Dossier
Aus der Kultur- und Ideengeschichte Mitteleuropas

 

Deutsche Eiche, deutsche Linde
Eine Kulturgeschichte von den Germanen bis zur "Wende""

Es kennzeichnet die Deutschen, dass bei ihnen die Frage 'Was ist deutsch?' niemals ausstirbt, schrieb Friedrich Nietzsche. Daran hat sich bis heute wohl nicht viel geändert. Alexander Demandt, Geschichtsprofessor an der Freien Universität Berlin, vor zwei Jahren emeritiert, hat jetzt ein Buch "über die Deutschen" vorgelegt, eine "kleine Kulturgeschichte" von den alten Germanen bis zur "Wende" 1989. > mehr




"Der deutsche Wald und das deutsche Volk sind eins"
Eine Ideengeschichte von Caesar bis zum Waldsterben


Einsam geht ein französischer Soldat durch einen dunklen, verschneiten Tannenwald. Auf einem Baumstumpf hinter ihm hat sich ein Rabe niedergelassen. Betrachter, die sich mit der Symbolgeschichte auskennen, werden keinen Zweifel haben: Dem Soldaten wird das Todeslied gesungen. Caspar David Friedrich begann mit der Arbeit an seinem Gemälde „Der Chasseur im Walde“ 1813, vielleicht gerade zu jener Zeit, als Preußen sich mit Russland gegen Napoleon verbündete. Er wird sein Bild als eine Art Kriegsdienst verstanden haben: Napoleons Herrschaft über Europa, das war die Aussage, würde im deutschen Wald ihr Ende finden. Es gehörte zum Bildungsgut der Epoche, dass Jahrhunderte zuvor bereits ein anderer Eroberer mit seinem Versuch, die freiheitsliebenden Germanen zu unterjochen, in einer „Waldschlacht“ gescheitert war: der Römer Varus. > mehr




Vom Dada-Nonsens zu Agitprop
Als Berlin leuchtete - die Goldenen Zwanziger Jahre


Der Saal war überfüllt. Auf der Bühne legte der Schriftsteller Richard Huelsenbeck ein Blatt Papier nach dem anderen in die Schreibmaschine ein und tippte darauf wie wild. Ihm gegenüber steppte der Künstler Raoul Hausmann mit der Nähmaschine einen schwarzen Flor. Nach einer halben Stunde erklärte George Grosz, der an diesem 24. Mai des Jahres 1919 den Conférencier machte, die Nähmaschine zum Sieger. Da schmetterte, ist im Bericht des Verlegers Wieland Herzfelde über diesen „Wettkampf“ zu lesen, „der Verlierer die Schreibmaschine auf den Boden. Der Sieger ließ sich nicht stören. Er steppte den endlosen Trauerflor mit unverminderter Verbissenheit weiter.“ > mehr


    
"Konsumgesellschaft ohne ideelle Ansprueche"
Die "Vielen" und die "Wenigen" in der deutschen Kultur- und Literaturgeschichte


Gelegentlich bricht Zorn durch. Es habe ehedem, schreibt der Literaturwissenschaftler Jost Hermand in seinem neuen Buch, Zeitalter gegeben, in denen die Künstler und Wissenschaftler in ihren Werken Möglichkeiten eines Lebens jenseits der aktuell gegebenen Zustände aufzeigten. An die Gegenwart appelliert Hermand, dieses „soziokulturelle Erbe zu erhalten und vor allem zu interpretieren“. Offenbar ist Hermand mit der Gegenwart sehr unzufrieden, sowohl was das Kulturleben selbst als auch was die wissenschaftliche Analyse angeht. In den 1970er oder 1980er Jahren waren Hermands „Epochen der deutschen Kultur von 1870 bis zur Gegenwart“ beim geisteswissenschaftlichen Nachwuchs ein Kultbuch. > mehr



