Dossier
Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsethik

 

Den Verfasser besser verstehen, als er sich selbst verstand
Eine Geschcihte der Auslegungskunst seit dre Antike


"Im Auslegen seid frisch und munter! Legt ihr's nicht aus, so legt was unter." Mit dem Auslegen von Gesetzestexten hatte Johann Wolfgang von Goethe, der Verfasser dieser Zeilen, als examinierter Jurist und als Minister des Herzogtums Sachsen-Weimar reichlich Erfahrungen. Zweifellos dachte er auch an die Auslegung des Bibeltextes. "Im Anfang war das Wort", lautet der Eingang des Johannesevangeliums in der Bibel von Martin Luther. Goethes Faust findet das in der Sache nicht plausibel und "übersetzt", philologisch sehr frei: "Im Anfang war die Tat!" Und sicherlich war Goethe ebenso gegenwärtig, was die Interpreten alles aus seinen eigenen Werken hatten herauslesen wollen, zum Beispiel aus dem Roman "Werthers Leiden" eine Aufforderung zum Suizid. "Traduttore, traditore", sagt ein italienisches Sprichwort. Übersetzer sind Verräter - Verräter am originalen Text, den sie verfälschen. Aber ohne Übersetzungen geht es eben nicht; das gilt selbst dann, wenn Autor und Leser derselben Sprachgemeinschaft angehören, jedoch durch Generationen oder durch soziale und intellektuelle Schranken getrennt sind: Der Text - im Grunde jeder Text, aber vor allem dann, wenn er Anspruch auf Autorität erhebt, religiös oder juristisch oder auch "bloß" poetisch - muss für ein Publikum ausgelegt werden, das in anderen Horizonten lebt und denkt. Forscher um den Historiker Wolfgang Reinhard am Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt haben jetzt eine umfassende Geschichte der Hermeneutik herausgebracht, also der Textauslegungs-Kunst von der Antike bis zur Gegenwart. > mehr




Jenseits der Alternative von technischer Verwertung und scheinbarer Zweckfreiheit
Der Philosoph Joachim Schummer über die Frage "Wozu Wissenschaft?"


Auf seiner dritten Reise besucht Gulliver, der Held von Jonathan Swifts satirischem Roman, die Große Akademie von Lagado und lässt sich dort einige hundert aktuelle Forschungsprojekte vorstellen. Einer der Professoren entwickelt ein Verfahren, Sonnenstrahlen aus Gurken zu ziehen, damit die Gärten auch in regnerischen Sommern nicht ohne Sonne bleiben; ein zweiter will menschliche Exkremente in die ursprüngliche Nahrung zurückverwandeln. Und Swift wusste auch schon, dass Wissenschaftler nicht ohne Geld auskommen; Gulliver wird immer wieder um Unterstützung angebettelt, “Forschungsförderung“, wenn man so will. An diesem Punkt tritt die Frage „Wozu Wissenschaft?“ auch heutzutage am offensten zutage: Politiker, die öffentliche Gelder in den Wissenschaftsbetrieb lenken, müssen sich vor dem Wähler und Steuerzahler rechtfertigen. Im Alltagsgespräch, meint der Philosoph und Chemiker Joachim Schummer, stehen oft zwei sehr schlichte Sichtweisen gegeneinander: Die einen sagen, Wissenschaft habe einen Sinn nur als theoretische Vorstufe zu neuen Techniken; die anderen halten dagegen, Wissenschaft habe gar keinen Zweck außerhalb ihrer selbst, sie sei zweckfrei, ein Selbstzweck. > mehr




Von Durst gehetzt zu wissenschaftlichem Versuch
Eine Geschichte der Menschenversuche seit der Aufklärung"

Ein Sohn des Äskulap, von Durst gehetzt zu wissenschaftlichem Versuch, entführt mit List ein Mägdelein von sechzehn Jahren ..." So zu lesen in einer 1885 veröffentlichte Schauergeschichte, die sich gegen Vivisektionen richtete: "... die Tochter lag entseelt, nachdem das Scheusal lange sie gequält, als Opfer einer blöden Wissenschaft, war sie im Lebensmai dahingerafft." Zum Glück lässt sich das Thema "Menschenversuche" auch seriöser angehen. Eine interdisziplinäre Forschergruppe an der Universität Bonn hat sich mit der Kulturgeschichte dieses Phänomens befasst. > mehr





Wenn Stechmücken aus Staub hervorgehen
Erst seit dem 19. Jahrhundert gilt die Entstehung von einfachem Leben als göttlicher Schöpfungsakt

Es ist beinahe schon reflexhaft: Wenn etwa vom Craig Venter Institute, das durch die erste vollständige Entschlüsselung des menschlichen Genoms bekannt wurde, neue Fortschritte gemeldet werden, finden sich auf den Titelseiten unserer Zeitungen, von der „Bild“ über die „Welt“ und den „Spiegel“ bis zur FAZ und zur „Zeit“, regelmäßig Überschriften wie „Schöpfung im Labor“ oder „Spielen die Forscher Gott?“. Und in den Kommentaren wird den Wissenschaftlern mit Berufung auf die Bibel dann gern vorgeworfen, dem Schöpfergott ins Handwerk pfuschen zu wollen. „Gott spielen“ ... Der Philosoph und Chemiker Joachim Schummer, Wissenschaftsforscher an der Universität Bielefeld, ist der Geschichte dieses Vorwurf gegen die „Synthetische Biologie“ nachgegangen. > mehr




Teufel, Bombe und Sttistik
Physiker und Dichter - zum 50. Todestag am 18. April

Über Albert Einstein ist 50 Jahre nach seinem Tod doch längst alles gesagt? Und der Kalauer, den alle Jubiläumsredner bringen, dass eben alles "relativ" ist, hängt uns doch längst zum Hals raus? Schauen wir einmal auf das, was die Dichter - Bert Brechtn, Friedrich Dürrenmatt, Heiner Kipphardt - aus dieser repräsentativen Physikerfigur des 20. Jahrhunderts gemacht haben. > mehr




"Was der Mensch sei, sagt ihm seine Geschichte"
Vor 100 Jahren starb Wilhelm Dilthey, der Philosoph der Geisteswissenschaften

Wilhelm Dilthey, der Theoretiker der Geisteswissenschaften ... Man kann bezweifeln, ob der Augenblick günstig ist, an diesen Philosophen zu erinnern, der vor hundert Jahren, am 1. Oktober 1911, in Seis am Schlern in Südtirol starb. Wenn an den Universitäten wieder einmal Geldmittel gekürzt werden müssen, geraten als erste die sogenannten "Geisteswissenschaften" ins Visier. Seine Argumentation, um die Legitimität der Geisteswissenschaften in ihrer Konkurrenz mit den aufstrebenden Naturwissenschaften zu begründen, wird auch damals schon ein Abwehrkampf gewesen sein. > mehr




Der Traum vom Collège d'Allemagne
Eine Auseinandersetzung mit dem Berliner "Manifest Geisteswissenschaften"

Die beiden Philosophen Carl Friedrich Gethmann und Jürgen Mittelstraß, der Historiker Dieter Langewiesche, der Rechtshistoriker Dieter Simon und der Physiologe und Schering-Vorstand Günter Stock haben ein "Manifest Geisteswissenschaften" verfasst. "Das lebendige Wissen einer Kultur von sich selbst, und zwar in Wissenschaftsform, ist zur Stabilisierung und Entwicklung moderner Gesellschaften ebenso wichtig wie ein wissenschaftsgestütztes ökonomisches und technisches Können", formulieren sie. Wir bringen eine Auseinandersetzung mit dem Manifest. > mehr