Dossier
Aus der Geschichte Europas

 

tives Projekt mit universalem Anspruch
Der Berliner Historiker Heinrich August Winkler hat eine "Geschichte des Westens" vorgelegt

„Der Westen“ – es ist noch keine drei Generationen her, dass dieser Ausdruck in Deutschland als Schimpfwort gebraucht wurde. Im Ersten Weltkrieg waren die tonangebenden Repräsentanten des Geisteslebens im wilhelminischen Kaiserreich – berühmtester Fall: Thomas Mann – nach Kräften bemüht, den „westlichen“ Ideen von demokratischer Mehrheitsherrschaft eine vermeintlich höhere, spezifisch „deutsche“ Kultur der Innerlichkeit entgegenzusetzen. Erst die vielgeschmähte Adenauerzeit nach dem Zweiten Weltkrieg brachte, wie der Philosoph Jürgen Habermas es im nachhinein genannt hat, „die vorbehaltlose Öffnung der Bundesrepublik gegenüber der politischen Kultur des Westens“. Der Berliner Historiker Heinrich August Winkler hat jetzt eine "Geschichte des Westens" vorgelegt. > mehr



 Die westlichen Demokratien in der Zerreissprobe
Der Berliner Historiker Heinrich August Winkler legt eine Geschichte unserer Gegenwart vor


„Uns ist nicht bange“, sagte Thomas Mann im Juni 1953 vor Hamburger Studenten, „dass die wirkende Zeit nicht ein geeintes Europa bringen wird mit einem wiedervereinigten Deutschland in seiner Mitte.“ Und dann folgte ein Satz, der seit 1989 in Deutschland zu den am meisten zitierten Worten des gesamten 20. Jahrhunderts gehört. Mann forderte die „deutsche Jugend“ auf, sich „nicht zu deinem deutschen Europa“ zu bekennen, sondern „zu einem europäischen Deutschland“. Der Name Thomas Mann kommt in dem neuen Buch des Berliner Historikers Heinrich August Winkler „Über die gegenwärtige Krise in Europa und Amerika“ nicht vor. Aber unvermeidlich steht im Hintergrund dieses Buches auch die Frage, inwieweit die deutsche Politik dieser Krise, die als solche ja unbestreitbar ist, nicht genügend entgegengewirkt, sie womöglich sogar mitverschuldet hat. > mehr



Drei Jahrzehnte deutscher Auflehnung
Die Zeit der Weltkriege - der Historiker H. A. Winkler legt die Fortsetzung seiner "Geschichte des Westens" vor

Das entscheidende Stichwort fällt gleich in der Einleitung: „Ausnahmezeit“. Der zweite Band seiner „Geschichte des Westens“, schreibt der Berliner Historiker Heinrich August Winkler, handele „von einer Ausnahmezeit: „Die Rolle Deutschlands war zwischen 1914 und 1945 so zentral, dass man die Zeit der beiden Weltkriege geradezu als das deutsche Kapitel in der Geschichte des Westens bezeichnen kann.“ Es waren Kriege nicht nur gegen politische und wirtschaftliche Konkurrenten, sondern gegen die politische Kultur des Westens, wie sie sich in den Revolutionen des späten 18. Jahrhunderts ausgebildet hatte - eine Auflehnung gegen das "normative Projekt des Westens". > mehr




Kreuzritter und Revolutionäre
Gewalt im Namen des Christentums und des "Westens"


Seinen Ursprung hatte das Buch im Irakkrieg des George W. Bush. Als Mediävist, also Spezialist für das abendländische Mittelalter, schreibt der französische Historiker Philippe Buc, der zur Zeit an der Universität Wien arbeitet, habe er sich für dieses Thema eigentlich nicht zuständig gefühlt. Aber als politisch interessiertem Zeitgenossen war ihm aufgefallen, dass es in Bushs Reden zu diesem Krieg verblüffende Parallelen etwa mit den Briefen Papst Gregors VII. im 11. Jahrhundert gab. Und zwar unter einem Stichwort, das westlichen Lesern zunächst einmal völlig unverfänglich vorkommen wird: „Freiheit“. Bloß eine Gemeinsamkeit der Worte? Oder eine Kontinuität des Begriffs? Buc hat einen über 400 Seiten dicken Band zum Thema „Gewalt im Namen des Christentums“ vorgelegt. > mehr