Das Gummi schlechthin
Eine Geschichte des Kondoms in Deutschland


„Bertrams Bademützen schützen, waschen tut der Gummischwamm“, dichteten 1928 die beiden Dada-Poeten Käte Steinitz und Kurt Schwitters in ihrem „Gummlied“. „Bubiköpfen kann nur nützen Bertrams bester Gummikamm. Gummiflasche wärmt so nett, wenn es kalt ist, Bauch und Bett.“ Das „Gummi“ schlechthin, das Kondom, kommt im Liedtext nicht vor; wahrscheinlich rechneten Steinitz und Schwitters damit, diese Assoziation würde ohnehin jedem Leser in den Sinn kommen. Rein quantitativ betrachtet, spielten die Verhütungsmittel in der Gummindustrie auch keine große Rolle. 1914, schätzt der Technikhistoriker Wolfgang König von der TU Berlin in seiner neuen Studie, machten die „chirurgischen Waren“ insgesamt nicht mehr als etwa 12 Prozent der Branche aus, und in diesem Bereich rangierten die Kondome noch weit hinter den Handschuhen. Im späten 19. Jahrhundert hatte das Gummikondom den bis dahin gängigen „Überzieher“ aus Tierdarm verdrängt. Erst dieses neue Produkt, das im Laufe der Zeit immer preiswerter wurde, eröffnete breiteren Bevölkerungsschichten die Möglichkeit, sich auch abseits strikter Enthaltung vom Geschlechtsverkehr vor sexuell übertragbaren Krankheiten und vor ungewollter Empfängnis zu schützen. > mehr




Grenzüberschreitungen in Form von Gewalt
Der RAF-Terrorismus in Literatur, Film und Kunst


Als 2003 bekannt wurde, dass die „Kunst-Werke“, ein Berliner Institut für zeitgenössische Kunst, unter dem Titel „Mythos Terrorismus“ eine Ausstellung über die „Rote Armee Fraktion“ vorbereiteten, gab es Proteste. Das Wort „Mythos“ erweckte den Eindruck, der Terrorismus in Deutschland solle im Nachhinein, ein Vierteljahrhundert nach dem „Deutschen Herbst“, glorifiziert werden. Der Kurator der Ausstellung, Klaus Biesenbach, beklagte ein „Sprachverbot“, gab der Ausstellung 2005 dann aber doch den etwas trockeneren Titel „Zur Vorstellung des Terrorismus“. Die Literatur- und Kulturhistorikerin Svea Bräunert von der Universität Potsdam spricht in ihrer Promotionsarbeit über das Nachleben im Gedächtnis der folgenden Jahrzehnte, die vor zwei Jahren an der Freien Universität Berlin entstand, nicht von „Mythos“, sondern von „Gespenstergeschichten“. > mehr

 


Der Bock von Babelsberg und die Kleinbürger von Wandlitz
Das Sexual- und Familienleben der Herrschaftseliten im Dritten Reich und in der DDR


„Haben Sie schon gehört, die Siegessäule soll demnächst erhöht werden!“ „Warum denn das?“ „Da steht doch die letzte Jungfrau in Berlin drauf, wenigstens an die soll Goebbels nicht rankommen!“ Ja, der Witz ist die Rache der kleinen Leute an denen da oben; wahrscheinlich hat es in der Weltgeschichte noch kein Regime gegeben, wo das anders gewesen wäre. Während die NS-Propaganda nach außen das Ideal einer heilen Ehe und Familie propagierte, betätigte sich einer der führenden Repräsentanten des Dritten Reiches, eben Goebbels, ungeniert als „Bock von Babelsberg“ und nutzte seinen Einfluss auf die Filmwirtschaft, um eine Unzahl von Schauspielerinnen ins Bett zu kriegen. Die Bayreuther Kulturwissenschaftlerin Susanne Fischer hat das Sexual- und Familienleben der Herrschaftselite im NS-Staat untersucht und das der entsprechenden Kreise im SED-Regime vergleichend danebenstellt. > mehr




"Das Land der Griechen mit der Seele suchend"
Glanz und Elend des deutschen Philhellenismus


