Dossier
Reformation und Gegenreformation

 

Die Tugend an der HerrschaftEin
Schweizer Historiker über Johannes Calvin und die Reformation in Genf

"Wenn es einen Ort gibt, wo das Wort Gottes verachtet wird, dann hier", wetterte Calvin 1553 in einer Predigt, als die städtischen Behörden sich seinen Wünschen wieder einmal nicht fügen wollten. "Hier" - in Genf, wo der Stadtrat ihn zwölf Jahre zuvor als Leiter der Gemeinde eingesetzt hatte. Immer wieder machte Calvin den Teufel verantwortlich, wenn die Reformation in Genf nicht nach seinen Vorstellungen vorankam. Ein Historiker an der Universität Fribourg hat die Geschichte der Genfer Reformation um die Mitte des 16. Jahrhunderts in seinem neuen Buch nachgezeichnet, das pünktlich vor dem 500. Geburtstag des Reformators am 10. Juli erschienen ist. > mehr



"Eine quasi naturgegebene Loyalität"
"Luther und die Fürsten" - eine Ausstellung in Schloss Torgau


Auf dem Titelblatt von Martin Luthers Übersetzung des Neuen Testaments in der Wittenberger Ausgabe, erschienen 1546, kurz nach Luthers Tod, befindet sich ein Holzschnitt, gestaltet von Lucas Cranach d. J.: Zur Linken des Gekreuzigten kniet der Reformator, zur Rechten sein Landesherr, Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen. Den Betrachter beschleicht ein ungutes Gefühl: Ist die Reformation hier nicht als Gemeinschaftswerk von Staat und Kirche aufgefasst? Und wird die Religion damit nicht unvermeidlich für die Politik in Dienst genommen? Die Frage hat die Geschichte des Protestantismus in dem halben Jahrtausend, das seit dem Thesenanschlag von Wittenberg bald vergangen ist, immer begleitet; da ist es nur konsequent, dass im Vorfeld des kommenden Reformationsjubiläums jetzt in Schloss Hartenfels in Torgau eine große Ausstellung zum Thema „Luther und die Fürsten“ zu sehen ist. > mehr



Martin Luther in Nürnberg
Die "Judenschriften" des Reformators in der Rezeption des 19. und 20. Jahrhunderts


Als der NS-Propagandist Julius Streicher 1946 vor dem Internationalen Gerichtshof in Nürnberg nach antisemitischen Traditionen in Deutschland befragt wurde, da meinte er, eigentlich müsse an seiner Stelle ein gewisser „Dr. Martin Luther“ auf der Anklagebank sitzen. Streichers Argumentation: „In dem Buch 'Die Juden und ihre Lügen' schreibt Dr. Martin Luther, die Juden seien ein Schlangengezücht, man solle ihre Synagogen niederbrennen, man solle sie vernichten.“ Das war kein spontaner Einfall. 1935 hatte der Vizepräsident des Landeskirchenamtes in Hannover, Gerhard Hahn, auf der Reichstagung der Deutschen Christen in Bremen einen Vortrag gehalten, den er unter den Titel jener Lutherschrift aus dem Jahr 1543 setzte: „Von den Jüden und ihren Lügen“ Hahn lobte den „Parteigenossen Julius Streicher“ in den höchsten Tönen; in seiner Zeitung „Der Stürmer“ habe er „Woche für Woche das offen und unverblümt und unerschrocken gesagt, was gesagt werden muss, wenn ein Volk im Kampf auf Leben und Tod steht“. Streichers antisemitisches Hetzblatt „Der Stürmer“ und der Holocaust einerseits, die reformatorische Predigt eines Martin Luther andererseits – gibt es da einen Zusammenhang? > mehr



Vom Gnadenschatz der Heiligen zum modernen Pluralismus
500 Jahre nach Martin Luthers Thesenanschlag


Rom-Besucher werden sich erinnern: Nordöstlich des Kolosseums, auf dem „Colle Oppio“ (einem der römischen Hügel, die nicht zu den klassischen „Sieben“ gezählt werden), ist die „Domus Aurea“  zu sehen, der Palast des Kaisers Nero. In seinen Gärten ließ der Herrscher die Christen, denen er den Brand Roms anlastete, als lebende Fackeln leuchten. Die jüngere Vergangenheit findet sich im Oppius-Park durch ein Straßenschild repräsentiert. An seinem östlichen Rand entdecken die Touristen eine „Piazza Martin Lutero“. 2015, im Vorfeld des anstehenden Jubiläums von Luthers Thesenanschlag in Wittenberg, würdigte Roms Bürgermeister Ignazio Marino mit dieser Benennung den Reformator. > mehr



