Dossier
Aus der politischen Geschichte Mitteleuropas

 

Das deutsche Volk, einig in seinen Stämmen ...
Die Angst vor der Kleinstaaterei - Gegenwart und Vergangenheit eines deutschen Traumas

Ob die Föderalismusreform jetzt, mit einer großen Koalition von CDU/CSU und SPD, wirklich zustande kommt? In 15 Jahren können die Deutschen ein Jubiläum feiern: 1220 verzichtete Kaiser Friedrich II. in aller Form darauf, in die Herrschaftsgewalt der geistlichen Fürsten einzugreifen, 1231 folgte die entsprechende Vereinbarung mit den weltlichen Fürsten. Wir blicken zurück auf ein Jahrhunderte altes deutsches Trauma: die Angst vor der Kleinstaaterei. > mehr



 "Da jitt et nix zu kriesche"
Vor 50 Jahren starb Konrad Adenauer


Was hatten Konrad Adenauer und Wolfgang Amadeus Mozart, Giacomo Casanova und Schah Reza Pahlavi gemeinsam? Sie hätten zu Pferd in eine Kirche einreiten dürfen. Dieses Privileg gehört zu den Rechten, die mit dem päpstlichen Orden „Ritter vom Goldenen Sporn“ verbunden sind. Adenauer erhielt den Titel 1955 von Papst Pius XII. Eine der vielen Dutzend Ehrungen, die dem ersten Kanzler der Bundesrepublik Deutschland im Laufe seines langen Lebens zuteil wurden, vom Eisernen Kreuz des Königreichs Preußen bis zum japanischen Orden der aufgehenden Sonne, von der Ritterwürde des Souveränen Malteserordens bis zur französischen Ehrenlegion. > mehr



 Ein dunkler Schatten laesst sich nicht vertreiben
Die "Oesterreich-Idee" - vom Heiligen Roemischen Reich zur modernen Nation


„An des Kaisers Seite waltet, Ihm verwandt durch Stamm und Sinn, Reich an Reiz, der nie veraltet, Uns’re holde Kaiserin.“ Fans der „Sissi“-Filme mit Romy Schneider ahnen es vermutlich schon: Wer da besungen wurde, war Elisabeth, Kaiserin von Österreich. 1854, zur bevorstehenden Vermählung von Kaiser Franz Joseph I. mit der bayerischen Prinzessin, hatte der Schriftsteller Johann Gabriel Seidl eine neue Fassung der österreichischen „Volkshymne“ gedichtet. Seit Joseph Haydn 1797 sein „Gott erhalte Franz, den Kaiser, Unsern guten Kaiser Franz!“ komponiert hatte, wurde der Text immer wieder den wechselnden Personen und Namen im Kaiserhaus angepasst. Einige Jahre nach der Hochzeit von „Franzi“ und „Sissi“ wurde Seidls Liedfassung um eine weitere Strophe erweitert: „Heil auch Öst’reichs Kaisersohne, Froher Zukunft Unterpfand, Seiner Eltern Freud’ und Wonne, Rudolf tönt’s im ganzen Land.“ > mehr



Ein Bund von Staaten, emsig auf ihre Souveränität bedacht
Vor 200 Jahren wurde der Deutsche Bund gegründet


Wilhelm von Humboldt war tief enttäuscht. „Ich kann nicht sagen, dass die Zukunft mich freut“, schrieb er am 7. Juni 1815 vom Wiener Kongress an seine Frau; es war der Tag, an dem die Kongressakte unterzeichnet wurde, jenes Dokument, in dem die Sieger über Napoleon die Neuordnung Europas abschließend festlegten. „Der vorige Krieg war das eigentlich Große und Schöne, und er ist wie ein junger und kräftiger Baum plötzlich ins Welken gekommen.“ Humboldts Enttäuschung resultierte vor allem aus den Vereinbarungen über Mitteleuropa; am Tag darauf setzten die Vertreter von 38 deutschen Staaten ihre Unterschrift unter die „Deutsche Bundesakte“, die Deutschland für das folgende halbe Jahrhundert seine politische Form gab. > mehr



Wie die Thesen an der Wittenberger Schlosskirche
Vor 150 Jahren gründete Ferdinand Lassalle die erste Arbeiterpartei in Deutschland