Vor neuen Glaubenskriegen?
Reflexionen über das Projekt Europa


Es wird hauptsächlich die sogenannte „Stagflation“ gewesen sein, die Mischung von Stagnation und Inflation, die sich in der Folge der Ölpreiskrise von 1973 in den westlichen Industriestaaten einstellte; in der Bevölkerung verbreitete sich der Eindruck, die „Europäische Wirtschaftsgemeinschaft“ komme mit dieser Herausforderung nicht so recht zurande. Und ganz allgemein das Gefühl, das „Projekt Europa“ sei nach den euphorischen Anfängen in den 1950er und 1960er Jahren ins Stocken geraten. In einem einzigen Jahr, von 1975 auf 1976, sank die Zustimmung zur Politik der Gemeinschaft bei den Bürgern der Mitgliedsstaaten von 63 auf 53 Prozent. Gleichzeitig stieg die Zahl jener, die das Integrationsprojekt insgesamt ablehnten, von 9 Prozent auf 14. Damals wurden diese Zahlen als alarmierend empfunden, heute würden sie bei den europäischen Politikern Glücksgefühle auslösen. > mehr

   


Zweifel an der Identitätsbildung
Wandlungen des Krieges in drei Jahrtausenden Weltgeschichte


"Ich hätte in der Mittagsstille und bei der kurzen Entfernung selbst das Geringste gehört. Aber nichts regte sich ..." Langsam, schweigend, jedes Geräusch vermeidend bereitet der Erzähler seinen Schuss vor, mit der "Sorgfalt eines Jägers, der hohes Wild zu erlegen gedenkt". Und dann: "Ich sah ihn stürzen, und da ich schon viele stürzen sah, wusste ich, dass er nicht wieder aufstehen wird ... Er fiel gegen die Grabenwand und brach zusammen, nicht mehr den Gesetzen des Lebens, sondern allein denen der Schwere untertan." Eine Jagdszene? Nein, das Geschehen spielt im Ersten Weltkrieg; das "Wild" ist ein englischer Soldat. Die Sätze stammen aus Ernst Jüngers Erzählung "Wäldchen 125". "Für Fragen der Bewertung, Moral, Gefühle oder Emotion hat der Text keinen Raum", schreibt der Germanist Bernd Hüppauf von der New York University in seinem jetzt erschienenen Buch über die "Kulturgeschichte des Krieges". "Es besteht keine emotionale Beziehung, kein Hass und kein Mitgefühl verbindet Täter und Opfer. Im strengen Sinn gibt es kein Opfer, nur ein Objekt der Tat." Bei vielen Lesern hat Ernst Jüngers kalte, emotionslose Wiedergabe des Kriegserlebnisses Entsetzen und Empörung hervorgerufen. Hüppauf: "Die moderne Tötungsmaschine mit Präzisionsgewehr und der archaische Mensch ohne Ethik und Reflexion, aber mit einer tierartigen Witterung" gehen ineinander über." > mehr




Friedriche, Sebastiane und Demetriusse
"Falsche Könige" - eine Geschichte der politischen Hochstapelei

„Man wählt, um ein Schiff zu steuern, nicht denjenigen unter den Reisenden aus, der dem vornehmsten Geschlecht entstammt." Sehr plausibel, was der französische Schriftsteller Blaise Pascal da vor mehr als dreieinhalb Jahrhunderten formuliert hat. Viele, wahrscheinlich die meisten Gesellschaften seit dem alten Ägypten haben es anders gehalten. Politisches „Charisma“ wurde als eine Art Familienerbe angesehen. Dem Vater folgte der Sohn, meistens der erstgeborene, auf den Thron; manchmal kam auch eine Tochter zum Zug oder sonst ein Angehöriger. Einleuchtend, dass Familienwirren oder gar das Aussterben einer Dynastie immer wieder zu politischen Krisen führen mussten. Und ebenso, dass in solchen Situationen immer wieder „falsche“ Prinzen und Könige auftraten, Personen also, die von sich behaupteten, sie seien durch die aktuellen Inhaber der Macht um ihr Erbe, ihren Anspruch auf Krone und Thron, gebracht worden. Der Bonner Historiker Gerhard Menzel hat jetzt eine umfangreiche Studie zur Geschichte der politischen Hochstapelei vorgelegt. > mehr





Die Gespenster der Geschichte
50 Jahre nach dem Élysée-Vertrag - ein Rückblick auf Jahrhunderte deutsch-französischer "Erbfeindschaft"

Die Situation war grotesk. Bundespräsident Gustav Heinemann sprach im Fernsehen zum einhundertsten Jahrestag der Gründung des Deutschen Reiches 1871. Zu Feiern gebe es eigentlich keinen Anlass, sagte Heinemann: Die Kaiserproklamation ausgerechnet in Versailles hatte den französischen Nachbarn zutiefst gedemütigt. Kein halbes Jahrhundert später gab Frankreich im Friedensvertrag von Versailles 1919 die Demütigung zurück. Während Heinemann seine nachdenklichen Worte sprach, prangte im Hintergrund an der Wand des Bundespräsidialamtes das pompöse Bild, mit dem der Historienmaler Anton von Werner einst die nationale Großtat Bismarcks und Wilhelms I. gefeiert hatte. - Zweimal Versailles – zwei Höhepunkte dessen, was man die deutsch-französische „Erbfeindschaft“ genannt hat. Am 22. Januar 1963, vor 50 Jahren, zogen Bundeskanzler Konrad Adenauer und Staatspräsident Charles de Gaulle mit dem „Deutsch-Französischen Freundschaftsvertrag“ einen Schlussstrich unter dieses Kapitel der Geschichte. > mehr





