Dossier
Asketische Ideale

 

Heilige und Betrüger, Künstler und Wahnsinnige
Bis hin zur Selbstkreuzigung - die Religiosität der Schmerzen im christlichen Abendlsnd

Das Turiner Grabtuch ... Es ist nach Jahrzehnten naturwissenschaftlicher Untersuchungen immer noch eines der umstrittensten Objekte der Menschheitsgeschichte. Viele Naturwissenschaftler heute sagen: Das Tuch stammt tatsächlich aus Palästina, aber nicht aus dem 1., sondern aus dem 13. oder 14. Jahrhundert. Aber wie kam, wenn diese Theorie richtig sein sollte, das Bild auf das Tuch? Im hohen Mittelalter war Kreuzigung keine gängige Form der Hinrichtung mehr. Ein Ethnologe hat die Theorie aufgebracht, dass irgendwann um 1300 tatsächlich ein "Gekreuzigter“ in dem Tuch gelegen und einen Abdruck hinterlassen hat, aber kein Hingerichteter, sondern ein frommer Christ, der die Passion des Heilands nachfühlen wollte. Ein Blick auf die Religiosität der Schmerzen seit dem hohen Mittelalter - in den Selbstkreuzigungen, wie sie zur Karwoche von den Philippinen berichtet werden, findet sie heute noch blutigen Ausdruck. > mehr





Immer wieder und immer neu
Die Kunst des Begehrens - Askese, Pornographie, Dekadenz

Leser, die in Marquis de Sades dickleibigem Roman über die "Leiden der Tugend" und die "Wonnen des Lasters" bis in den siebten Band vorgedrungen sind, werden sich vielleicht erinnern. Zwischen all den Orgien finden die Heldinnen Juliette und Clairwil Zeit, in der Bibliothek eines Karmelitermönchs zu stöbern. Der Erzähler nutzt die Gelegenheit zu einem kritischen Blick auf die pornographische Literatur seiner Zeit. "Miserables Geschreibsel" lautet das Verdikt, Gnade findet lediglich ein Buch mit dem Titel "Thérèse philosophe", erschienen 1748, ein halbes Jahrhundert vor den "Leiden der Tugend", "ein reizendes Buch vom Marquis d’Argens ... der einzige, der, wenn auch in primitiver Form, eine Idee gab von einem unsittlichen Buch". > mehr




Schöne Seele und muskulöser Schreibstil
Forschungen zur Kulturgeschichte der Askese

"Bekenntnisse einer schönen Seele": Wahrscheinlich hat schon diese Überschrift dazu beigetragen, dass viele Leser von Goethes "Lehrjahren" das sechste Buch überschlagen haben. "Schöne Seele" klingt reichlich konservativ, auch wenn heutzutage kaum noch jemandem geläufig sein wird, dass der Ausdruck auf die mittelalterliche Mystik zurückgeht und am Ende auf neuplatonische Gedanken zurückgeht: Die Seele muss schön geworden sein, wenn sie das Schöne schauen und verwirklichen soll. Die Stiftsdame, die mit Goethes Mutter eng befreundet war, versuchte dieses Ideal im Sinne christlicher Askese zu leben. Goethe überarbeitete ihren Text und fügte ihn seinem Roman ein. > mehr




Einsam in der Wüste, versucht von Dämonen
Vor 1650 Jahren starb der "Vater der Mönche"

Hat es ihn überhaupt gegeben? Als ein paar Jahre nach seinem Tod der Bischof Athanasius ein Buch über "Leben und Wirken" schrieb, war der ägyptische Einsiedler längst zur Legende geworden, Dichtung und Wahrheit waren kaum noch zu unterscheiden. Der Bischof hatte auch gar nicht die Absicht zu unterscheiden. Er schrieb nicht als Historiker, sondern wollte dem "heiligen Vater Antonius" Nachfolger heranziehen. Die Geschichte von dem vitalen jungen Mann, der sich vor allen weltlichen Versuchungen in die Wüste zurückzieht und in langen Jahrzehnten zu immer größerer Vollkommenheit gelangt, war bereits bei Athanasius eine Geschichte der Wunder > mehr