Höher hätte Ferdinand Lassalle kaum greifen können. Sofern der deutsche Arbeiterstand „nicht bis zum Entsetzen träge und schläfrig“ sei, schrieb er im März des Jahres 1863 an seine Gönnerin, Sophie Gräfin von Hatzfeldt, dann müsse sein Manifest „ungefähr eine Wirkung hervorrufen wie die Thesen an der Wittenberger Schlosskirche“. Lassalle wollte eine Partei gründen, die erste Arbeiterpartei in Deutschland. Und er hatte keinen Zweifel, dass seine neue Partei sich in den Parlamenten bald durchsetzen müsste – erst recht dann, wenn einmal das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht durchgesetzt wäre. „Meine Herren, es gibt keine Macht, die sich dem lange widersetzen würde!“ appellierte er an den deutschen „Arbeiterstand“.Am 23. Mai 1863, vor 150 Jahren, wurde in Leipzig auf der Grundlage dieses Manifests der „Allgemeine Deutsche Arbeiterverein“ gegründet, die älteste unter den Vorläuferorganisationen der heutigen SPD. In Leipzig waren Delegierte aus Sachsen, Preußen, Hamburg und Frankfurt am Main anwesend. Lassalle wurde zum ersten Präsidenten gewählt. > mehr




"... und du, mein lieber Führer, auch!"
Eine Sozialgeschichte der Sprache unter dem Nationalsozialismus

„Ein Löffelchen für die Mami, ein Löffelchen für den Papi, ein Löffelchen für die Omi ...“ Die Reihung lässt sich beliebig fortsetzen, je nachdem, wie viel noch aufzuessen ist. Im Dritten Reich, berichtet der Germanist Horst Dieter Schlosser von der Universität Frankfurt am Main in seinem neuen Buch über „Sprache unterm Hakenkreuz“, wurde in manchen Familien allen Ernstes noch angefügt: „... und ein Löffelchen für den Führer“. Kein Einzelfall: Das kindliche Abendgebet „Ich bin klein, mein Herz ist rein, soll niemand drin wohnen als Jesulein“ wurde um den Vers ergänzt: „... und du, mein lieber Führer, auch!“ Schlosser, der bis 2010 Sprecher der sprachkritischen Aktion „Unwort des Jahres“ war, hat eine Geschichte des Nationalsozialismus unter dem Aspekt der Sprache vorgelegt – genauer gesagt: unter dem Aspekt des Sprachgebrauchs, der Nutzung von Sprache durch die politischen Repräsentanten, aber auch durch die „Volksgenossen“. > mehr




"Sturmfest und erdverwachsen"
Vor 1.200 Jahren starb der sächsische Herzog Widukind

"Wir sind die Niedersachsen, sturmfest und erdverwachsen, Heil, Herzog Widukinds Stamm!" Der im Niedersachsenlied besungene Recke soll vor 1.200 Jahren verstorben sein. Sachsenherzog Widukind hatte sich hartnäckig und am Ende vergeblich dem Machtanspruch Karls des Großen auf Norddeutschland - und, damit verknüpft, den Missionsbestrebungen der römischen Kirche - widersetzt. Spätere Generationen machten ihn zur mythischen Figur, bis hinein in den Nationalsozialismus. > mehr





Wie Geschichtsschreibung zustande kommt
700 Jahre nach dem Rütlischwur

Jahrhunderte lang galt der 8. November 1307 - vor genau 700 Jahren - als Geburtsdam der Schweizer Eidgenossenschaft. An diesem Tag, erzählen die Chroniken, wären am Vierwaldstätter See drei Bauern zusammengekommen und hätten geschworen, sich gegen ihre Unterdrückung zur Wehr zu setzen. Die positivistische Geschichtswissenschaft des 19. Jahrhunderts hat diese Legende gründlich destruiert, damals wurde wegen einer schriftlich vorliegenden Urkunde 1291 als neues Geburtsjahr festgelegt. Dabei ist die Geschichte von Apfelschuss und Rütllischwur als Nationalmythos, wie bereits Friedrich Schiller wusste, doch viel poetischer. > mehr





Ein Grundgesetz ohne Staat
Vor 650 Jahren wurde die "Goldene Bulle" verkündet

Eine Besiegelung des "Partikularismus", der deutschen "Kleinstaaterei", meinen böse Zungen bis heute. Vor genau 650 Jahren verkündete Kaiser Karl IV. auf dem Reichstag in Nürnberg die "Goldene Bulle", in der die Rechte der Kurfürsten gesetzlich festgeschrieben wurden. Die Ursprünge dessen, was man heute "Bundesstaat" oder "Föderalismus" nennt, reichen noch Jahrhunderte weiter zurück. > mehr





