Dossier
Anthropologie

 

Ungefiederter Zweibeiner mit Blick zum Himmel
Der aufrechte Gang - ein Streifzug durch 2.500 Jahre Anthropologie

Was eigentlich macht den Menschen als Menschen aus, was unterscheidet ihn vom Tier oder, wie man auch sagen könnte, von anderen Tieren? Eine Frage, mit der sich nicht erst unsere Gegenwart schwer tut, wenn Verhaltensforscher immer wieder erstaunliche Denkleistungen von Affen oder Hunden oder Raben präsentieren – ganz davon abgesehen, dass es in unserem Zusammenleben nicht immer so menschlich-vernünftig zugeht, wie wir uns das wünschen würden. Im 4. Jahrhundert vor Christus versuchte sich Platon, den die Philosophiegeschichte doch eher als „idealistischen“ Denker einschätzt, in seinem Dialog „Politikos“ in einer empirischen, rein an körperlichen Merkmalen orientierten Definition: Der Mensch sei ein „ungefiederter Zweibeiner“. Platons Konkurrent Diogenes von Sinope soll daraufhin einen Hahn gerupft und ihn seinen Schülern mit den Worten präsentiert haben: „Hier ist Platons Mensch!“ Deshalb hätten die Platoniker der Definition noch das Wort „breitnägelig“ hinzugefügt, berichtete später Diogenes Laertios in seiner Philosophiegeschichte. > mehr



 Wege zum Glueck
Stoiker, Epikureer, Skeptiker


„Lebenskunst“ und „Lebenshilfe“ boomen, wie jeder Gang in eine Buchhandlung belegt. Seelsorger und Therapeuten bieten Rat, wie wir die Probleme unseres Alltags bewältigen könnten, Experten für gesundes Leben zeigen, wie wir solche Probleme von vornherein vermeiden, auch die Esoteriker haben sich des Themas bemächtigt. Es gibt nichts, was es nicht gibt, vom Coaching für Manager, Stichwort „Effektivierung“, bis zu schamanistischer Lebensberatung. Der wachsende Spielraum für individuelle Lebensgestaltung, den uns die modernen pluralistischen Gesellschaften bieten, weckt eben auch den Bedarf nach Orientierung. Wenn es immer weniger Vorschriften gibt, wie man leben muss, stellt der Philosoph Gerhard Ernst von der Universität Erlangen-Nürnberg in dem neu erschienenen Sammelband zum Thema „Philosophie als Lebenskunst“ fest, wird die Frage um so dringender, wie man, im Sinne individueller Klugheit, vielleicht leben sollte. > mehr



 Die Aussenwelt beruehren und be-greifen
Der Tastsinn in Alltag, Wissenschaft und Kunnst


In Platons Höhlengleichnis sind die Menschen in ihrer höhlenartigen Behausung an Schenkeln und Nacken derart starr gefesselt, dass sie ihren Blick auf nichts anderes richten können als auf die Wand vor ihnen. Sie sehen nur die Schatten, die von einer Lichtquelle hinter ihnen auf die Wand geworfen werden, und unvermeidlich meinen sie, die Schatten seien das Einzige, was existiert. Durch das Denken freilich, mit seinem inneren Auge, meinte Platon, könnte der eine oder andere diese Täuschung vielleicht hinter sich lassen und zur Erkenntnis der wahren Verhältnisse vordringen. Platons Kritik der sinnlichen Wahrnehmung hat das abendländische Denken über zweieinhalb Jahrtausende hinweg geprägt. > mehr



Ist der Mensch, was er isst?
Zweieinhalb Jahrtausende Philosophie der Verdauung


„Man ist, was man isst“, behauptete 1850 der Philosoph Ludwig Feuerbach in der Rezension eines ernährungswissenschaftlichen Buches von Jakob Moleschott. Der Satz sollte provozieren; Feuerbach suchte nach einem möglichst prägnanten Ausdruck für seine Wendung gegen die idealistische Philosophie seines Lehrers Hegel. Aber zugleich war er auf der Höhe der empirischen Wissenschaft seiner Zeit. „Jene eigentümliche Retorte, die wir Magen nennen“, hatte Moleschott geschrieben, löse und vereinheitliche die eingeführten Brennstoffe derart, dass sie zu Baumitteln der „arbeitenden Maschine“ werden könnten, des Menschen. Nur dass Moleschott das hübsche Wortspiel leider nicht eingefallen war, darauf kam erst der Rezensent. > mehr



