Dossier
Klassiker der modernen deutschen Literatur

 

"Erwählte Völker, Narren eines Clowns"
Zum 50. Todestag von Gottfried Benn

"Von den Nazis als Schwein, von den Kommunisten als Trottel, von den Demokraten als geistig Prostituierter, von den Emigranten als Renegat, von den Religiösen als pathologischer Nihilist öffentlich bezeichnet": So sah der alte Gottfried Benn selbst sein Bild in den Augen der Mitwelt. 50 Jahre nach Benns Tod ist die Ambivalenz geblieben: katastrophale politische Irrtümer bei dem vielleicht bedeutendsten deutschen Lyriker des 20. Jahrhunderts. > mehr


"Wir hätten ihn wahrscheinlich ja doch nicht promovieren können"
Vor 150 Jahren wurde der Schriftsteller Frank Wedekind geboren

Soviel aktuelle Kontroverse widerfährt einem fast 120 Jahre alten Theaterstück selten. 2009 musste der Zürcher Staatsanwalt ein Verfahren gegen einen Deutschlehrer an der Kantonsschule Rämibühl einleiten. Eine Mutter hatte ihn beschuldigt, den Schülern pornographisches Material vermittelt zu haben. Einer der anstößigen Texte: „Frühlings Erwachen“ von Frank Wedekind. Dem Dichter wäre dieses Szenario sehr bekannt vorgekommen. Seine „Kindertragödie“ war nach der ersten Buchausgabe 1891 von der Zensur als „unerhörte Unflätigkeit“ indiziert worden; erst 1912 gab das Berliner Oberverwaltungsgericht die Uraufführung frei, in einer gemilderten Bühnenversion.Sexuelle Aufklärung, eine Gruppenmasturbation, homoerotische Wünsche, sogar Andeutungen von Sadomasochismus – das war für die Gesellschaft des wilhelminischen Kaiserreichs zu viel. Es blieb nicht der einzige „skandalöse“ Text im Werk von Frank Wedekind, der am 24. Juli dieses Jahres seinen 150. Geburtstag feiern könnte. > mehr



"Bisschen schneller sein als die Schnecke"
Zum 90. Geburtstag von Guenter Grass


Für große Teile der Literaturszene damals in Deutschland muss es eine Art von Weltuntergang gewesen sein. „Ich denke, dass ich keine Helden mehr habe“, schrieb der Journalist Franz Josef Wagner am 14. August 2006 in der „Bild“-Zeitung. Ob es Wagner mit seinem Ausrufen einer Heldendämmerung ganz ernst war, ist nicht so wichtig. Er wird gespürt haben, dass er vielen Lesern aus dem Herzen sprach: Ich denke, „dass ich traurig bin, weil es Günter Grass nicht mehr gibt“. Grass‘ Buch „Beim Häuten der Zwiebel“ war noch gar nicht auf dem Markt. Doch wenige Tage zuvor war in der „FAZ“ ein Interview von Franz Schirrmacher und Hubert Spiegel mit dem Nobelpreisträger erschienen, überschrieben „Warum ich nach sechzig Jahren mein Schweigen breche“, „Günter Grass spricht zum ersten Mal über seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS“. > mehr



"Repraesentativ fuer die deutsche Nachkriegsliteratur"
Vor 100 Jahren wurde Heinrich Boell geboren


Auch so kann man in die Literaturgeschichte eingehen, wenigstens als Randnotiz. „Ich fordere die ganze Bevölkerung auf“, sagte der spätere Bundespräsident Karl Carstens im Oktober 1974, „sich von der Terrortätigkeit zu distanzieren, insbesondere dem Dichter Heinrich Böll, der noch vor wenigen Monaten unter dem Pseudonym Katharina Blüm [!] ein Buch geschrieben hat, das eine Rechtfertigung von Gewalt dargestellt.“ Nun, dass Politiker sich zu Büchern äußern, die sie nicht gelesen haben, ist vielleicht nicht so ungewöhnlich. Offenbar hatte Carstens nicht einmal das Titelblatt von Heinrich Bölls „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ zur Kenntnis genommen. Natürlich war ihm der Autor Heinrich Böll ein Begriff – weniger als Erzähler und Romancier, darf man vermuten, denn durch seine politischen Stellungnahmen. > mehr



