Dossier
Theorie und Methode der Geschichtswissenschaften

 

Langlebigkeit, Stacheldraht, Masturbation
oder was ist Kulturgeschichte?

"Das modische Interesse an der Kulturgeschichte war für Praktiker wie für mich selbst eine angenehme Erfahrung, aber wir wissen natürlich, dass Moden in der Geschichte nicht lange anhalten.“ So unlängst der britische Kulturhistoriker Peter Burke. Zwei Wissenschaftler in Augsburg haben den "cultural turn“ einer Bestandsaufnahme unterzogen – Parallelen mit der großen Zeit der Sozialgeschichte vor drei Jahrzehnten inbegriffen. > mehr



 Paradigmenwechsel in den Geisteswissenschaften
Inter-, multi-, universaldisziplinar - die Konjunktur des Kulturbegriffs seit den 1980er Jahren


Ob der Soziologe Niklas Luhmann geahnt hat, dass er später ausgerechnet mit diesem Satz so oft zitiert werden würde? „Kultur“ sei „einer der schlimmsten Begriffe, die jemals gebildet“ wurden, schrieb er 1997 in seinem Buch „Die Kunst der Gesellschaft“. Und lastete es vor allem diesem Begriff an, dass frühere Soziologenkollegen die „Ausdifferenzierung“ der Sozialsysteme nur unzureichend in den Blick genommen hätten. Die heterogensten Phänomene hätten umstandslos unter „Kultur“ subsumiert werden können, mit „verheerenden“ Folgen“. Mit seiner zornig dahingeworfenen Bemerkung traf Luhmann mitten in einen wissenschaftshistorischen „Paradigmenwechsel“. Seit den späten 1980er, frühen 1990er Jahren ist der „cultural turn“ in den Geistes- und Sozialwissenschaften allgegenwärtig. > mehr



Risiken und Chancen, Möglichkeiten und Zufälle
Kontingenz in der Geschichte


Wer weiß, vielleicht wäre die antike Geschichte ja anders verlaufen, wenn nicht Alexander der Große im Juni 323 v. Chr. unerwartet an einem Fieber verstorben wäre, vielleicht hätte er auch den Westen der Mittelmeerwelt durch seine Eroberungszüge auf den Kopf gestellt. Vielleicht, vielleicht, vielleicht … Das Fieber, das Alexander „zufiel“ und seine Pläne über den Haufen warf, lenkte die Weltgeschichte in eine bestimmte Richtung. Zufall ist das, definieren die Philosophen, was auch anders sein könnte. Der Gegenbegriff ist das, was sich planen lässt, mit hinreichender Wahrscheinlichkeit. Aber sicher ist in der Geschichte eben gar nichts, so wenig wie im alltäglichen Leben. Die Philosophen sprechen von „Kontingenz“, von der prinzipiellen Offenheit, dass alles auch ganz anders kommen kann, und die Zukunft somit immer ungewiss bleibt. > mehr



Etruskische Schnabelschuhe und Kunst der klassischen Moderne
Die faszinierende Wissenschaft der Archäologie


Archäologie ist bekanntlich die „Kunde von den alten Dingen“. Ganz so alt müssen die Dinge, mit denen sich Archäologen befassen, jedoch nicht immer sein. Vor dem Zweiten Weltkrieg stand an der heutigen Rathausstraße in Berlin-Mitte, gegenüber dem sogenannten „Roten Rathaus“, ein dicht bebautes Stadtviertel aus der Gründerzeit, darunter lagen die Reste des mittelalterlichen Rathauses. Als die Archäologen vor wenigen Jahren im Rahmen von Bauarbeiten den Schutt aus dem Weltkrieg durchsuchten, fanden sie in einem Keller Bronze- und Tonskulpturen der „Klassischen Moderne“. > mehr



"Unübersichtlich, aber erfrischend vielgestaltig"
Aktuelle Diskussionen zur Wissenschaftstheorie der Ideen-, Geistes- und Kulturgeschichte


