Dossier
Umgang mit Geschichte

 

EGeschichte im Kostüm
Living history - zwischen Belehrung und Spektakel

Im Museum von Colonial Williamsburg, Virginia, sollten im Oktober 1994 die Feierlichkeiten vorgeführt werden, die es in amerikanischen Städten 1760 zur Krönung Georgs III. gegeben hatte, jenes britischen Königs, dessen Regierung einige Jahre später die Unabhängigkeitserklärung provozierte. Die Historiker des Museums organisierten unter anderem eine Versteigerung von vier schwarzen Sklaven ... Ein Team von Historikern und Medienforschern hat den populären Umgang mit der Geschichte heutzutage von verschiedenen Seiten aus beleuchtet. > mehr




Wenn Geschichte Identität stiftet
Zwei Jahrhunderte Geschichtskultur in Deutschland

1994 kam das Computerspiel „Colonization“ auf den Markt. Die Spieler sollten den Wettlauf der europäischen Großmächte Spanien, Frankreich, Holland und Großbritannien um die Herrschaft in Nordamerika sozusagen nachspielen können – und am Ende den Unabhängigkeitskrieg einer „neuen Nation“ gegen das Mutterland. Wer sich auch nur ein bisschen in der amerikanischen Geschichte auskennt, hätte erwarten müssen, dass die Sklaverei mit im Zentrum des Spiels stehen würde. Aber dieses Thema ist völlig ausgeklammert; es wäre, müssen sich die Urheber gedacht haben, politisch nicht korrekt, wenn man afrikanische Sklaven mittels Click über die Overhead-Karte zur Zwangsarbeit auf die Baumwollfelder schicken würde ... Ganz anders die Vernichtung der Indianerstämme. Das Niederbrennen ihrer Dörfer geschah schließlich im Rahmen von „Kriegen“, und ohne Kriege kommt ein Computerspiel nun mal nicht aus. Ja, unser „ethischer Radar“ gibt mal stärkere, mal schwächere Signale, wie Wolfgang Hardtwig, emeritierter Professor für Neuere Geschichte an der Berliner Humboldt-Universität, in seinem neuen Buch feststellt. Hardtwig hat ein gutes Dutzend teils ältere, teils neuere Aufsätze unter einem gemeinsamen Titel zusammengestellt, Thema: die „Geschichtskultur“ des 19. und 20. Jahrhundert, also unser Umgang mit Ereignissen der Vergangenheit, der ja unvermeidlich nicht nur Erkenntnisse, sondern auch Wertungen umfasst. > mehr





Nofretete ist kein Einzelfall
Zwischen Venezuela und dem Elbtal - Interessenkonflikte um das kulturelle Erbe

Seit 1999 liegt im Berliner Tiergarten ein etwa dreißig Tonnen schwerer Felsbrocken, den die venezolanische Regierung damals dem deutschen Künstler Wolfgang Kraker von Schwarzenfeld überlassen hatte. Kraker wollte durch die Aufstellung solcher Steine von allen fünf Kontinenten in der Nähe des Brandenburger Tores die Verbundenheit der Menschen in aller Welt symbolisieren. Aber vorerst hat der amerikanische Felsen eher für Unfrieden gesorgt. Im Juni 2012 forderten Indianer vom Stamm der Pemón in einer Demonstration vor der deutschen Botschaft in Caracas die Rückgabe des Steins; der Präsident des nationalen Instituts für Kulturerbe in Venezuela, Raúl Grioni, stellte sich bei einem Besuch in Berlin hinter die Forderung: Es handle sich um einen heiligen Stein, den wegzugeben die frühere Regierung kein Recht gehabt habe. Man sieht: Die Berliner Nofretete-Büste, deren Rückkehr an den Nil ägyptische Behörden seit Jahr und Tag fordern, ist kein Einzelfall. Wenn für eine soziale Gemeinschaft solche Objekte mit ideellen Werten behaftet sind, wenn sich in solchen Gegenständen die eigene Geschichte und Identität sozusagen materialisiert, dann heften sich daran leicht handfeste Ansprüche und Interessenkonflikte. > mehr




Sintfluterinnerung - und ein Tollhaus von Büchern
Ein neuer Sammelband zum Thema "Erinnerungskultur"

"Dass sich um den Begriff der Erinnerung ein neues Paradigma der Kulturwissenschaften aufbaut, das die verschiedenen kulturellen Phänomene und Felder Kunst und Literatur, Politik und Gesellschaft, Religion und Recht in neuen Zusammenhängen sehen lässt“, schrieb 1992 der Heidelberger Ägyptologe Jan Assmann. Wir besprechen einen neu erschienenen  Sammelband mit Beiträgen aus dem Gießener Sonderforschungsbereich "Erinnerungskultur“. > mehr




Seine Vergangenheit frei wählen können ...
Kulturwissenschaften in einem interdisziplinären Zentrum der FU