"Wer nach 'Handlung' und 'tieferem Sinn' schnüffelt, wird erschossen"
Vor 100 Jahren wurde der Schriftsteller Arno Schmidt geboren


Es war einer der großen Literaturskandale in den Anfangsjahren der Bundesrepublik Deutschland. Die Erzählung "Seelandschaft mit Pocahontas" von dem damals 39-jährigen Schriftsteller Arno Schmidt, befand der Staatsanwalt in Trier, sei eine "unzüchtige Schrift"; sie enthalte erstens "Religionsbeschimpfungen und Gotteslästerungen" und zweitens "Schilderungen sexuellen Charakters", die geeignet seien, "das Scham- und Sittlichkeitsgefühl gesund empfindender Menschen in geschlechtlicher Hinsicht zu verletzen". Am Ende wurden die Ermittlungen unter Hinweis auf den Grundgesetzartikel zur Kunstfreiheit eingestellt. Dazu trug nicht zuletzt bei, dass der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Hermann Kasack, der Erzählung bescheinigte, es handle sich "um ein ernst zu nehmendes Sprachkunstwerk", "wenn es auch eine Reihe von gewagten Stellen enthält". Mehr noch: Arno Schmidt gehöre "in seiner sprachrevolutionierenden Art zu den interessantesten Erscheinungen unserer Nachkriegsliteratur". Wie das bei solchen "Sittlichkeitsprozessen" nun mal läuft: Die Affäre verhalf dem Autor, der am 18. Januar 1914, vor 100 Jahren, geboren worden war, zum Durchbruch. > mehr


    
Wenn die Regierung auf göttliche Eingebungen wartet
Vor 150 Jahren wurde der Schrifsteller Ludwig Thoma geboren


„Er war Jurist und auch sonst von mäßigem Verstand.“ Nein, es war nicht, wie oft zu lesen ist, der Journalist Kurt Tucholsky, der diesen etwas unfreundlichen Spruch prägte, es war der Schriftsteller Ludwig Thoma, selbst ausgebildeter Jurist und einige Jahre als Rechtsanwalt tätig. 1916 brachte er eine kleine Erzählung vom königlichen Landgerichtsrat Alois Eschenberger heraus. Mit unverhohlener Schadenfreude wird darin geschildert, wie dieser „gute Jurist“ sich durch seinen allzu gründlichen Formalismus selbst hereinlegt. Glücklich scheint Thoma mit seinem Rechtsanwaltsberuf in der Tat nicht geworden zu sein. Die Juristerei lief wohl auch einem Grundzug seines Charakters, seiner Aufmüpfigkeit, zuwider. > mehr



"Das Wasser rann mit Zasch und Zisch"
Vor 100 Jahren starb der Dichter Christian Morgenstern


An die 80 cm hoch, braun bis goldbraun, dämmerungsaktiv; bewegt sich auf seiner vierhöckrigen Nase und ernährt sich von Asphodelen und jungen Tatzelwürmern. Vorkommen in Mitteleuropa, aber sehr selten geworden, wahrscheinlich ausgestorben. Literaturkenner werden es gleich bemerkt haben: Bei dem Tier, das vor einigen Jahren in der Zeitschrift "Natur + Kosmos" mit diesen Worten beschrieben wurde, handelt es sich um das Nasobem, wissenschaftlich "Nasobema procedens Mor.", auch als "Nasobema lyricum" bekannt. 1905 hatte der Dichter Christian Morgenstern seine "Entdeckung" in den "Galgenliedern" an die Öffentlichkeit gebracht: "Es steht noch nicht im Brehm. Es steht noch nicht im Meyer und auch im Brockhaus nicht. Es trat aus meiner Leier zum ersten Mal ins Licht." Am 31. März 1914, vor 100 Jahren, starb Christian Morgenstern. Nonchalant hatte der Spross einer Malerfamilie, deren Vertreter wie selbstverständlich "realistisch" arbeiteten, alles auf den Kopf gestellt, was bis dahin im allgemeinen Bewusstsein Sprache und Dichtung ausgemacht hatte. Nicht mehr die äußere Wirklichkeit - oder doch etwas ihr Ähnliches, eine Erfindung, die den Anschein der Wahrscheinlichkeit für sich hatte - gab den Stoff ab, sondern gerade umgekehrt: Der Dichter imaginierte eine völlig neue "Wirklichkeit". > mehr