 Uebertragungen, Eroberungen, feindliche Uebernahmen
Zweieinhalb Jahrtausende Bibeluebersetzung

„Wir sind der Überzeugung“, gibt die sogenannte „Einheitsübersetzung“ der Bibel Kapitel 3, Vers 28 aus dem Römerbrief wider, „dass der Mensch gerecht wird durch Glauben, unabhängig von Werken des Gesetzes.“ Den protestantischen Theologen, die vor einem halben Jahrhundert gemeinsam mit ihren katholischen Theologen die Einheitsübersetzung erstellten, wird es an dieser Stelle gar nicht so leicht gefallen sein, vom Wortlaut Martin Luthers abzuweichen. Vor fast 500 Jahren hatte Luther übersetzt: „Wir sind überzeugt, dass der Mensch gerecht wird ohne die Werke des Gesetzes, allein durch den Glauben.“ Bei oberflächlicher Lektüre besagen beide Fassungen ein und dasselbe. Das Wörtchen „allein“ bei Luther erscheint bloß als Verdeutlichung; man kann aus dem Zusammenhang interpretieren, dass der Satz so gemeint sein muss. Aber „allein“ steht im griechischen Original eben nicht.  Ausgerechnet an dieser Stelle, die für Luthers Theologie so zentral wurde, hat der Verfasser, der Apostel Paulus, eine derart schroffe Entgegensetzung von „Werken“ und „Glauben“ gerade nicht ausgedrückt. > mehr



Von Schweden bis Tansania, von Pennsylvania bis Korea
Berliner Ausstellung ueber den weltweiten "Luther-Effekt"


In der Mitte sitzt Martin Luther, zu seiner Linken sein engster Mitstreiter, Philipp Melanchthon. Zu seiner Rechten sind zwei Vertreter der Reformation in der Schweiz zu sehen, denen Luther freilich nie begegnet ist, Johannes Calvin und Théodore de Bèze. Um sie herum stehen und sitzen ein Dutzend weitere Reformatoren, darunter auch solche, die zu Luthers Zeiten längst verstorben waren, John Wyclif und Jan Hus. Sie alle bilden eine geschlossene Front gegen die Vertreter der katholischen Kirche, die am unteren Bildrand versammelt sind und sich nach Kräften bemühen, die Kerze, die vor Luther auf dem Tisch steht, auszupusten – das Licht der göttlichen Offenbarung.
Das Bild, das um 1630 oder 1640 entstand, bildet den Ausgangspunkt der Ausstellung über „500 Jahre Protestantismus in der Welt“, die jetzt im Berliner Gropius-Bau zu sehen ist. > mehr



"Warum lässt er den Kindern nicht ihre Freude?"
Der Florentiner Dominikanermönch Girolamo Savonarola in der deutschen Literatur


Die jungen Leute waren mit viel Eifer bei der Sache. Tagelang ließ der Dominikanermönch Girolamo Savonarola, der wie ein Diktator über Florenz herrschte, Anfang Februar des Jahres 1497 seine Anhänger durch die Straßen ziehen und aus den Häusern wohlhabender Bürger gewaltsam alles herausholen, was als unchristlicher Luxus gelten konnte: Schmuck, Spiegel, Bilder, Bücher, Musikinstrumente, Spielkarten usw. usf. Auf der Piazza della Signoria wurde ein Scheiterhaufen errichtet, um diese Dinge weltlicher Eitelkeit in Flammen aufgehen zu lassen. Ist es abwegig, wenn uns dabei Gegenwärtiges in den Sinn kommt, der Terror von Fundamentalisten im Herrschaftsgebiet des „Islamischen Staates“ gegen die moderne Konsumkultur? Aber das ist nur eine Seite in unserem Bild von Savonarola, der im Jahr nach diesem „Fegefeuer der Eitelkeiten“, im Mai 1498, als „Häretiker“ verurteilt und verbrannt wurde. Eine andere besteht darin, dass Martin Luther in diesem Mönch einen Vorgänger erkannte. 1524 bezeichnete er ihn als „heiligen Mann“. > mehr