„An dem Ufer steh ich lange Tage, das Land der Griechen mit der Seele suchend ...“ Die Heldin von Goethes Schauspiel „Iphigenie auf Tauris“ war durch das Schicksal in ein fremdes Land verschlagen worden, so war es dem Dichter durch die antike Mythologie vorgegeben. Aber zugleich legte er ihr in den Mund, was viele seiner Zeitgenossen, auch er selbst, in einer tiefen Schicht ihrer Seele empfanden: Die ideale Heimat war nicht das Deutschland der Gegenwart, sondern ein imaginäres Griechenland. „Bei dem Namen Griechenland“, sagte ein halbes Jahrhundert später der Philosoph Hegel in einer Vorlesung, „ist es dem gebildeten Menschen in Europa, insbesondere uns Deutschen, heimatlich zumute.“ > mehr




Ein Dichterwort, das viele tausend Mal zu Stein wurde
Der Rachegedanke auf Gefallendendenkmälern für den Ersten Weltkrieg


Auf dem ehemaligen Garnisonfriedhof in der Berliner Hasenheide findet sich ein Kriegerdenkmal aus den 1920er Jahren, eines von vielen zehntausend, wie sie damals in Deutschland errichtet wurden. Auf einem monumentalen Katafalk liegt ein steinerner Leichnam, der von einem Fahnentuch bedeckt ist. Die rechte Hand ragt unter dem Tuch hervor und ist, etwas unnaturalistisch, zur Faust erhoben. Die Darstellung wird von einem Stahlhelm bekrönt. Ein Denkmal für das Königin-Augusta-Garde-Grenadier-Regiment Nr. 4, erläutert die Inschrift. Ursprünglich war auf der Rückseite noch ein Vers zu lesen: „Möge aus unseren Knochen ein Rächer erstehen.“ Die Worte wurden 1946 entfernt; die „Rasur im Stein“ ist aber noch deutlich zu sehen, berichtet die Althistorikerin Loretana de Libero von der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg in ihrer Studie über „Rache und Triumph“. Libero hat die Gefallenendenkmäler, die in jenen Jahren nach dem Ersten Weltkrieg entstanden, in einer umfangreichen Studie untersucht. > mehr




Der Heldenmythos von der Rasse
Griechen, Römer und Germanen im Geschcihtsbild des Nationalsozialismus


„Die Germanen standen auf keiner höheren Kulturstufe wie heute die Maori.“ Es war Adolf Hitler persönlich, der mit diesem Satz 1942 bei einem Gespräch in der Wolfsschanze wieder einmal seinem Unmut über die Schwärmerei einiger seiner Paladine, voran Heinrich Himmlers, für die Germanen-Archäologie Luft machte. „Die deutschtümelnde Obsession Himmlers und der SS nervte ihn auf's Äußerste“, berichtet der Pariser Historiker Johann Chapoutot in seinem jetzt auf Deutsch erschienen Buch „Der Nationalsozialismus und die Antike“. „Für Hitler unterlag es keinem Zweifel, dass Griechenland und Rom in Europa die Kulturschöpfer waren. Allerdings: Griechenland und Rom als „Gründungen nordischer Völker“. Hitlers Geschichtsauffassung basierte auf der Voraussetzung, die Völkerwanderung der Germanen in die Länder am Mittelmeer um die Mitte des 1. Jahrtausends nach Christus hätte sich ganz ähnlich bereits in grauer Vorzeit ereignet. Nochmals ein Originalzitat: „Der Germane musste nach einem sonnigen Klima [ziehen], um seine Fähigkeiten entfalten zu können. In Griechenland und Italien konnte sich der germanische Geist erst entfalten!“ > mehr



Aufbruchsfreude, Untergangsvisionen, Zerfallsanalysen
Der Erste Weltkrieg in der Deutung deutscher Schriftsteller der klassischen Moderne


