Dossier
Geschichte Nord- und Osteuropas

 

Ein vielstimmiger Chor der Völker und Kulturen
Tausend Jahre Geschichte der Ostsee

„Geschichte ist in meiner Idealvorstellung ein vielstimmiger Chor“, schrieb der französische Historiker Fernand Braudel vor mehr als sechzig Jahren in seinem monumentalen Buch über die Mittelmeerwelt im späten 16. Jahrhundert. „Ein vielstimmiger Chor, natürlich mit dem Nachteil, dass die Stimmen dabei einander häufig überlagern. Nicht immer setzt sich eine als Solo durch und drängt die Begleitstimmen weit in den Hintergrund.“ Braudel hat die Aufmerksamkeit der Historiker auf den Umstand gelenkt, dass geographische Räume ihre Schicksale haben, selbst dann, wenn sie niemals eine politische, religiöse oder kulturelle Einheit bildeten. Zum Beispiel der Ostseeraum - eine „Zone fruchtbarer Austauschbeziehungen“, sagt Michael North, Historiker an der Universität Greifswald, in seiner jetzt erschienen „Geschichte der Ostsee“. > mehr



Hering, Findlinge und Backsteingotik
Eine Kulturgeschichte der Ostsee, von der Eiszeit bis zur Digitalisierung


Als im Sommer 1956 schwedische Archäologen auf der kleinen Insel Helgö westlich von Stockholm Reste eines Handelsplatzes aus dem frühen Mittelalter ausgruben, da fanden sie unter anderem eine zehn Zentimeter hohe Bronzeskulptur: einen meditierenden Buddha, der auf einer Lotusblüte sitzt. Stilvergleiche zeigten, dass er etwa im 6. Jahrhundert in Nordindien angefertigt wurde, im Grenzgebiet zum heutigen Afghanistan. Etwa 200 Jahre später gelangte er in den schwedischen Boden. Ein Stück Indien an der Ostsee, im frühen Mittelalter … Man braucht nicht anzunehmen, meint der Kieler Nordeuropa-Historiker Martin Krieger in seiner neu erschienenen Kulturgeschichte des Ostseeraums, dass indische Kaufleute bis nach Schweden hin Geschäfte getätigt hätten. Wahrscheinlicher ist, dass der Buddha auf seinem Weg einige Male den Besitzer wechselte. > mehr



Region des Unheils, Wiege der Völker, touristisches Sehnsuchtsziel
Eine Kulturgeschichte des Mythos vom Norden


Das Nordlicht, die „Aura borealis“, sollen die alten Germanen geglaubt haben, sei der Glanz auf den Rüstungen der Walküren, die nach einer Schlacht die gefallenen großen Helden nach Walhall führen würden. „Blutige Wolken wandeln über den Himmel“, heißt es noch in der isländischen „Njalssaga“ aus dem 13. Jahrhundert. „Die Luft ist rot, von Blut getränkt, so schön konnten die Walküren singen.“ Das Nordlicht – eines der Elemente, die den Mythos vom Norden begründeten. Irgendwann in den 1630er Jahren entstand das Schlagwort „Ex septentrione lux“, „aus dem Norden kommt das Licht“. Es war eine Variation des uralten „Ex oriente lux“, das den Sonnenaufgang meinte, und zunächst wohl als Paradox gemeint: Ausgerechnet aus dem Norden kam mit König Gustav Adolf von Schweden die Heilsgestalt, die mit ihrem Eingreifen in den Dreißigjährigen Krieg den deutschen Protestantismus rettete. > mehr



Geschwänzte Menschen, fettige Finger, abgeschlagene Köpfe
Das Balkanbild in Reiseberichten seit dem 18. Jahrhundert


„Geschwänzter Satyr“, beschrieb der Biologe Carl von Linné 1735 in seinem „Systema naturae“ eine ganz besondere Species von Tieren, „behaart, bärtig, mit einem menschenähnlichen Körper, mit ausgeprägter Gestik, sehr gerissen, eine Affenart.“ Ganz sicher war sich Linné aber nicht, etwas skeptisch fügte er den Halbsatz an: „... wenn jemand ihn überhaupt jemals gesehen hat“. Und solche Menschen ortete man nicht nur auf sagenhaften Inseln irgendwo am andern Ende der Welt. Bis ins 20. Jahrhundert, schreibt der slowenische Ethnologe Bo?idar Jezernik in seinem neuen Buch über das „wilde Europa“, hielten sich Gerüchte, auf der Balkanhalbinsel würden geschwänzte Menschen leben. 1939 beteuerte der Engländer Philip Thornton, er habe sich in einem Kaffeehaus mit eigenen Händen bei einem jungen Albaner vom Vorhandensein eines solchen Schwanzes unterhalb der Wirbelsäule überzeugen können, „wie bei einer Katze oder einem Hund". > mehr



Die goldene Insel im Schwarzen Meer
Das Landesmuseum in Bonn zeigt archäologische Funde von der Krim

Besser hätte das Museum des Landschaftsverbands Rheinland in Bonn seine neue Ausstellung mit archäologischen Funden von der Krim gar nicht terminieren können. Gerade vor wenigen Wochen erklärte die UNESCO die Ruinen der griechischen Kolonie Chersonesos in der Nähe von Sewastopol zum Weltkulturerbe. Die Ausgrabungen in Chersonesos reichen bis ins frühe 19. Jahrhundert zurück. Bereits 1783 hatte Zarin Katharina II. die neue Stadt Sewastopol einige Kilometer entfernt angelegt, um die Ruinen von Chersonesos nicht zu überbauen – im Zeitalter des Klassizismus suchte eben auch das Zarenreich seine antiken, mittelmeerischen Ursprünge. Die sowjetische Schwarzmeerflotte war dann weniger rücksichtsvoll; in der antiken Stadt wurden militärische Bauten errichtet. Heute bildet die „goldene Insel im Schwarzen Meer“, wie die Ausstellung belegt, eines der aktuell wichtigsten archäologischen Arbeitsfelder in Europa. > mehr