Totgesagte leben länger, vielleicht gilt das auch für Methoden und Theorieansätze im Wissenschaftsbetrieb. In den 1960er und 1970er Jahren war es groß in Mode, die „Geistesgeschichte“, die vor allem in der deutschen Philosophie und Literaturwissenschaft Generationen lang den Ton angegeben hatte, in Bausch und Bogen zu verwerfen und statt dessen die „Sozialgeschichte“ zu proklamieren. Geistesgeschichte galt als hoffnungslos veraltet; aber natürlich ging die Diskussion auch nach dieser Wende zur Sozialgeschichte weiter. Was tun Wissenschaftler eigentlich, wenn sie Goethes „Faust“ analysieren oder Kants „Kritik der reinen Vernunft“, wenn sie die Entstehung der Demokratie im antiken Athen zu rekonstruieren versuchen oder die Formulierung der Menschenrechte in der Aufklärung? Der Erfurter Philosoph Martin Mulsow und der Berliner Anglist Andreas Mahler haben jetzt gemeinsam einen Reader über diesen Komplex herausgebracht, den man früher „Geistesgeschichte“ nannte. > mehr




Erbe, Erbschaft, Vererbung
Ein umstrittenes Feld zwischen "nature" und "nurture"

„Keine Generation hat das Recht, zukünftige Generationen ihren Gesetzen zu unterstellen“, verkündete 1793 in Frankreich die „Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte“. Was heute nicht weiter aufregend klingt, hatte damals eine sehr konkrete Bedeutung: der Satz richtete sich gegen das Rechtssystem des ancien régime – die Testierfreiheit, also das Recht des Verstorbenen, seinem Willen auch über den Tod hinaus Geltung zu verschaffen, galt als Ausdruck der Willkürherrschaft. Nur konsequent, dass in den folgenden Jahre der radikalen Revolution die Freiheit des Erblassers, per Testament über sein Erbe zu verfügen, zeitweise abgeschafft wurde. Moderne Gesetzbücher wie das deutsche BGB haben da bekanntlich einen Kompromiss gefunden. Die Testierfreiheit des Erblassers wird prinzipiell anerkannt, durch einen Pflichtteilsanspruch aber weitgehend eingeschränkt. > mehr




Verstrickt in selbstgesponnene Bedeutungsgewebe
Kultur, Kulturphilosophie, Kulturwissenschaften - die Welt des freigestellten Menschen

Was ist das eigentlich – „Kultur“? Und was sind „Kulturwissenschaften“? Seit etwa zwei oder drei Jahrzehnten vollzieht sich in jenem Spektrum, das man früher „Geisteswissenschaften“ nannte, eine stille Revolution. 1956 noch hatte der englische Physiker C. P. Snow das Gegeneinander der „two cultures“ beklagt, der schöngeistigen Geisteswissenschaftler und Literaten einerseits, der Naturwissenschaftler und Techniker andererseits. 1985 dann stellte der Berliner Soziologe Wolf Lepenies fest, es habe sich inzwischen doch längst eine dritte wissenschaftliche „Kultur“ etabliert, die der Sozialwissenschaften. Inzwischen ist das Schlagwort „Kulturwissenschaften“ in aller Munde; viele mitteleuropäische Universitäten haben bereits Institute und Studiengänge mit diesem Titel eingerichtet. Ein Fach – oder vielmehr eine ganze Fächergruppe – im Wandel. Zusammen mit mehr als einem halben Hundert Kollegen hat der Philosoph Ralf Konersmann von der Universität Kiel jetzt ein „Handbuch der Kulturphilosophie“ vorgelegt. Und eine Forschergruppe um das Kulturwissenschaftliche Institut Essen hat einen Sammelband über „Schlüsselwerke der Kulturwissenschaften“ herausgebracht. > mehr




Köpfe abschneiden, um eine Wut abzuschütteln
Zur Geschichte der Emotionen und des Nachdenkens über Emotion