„Der Krieg war ausgebrochen … In unserem Deutschland, das ist gar nicht zu leugnen, wirkte er ganz vorwiegend als Erhebung, historisches Hochgefühl, Aufbruchsfreude, Abwerfen des Alltags, Befreiung aus einer Welt-Stagnation, mit der es so nicht weiter hatte gehen können, als Zukunftsbegeisterung, Appell an Pflicht und Mannheit, kurz als heroische Festivität.“ Als Thomas Mann seinem Serenus Zeitblom, der Erzählerfigur im „Doktor Faustus“, in den 1940er Jahren diese Worte in den Mund legte, betrachtete er den Ersten Weltkrieg aus der Perspektive des Zweiten; der Romancier, der selbst 1914 dieser Begeisterung erlegen war, machte sich nichts mehr vor: Wenn andere Völker diesen „Kurzschluss des Schicksals“ als „grand malheur“, als „Katastrophe“ empfanden, dann hatten sie Recht. Das Wort von der Katastrophe des Ersten Weltkriegs ist längst Allgemeingut geworden. 1954 brachte Golo Mann es auf, indem er diesen Krieg als „Mutterkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet > mehr




Der große Hass der Intellektuellen
Vor 100 Jahren erschien der Aufruf "An die Kulturwelt!"


„Macht mir den rechten Flügel stark!“, wird der preußische Generalfeldmarschall Alfred von Schlieffen bis heute gern zitiert. Schlieffen hatte einen Plan entworfen, wie das Deutsche Reich im Kriegsfall seinen französischen Gegner möglichst rasch niederwerfen könnte, sein Rezept: einem französischen Angriff in Elsaß-Lothringen durch eine Attacke auf dem – von Deutschland aus gesehen – „rechten“ Flügel, also über Belgien, zuvorzukommen. Das war militärisch wohl durchdacht, hatte jedoch eine politische Schwachstelle: Was, wenn Belgien in einem solchen Krieg neutral bleiben würde? Als der Krieg dann wirklich ausbrach, scherte Deutschland sich darum nicht. Am 4. August 1914 marschierten deutsche Truppen ohne Kriegserklärung in Belgien ein. Die belgische Bevölkerung leistete Widerstand, die deutschen Besatzer reagierten brutal: In den nächsten Wochen wurden ca. 6.500 belgische Zivilisten erschossen. > mehr



"Kling, Klang, Gloria, wir ziehen in die Schlacht"
Die politische Kultur der Jahrhundertwende und des Ersten Weltkriegs

Der Import von Wein, Rosinen, Nüssen, Wolle und Erz, der Export von Garn, Schinken und Telegraphendraht: Gustav Adolph von Klödens „Handbuch der Länder- und Staatenkunde“ von 1875 informierte seine Leser ausführlich über die britische Kronkolonie Gibraltar. Nur ein Punkt wurde mit keinem Wort erwähnt: dass der kleine Felsen im Süden der Iberischen Halbinsel es der britischen Flotte ermöglichte, den Eingang zum Mittelmeer zu kontrollieren. Ganz anders Friedrich Ratzel 1897 in seiner Monographie „Politische Geographie“. Ratzel beschrieb Gibraltar als „Schlüssel des Mittelmeers“, als einen jener „festen Plätze“, neben Malta, Cypern, Suez, Singapur oder Hongkong, die Großbritannien die Seeherrschaft sicherten - „der geradezu optimale Stützpunkt einer Seemacht. Ein Perspektivenwechsel - die Herausgeber des „Kulturwissenschaftlichen Handbuchs Erster Weltkrieg“ sprechen in ihrer Einleitung von einem „kulturellen Ermöglichungszusammenhang des Weltkriegs“, von der „kommunikativen, symbolisch-kulturellen Rahmung, Formierung, Reflexion und Resonanz“ der Entwicklungen. > mehr

 


    
Die Faszination der geheimen Mysterien
Geheime Gesellschaften in Deutschland seit der Aufklärung


