doch viel poetischer. > mehr



"Der Schelling und der Hegel ..."
Wer sind das, die Schwaben? Große Landesausstellung in Stuttgart


Den Maßstab für die Selbstwahrnehmung formulierte kurz vor 1900 der schwäbische Dichter Eduard Paulus: „Der Schelling und der Hegel, der Schiller und der Hauff, das ist bei uns die Regel, das fällt uns gar nicht auf.“ Was dagegen die Wahrnehmung von außen angeht … Ernst Moritz Arndt, 1843: „Es ist wahr, die Dummheit ist eine recht schwäbische Tugend.“ Und der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, 2012: „Ich wünsche mir, dass die Schwaben begreifen, dass sie jetzt in Berlin sind und nicht mehr in ihrer Kleinstadt mit Kehrwoche.“ Ja, was hat es mit ihnen auf sich, mit den Schwaben? Das Landesmuseum Württemberg in Stuttgart versucht jetzt, sich dieser Frage mit einer „Großen Landesausstellung“ zu nähern. > mehr



Lederhose und Wolpertinger
Auf der Suche nach dem "Prinzip Bayern"


G7-Gipfel in Bayern, Juni 2015. Als US-Präsident Barack Obama auf dem Münchner Franz-Josef-Strauß-Flughafen gelandet war, da begrüßte ihn – nein, nicht nur der bayerische Ministerpräsident, nicht nur die übliche Abordnung von Funktions-, Ordens- und Würdenträgern aller Sparten, sondern auch eine echt oberbayerische Trachtengruppe. Beobachter meinten, bei Obama eine leichte Verwirrung feststellen zu können, obwohl – als gebürtiger Hawaiianer müsste er doch gewohnt sein, dass Gäste mit Folklore begrüßt werden. Auf Jodeln und Schuhplatteln wurde von vornherein verzichtet, vielleicht, meint der Münchner Schriftsteller Thomas Kernert in seinem neu erschienenen „Erklärungsversuch“ zum „Prinzip Bayern“, weil das bei den mitgereisten Bodyguards zu Missverständnissen hätte führen können. Irgendwann kam jedoch heraus, dass sich die amerikanische Seite bei der bayerischen Staatsregierung einen solchen „authentischen“ Empfang ausdrücklich gewünscht hatte. > mehr




Strauss-Walzer und Kaiserausfahrt, Riesenrad und Dritter Mann
Vor 250 Jahren öffnete Kaiser Joseph II. den Wiener Prater für die Bürger


Den Startschuss gab in schönster Bürokratensprache Kaiser Joseph II. als Mitregent seiner Mutter Maria Theresia am 7. April 1766, vor 250 Jahren: „Es wird anmit jedermanniglich kund gemacht, wasmaßen Se. kaiserl. Majest. aus allerhöchst zu dem hiesigen Publico allermildest hegenden Zuneigung Sich allergnädigst entschlossen und verordnet haben ...“ Usw. usf., der Kaiser erlaubte seinen Untertanen nicht mehr und nicht weniger, als in den Donauauen östlich der Wiener Innenstadt, die damals „Bratter“ genannt wurden und heute als „Prater“ weltweit bekannt sind, spazieren zu gehen und zu reiten und mit der Kutsche zu fahren. Sogar „erlaubte Unterhaltungen eigenen Gefallens“ gestattete Seine Majestät gnädig, gemeint waren Ballspiele. Zugleich wurde, was immer der Kaiser oder seine Ratgeber da befürchtet haben mögen, vor „unerlaubten Ausschweifungen“ gewarnt. > mehr



Herzenserhebung gegen kalte Berechnung
Ein Rückblick auf die Ära der Preußischen Reformen


„Als Poesie gut“, kommentierte König Friedrich Wilhelm III. von Preußen im Sommer 1811 eine Denkschrift seines Generals August Neidhardt von Gneisenau. Der hatte den Plan für eine Volkserhebung vorgelegt, um der drückenden Abhängigkeit Preußens von Napoleon ein Ende zu machen. Auf die Kritik Friedrich Wilhelms reagierte Gneisenau nicht etwa, indem er darzustellen versuchte, sein Vorschlag sei auch realpolitisch durchaus umsetzbar. Vielmehr griff er das Wort des Königs auf und wandte es um: „Keine Herzenserhebung ohne poetische Stimmung. Wer nur nach kalter Berechnung handelt, wird ein starrer Egoist. Auf Poesie ist die Sicherheit der Throne gegründet.“ > mehr