"Auf dem Grunde erwartet dich die Lehre"
Zum 50. Todestag von Bertolt Brecht

"Wer bist du? Sinkend verschwinde aus dem gesäuberten Raum! Wärest du doch der letzte Schmutz, den du entfernen musst!" "Fürchte dich! Sinke doch! Auf dem Grunde erwartet dich die Lehre." Verse nicht von irgendeinem subalternen konfessionellen Lyriker, sondern von - Bertolt Brecht, geschrieben in den ersten Monaten nach seiner "Bekehrung" zum Marxismus. Zum 50. Todestag ein Rückblick auf die Windungen und Irrtümer im Leben eines politischen Schriftstellers. > mehr




Die Hure Babylon und die Zunft der Ochsen
Zu Alfred Döblins 50. Todestag

"Mein ärztlicher Beruf hat mich viel mit Kriminellen zusammengebracht, ich hatte ein eigentümliches Bild von dieser unserer Gesellschaft, wie es da keine so straff formulierbare Grenze zwischen Kriminellen und Nichtkriminellen gibt." Ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod ist Alfred Döblin mit "Berlin Alexanderplatz" einer der drei oder vier renommiertesten Romanciers der klassischen Moderne in Deutschland. Aus Anlass des 50. Todestages ein Blick auf das Werk. > mehr




Ein Roman gegen das Ausradieren
Vor 50 Jahren erschien Günter Grass' "Blechtrommel"

"Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch", konstatierte der Philosoph Theodor W. Adorno 1949, und in den folgenden Jahren stellte er auch dem Drama und dem Roman ihre Totenscheine aus. Adornos Satz hing wie ein Menetekel über der deutschsprachigen Literatur der Nachkriegszeit. Wer Lyrik oder Theaterstücke oder Erzählungen schreiben wollte, musste sich mit dem Vorwurf der Barbarei auseinandersetzen. Der junge Graphiker und Bildhauer Günter Grass widersprach: "Geradezu widernatürlich kam mir Adornos Gebot als Verbot vor; als hätte sich jemand gottväterlich angemaßt, den Vögeln das Singen zu verbieten." Am 24. September 1959 kam sein Roman "Die Blechtrommel" in den Buchhandel. > mehr




"Horchen Se ma, wie det knackt ..."
Vor 150 Jahren wurde der Schriftsteller Gerhart Hauptmann geboren

„Rinnstein“ schimpfte Kaiser Wilhelm II. gern, wenn Literatur und Kunst ihm allzu „realistisch“ vorkamen. Aufgabe der Kunst sei es doch, das Volk zu „erheben“, nicht ihm das Elend noch scheußlicher darzustellen, als es in Wirklichkeit ist. Einen Tiefpunkt an „Rinnsteinliteratur“ musste der Kaiser im September 1894 erleben. Am Deutschen Theater Berlin wurden Gerhart Hauptmanns „Weber“ gegeben. Wilhelm schäumte vor Wut und kündigte die kaiserliche Loge. Für den Autor, den 31-jährigen Gerhart Hauptmann, bedeutete der kaiserliche Unwille eine Art Ritterschlag. Ganz ohne Absicht wurde er in die Rolle eines Gegenkaisers der intellektuellen Linken hineingedrängt. > mehr




Von der Schülertragödie zur Bibel der Gegenkultur
Vor 50 Jahren starb der Nobelpreisträger Hermann Hesse