"O ew'ge Nacht, wann wirst du schwinden?", fragt Tamino in Mozarts "Zauberflöte". Der Prinz hat jede Orientierung verloren. Seine Gewissheit zu Anfang der Oper, dass die Königin der Nacht die "gute" Person im Stück ist und Sarastro "ein Unmensch, ein Tyrann", wurde gründlich zerstört; aber es ist noch nichts Neues an diese Stelle getreten. Der Theaterbesucher kann Taminos Ratlosigkeit auch zwei Stunden später, wenn das Oper bereits zu Ende ist, nachvollziehen. Er weiß inzwischen, dass es nicht die Königin, sondern vielmehr Sarastro ist, der das gute Prinzip vertritt, wird mit dieser Erkenntnis aber nicht so ganz glücklich. Der Priesterbund, dem Sarastro vorsteht, ist erstens ziemlich intransparent und wird zweitens reichlich autoritär geführt. Ein "Geheimbund" eben, eine "Geheimgesellschaft". Das 18. Jahrhundert war "nicht nur das Zeitalter der Aufklärung", stellt der Kulturhistoriker Jost Hermand von der University of Wisconsin in Madison in einem jetzt neu erschienenen Sammelband zur Geschichte der Geheimgesellschaften fest, sondern auch die große Zeit "der geheimen Gesellschaften". > mehr





"Seiner Rasse nach war Jesus Arier"
Entwürfe "arteigener" Religion vom Kaiserreich bis zum Zweiten Weltkrieg

Der Vorgang ist als „Sportpalastskandal“ in die Geschichte eingegangen. Am 12. November 1933 (am Tag zuvor hatte sich das nationalsozialistische Regime in einer „Reichstagswahl“ mit Einheitsliste plebiszitär bestätigen lassen) veranstalteten die „Deutschen Christen“ im Berliner Sportpalast eine Großkundgebung. Der Hauptredner Reinhold Krause, Berliner Gauobmann des „Bundes für deutsche Kirche“, forderte, „aus dem Geiste Martin Luthers“ eine neue „deutsche Volkskirche“ zu errichten; Basis müssten „eine heldische Frömmigkeit“ und „ein artgemäßes Christentum“ sein. Erster Schritt: die Streichung des Alten Testaments und die Aussonderung aller jüdischen Elemente aus dem Neuen. „Wir werden erleben, wie eng sich dann die Verwandtschaft des nordischen deutschen Geistes mit dem heldischen Jesusgeist zeigt.“ Bei der Veranstaltung selbst fand Krause keinen Widerspruch; aber in den folgenden Tagen und Wochen wurden die Deutschen Christen von Austrittserklärungen überflutet. Die Forderung, in den Text der Bibel einzugreifen, ging auch vielen ansonsten nationalsozialistisch und antisemitisch gesinnten Kirchenmitgliedern zu weit. Hitler, stellt der Hannoveraner Religionswissenschaftler Jörn Meyers fest, musste einsehen, dass eine solche Gleichschaltung nicht realisierbar war. Jedenfalls vorläufig nicht, vor dem geplanten Krieg mehr

 


"Den Staat auf Musik zu gründen"
Die politische Geschichte der Bayreuther Festspiele

„Was kann eine gute stehende Schaubühne eigentlich wirken?“ überschrieb Friedrich Schiller 1785 die erste seiner großen theoretischen Abhandlungen. Schillers Antwort war die Utopie einer allgemeinen Menschen- und Volksbildung – intellektuell und moralisch und auch politisch – durch das Theater. Ein Künstlertraum auf dem Höhepunkt der Aufklärung, am Vorabend der Französischen Revolution. Fast ein halbes Jahrhundert danach, 1830. „Mit einem Schlag wurde ich Revolutionär und gelangte zu der Überzeugung, jeder halbwegs strebsame Mensch dürfe sich ausschließlich nur mit Politik beschäftigen“, erinnerte sich später der alte Richard Wagner an die Empfindungen des Siebzehnjährigen angesichts der Pariser Julirevolution. Die Umstände wollten es anders. Zwar stand Wagner, inzwischen Kapellmeister im Dienste des sächsischen Hofes, bei der Märzrevolution 1848 in Dresden tatsächlich auf den Barrikaden; sein Leben widmete er dann aber dem Musiktheater. Freilich – einem sehr politischen Musiktheater; Wagners Jugendtraum erfüllte sich in gewisser Weise eben doch. Es hat im 19. und 20. Jahrhundert kaum ein künstlerisches Projekt gegeben, das derart politisch umstritten war und selbst in die Politik hineinwirkte wie die Bayreuther Festspiele. > mehr 
 