Die langwierige Geburt einer Nation
Frankenherzog Konrad wurde vor 1.100 Jahren zum König des Ostfränkischen ("Deutschen") Reiches gewählt

Im September des Jahres 911 war der ostfränkische König Ludwig das Kind im Alter von nur achtzehn Jahren verstorben. Damit war der ostfränkische Zweig der Karolingerdynastie, die seit fast drei Jahrundertn die Geschicke des Frankenreiches bestimmt hatte, erloschen. Es hätte nahe gelegen, die Krone dem westfränkischen König Karl „dem Einfältigen“ zu übertragen. Doch die Herzöge von Franken, Schwaben, Bayern und Sachsen, die sich am 10. November, vor genau 1.100 Jahren, in der Pfalz von Forchheim versammelten hatten, entschieden anders. Sie wählten einen aus ihren eigenen Reihen, Herzog Konrad von Franken. Ein Datum, das bis heute als mögliche Geburtsstunde der deutschen Nation diskutiert wird. > mehr





Langlebige Organisation mit Reformstau
Im Schnellschritt durch die Jahrhunderte: Berliner Ausstellung über das Heilige Römische Reich

"Die Ausstellung betont die positiven Eigenschaften des Ordnungs-, Rechts- bzw. Verfassungs- und Friedenssystem sowie die politische Kraft des europäischen Staatenbundes, die sich von den Kämpfen des Nationalismus des 19. und 20. Jahrhunderts deutlich abhebt": Ganz so harmonisch wie in dieser Ankündigung präsentiert sich das Heilige Römische Reich in der neuen Ausstellung des Deutschen Historischen Museums Berlin aber dann doch nicht. > mehr





Der parzellierte Pluralismus
"Cuius regio, eius religio" - Der Augsburger Religionsfrieden, ein Frieden ohne Freiheit


"Cuius regio, eius religio" haben die Juristen den Inhalt des Augsburger Religionsfriedens später zusammengefasst, auf Deutsch etwa: „Will ein Herr eine Religion haben, dann sollen die Untertanen folgen.“ Eine Gleichberechtigung der Konfessionen also, aber ohne Freiheit für das Individuum: Mit diesem Grundsatz versuchten katholische und protestantische Reichsstände im September 1555 den Frieden zu sichern. Das Ergebnis war auf lange Sicht der unpolitische und gottesfürchtige deutsche Untertan. > mehr





Der erste "Weltkrieg" der Geschichte
Vor 250 Jahren beendete der Frieden von Hubertusburg den Siebenjährigen Krieg

Was sich in den Jahren 1756 bis 1763 abspielte, war, wenn man so will, der erste „Weltkrieg“ der Geschichte. Die Schauplätze lagen in Mitteleuropa und in Nordamerika, im Mittelmeerraum und in Indien. Und das System der fünf Mächte, das mit dem Friedensschluss 1763 bekräftigt wurde – auf den „Flügeln“ Großbritannien und Russland, dazwischen Frankreich, Österreich und Preußen –, beherrschte mehr als ein Jahrhundert lang Europa und die Welt. Vor 250 Jahren, am 15. Februar 1763, beendeten Österreich und Sachsen einerseits, Preußen andererseits im sächsischen Schloss Hubertusburg östlich von Leipzig den „Siebenjährigen Krieg“; bereits am 10. Februar hatten Frankreich und Großbritannien in Paris ihren Frieden geschlossen. > mehr




"Der König rief ..."
Vor 200 Jahren leitete Friedrich Wilhelm III. mit dem Aufruf "An mein Volk" die "Befreiungskriege" ein

„Der König rief, und alle, alle kamen“, hat der Schriftsteller Heinrich Clauren die politische Entwicklung im Frühjahr 1813 in Verse gefasst, „die Waffen mutig in die Hand!“ In der Tat, dem Aufruf „An mein Volk“, den König Friedrich Wilhelm III. von Preußen am 17. März 1813, vor 200 Jahren, unterzeichnete, folgten vielleicht nicht „alle“, aber doch sehr viele. Gegen die Einberufungen zum neuen Krieg gegen Frankreich gab es keinerlei Widerstände; tausende Weitere griffen freiwillig zu den Waffen. > mehr





Die Neuzeit in den Kleidern des Mittelalters
Eine Münsteraner Historikerin über die öffentlichen Rituale des alten deutschen Reiches