Die Geburt der Moral aus der Großwildjagd
Ein Anthropologe rekonstruiert die Naturgeschichte der menschlichen Kultur


Anscheinend haben Menschen einen angeborenen Sinn für Fairness, für soziale Gleichheit, für gerechte Verteilung. Das zeigt zum Beispiel das bei Verhaltensforschern so beliebte „Ultimatumsspiel“: Der Versuchsperson wird angeboten, dass sie zusammen mit einer anderen Person eine Belohnung erhalten kann. Allerdings soll der andere den Löwenanteil erhalten, vielleicht vier Fünftel. Lehnt die Versuchsperson ab, gibt es für keinen von beiden etwas. In ihrer großen Mehrzahl gehen die Versuchspersonen lieber leer aus, als dass sie eine derart ungleiche Verteilung zulassen würden. Die Forscher haben den Versuch auch bei Schimpansen und Bonobos durchgeführt. Dort ergibt sich ein völlig anderes Bild. So gut wie nie lehnen die Menschenaffen die angebotene Nahrung ab, bloß deshalb, weil der andere mehr erhalten soll. > mehr



"Wenn wir nicht wissen, worauf wir warten"
Aus Philosophie und Geschichte der Langeweile


Von dem Pantomimen Jean-Gaspard Debureau, der mit seinen Darbietungen in den 1840er Jahren das Pariser Publikum in Entzücken versetzte, erzählte man sich, er habe eines Tages einen Nervenarzt aufgesucht und über seine tiefen Verstimmungen geklagt, seine Langeweile, überhaupt seine Unlust zu leben. „Ihnen fehlt nichts“, habe der Arzt nach der Untersuchung gesagt, „Sie sollten sich ein wenig zerstreuen. Gehen Sie doch einmal in eine Vorstellung von Debureau! Sie werden sich köstlich amüsieren.“ „Ach, lieber Doktor“, antwortete der Patient, „ich bin Debureau!“ Eine Wanderanekdote; in den folgenden Generationen ging sie auf so gut wie alle großen Komiker über. > mehr



Das Menschenmögliche - von den Bonobos bis zur Jugend von heute
Pädagoge legt den Entwurf einer "Sexualanthropologie" vor

"Einen ersten Anfang“ zu einer Sexualanthropologie hat ein Pädagoge der Universität Koblenz-Landau vorgelegt, bloß „die Grundlinien einiger Themenschwerpunkte aus der Perspektive neuerer sexualwissenschaftlicher Forschungsbefunde exemplarisch aufzeigen“. Das Spektrum der Themen in diesem Entwurf reicht vom Verhalten der Primaten bis zur Morallehre der großen Weltreligionen, von altperuanischer Kunst bis zur Alltagssprache von Jugendlichen heute. > mehr



500 Jahre Kampf gegen die Verdrängungskultur
Zwei Psychologen über die Befreier von Eros und Sexus

Die Natur habe uns drei Hilfsmittel gewährt, um in den Bedrängnissen des Lebens bestehen zu können, schrieb Immanuel Kant: den Schlaf, die Hoffnung und das Lachen. Ein viertes Hilfsmittel, Erotik und Sexualität, scheint der Königsberger Philosoph vergessen oder auch verdrängt zu haben. Zwei Tiefenpsychologen haben eine Reihe von Lebensbildern aus den letzten fünf Jahrhunderten zusammengestellt: Befreier von Eros und Sexus wie Heinrich Heine und Sigmund Freud, Alfred C. Kinsey und D. H. Lawrence. > mehr



Ein Lächeln zum Dank
Aus der Anthropologie und Kulturgeschichte des Schenkens

„Nikolaus, komm in unser Haus, pack die großen Taschen aus“, „Morgen kommt der Weihnachtsmann, kommt mit seinen Gaben ...“ Menschen beschenken einander, auch zu Anlässen, die vom christlichen Festkalender losgelöst sind, also vor allem Geburtstagen. Wie mag das Jesuskind reagiert haben, als die Weisen ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe schenkten? Das Evangelium schweigt sich aus; aber die vielen Nacherzähler und Maler der Szene haben niemals einen Zweifel gelassen: Es lächelte – das ist der Lohn, den alle Schenkenden bis heute erhoffen, gerade dann, wenn nichts materiell Gleichwertiges als Gegengabe zu erwarten steht. Aber ob diese Freude wirklich alles ist? > mehr