 


"Das Publikum wird herzlich gebeten, nach Schluss der 'Meistersinger' nicht zu singen"
Richard Wagner und die Deutschen - zum 200. Geburtstag


Fast 78 Jahre und kein bisschen weise ... Fünf Tage lang saß Winifred Wagner dem jungen Filmemacher Hans-Jürgen Syberberg gegenüber und redete und redete ... Vor allem über ihre Freundschaft mit „Wolf“ alias Adolf Hitler. „Wenn Hitler heute hier zur Tür hereinkäme, ich wäre genauso fröhlich und so glücklich, ihn hier zu sehen und zu haben, als wie immer.“ Im Jahre 1975, drei Jahrzehnte nach dem Ende des Dritten Reiches, bekannte eine alte Dame ihre Sympathie für den “Führer“. Sie entschuldigte sich nicht, beteuerte bloß, sie sei ihr Leben lang völlig unpolitisch gewesen.- Bayreuth und die Politik ... Oder auch: Richard Wagner und die Deutschen ... Pünktlich zum 200. Geburtstag des Komponisten am 22. Mai hat der Historiker Sven Oliver Müller vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin einen Abriss dieser Beziehungsgeschichte heraus gebracht> mehr 




Das angenehme, schöne und menschliche Leben
Eine "andere" Kulturgeschichte der Deutschen

„Dresden war der Stachel im Fleisch der Miesepeter in Berlin.“ Eine neue Variante deutsch-deutscher Aversionen? Nein, der Satz findet sich in einer soeben erschienenen, durchaus ernsthaften Kulturgeschichte. Der Journalist und Gastronomiekritiker Erwin Seitz hat sie vorgelegt, sie ist sozusagen vom "Dresdner" Gesichtspunkt aus geschrieben. Es geht um die „Verfeinerung der Deutschen“, in der Hauptsache – der Autor hat sich gar nicht erst bemüht, seine Interessen zu verbergen – um Essen und Trinken. Der zitierte Satz bezieht sich auf das frühe 18. Jahrhundert, als das „angenehme, schöne und menschliche Leben“ viel eher in Sachsen unter Kurfürst August dem Starken zu Hause war als in Berlin oder Potsdam unter dem Soldatenkönig. > mehr





Die beiden Völker der Sittlichkeit
Zu anderthalb Jahrhunderten deutsch-jüdischer Symbiose

Das 19. und frühe 20. Jahrhundert war voll von Spekulationen über eine "schicksalhafte" Ähnlichkeit von Deutschen und Juden und ebenso voll von Ansätzen, das Nebeneinander von "Deutschen" und "Juden", wenn man so simplifizierend sagen darf, in ein Miteinander zu verwandeln. Ein Potsdamer Religionswissenschaftler hat die Bildungsidee analysiert, in der sich damals Teile des deutschen Bürgertums mit gebildeten Juden treffen konnten. > mehr





"An den Bäumen, Blatt für Blatt, hängt Urlaub ..."
Der deutsche Wald von Tacitus bis zu Heinz Erhardt

"Ich geh im Urwald für mich hin, wie schön, dass ich im Urwald bin", blödelte Heinz Erhardt, und zum Entsetzen vieler Deutschlehrer pflegten Schüler diesen Vers zu rezitieren, wenn eigentlich Johann Wolfgang von Goethe auf dem Stundenplan stand. Ja, der Wald. Oder, mit einem Beiwort, das sich hierzulande früher so verdächtig selbstverständlich eingestellt hat: der "deutsche" Wald ... Die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main hat eine Forschergruppe versammelt, um den Wald als romantischen Topos aufzuarbeiten. > mehr