„Der junge König schleppte sich in den ungeheuren Gewandstücken mit den Kleinodien Karls des Großen, wie in einer Verkleidung, einher, so dass er selbst sich des Lächelns nicht enthalten konnte.“ So Goethe in seinen Lebenserinnerungen über die Krönung Kaiser Josephs II. 1764. Des Kaisers alte Kleider - eine Münsteraner Historikerin hat sie als Metapher genommen für die gesamte Formen- oder Symbolsprache dieses alten Reiches, für die Art, wie die geistlichen und weltlichen Fürsten einschließlich des Kaisers mit ihresgleichen, aber auch mit den Vertretern der freien Reichsstädte, kommunzierten. > mehr





"Gegen Verrömerung und Judäisierung"
Die "Völkischen" im wilhelminischen Kaiserreich und in der Weimarer Republik

"Negertänze, Jazzbandlärm, Apachenmaskenbälle, sogar am Totensonntag vorgeführte Entkleidungsrevuen, Rauschgifte, kurz sinnenverwirrendes, erschlaffendes Amüsement und Sensationen aller Art" -Beispiele für "undeutsche" Kulturlemente, genannt in einem Pamphlet aus dem Jahr 1927. Andere "völkische" Pamphletisten polemisierten gegen das römische Recht und den angeblich jüdischen "Materialismus und Mammonismus". Ein Hamburger Soziologe hat das völkische Spektrum in Deutschland von den 1870er Jahren bis in die 1930er unter die Lupe genommen. > mehr





"... und nun ist's die!"
Über "Vernunftrepublikanismus" in der Weimarer Republik

"Wir dachten unter kaiserlichem Zwange an eine Republik – und nun ist’s die! ... Ssälawih –!" Auch ein "Vernunftrepublikanismus", wenn man so will, den Tucholsky da in Verse gefasst hat. Das Wort freilich hat ein Monarchist geprägt, der Historiker Friedrich Meinecke: Die Revolution 1918 sei "ein inhaltsschwerer nationaler Schicksalstag, unerwünscht und unerfreulich an sich, aber umwittert vom Hauch geschichtlicher Notwendigkeit". Ein Theodor-Heuss-Kolloquium hat den Begriff auf seine Tragfähigkeit für die zeithistorische Diskussion geprüft. > mehr





Der Mythos vom Begründer der deutschen Einheit
oder das zweite Leben des Otto von Bismarck

Als vor vier Jahren in einer Fernsehshow nach den "größten Deutschen" gefragt wurde, kam der erste Reichskanzler, Otto von Bismarck, nach Adenauer und Bach auf Platz 3. Man könne "mit Recht behaupten, dass Bismarcks zweites Leben als politischer Mythos, als leidenschaftlich umkämpfte kollektive Erinnerung unwiderruflich vorüber ist", stellt der Oxforder Historiker Robert Gerwarth fest. Es war ein Nachleben, das wesentlich mit dazu beigetragen hat, der Weimarer Republik ihre Lebensmöglichkeit zu nehmen. > mehr





"Grüß Gott ist durchgestrichen"
Ausländische Reisende berichten aus Nazi-Deutschland


Zwei Jahre lang hat Goebbels auf einer güldenen Trompete geschmettert, wie schön es nach dem Sieg sein werde. Seit letztem Herbst klingt auf einmal ein ganz anderes Motiv an: Wie wird es den Deutschen wohl ergehen, wenn sie nicht den Sieg erringen?“ Der amerikanische Journalist Howard Smith 1942 in einem Buch über das Dritte Reich. Ein Literaturwissenschaftler der FU Berlin hat 50 Reiseberichte ausländischer Autoren aus dem Deutschland der 30er und 40er Jahre zusammengestellt. > mehr





"Gott sei Dank, dass ich meinen Text schon geschrieben habe"
Ausländer im Deutschland des Zweiten Weltkriegs

"In den deutschen Zeitungen wimmelt es heute von Leitartikeln, in denen verkündet wird, die deutschen Flugzeuge bombardierten nur militärische Ziele, wohingegen die britischen Maschinen bewusst gegen deutsche Zivilisten eingesetzt würden." Ein amerikanischer Korrespondent aus der deutschen Reichshauptstadt 1940. Ein Literaturwissenschaftler der FU Berlin hat eine Anthologie mit Zeugnissen ausländischer Beobachter vom Luftkrieg über Deutschland 1939 bis 1945 zusammengestellt. > mehr