Irgendwie hat sich Europa anders entwickelt als die übrigen Weltkulturen und in vier Jahrhunderten Kolonialismus den Rest der Welt mit überlegener Technik zeitweise auf seinen Weg zwingen können. Den kulturgeschichtlichen Ursprüngen in Mittelalter, Renaissance, früher Neuzeit geht die FU Berlin in einem interdisziplinären Zentrum nach. > mehr





Eine Braut in Tränen und ein reicher Herzog
Die Landshuter Hochzeit und ihr historisches Vorbild

Ob die Braut in Tränen ausbricht? Bei einem historischen Fest, das derart auf Authentizität in allen Details angelegt ist wie die "Landshuter Hochzeit", wäre das eigentlich zu erwarten. Als man Prinzessin Hedwig von Polen aus der Kirche hinausführte, "da hing sie das Angesicht nieder, und sie weinte sehr...". Aber genau diese Szene ist in dem historischen Spiel, das am 27. Juni dieses Jahres wieder seinen Lauf nimmt, ausgeklammert. Eine Hochzeit ohne Trauungszeremonie – ansonsten soll möglichst alles so sein wie 1475. 2.400 Landshuter spielen in historisch gestalteten Kostümen mit, eine halbe Million Touristen werden erwartet. > mehr





Superman und Familie im Mittelalter
Tauglichkeit und Untauglichkeit historisierender Comics für den Geschichtsunterricht

Das Mittelalter hat Hochkonjunktur. Seit Umberto Ecos Bestseller „Der Name der Rose“ ist die Reihe von Romanen und Filmen, die irgendwann zwischen 500 und 1500 nach Christus spielen, niemals mehr abgerissen. Eine Blütezeit des historischen Bewusstseins? Oder doch bloß ein besonders effektiver Kulissenzauber? Ein Dortmunder Historiker hat untersucht, inwieweit historische oder historisierende Comics - voran natürlich der Klassiker "Prinz Eisenherz" - geeignet sein könnten, bei Schülern Interesse für die Frage zu wecken, wie das Mittelalter wirklich gewesen ist. > mehr





Dabei sein, wie Geschichte gemacht wird
Hollywoods Träumereien vom alten Rom

„In weniger als zehn Jahren“, prophezeite vor fast einem Jahrhundert der Filmregisseur David W. Griffith, „wird die Zeit da sein, wo die Kinder in den öffentlichen Schulen praktisch alles durch Filme beigebracht bekommen. Man wird einfach dabei sein, wie Geschichte gemacht wird.“ Man kann über die Naivität, mit der Griffith auf die dokumentarische Objektivität von Spielfilmen vertraute, den Kopf schütteln. Aber tatsächlich ist unser Bild von der Geschichte, bewusst oder unbewusst, viel mehr durch historische oder pseudohistorische Filme geprägt, als durch wissenschaftliche Bücher. Ein schmaler Grat zwischen künstlerischer Freiheit und historischer Verfälschung. > mehr





Demokratisiertes Wissen, demokratisiertes Halbwissen
Zur populären Geschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts

Erinnern Sie sich noch an das erste historische Sachbuch, das Sie gelesen haben und das Ihnen seitdem, wie verschwommen auch immer, im Gedächtnis geblieben ist? Je nach Alter war es vielleicht Cerams "Götter, Gräber und Gelehrte" oder Deschners "kritische Kirchengeschichte". Die Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus hat die populäre Geschichtsschreibung im Deutschland des 20. Jahrhunderts mit einer Tagung aufgearbeitet. > mehr





"Bahn frei für deutsche Kulturarbeit!"
Die Deutschen und das Altertum - eine Beziehungsgeschichte aus wilhelminischer Zeit

"Frau Buchholz im Orient": Im fünften Band seiner Romanserie, erschienen Ende 1888, lässt Julius Stinde seine Urberlinerin nach Ägypten reisen. Sie ist verärgert: Die Engländer haben sich mit diesem Land "einen fetten Bissen" gesichert, den Deutschen bleibt nur Kamerun. So erkundigt sich "die Buchholzen", ob sie von den Pyramiden bis Kamerun sehen könne ... Wir berichten über den kolonialistische Blick der deutschen Öffentlichkeit um 1900 auf Altertum und Archäologie. > mehr





Politische Romantik und Dollargangstertum
Ein Sammelband aus der Humboldt-Universität zur Geschichtspolitik in Deutschland

18. Januar 1971, zur besten Sendezeit im deutschen Fernsehen: Bundespräsident Heinemann sprach zum 100. Jahrestag der Proklamation des Königs von Preußen zum Deutschen Kaiser. Kein Anlass zum Feiern, sagte Heinemann - und saß vor dem pompösen Gemälde, das Anton von Werner diesem Anlass gewidmet hat ... Ein Sammelband von Historikern der Humboldt-Universität über Geschichtspolitik in Deutschland: "Griff nach der Deutungsmacht". > mehr