Ein immerwährender Abstimmungsprozess
Tausend Jahre Schulgeschichte in Deutschland

„An der Winterschlacht in der Champagne nahmen 30.000 Deutsche und 180.000 Franzosen teil. Die Franzosen verloren 45.000 Mann, die Deutschen 15.000 Mann. Berechne den Verlust an Gefechtskraft!“ Ja, auch das war mal Schule in Deutschland. Mit Soldaten lässt sich ebenso gut rechnen wie mit Äpfeln ... Ein Erziehungshistoriker an der Berliner Humboldt-Universität, hat jetzt eine „Schulgeschichte in Deutschland“ herausgebracht, von den Anfängen in den Klöstern des frühen Mittelalter, wo es vorrangig darum ging, dem Klerikernachwuchs wenigstens das korrekte Beten und Singen der Messtexte beizubringen, bis zu den aktuellen Struktur- und Lehrplanreformen von heute. > mehr





Politische Romantik und Dollargangstertum
Ein Sammelband aus der Humboldt-Universität zur Geschichtspolitik in Deutschland

18. Januar 1971, zur besten Sendezeit im deutschen Fernsehen: Bundespräsident Heinemann sprach zum 100. Jahrestag der Proklamation des Königs von Preußen zum Deutschen Kaiser. Kein Anlass zum Feiern, sagte Heinemann - und saß vor dem pompösen Gemälde, das Anton von Werner diesem Anlass gewidmet hat ... Ein Sammelband von Historikern der Humboldt-Universität über Geschichtspolitik in Deutschland: "Griff nach der Deutungsmacht". > mehr





Deutsche Treue - wel(s)che Tücke!
Über poltische Loyalität und militärische Gefolgschaft in der Moderne

„Ich habe eine Filmanzeige gesehen“, berichtet in Karl Kraus’ Drama „Die letzten Tage der Menschheit“, das im Ersten Weltkrieg spielt, der Nörgler, „mit dem packenden Titel: Deutsche Treue – welsche Tücke! ... Ein Dämon hatte im dritten Wort einen Buchstaben weggelassen.“ Ein Forscherkreis um die Historiker der Universität Tübingen hat sich der Frage gewidmet, welche Rolle die Berufung auf Treue in der neueren deutschen und europäischen Geschichte gespielt hat. > mehr





Antikenbegeisterung in der Goethezeit
Vom kosmopolitischen Humanismus des 18. zur deutschen Nationalbewegung des 19. Jahrhunderts

Der Schulunterricht in den alten Sprachen Griechisch und Latein wurde bereits vor über zweihundert Jahren für tot erklärt, wie ein Vers aus den von Goethe und Schiller um 1795 gemeinsam verfassten "Zahmen Xenien" belegt: "Tote Sprachen nennt ihr die Sprache des Flaccus und Pindar, und von beiden nur kommt, was in der unsrigen lebt." Nicht nur in Deutschland lässt sich für die Zeit um 1800 eine "verstärkte Antikenbegeisterung" feststellen. Die Kultur- und Sozialwissenschaftler der Universität Erfurt haben eine Forschergruppe versammelt, um diesen Enthusiasmus unter verschiedenen Aspekten zu beleuchten. > mehr





Vom Sündenfall zur Schlaftablette
Schlaf und Schlaflosigkeit im "bürgerlichen" Zeitalter

Eine Wohltat der Natur oder eine Strafe Gottes für den Sündenfall unserer Ureltern, pure Zeitverschwendung oder ein Mittel, die Arbeitskraft zu steigern und das menschliche Leben zu verlängern? Der Schlaf lässt sich ganz unterschiedlich sehen und werten und ist im Laufe der Kulturgeschichte auch ganz unterschiedlich gesehen und gewertet worden. Die Medizinhistorikern Sonja Kinzler hat an der International University Bremen jetzt eine Studie über den „Schlafdiskurs im bürgerlichen Zeitalter“ vorgelegt, von der Aufklärung bis zum Ersten Weltkrieg. Oder, wissenschaftshistorisch ausgedrückt, bis zu dem Jenaer Neurologen Hans Berger, der in den 1920er Jahren das Elektroenzephalogramm entwickelte und die Schlafforschung damit auf eine neue Grundlage stellte. > mehr