Geschäfte mit jenseitigen Gütern
Die Vorgeschichte von Luthers Thesenanschlag


Hat er oder hat er nicht? Die Diskussion, ob Martin Luther tatsächlich am Vorabend des Allerheiligenfestes 1517 seine 95 Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg anschlug, füllt ganze Bibliotheken. Möglich wär‘s, die Kirchentür diente als eine Art Schwarzes Brett. Aber es fehlt ein dokumentarischer Beleg. Vielleicht verschickte Luther die Thesen ja auch bloß an jene Theologen, mit denen er hoffte, in eine akademische Disputation über das Thema eintreten zu können. Gegenüber den spektakulären Hammerschlägen, die wir uns beim Wort „Thesenanschlag“ gern vorstellen, ist der Anlass ein wenig in den Hintergrund getreten. Die Nachwelt hat die Anfänge der Reformation im Lichte der Kirchenspaltung gesehen, die sich – von Luther nicht beabsichtigt – daraus entwickelte. Und unvermeidlich betrachten wir Luther von der Warte unserer modernen Welt her, die in ihm gern einen ihrer Gründungsväter sieht, so fremd uns sein Denken auch geworden ist. > mehr


Der hässliche Deutsche und der Sündenpfuhl in Rom
Die Reformation als "clash of cultures"


Papst Leo X. war gewarnt. 1516 hatte ihm der Philologe und Diplomat Girolamo Aleandro von einer Reise durch die Länder nördlich der Alpen geschrieben, in Deutschland stehe ein Sturm von beispielloser Heftigkeit bevor. Weite Kreise warteten nur auf einen Agitator und auf die passende Parole. Die Deutschen seien überzeugt, von der Kurie ausgeplündert und als gutmütige Goldesel verspottet zu werden. Leo wird das Schreiben achtlos bei Seite gelegt haben. Er hatte das viel drängendere Problem, für den Heiligen Stuhl – und nicht zuletzt für seine eigene Familie, die Medici - im Machtkampf zwischen Spanien und Frankreich eine unabhängige Stellung zu behaupten. Sowohl Aleandros Warnung als auch Leos Desinteresse zeigen: Im Hintergrund von Martin Luthers Reformation stand ein „clash of cultures“. In der Kurie verstand man weder Luthers Intentionen noch die antirömische Stimmung, die sich in Deutschland entwickelt hatte so wenig, wie andererseits der Wittenberger Mönch mit der Renaissancekultur, die am römischen Hof gepflegt wurde, etwas anfangen konnte. > mehr



Ein neues Jerusalem an der Rhone
Vor 500 Jahren wurde der Reformator Johannes Calvin geboren

Wer nicht regelmäßig am Abendmahl teilnahm, musste mit der Verbannung rechnen, Ehebrecher gar riskierten die Todesstrafe. Heute lässt sich kaum noch nachvollziehen, was viele Zeitgenossen damals an der Genfer Gemeinde der Heiligen, wie Calvin und seine MItstreiter sie von 1541 an aufzogen, so fasziniert hat. Und dennoch hat dieser Gottesstaat in der Vorgeschichte unserer modernen, freiheitlichen Demokratie seinen Platz. Der Calvinismus, schrieb der Theologe Ernst Troeltsch, sei "diejenige Form des Christentums geworden, die heute mit der modernen Demokratisierung innerlich verwachsen ist". Freilich "gegen den eigentlichen Willen" Calvins und des Calvinismus. > mehr



Wettstreit im Dämonenaustreiben
Exorzismus in den Glaubenskämpfen der Reformationszeit

Hierzlande, heutzutage wird den meisten Kirchenvertretern, evangelischen wie katholischen, unbehaglich zu Mute, wenn in der Zeitung zu lesen ist, dass sich jemand als Exorzist betätigt hat, um Dämonen auszutreiben. Aus der Reformationszeit wird erzählt, dass sich die Theologen beider Konfessionen öffentliche Wettkämpfe in dieser Kunst lieferten. Ein Münsteraner Theologe hat die Entwicklung nachgezeichnet. > mehr





Katholischer Schatten auf protestantischem Boden
Auswirkungen der Reformation auf die materielle Kultur

Die Reformation gehört zu den am besten erforschten Epochen der europäischen Geschichte; aber ihre materielle Kultur wurde bis heute wenig beachtet. Für Kunsthistoriker steht die italienische Renaissance im Vordergrund, die Reformation selbst hingegen war bereits in ihrem Selbstverständnis eng mit Schriftlichkeit verknüpft und wurde von der späteren Historiographie erst recht als geistiger Wandlungsprozess verstanden. Die materiellen Überlieferung trat demgegenüber in den Hintergrund. Eine Tagung an der Universität Erlangen hat versucht, dieses Defizit aufzuarbeiten. > mehr




"wenn das Geld im Kasten klingt ..."
Das Doppelfest Allerheiligen/Allerseelen und Luthers Thesenanschlag am Tag zuvor