Wallfahrten und Weißwürste
Streifzüge durch die bayerische Kulturgeschichte


„Eine bayerische Spezial-Walhalla“, spottete 1909 der Schriftsteller Ludwig Thoma, „oberhalb der Oktoberfestwiese, von wo der Rauch gebratner Würste und Fische zu den Denkmälern bayerischer Größe emporkräuselt“. In der Tat, die Ruhmeshalle, die König Ludwig I. von Bayern von 1843 an zu Füßen der kolossalen „Bavaria“, gleich an der Theresienwiese, anlegen ließ, war ein Parallelprojekt zur Walhalla bei Regensburg. Die Ruhmeshalle sollte ihren Teil zur Integration des jungen Staates beitragen. Von den 74 Büsten, die 1853 zur Einweihung darin standen, waren mehr als die Hälfte „Neubayern“. Der Berliner Kunsthistoriker Wilfried Rogasch, der unter anderem in München als Ausstellungskurator gearbeitet hat, wählt einen anderen Zugang, um der Frage nachzugehen, was an unserem Bild von Bayern Realität und was bloß Phantasie und Klischee ist: von Kunstwerken oder Sachzeugnissen her, die auf Themen oder Aspekte oder Epochen ein Schlaglicht werfen. > mehr




Das deutsche Volk, einig in seinen Stämmen ...
Die Angst vor der Kleinstaaterei - Gegenwart und Vergangenheit eines deutschen Traumas

Ob die Föderalismusreform jetzt, mit einer großen Koalition von CDU/CSU und SPD, wirklich zustande kommt? In 15 Jahren können die Deutschen ein Jubiläum feiern: 1220 verzichtete Kaiser Friedrich II. in aller Form darauf, in die Herrschaftsgewalt der geistlichen Fürsten einzugreifen, 1231 folgte die entsprechende Vereinbarung mit den weltlichen Fürsten. Wir blicken zurück auf ein Jahrhunderte altes deutsches Trauma: die Angst vor der Kleinstaaterei. > mehr





Im Konflikt mit der Moderne
Wiener Skandale um 1900 - eine Ausstellung der Schirn-Kunsthalle Frankfurt am Main

Wenn Sie einmal in Wien waren, kennen Sie natürlich den Michaelerplatz mit seiner prachtvollen Fassade, die der Hofburg Ende des 19. Jahrhunderts nach einem barocken Entwurf vorgelegt wurde. Haben Sie auch das "Haus ohne Augenbrauen“ nicht übersehen? 1911 wurde es wegen seiner "obszönen Nacktheit“ heftig angefeindet. Ab 28. Januar zeigt die Schirn-Kunsthalle in Frankfurt am Main einen Rückblick auf Wiener Skandale um 1900. > mehr





Eine Braut in Tränen und ein reicher Herzog
Die Landshuter Hochzeit und ihr historisches Vorbild

Ob die Braut in Tränen ausbricht? Bei einem historischen Fest, das derart auf Authentizität in allen Details angelegt ist wie die "Landshuter Hochzeit", wäre das eigentlich zu erwarten. Als man Prinzessin Hedwig von Polen aus der Kirche hinausführte, "da hing sie das Angesicht nieder, und sie weinte sehr...". Aber genau diese Szene ist in dem historischen Spiel, das am 27. Juni dieses Jahres wieder seinen Lauf nimmt, ausgeklammert. Eine Hochzeit ohne Trauungszeremonie – ansonsten soll möglichst alles so sein wie 1475. 2.400 Landshuter spielen in historisch gestalteten Kostümen mit, eine halbe Million Touristen werden erwartet. > mehr




Hinter den Kulissen ein abgehetzter Techniker
Vor 125 Jahren starb Märchenkönig Ludwig II. von Bayern

Was am späten Abend des 13. Juni 1886 am Ufer des Starnberger Sees wirklich geschehen ist, wird sich wohl niemals mehr klären lassen. Gegen 18 Uhr 30 waren König Ludwig II. von Bayern und der Psychiater Professor Bernhard von Gudden zu einem Spaziergang im Park von Schloss Berg aufgebrochen. Als sie um 23 Uhr noch nicht zurück waren, machten sich Guddens Assistenzarzt und der Schlossverwalter gemeinsam mit einem Schiffer auf die Suche. Um 23 Uhr 30 wurden König und Arzt tot im Uferwasser gefunden. Zum 125. Todestag des "Märchenkönigs" ein Blick auf sein Leben und seine Schlösser. > mehr