"Grüße erwidernd und ohne verhüllenden Schleier"
Die Könige gaben sich bürgerlich - ein Blick ins Kurleben des 19. Jahrhunderts

"Vollkommen natürlich, ohne jede Steifheit und Pose, aber nie anders als in königlicher Haltung. Mit Damen war er von ritterlicher Galanterie, ohne eine Spur von seniler Courmacherei, aber nach dem Grundsatz, dass ein wohlerzogener Mann auch vor einer Kammerfrau den Hut abzieht." Kaiser Wilhelm I., wenn er sich "bürgerlich" gab. Eine Bielefelder Historikerin hat sich mit dem vornehmen Kurleben des 19. Jahrhunderts befasst. > mehr





"Geschlechtsverkehr stets auf Spaziergängen"
Theorie und Praxis der Konkubinatsbekämpfung im deutschen Kaiserreich

Der Staat habe "ein wesentliches Interesse daran, dass die sittlichen und religiösen Anschauungen des Volkes über die Bedeutung und Heiligkeit der Ehe rein gehalten werden". Das sächsische Oberverwaltungsgericht im Jahre 1902. Mit den merkwürdigen Konsequenzen, die Polizei und Gerichte in Deutschland damals aus dieser Rechtstheorie zogen, hat sich ein Oldenburger Sozialhistoriker befasst. > mehr






Kein Reich der frommen Sitte
Die Erschütterung des wilhelminischen Kaiserreichs durch den Eulenburg-Skandal

„Das Volk der Richter und Henker“: Dieses böse Wort des Wiener Publizisten Karl Kraus über die Deutschen wird heutzutage gern im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus zitiert. Aber es ist viel älter, Kraus prägte es 1908, und es ging nicht um staatlich angeordneten Massenmord, sondern um den Berliner Publizisten und Journalisten Maximilian Harden, der in den Jahren von 1906 bis 1909 mit Enthüllungen aus dem Sexualleben einen Feldzug gegen hochgestellte Repräsentanten des wilhelminischen Kaiserreichs führte. Ein Stuttgarter Historiker hat am Beispiel dieses Skandals eine „politische Kulturgeschichte des Kaiserreichs“ vorgelegt. > mehr





Pausenräume eines totalitären Systems
Zur Unterhaltung im nationalsozialistischen Deutschland

„Ein guter Fußballspieler ist immer auch ein guter Soldat“. So schrieb Reichstrainer Sepp Herberger 1940 an Nationalspieler Fritz Walter. Kein Wunder, dass der Fußball sich im Dritten Reich allerhöchsten Wohlwollens erfreute. ABer auch andere Sparten der Populätkultur, die keinen unmittelbaren militärischen Nutzen versprachen, bestanden weiter, com "Kulturfilm" bis zur Trivialliteratur. Eine Forschergruppe aus Berlin und Gießen hat sich mit den "Pausenräumen" unter dem Nationalsozialismus beschäftigt. > mehr





"Selbstverständlich nahm unser sozialistisches Kollektiv geschlossen daran teil"
Ein Sammelband über Sprache in der DDR

"Die einseitige Konzentration auf den offiziellen Sprachgebrauch verstellte den Blick auf die sprachliche Vielfalt." So die Linguisten Ruth Reiher und Antje Baumann in einem neuen Sammelband über "Sprache in der DDR". Andererseits wurde diese "natürliche Sprache" zweifellos durch die offiziellen Vorgaben in starkem Maße geprägt. Ein abgeschlossenes Kapitel der Sprachgeschichte? > mehr