"‚Vater’ ist doch ein seltsames Wort", schrieb der junge Hermann Hesse am 14. September 1892 an seinen Erzeuger. "Es muss jemand bezeichnen, den man lieben kann und liebt, so recht von Herzen. Wie gern hätte ich eine solche Person!" Der angehende Dichter war 15 Jahre alt; nach einem Suizidversuch hatte ihn der Vater in die Nervenheilanstalt Stetten bei Stuttgart einweisen lassen. "So kann und will ich nimmer leben ..." Eine gestörte Kindheit, hart am Rand der Katastrophe ... Aber einige Jahre nach diesem Brief an den "sehr geehrten Herrn", den er nicht Vater nennen wollte, schrieb Hermann, dass er "das Beste von allem diesen beiden (seinen Eltern) zu danken" habe. Die zwiespältige Erinnerung an ein Elternhaus, das offenbar keineswegs ohne Liebe war und dennoch als Gefängnis erlebt wurde, hat Hesse niemals losgelassen. Als er am 9. August 1962, vor 50 Jahren, starb, hinterließ er ein Werk, das wie wenige andere der deutschen Literatur von den Kindheitserinnerungen des Autors geprägt ist – den eigenen Verwundungen. > mehr





"Jedermann! Jedermann!"
Vor 100 Jahren wurde Hugo von Hofmannsthals "Spiel vom Sterben des reichen Mannes" uraufgeführt

„Jedermann! Jedermann!“ Im deutschen Sprachraum wird es kaum jemanden geben, der diesen Ruf nicht kennt. Hugo von Hofmannsthals „Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ ist im Theaterbetrieb der Gegenwart eine feste Institution geworden. Seit 1920 wird es Jahr für Jahr bei den Salzburger Festspielen aufgeführt; zur Premiere übertragen die Fernsehnachrichten wenigstens den legendären Ruf daraus in die Welt. Die Titelrolle des Stücks, aber auch die Rolle der „Buhlschaft“ spielen zu dürfen, gilt als Höhepunkt jeder Schauspielerkarriere. Am 1. Dezember 1911, vor 100 Jahren, brachte Hofmannsthal seine Fassung des alten Stoffes im Berliner Zirkus Schumann erstmals auf die Bühne. > mehr




Religiöser Denker und ungläubiger Mensch
Abschied von der Schlüssellochperspektive - eine Deutung Franz Kafkas aus der jüdischen Tradition

Kafka, das war doch der Dichter mit dem schwierigen Vater und den gescheiterten Verlobungen ... So einfach kann Literaturgeschichte sein, wenn man sie aufs Biographische reduziert. Ein Berliner Germanist hat jetzt „Kafka für Fortgeschrittene“ vorgelegt, eine Deutung aus der religiösen Tradition des Judentums – und zugleich aus Kafkas Distanz zu dieser Tradition. > mehr




Mystik ohne Glauben
Robert Musil und sein Jahrhundertroman "Der Mann ohne Eigenschaften"

Es war im Herbst 1915 an der österreichisch-italienischen Front im Trentino. Plötzlich hörte der Oberleutnant Robert Musil einen Sirenenton. „Es war ein dünner, singender, einfacher hoher Ton, wie wenn der Rand eines Glases zum Tönen gebracht wird“, schilderte Musil das Erlebnis später in seiner Novelle „Die Amsel“. „Ich war sicher, in der nächsten Minute Gottes Nähe in der Nähe meines Körpers zu fühlen.“ Nicht erst die Novelle, bereits Musils Tagebuch lässt vermuten, dass ihn in diesem Moment der Todesgefahr ein „noch nie erwartetes Glück“ durchströmte. Ein Kölner Literaturwissenschaftler Werner Frizen hat Musils Werk vor dem Hintergrund dieses mystischen Erlebnisses analysiert. > mehr




"Sone Uniform macht det meiste janz von alleene"
Vor 100 Jahren: der Hauptmann von Köpenick

"Wo hamse jedient?" Auf diese Frage gar keine Antwort zu haben, konnte vor hundert Jahren in Deutschland ein Todesurteil bedeuten, nicht gerade fürs physische Überleben, aber doch für eine reputierliche Existenz. Vor hundert Jahren, am 16. Oktober 1906, demonstrierte ein ostpreußischer Schuster, welche Bedeutung einer Uniform damals zukam - der "Hauptmann von Köpenick", eine Realsatire im wilhelminischen Kaiserreich. > mehr