Salz, Bier und Kunst
München leuchtet immer noch - die bayerische Landeshauptstadt feiert ihren 850. Geburtstag

"München leuchtete", schrieb Thomas Mann, 1902 in einer Erzählung mit viel Liebe und noch mehr Ironie, "Die Kunst blüht, die Kunst ist an der Herrschaft, die Kunst streckt ihr rosenumwundenes Zepter über die Stadt hin und lächelt." Dabei hatte die Geburt Münchens Mitte des 12. Jahrhunderts nun wirklich nichts mit Kunst zu tun gehabt, vielmehr mit Politik und Ökonomie und einer Familienfehde ... Zu Münchens 850. Geburtstag blicken wir zurück in die Geschichte dieser Stadt, die viele für die schönste in Deutschland halten. > mehr




Schmelztiegel oder Krieg der Kulturen?
Kelten, Römer und Germanen am Rhein

"Da war ein römischer Feldhauptmann, ein schwarzer Kerl, braun wie ne reife Olive, der hat einem blonden Mädchen Latein beigebracht. Und dann kam ein jüdischer Gewürzhändler in die Familie ... Und dann kam ein griechischer Arzt dazu oder ein keltischer Legionär ...“ Carl Zuckmayer in "Des Teufels General". Im Vorfeld des 2000-Jahr-Jubiläums der Schlacht im Teutoburger Wald präsentiert das Rheinische Landesmuseum Bonn das Mit- und Gegeneinander von Kelten, Römern und Germanen am Rhein. > mehr





Flurbereinigung im Westen
Vor 200 Jahren wurde der Rheinbund gegründet

Es war eine kurzlebige Einrichtung, kurzlebig selbst nach den Maßstäben deutscher Geschichte. Der Rheinbund, den Kaiser Napoleon vor 200 Jahren als Gegengewicht gegen die beiden größeren deutschen Staaten im Osten, Österreich und Preußen, ins Leben rief, hielt gerade einmal sieben Jahre. Aber vieles daran prägt die Bundesrepublik Deutschland und ihre Länder bis heute. > mehr




Rund um einen Mordfall
Das Revier im Mittelalter - die Ausstellung "AufRuhr 1225" in Herne

Rauchende Schlote, staubige Halden, Dreck und Fördertürme – es geht um das Ruhrgebiet, worum denn sonst? Inzwischen hat sich freilich herumgesprochen, dass die Region einen rasanten Wandel durchmacht. Unter der Überschrift „Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010“ feiert „das Revier“ in diesem Jahr sein neues Image. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe hat das Großereignis zum Anlass genommen, mit der Ausstellung "AufRuhr 1225!", in jene Epoche zurückzublicken, in der die Weichen gestellt wurden für die politische Entwicklung der Region, das hohe Mittelalter. > mehr




"Sturmfest und erdverwachsen"
Vor 1.200 Jahren starb der sächsische Herzog Widukind

"Wir sind die Niedersachsen, sturmfest und erdverwachsen, Heil, Herzog Widukinds Stamm!" Der im Niedersachsenlied besungene Recke soll vor 1.200 Jahren verstorben sein. Sachsenherzog Widukind hatte sich hartnäckig und am Ende vergeblich dem Machtanspruch Karls des Großen auf Norddeutschland - und, damit verknüpft, den Missionsbestrebungen der römischen Kirche - widersetzt. Spätere Generationen machten ihn zur mythischen Figur, bis hinein in den Nationalsozialismus. > mehr




"Jetzt ist Ruhe die erste Bürgerpflicht"
Vor 200 Jahren: die Schlacht von Jena und Auerstedt

Für Generationen deutscher Geschichtslehrer galt sie einmal als die geschichtliche Katastrophe schlechthin: Preußens Niederlage gegen Napoleon in der Schlacht bei Jena und Auerstedt, bloß zwei Jahrzehnte nach dem Tod Friedrichs "des Großen", der sein Königreich in die Reihe der europäischen Großmächte befördert hatte. 200 Jahre danach der Versuch eines sachlichen Rückblicks auf die historische Entscheidung, ihre Ursachen und ihre Folgen. > mehr