Das dreifache Europa und der Ausbruch des Westens
Berliner Historiker präsentiert ein neues Bild des Mittelalters

Das "christliche Mittelalter" - das ist beinahe ein Pleonasmus; was soll das Mittelalter denn sonst gewesen sein? Der Historiker Michael Borgolte von der Berliner Humboldt-Universität schlägt einen Paradigmenwechsel vor: Die Geschichtswissenschaft sollte eher vom "monotheistischen" als vom "christlichen Mittelalter" sprechen - Christen, Juden Muselmanen nebeneinander, miteinander und oft auch gegeneinander. > mehr





Langlebige Organisation mit Reformstau
Im Schnellschritt durch die Jahrhunderte: Berliner Ausstellung über das Heilige Römische Reich

"Die Ausstellung betont die positiven Eigenschaften des Ordnungs-, Rechts- bzw. Verfassungs- und Friedenssystem sowie die politische Kraft des europäischen Staatenbundes, die sich von den Kämpfen des Nationalismus des 19. und 20. Jahrhunderts deutlich abhebt": Ganz so harmonisch wie in dieser Ankündigung präsentiert sich das Heilige Römische Reich in der neuen Ausstellung des Deutschen Historischen Museums Berlin aber dann doch nicht. > mehr





Das Reich, das keines war
Vor 200 Jahren endete das Heilige Römische Reich Deutscher Nation

"Wir Franz der Zweite, von Gottes Gnaden erwählter römischer Kaiser, zu allen Zeiten Mehrer des Reichs, Erbkaiser von Oesterreich etc., König in Germanien, zu Hungarn, Böheim, Croatien, Dalmazien, Slavonien, Galizien, Lodomerien und Jerusalem, Erzherzog zu Oesterreich etc. ... erklären, daß Wir die bis jetzt getragene Kaiserkrone niederlegen ..." Vor 200 Jahren, am 6. August 1806, endete das Heilige Römische Reich. > mehr





Seine Vergangenheit frei wählen können ...
Kulturwissenschaften in einem interdisziplinären Zentrum der FU

Irgendwie hat sich Europa anders entwickelt als die übrigen Weltkulturen und in vier Jahrhunderten Kolonialismus den Rest der Welt mit überlegener Technik zeitweise auf seinen Weg zwingen können. Den kulturgeschichtlichen Ursprüngen in Mittelalter, Renaissance, früher Neuzeit geht die FU Berlin in einem interdisziplinären Zentrum nach. > mehr





"Für die Türkei gibt es keine Alternative zu Europa"
Interview mit der Turkologin Prof. Barbara Kellner-Heinkele, FU Berlin

Ein Land vor den Toren der Europäischen Union - ist die Türkei nach den Grundsätzen politischer Kultur, die sich mit der Aufklärung herausgebildet haben, ein "europäisches" Land? > mehr





Der Westen, Osteuropa und die Türkei
Ein französischer Philosoph zu den Grenzen Europas

Gehört die Türkei zu Europa? Sollte sie irgendwann demnächst der Europäischen Union angehören? Bei dieser Frage reden die einen von Wirtschaftsinteressen und Geostrategie, die anderen von Unterschieden der Religion. Ein französischer Philosoph fragt, was das eigentlich ist, Europa oder die abendländische Zivilisation oder der Westen. Wo liegen demnach die Grenzen, die sich eine Europäische Union bei ihrer Erweiterung nach Osten und Südosten sinnvoll setzen kann, soll, muss? > mehr





Weiße Haut und Helfermentalität
Der Europäer - ein Konstrukt zwischen Biologie und Demoskopie, Ideen und Knochen

"Weiße Haut, blutreiches und sanguinisches Temperament und fleischiger Körper", "die Haare sind gelblich und mit Locken, die Augen blau, die Gemütsart wankelmütig, vernünftig und zu Erfindungen geschickt". Das ist er, der "Homo Europaeus", beschrieben in Linnés "Systema naturae" von 1735. Heute wird sich niemand mehr trauen, derart umstandslos den Bogen von der Biologie zu einer politischen, sozialen, historischen oder kulturellen Identität des "Europäers" schlagen zu wollen. Eine Forschergruppe hat sich mit der Frage befasst, wie Vorstellungen vom Europäer entstanden sind und sich verändert haben. > mehr