1972 musste in den USA der demokratische Politiker Edmund Muskie seine Bewerbung um die Präsidentschaft, die allgemein als aussichtsreich eingeschätzt wurde, zurückziehen. Der Grund: Auf den Fernsehbildschirmen hatte alle Welt sehen können, wie ihm bei einer öffentlichen Rede die Tränen über die Wangen liefen. Hintergrund war offenbar ein Zeitungsartikel, der nahe gelegt hatte, Muskies Frau sei Alkoholikerin. Muskie musste aufgeben. Drei Jahrzehnte später wurden die USA von einem George W. Bush regiert, der immer wieder vor laufenden Kameras weinte, ohne dass man ihm das verübelt hätte. Bush selbst erklärte es auch ganz offen in einem Interview: Er habe im Präsidentenamt „mehr Tränen vergossen, als man zählen kann“. Da muss sich einiges geändert haben in der Bewertung öffentlich gezeigter Emotionen, im Umgang mit emotionalen Äußerungen, vielleicht auch in den Emotionen selbst. Haben Emotionen womöglich eine Geschichte, sind also nicht anthropologische Konstanten, die sich seit Jahrhunderttausenden unverändert durchhalten? > mehr




Zweifelhafte Geschehnisse, absichtsvolle Erzählungen
Herrschaftskommunikation seit dem Mittelalter - aus einem Sonderforschungsbereich der Universität Bielefeld

In den 1960er Jahren wurden die "großen Männer" aus der Geschichtswissenschaft verbannt, inzwischen wird die menschenarme Strukturgeschichte wieder als Defizit wahrgenommen. Die Historiker heutzutage interessieren sich für "Rituale", "symbolische Repräsentationen" und "Rollenstilisierungen". Wir berichten über Arbeiten im Bielefelder Sonderforschungsbereich "Das Politische als Kommunikationsraum in der Geschichte". > mehr





Wider den visuellen Analphebetismus
Der Kulturhistoriker Peter Burke über Bilder als historische Quellen

Bilder als historische Quellen, als "Augenzeugen“, sozusagen – Peter Burke, Kulturhistoriker am Emmanuel College in Cambridge, hat als Summe langjähriger Arbeit in der Geschichtswissenschaft eine ausführliche Reflexion dieses Themas vorgelegt. Unvermeidlich haben es Historiker außer mit schriftlichen und mündlichen Texten eben auch mit Bildern zu tun, bewegten wie unbewegten. Aber, stellt Burke fest, "will man Bilder zuverlässig und effizient als Beweismittel benutzen, muss man sich – wie bei anderen Quellen auch – ihrer Schwächen bewusst sein“. > mehr





Mittelalter-Phantasien und kartographisches Lesen
Beiträge zum aktuellen "topographical turn"

1761 will der Geograph Niebuhr im Jemen sein Vergrößerungsglas demonstrieren und lässt sich eine Laus bringen. "Zuletzt ward der Bediente gerufen, welcher darauf schwur, dass er niemals eine so große arabische Laus gesehen hatte und dass das Tier, welches unter dem Glase wäre, notwendig eine europäische Laus sein müsste." Eine Anekdote zu Unterschieden in Raum und Zeit ... Ein Symposion der Deutschen Forschungsgemeinschaft hat sich mit dem "topographical turn" beschäftigt. > mehr





Markierungen im historischen Wandel
Aus Reinhart Kosellecks Begriffsgeschichten

Ein dreiviertel Jahr nach dem Tod des Historikers Reinhart Koselleck ist jetzt eine Sammlung von Aufsätzen und Vorträgen erschienen, ein Querschnitt durch das Lebenswerk, sozusagen die Parerga neben der Enzyklopädie der "Geschichtlichen Grundbegriffe", die Koselleck vor Jahrzehnten angestoßen und ab 1972 mit herausgegeben hat. Es ist längst ein Standardwerk in jeder großen Bibliothek mit historischer Literatur, der neue Band eher ein Lesebuch für den Hausgebrauch. > mehr