Am Tag vor Allerheiligen des Jahres 1517 schlug der Augustinermönch Martin Luther an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg eine Einladung zu einer akademischen Disputation an: 95 Thesen, mit denen er sich gegen den Ablasshandel wandte. So hat sich der Beginn der Reformation ins historische Bewusstsein eingebrannt. Der Thesenanschlag von Wittenberg markiert die Geburtsstunde der Neuzeit – oder jedenfalls eine der möglichen Geburtsstunden, neben etwa der Entdeckung Amerikas durch Columbus. Für den Termin, den Vorabend zum Doppelfest Allerheiligen/Allerseelen, hatte Luther einen guten Grund: Stein des Anstoßes war die Frage, ob und wie die Lebenden für das Seelenheil ihrer toten Angehörigen zu wirken imstande waren und welche Rolle die Heiligen dabei spielten. Die Historiker streiten sich, ob der Thesenanschlag wirklich so stattgefunden hat oder bloß eine Anekdote ist; vielleicht lud der Reformator seine Theologenkollegen ja auch ein, indem er sie persönlich aufsuchte oder durch Boten benachrichtigte. Sicher ist, dass Luther seine Thesen an einige geistliche Würdenträger außerhalb der kleinen sächsischen Residenzstadt gesandt hatte, unter anderem an den Erzbischof von Mainz und Magdeburg, Albrecht von Brandenburg, in dessen Auftrag gerade eine große Ablassaktion stattfand. > mehr




"Die Wahrheit wird siegen!"
Vor 600 Jahren starb in Konstanz der tschechische Reformator Jan Hus auf dem Scheiterhaufen


„Heute bratet ihr eine Gans“, soll der tschechische Prediger Jan Hus gesagt haben, als er am 6. Juli 1415 in Konstanz auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde, „aber aus der Asche wird ein Schwan entstehen.“ Ein Wortspiel - „husa“ bedeutet tschechisch Gans. Ob Hus tatsächlich diese Prophezeiung ausgesprochen hat, weiß niemand. Vielleicht kam die Anekdote erst mehr als ein Jahrhundert später auf, unter Anhängern Martin Luthers. Auf ihn wurde der der Schwan gern gedeutet. Aber in der Tat konnte sich Jan Hus sicher sein, dass er mit seiner Kritik am Kirchenestablishment nicht allein dastand. > mehr




Kein Weg zurück zur kirchlichen Einheit
Vor 450 Jahren endete das Konzil von Trient - Papst und Bischöfe akzeptierten die Kirchenspaltung


„Diese im Heiligen Geist rechtmäßig zusammengetretene Synode“, beschloss im April 1415 das Konzil von Konstanz, „hat ihre Vollmacht unmittelbar von Christus. Ihr sei „jedermann, welchen Standes oder welcher Würde auch immer, auch wenn es die päpstliche sein sollte, gehalten zu gehorchen“. Die Gelegenheit war günstig, die Autorität des Konzils über jene des Papsttums zu setzen: Drei Päpste rivalisierten miteinander um den Stuhl Petri; Hauptaufgabe des Konzils war es, diese Spaltung der Christenheit zu überwinden. Zwar konnte bereits der in Konstanz neugewählte Martin V. die Autorität des Papsttums wiederstellen; aber die Hoffnung, nur ein Konzil könne solche Krisen der Kirche bereinigen, hielt sich generationenlang. Als Martin Luther in den Monaten nach dem Thesenanschlag von Wittenberg einsehen musste, dass seine Argumente gegen den Ablasshandel beim Papst in Rom auf taube Ohren stießen, appellierte er am 28. November 1518, ganz im Sinne des Beschlusses von Konstanz, an ein allgemeines Konzil. Es dauerte dann aber noch mehr als ein Vierteljahrhundert, bis im Dezember 1545 in Trient ein neues Konzil zusammentrat. > mehr




Eine Insel der Toleranz in den Glaubenskämpfen
Im oberpfälzischen Sulzbach erinnern Festspiele an das goldene Zeitalter der Stadt

Es war 1652, der Dreißigjährige Krieg lag gerade erst vier Jahre zurück. Da verkündete Herzog Christian August von Pfalz-Sulzbach, dass in seinem kleinen Territorium die katholische und die lutherische Konfession gleichberechtigt sein sollten; 1666 weitete er dieses Toleranzprinzip noch aus: Auch die Juden durften ihre Religion frei ausüben. Alle drei Jahre erinnert in der oberpfälzischen Kleinstadt Festspiele an das goldene Zeitalter, das damals im Zeichen der Toleranz anbrach. Benannt sind die Festspiele nach dem Kanzler des Herzogs, Knorr von Rosenroth, der sich auch als Poet und als Erforscher der jüdischen Mystik einen Namen gemacht hat. > mehr