Dossier
Die Welt des Schreibens

 

Die Muse wollte gelesen werden
Ein Lüneburger Kulturwissenschaftler zur Geschichte des Lesens und Schreibens

Ob mit den neuen Kommunikationstechniken womöglich das Ende der gesamten Lese- und Schreibkultur drohe, ist ein beliebtes Thema intellektueller oder pseudointellektueller Talkrunden. Die Antworten reichen vom apokalyptisch ausgerufenen Tod des Buches bis zur nüchternen Feststellung, dass auch eine CD-ROM gelesen werden will. Ein Kulturwissenschaftler an der Universität Lüneburg hat sich der Entwicklung seit Keilschrift und Hieroglyphen angenommen. > mehr



 Uebertragungen, Eroberungen, feindliche Uebernahmen
Zweieinhalb Jahrtausende Bibeluebersetzung


„Wir sind der Überzeugung“, gibt die sogenannte „Einheitsübersetzung“ der Bibel Kapitel 3, Vers 28 aus dem Römerbrief wider, „dass der Mensch gerecht wird durch Glauben, unabhängig von Werken des Gesetzes.“ Den protestantischen Theologen, die vor einem halben Jahrhundert gemeinsam mit ihren katholischen Theologen die Einheitsübersetzung erstellten, wird es an dieser Stelle gar nicht so leicht gefallen sein, vom Wortlaut Martin Luthers abzuweichen. Vor fast 500 Jahren hatte Luther übersetzt: „Wir sind überzeugt, dass der Mensch gerecht wird ohne die Werke des Gesetzes, allein durch den Glauben.“ Bei oberflächlicher Lektüre besagen beide Fassungen ein und dasselbe. Das Wörtchen „allein“ bei Luther erscheint bloß als Verdeutlichung; man kann aus dem Zusammenhang interpretieren, dass der Satz so gemeint sein muss. Aber „allein“ steht im griechischen Original eben nicht.  Ausgerechnet an dieser Stelle, die für Luthers Theologie so zentral wurde, hat der Verfasser, der Apostel Paulus, eine derart schroffe Entgegensetzung von „Werken“ und „Glauben“ gerade nicht ausgedrückt. > mehr



Von den Hieroglyphen zu den Emojis
Fünfeinhalb Jahrtausende Geschichte der Schrift


Sie wurden bei Ausgrabungen in vielen vorderasiatischen Siedlungen aus dem 8. bis 2. Jahrtausend v. Chr. gefunden: kleine, aus Ton geformte Kugeln, Kegel und Scheiben, mit Strichen markiert. Zunächst wussten die Forscher damit nichts anzufangen; aber 1977 kam die amerikanische Archäologin Denise Schmandt-Besserat auf die Idee, in diesen Tonstücken sei vielleicht eine Art von Buchführung niedergelegt, etwa über Vieh, Getreide, Wolle oder Öl. Der nächste Schritt, berichtet der Wissenschaftsjournalist Martin Kuckenberg in seinem neu erschienen Buch über die „Geschichte der Schrift“, geschah, als man solche Marken im Innen von Tonkugeln aufbewahrte und verschloss; auf der Außenseite wurden oft Kerben in unterschiedlicher Größe und Gestalt angebracht, um den Inhalt zu kennzeichnen. > mehr



Sprachverfall durch das Internet?
Kommunmikationswissenschaftler vermuten eher einen allgemeinen Trend zur "Informalisierung"


Letztes Jahr kam eine neue Übersetzung von Herman Melvilles Roman „Moby Dick“ auf den Markt. Der Amerikaner Fred Beneson hatte etwa 800 Mitarbeiter rekrutiert, um eine Fassung zu erstellen, die ausschließlich aus Emojis besteht. Leider zeigten sich die Grenzen dieser neuen, bildlichen Ausdrucksform bereits beim allerersten Satz des Romans: „Call me Ishmael“ - Eigennamen sind im System der Emojis nicht vorgesehen. Ein großangelegter Scherz. „Von einer allgemein verständlichen Weltsprache sind die Bildzeichen weit entfernt“, stellen die Sprach- und Kommunikationswissenschaftler Christa Dürscheid und Karina Frick von der Universität Zürich in ihrem neuerschienen Buch über die Veränderungen unserer Alltagskommunikation durch das Internet fest. > mehr



Gefunden - erfunden
Eine Geschichte der Textfälschung seit der Antike

Irgendwann im späten 4. Jahrhundert vor Christus tauchte auf dem Athener Buchmarkt eine bislang unbekannte Tragödie des längst verstorbenen Dichters Sophokles auf. Sofort entbrannte unter den Philologen der Streit: echt oder gefälscht? Ein gewisser Herakleides Pontikos verteidigte vehement die Echtheit des Stücks. Da konnte sein Kollege und Rivale Dionysios nicht mehr an sich halten und offenbarte sich als Verfasser. Die Anfangsbuchstaben der ersten Verse, erklärte Dionysios, enthielten sogar eine Widmung. Als sein Gegner meinte, das könne auch Zufall sein, zeigte der „Fälscher“ auf, dass im weiteren Verlauf des Stücks in den Anfangsbuchstaben noch eine ganz andere „Widmung“ enthalten war: „Herakleides ist ein Dummkopf." Eine Fälschung aus Jux ... Aber natürlich wurde Literatur ebenso aus materieller Gewinnsucht gefälscht oder weil die Verfasser glaubten, ihre philosophische und religiöse Position auf diese Weise am besten vermitteln zu können. Der Historiker Anthony Grafton von der Princeton University hat eine turbulente Zeitreise durch die Geschichte der Textfälschung vorgelegt. > mehr





"Schlag nach im Duden!"
Vor 100 Jahren starb der Vater der deutschen Orthographie

Es gibt wenige Bücher, die eine derartige Karriere vorweisen können. 1880 hatte der hessische Gymnasiallehrer Konrad Duden sein erstes „Vollständiges Wörterbuch der deutschen Sprache“ herausgebracht, den sogenannten „Urduden“. Nicht einmal eine Generation später, 1902, beschloss der Bundesrat des Deutschen Kaiserreichs, Dudens „Regeln für die deutsche Rechtschreibung nebst Wörterverzeichnis“ seien in allen Bundesstaaten verbindlich; Österreich und die Schweiz schlossen sich an. Als Duden am 1. August 1911, vor hundert Jahren, in Sonnenberg bei Wiesbaden starb, war sein Name längst zum Synonym für korrekte Orthographie geworden. > mehr





Die Verträge mit den sieben Siegeln
Juristen und Linguisten wollen der Unverständlichkeit im Versicherungswesen abhelfen

Wieviele Versicherungsverträge haben Sie in Ihrem Leben bereits abgeschlossen? Únd bei wievielen davon wirklich jeden Satz verstanden? In der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften haben sich Linguisten und Juristen zusammengetan, um dem Versicherungskunden das Leben zu erleichtern. > mehr




Damit 'rüber kommt, was 'rüber kommen soll
Sonderforschungsbereich "Informationsstruktur" an der Uni Potsdam

Die Schrift ist vielleicht die größte Erfindung, die der Mensch in den letzten paar tausend Jahren gemacht hat; aber wieviel von der gesprochenen Sprache geht in der schriftlichen Fixierung verloren? Ein und derselbe Satz kann, je nachdem, auf welches Wort der Sprecher den Nachdruck legt, völlig verschiedene Bedeutung annehmen ... Jetzt befasst sich an der Universität Potsdam ein Sonderforschungsbereich mit dem Problem. > mehr