Vom Nationalpatron zum abschreckenden Beispiel und wieder zurück
Über Erinnerungskulturen im östlichen Europa

Was die Franzosen an ihrer Jungfrau von Orléans haben und die Schweizer an Wilhelm Tell, ist bekannt. Aber wie steht es bei den Völkern und Staaten in Osteuropa mit historischen Figuren, in denen sich das nationale Selbstverständnis kristallisiert? Eine Forschergruppe um das Leipziger Geisteswissenschaftliche Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas hat sich mit den aktuellen Erinnerungskulturen in den Ländern des ehemals sowjetischen Machtbereichs befasst. > mehr




Als eine europäische Großmacht geboren wurde
Tannenberg 1410 - Vor 600 Jahren besiegten Polen und Litauer den Deutschen Ritterorden

Es war am 15. Juli des Jahres 1410, dass südlich der Stadt Allenstein oder Olsztyn, zwei große Heere aufeinander trafen. Auf der einen Seite standen die Ritter des Deutschen Ordens mit ihren Hilfstruppen, auf der anderen eine gemeinsame Streitmacht des Königs von Polen und des Großfürsten von Litauen. Der Orden, der fast zwei Jahrhunderte lang als nahezu unbesiegbar gegolten hatte, erlitt eine vernichtende Niederlage. Für Polen-Litauen bedeutete die Schlacht den Aufstieg zur europäischen Großmacht. Der Sieg begründete einen nationalen Mythos, der Jahrhunderte später auch die Zeit der Polnischen Teilungen zu überbrücken half. > mehr



Ein ratloser Sieger in einer verwüsteten Stadt
Vor 200 Jahren: der Brand von Moskau

Napoleon schlug alle Warnungen in den Wind. "Sie verstehen nichts von solchen Sachen", herrschte er den französischen Botschafter in Sankt Petersburg, Armand de Caulaincourt, an: "Ein einziger Sieg, und der Zar wird mir entgegengekrochen kommen." Am 24. Juni des Jahres 1812 marschierte Napoleon mit der größten Armee, die die Welt bis dahin gesehen hatte, in Russland ein – mehr als 600.000 Mann aus Frankreich und aus allen von Frankreich annektierten oder beherrschten Gebieten, von Spanien bis Polen. Sie Hoffnung auf einen kurzen und raschen Feldzug erfüllte sich nicht. Immer tiefer wurden Napoleons Truppen in das Russische Reich hineingezogen. Am Morgen des 15. September zog Napoleon unter den Klängen der Marseillaise in den Kreml ein. Dort wollte er darauf warten, dass der Zar ihm "entgegengekrochen" käme. Aber bereits wenige Stunden später musste Napoleon die Residenz fluchtartig verlassen. Moskau brannte. > mehr



Die erfundenste Stadt der Welt
Vor 300 Jahren erklärte Zar Peter der Große seine Gründung Sankt Petersburg zur russischen Hauptstadt

Die „erfundendenste Stadt der Welt“, sagte Fjodor Michailowitsch Dostojewski. Eine Generation zuvor hatte Alexander Sergejewitsch Puschkin die „Erfindung“ von Sankt Petersburg in seinem Gedicht „Der eherne Reiter“ in Szene gesetzt: „Er stand am wellumspülten Strand in tiefem Sinnen, unverwandt ins Ferne schauend ... ‚Hier werde eine Stadt am Meer, zu Schutz und Trutz vor Feind und Fehden. Hier hatte die Natur im Sinn ein Fenster nach Europa hin. Ich brech’ es in des Reiches Feste; froh werden alle Fahnen wehn auf diesen Fluten, aus fremdem Land uns bringend Gäste.’“ Im Mai 1712, vor 300 Jahren, brachte Zar Peter der Große einen Erlass heraus, der das altehrwürdige Moskau entthronte und seine Gründung Sankt Petersburg zur russischen Hauptstadt erklärte. > mehr



"Ernsthafte Angebote unterhalb einer Mitgliedschaft unterbreiten"
Der Politikwissenschaftler Klaus Segbers zur aktuellen Krise in der Ukraine und zu den Perspektiven europäischer Politik


Ein unbekannter Winkel Europas, nur wenige hundert Kilometer entfernt. Und ein 50-Millionen-Volk, das erst seit 13 Jahren seinen unabhängigen Staat besitzt. Was steht hinter der aktuellen Krise, von der es bereits heißt, dass sie diesen Staat zerreißen könnte? Wie kann die Europäische Union mit dieser Lage umgehen? Josef Tutsch sprach mit Prof. Klaus Segbers, Politikwissenschaftler an der FU Berlin. > mehr



Leidvolle Vergangenheit, schwierige Gegenwart
Weißrussland - die unbekannte Nation im Osten

Machtkampf in Weißrussland, vielleicht dem von der Weltöffentlichkeit bislang am wenigsten beachteten Land Europas. Die Hauptstadt Minsk, 1007 zum ersten Mal erwähnt, kann demnächst ihre Jahrtausendfeier begehen, aber zwischen Kiew und Litauen, Polen und Russland hatte die Region wenig Gelegenheit, eine historische Identität zu entwickeln. > mehr